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Auf JobsucheWir, jene Kinder aus Hartz IV

Wir müssen ständig arbeiten für das, was andere schon immer haben. Die Erschöpfung gräbt sich in unsere Körper ein.

Mal wieder zu viel Geld ausgegeben? Foto: Sven Hoppe/dpa

W ürde Friedrich Merz wissen, wie viel Zeit ich in den letzten Monaten in die Jobsuche investiert habe, würde er mir ein anerkennendes Kopfnicken schenken. Ich habe zeittechnisch gesehen gerade eine Vollzeitstelle in Indeed und Stepstone nach Jobs abgesucht. Mein Treibstoff ist Existenzangst.

Gut, sagt da Friedrich, die soll ich auch haben, um meine Sünde der Erwerbslosigkeit reinzuwaschen. Arme schämen sich endlich wieder für ihre Armut! Erst, wenn ich mich voll verausgabe, besitze ich in der Merz´schen Logik das Recht, ohne Scham zu existieren.

Social Media Werk­stu­den­t:in gesucht, ich schicke eine Bewerbung.

Kas­sie­re­r:in gesucht, ich schicke eine Bewerbung.

Re­zep­tio­nis­t:in gesucht, ich schicke eine Bewerbung.

Am nächsten Tag vier automatisierte Absagen von Noreply-Emails:

Für den weiteren Bewerbungsprozess können wir sie leider nicht berücksichtigen, wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei ihrer weiteren Suche (sic!)

Eisdiele muss absagen

Mit meinem Rad klappere ich die Läden im Leipziger Süden ab. Bei einer Eisdiele angekommen, sagt mir die Chefin, dass sie täglich mehrere Bewerbungen bekommt und sie mir absagen muss. Das Problem: In Leipzig herrscht eine Leere an Jobangeboten.

Auf der verzweifelten Suche nach einer Arbeit öffnen sich in etwa genauso viele Tabs aus Ängsten, wie ich Bewerbungen im letzten Monat schrieb.

Ich habe keinen Job, aber ich arbeite die ganze Zeit. Ich schreibe diese Kolumne, ich mache die Öffentlichkeitsarbeit für ein Festival, ich kümmere mich um jemanden, mache Papierkram für eine Gewerkschaft, helfe hier und dort bei Ladenprojekten aus.

Anspannung durchzieht meinen Körper, die Erschöpfung begleitet mich durch die Tage. Wie eine zweite Schicht legt sie sich über mich und schiebt sich über die simplen Dinge. Wenn ich Essen kaufe, frage ich mich: Habe ich zu viel Geld ausgegeben? Wenn ich mir was gönne, habe ich Schuldgefühle.

Ich bin überzeugt davon, dass niemand in Deutschland arm sein muss. Ich muss nicht händeringend nach einem Job suchen. Es gibt genug zu tun. Überall müssen wir uns umeinander kümmern. Es gibt genug soziale Räume, denen eine Arbeitskraft mehr helfen würde.

Ungleichheit ist kein Naturgesetz

Sozialab- und der Rüstungsaufbau ist eine Entscheidung. Mieten nicht zu regulieren ist eine Entscheidung. Es gibt kein Naturgesetz, das diese politischen Bedingungen erzwingt und dafür sorgt, dass Maßnahmen zur Umverteilung nicht einmal debattiert werden.

Die Auswirkungen davon zeigen sich an unseren Körpern. Wir, jene Kinder aus Hartz4-Bürgergeld-Grundsicherung (name after your Politikperiode) sitzen irgendwo in Deutschland und schlafen nachts nicht ein, weil wir Hunger haben.

Wir, jene Kinder, haben Angst vor einer Mieterhöhung, die uns weiter an den Stadtrand drängt. Wir, jene Kinder, schämen uns, wenn wir nicht nur das Nötigste begehren. Wenn wir einen Job absagen, der unsere Körper verschleißt. Und wir denken, das gute Leben stünde uns nicht zu.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Dabei sind wir, jene Kinder, die, die ganze Zeit arbeiten, um das zu erreichen, was andere von Anfang an schon haben. Wir schreiben, wir helfen in den Supermärkten unserer Eltern, wir rappen. Unsere Hände produzieren stetig, anders könnten wir nicht überleben.

Viele von uns können das nicht in ihren Lebenslauf schreiben, wir werden für all diese Arbeit nicht bezahlt. Wer in diesen Zuständen keine Lohnarbeit verrichten will, verstehe ich. Es gibt genug Anderes, Wichtigeres zu tun.

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