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Vereinigte Staaten von EuropaGegen nationale Borniertheit

Gastkommentar von

Christoph Bautz

Eine Antwort auf Angriffe gegen Europa sind die Vereinigten Staaten von Europa. Dafür braucht es die Zivilgesellschaft, aber die ist leider schwach.

am Rande einer Fridays for Future Demo in Berlin, nahe Brandenburger Tor Foto: Piotr Pietrus

M it dem Irankrieg und der Grönland-Krise ist es unübersehbar: Wir leben „in einer Ära der Großmächte, in der die Starken tun, was sie können, und die Schwachen erleiden, was sie müssen“. So hat es der kanadische Premier Mark Carney in Davos auf den Punkt gebracht. Carney zählt zu den wenigen Regierungschefs im Westen, die das Ausmaß der Veränderung benannt haben. Die meisten seiner Amts­kol­le­g*in­nen in Europa versuchen es noch immer mit einem business as usual. Das ist gefährlich.

Und was tut die kritische Zivilgesellschaft? Sie ist – man muss es leider so hart sagen – derzeit ein Totalausfall. Ausgerechnet von jener Kraft, die oft als erste Veränderung einforderte, hört man wenig. Ein Weckruf ist daher bitter nötig: Lasst uns auf den Straßen dieses Kontinents eine Bewegung formen! Eine Bewegung, die den Autokraten und Oligarchen dieser Welt etwas entgegensetzt: Europa! Ein Europa, das sich enger zusammenschließt und handlungsfähig wird. Das seine Demokratie ausbaut. Das international mit den Mittelmächten kooperiert, die seine Werte teilen. Das sich von den Autokraten unabhängig macht. Und das jene fossilen wie digitalen Profitinteressen in die Schranken weist, die den Autoritarismus überall antreiben.

Dabei ist klar: Mit Staats­che­f:in­nen wie Giorgia Meloni in Italien oder dem Slowaken Robert Fico wird das nicht gehen. Nötig ist ein Europa der Mutigen. Auch wenn Europa nicht in jedem Fall im gleichen Tempo läuft. So führten bei der Währungsunion zunächst nur einige Länder den Euro ein und entfernten im Schengenraum die Schlagbäume.

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Deutschland zählte früher zu den Mutigen, lange Zeit gehörte auch die Union dazu, sie war tatsächlich mal „Europapartei“. Die Wende kam, als die Bundesregierung sich nach der Bankenkrise mit rigider Austeritätspolitik aus der europäischen Solidarität verabschiedete. Ein gravierender Fehler, der rechtsextremen Parteien den Weg ebnete. Auch heute sind es führende Teile der Union, die zaudern und blockieren. Kanzler Friedrich Merz will die transatlantische Partnerschaft „nicht voreilig abschreiben“. Den Vorstoß des französischen Präsidenten Emmanuel Macron für Eurobonds hingegen blockierte Merz – und lässt ein „mehr Europa“ an Glaubenssätzen wie der schwarzen Null scheitern. Als hätten nationale Borniertheit und marktradikale Dogmen die EU nicht erst in die vertiefte Abhängigkeit geführt.

Viele Organisationen der Zivilgesellschaft scheuen sich, sich allgemeinpolitisch zu positionieren

Das zeigt: Wir dürfen Europa nicht weiter technokratischen Regierungen überlassen. Die nötigen Veränderungen sind so tiefgreifend, dass sie ohne gesellschaftliche Mobilisierung nicht kommen werden. Wir brauchen ein „Pulse of Europe 2.0“ – diesmal allerdings getragen von einem breiten Bündnis aus Gewerkschaften, Aktivist*innen, Unternehmen, Kirchen, migrantischen sowie Umwelt- und Sozialverbänden. Mit den „Vereinigten Staaten von Europa“ gibt es auch eine Vision: ein Europa, das seine Werte wie Demokratie, Freiheit, soziale Gerechtigkeit verteidigt und sich in einer gemeinsamen Kraftanstrengung unabhängig macht. Für so ein Europa der Hoffnung würden viele Bür­ge­r*in­nen zu Un­ab­hän­gig­keits­kämp­fe­r*in­nen werden.

Aber was für eine Unabhängigkeit brauchen wir?

Erstens: Unabhängigkeit von fossilen Energien. Es ist ein historischer Fehler, die Abhängigkeit von russischem Gas durch neue Abhängigkeit von LNG-Importen aus den USA und Katar zu ersetzen. Was es jetzt braucht, ist eine europäische Kraftanstrengung für eine Energie- und Wärmewende – und zwar in einem rasanten Tempo.

Zweitens: Unabhängigkeit von den großen US-Techkonzernen. Die Unternehmen kontrollieren alles: von den Social-Media-Plattformen über die zentralen Daten-Clouds und KI-Anwendungen bis hin zu Satelliten. Digitale Souveränität ist eine demokratische Notwendigkeit – und auch nur mit einer europäischen Kraftanstrengung zu erreichen. Dafür muss Europa auf einer Open-Source-Basis eine eigene Infrastruktur entwickeln.

Drittens: Unabhängigkeit in der Sicherheitspolitik. Da die USA als Schutzmacht ausfallen, ist Sicherheit nicht mehr im nationalen Karo denkbar. Sie ist auch nicht mit dem Primat marktkonformer Politik und konkurrierender Rüstungskonzerne zu schaffen. Es braucht nun mutige Schritte hin zu einer europäischen Armee und einem gemeinsamen Beschaffungswesen.

