Das Reformpaket und seine Folgen : Ach, das bisschen Pflege
Was so harmlos klingt wie „Reformvorschlag“, ist alles andere als harmlos. Es belastet vor allem jene, die ohnehin schon am Limit sind.
Foto: Marijan Murat/dpa
E s reicht, schon lange. Aber wir haben einen großen Fehler gemacht: Wir haben funktioniert. Jeden Tag. Jede Nacht. Am Wochenende. Jahrzehntelang. Wir sind viele, Millionen, wir sind das System. Wir haben Körper gewaschen, Medikamente gegeben, freundliche Worte gehabt. Wir sind zu Therapien gefahren, haben uns durch Formulare gequält, mit Krankenkassen angelegt, nächtelang an Betten gesessen. Wir sind am Limit. Und deshalb oft leise. Doch jetzt ist etwas passiert, es nennt sich Reformvorschlag. Das klingt harmlos, heißt aber im Klartext: Kürzungen. Rentenbeiträge pflegender Angehöriger, Verhinderungspflege, Teilhabe, kann das jetzt alles weg?
Wir haben die Schnauze voll davon, dass die Politik so tut, als sei „der größte Pflegedienst der Republik“ ein dekadenter Milliardär mit zu viel Zeit. Pflege ist kein prätentiöses Hobby, Selbstbestimmung kein Luxus. Was sagt das über eine Gesellschaft aus, die ausgerechnet bei der Menschenwürde das größte Einsparpotenzial sieht? Irgendwann trifft es alle. Die Oma lässt immer häufiger den Herd an. Das Kind hat plötzlich schlechte Blutwerte. Man selbst hat einen Unfall. Das eigene Leben kann sich drastisch ändern, mitunter über Nacht. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der „Reformvorschlag“ auch dich, dich oder dich treffen wird. Es geht nicht, das sei hier deutlich gesagt, um Mitleid. Es geht um Solidarität.
ist Autorin über Nachhaltigkeit, Natur und Selbstversorgung. Außerdem schreibt sie über moderne Elternschaft, Inklusion und damit verbundenen gesellschaftlichen Fragen. Sie lebt mit ihrer Familie auf dem Land.
Denn intensive Care-Arbeit ist Survival. Man ist, wie gesagt, schneller im Club, als man denkt: vielleicht nicht heute, vielleicht aber in zehn Jahren. Die Mitgliedschaft ist unausweichlich. Menschen, die offenbar nicht wissen, wie normale Menschen in Deutschland leben – entscheiden über unsere Zukunft. Wir arbeiten, zahlen Miete, Kredite, horrende Lebensmittelpreise. Parallel dazu versorgen wir Angehörige, ziehen Kinder groß – und versuchen, quasi nebenbei, selbst noch ein bisschen zu leben.
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Wie wäre es, wenn Bundestagsabgeordnete Pflege mal im Ehrenamt machen? Das ist auch gut fürs Gewissen und erst recht für die Reputation. Das bisschen Pflege macht sich ja schließlich von allein. Oder etwa nicht?
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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