Frieden ohne militärische Sträke ist nicht möglich

Zugegeben: Eine Bewegung für ein unabhängiges Europa ist voraussetzungsvoll. Die EU hat ein schlechtes Image. Zwar startete Brüssel mit dem Green Deal das größte sozial-ökologische Reformprogramm, das die Welt bisher gesehen hat. Aber die Kräfteverhältnisse sind schlecht: Gerade setzt die EU wieder eine Agenda von Deregulierung und Abschottung um. Allianzen über Landesgrenzen und Sprachbarrieren hinweg sind anspruchsvoll, sie erfordern Einfühlungsvermögen für unterschiedliche Erfahrungen und Zusammenhänge. Allerdings scheuen viele Organisationen der Zivilgesellschaft selbst in diesen Zeiten, sich allgemeinpolitisch zu positionieren. Zudem fehlt es der Zivilgesellschaft bei Fragen der Sicherheitspolitik an Expertise. Viele Ak­teu­r*in­nen der alten Friedensbewegung gestehen sich nicht ein (oder wollen es nicht erkennen), dass in der neuen Weltordnung Frieden nicht ohne militärische Stärke möglich ist. So bitter das ist.

Das technokratische Image der EU, komplizierte Bündnisprozesse, fehlende Expertise – eine Bewegung für Europa zu schaffen ist schwierig. Doch die EU ist das Beste, was wir haben, um den Autokraten entgegenzutreten. Einfach war es auch 1832 nicht, als beim Hambacher Fest Zehntausende für ein geeintes und demokratisches Deutschland einstanden. Ein solches Momentum braucht es nun wieder – gegen nationale Kleinstaaterei, Tech-Oligarchen, Autokraten. Und für eine europäische Demokratie.

So ein Momentum kann man nicht am Reißbrett planen. Die Wahrscheinlichkeit indes ist hoch, dass US-Präsident Donald Trump bald den nächsten Anlass für eine weitere Verschlechterung der transatlantischen Beziehungen liefert. Darauf sollten wir uns vorbereiten. Jetzt!

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21 Kommentare

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  • >Wir brauchen ein „Pulse of Europe 2.0“ – diesmal allerdings getragen von einem breiten Bündnis aus Gewerkschaften, Aktivist*innen, Unternehmen, Kirchen, migrantischen sowie Umwelt- und Sozialverbänden.<

    Die meisten Bürger Europas würden ein solches Bündnis der Glaubensstarken wohl als Bedrohung empfinden.

  • Das Ziel ist richtig, aber die Hebel sind die Falschen.



    Zum Einen: Die "Zivilgesellschaft" sind immer noch WIR ALLE, soweit wir nicht Teil staatlicherr Strukturen sind, nicht bloß irgendwelche Aktivisten und Funktionäre, sondern Jeder - AUCH z. B. AfD-, RN-, FdI- oder PiS-Wähler. Ich weiß, der Glaube an die Lobby ist groß, und Viele hätten ach so gern, dass die EIGENE Lobby mal so übermächtig sei, wie die der jeweils betroffenen X-Wirtschaft erscheint. Aber letztlich läuft es darauf hinaus, dass die demokratischen Prozesse in den Mitgliedsstaaten eine weitere Einigung Europas ermöglichen müssen. Der Finger auf "untätige" NGOs ist so richtig, wie er von diesem dicken Brett ablenkt.



    Zum Zweiten (auch wenn das in die gleiche Kerbe schlägt): Die AfD ist nicht aus dem Widerstand gegen die Austeritätspolitik entstanden, sondern von Leuten auf die poltische Landkarte gehievt worden, denen es bedrohlich erschien, wie sehr sich die Rest-EU dagegen sträubte. Lucke, Henkel & Co. wollten keine Eurobonds, sie wollten die D-Mark zurück (und Le Pen den Franc und Kasczinski nur ja nie den Euro). Es ist auch die Urnenmacht der Engstirnigen, die die NGOs bremst. DA ist Überzeugungsarbeit gefragt.

  • Glücklicherweise kaum umsetzbar gegen den Willen der Bürger.



    de.statista.com/st...taaten-von-europa/

  • Der Grundgedanke der EU war ja tatsächlich mal, den Nationalismus, der zu zwei Weltkriegen geführt hatte, zu überwinden. Funktionierte auch lange Zeit einigermaßen. Allerdings hat man nach dem Ende des kalten Krieges diese Idee vergessen und ist zum puren Länder sammeln übergegangen, obwohl in vielen neuen EU Staaten der Nationalismus blühte. Und genau so wird weiter gemacht.

    Ja. Die Bevölkerung sollte dagegen aufstehen. Aber das wird nicht leicht gegen ein propagandistisches Dauerfeuer von Rechts. Der Nationalismus hat sich wieder tief in die europäischen Gesellschaften gefressen...

  • Wenn schon Meloni nicht zum Partner taugt, was sollen dann die ganzen Mittelmächte auf der welt sein „die unsere Werte teilen“?

    Was wir brauchen ist mehr Realpolitik. Und da ist natürlich Meloni ein Partner.

    Und jede macht, egal was für Werte, solange (einigermaßen) nützlich und (einigermaßen ) zuverlässig. Das kann auch Indien oder Saudi-Arabien sein.

    Und russisches Gas durch LNG zu ersetzen war nicht kurzsichtig, sondern alternativlos.

  • Mir fehlt hier Substanz.



    Wichtig wäre eine echte demokratische Demokratie, das fängt mit einer verfassungsgebenden Versammlung an, die zumindest z.T. aus der Bevölkerung gelost wird und direkter Demokratie auf allen Ebenen. Die EU darf nicht weiter ein Elitenprojekt bleiben.

    Außerdem der Einstieg in ein endlich mal funktionierendes europäisches Sozialsystem - das böte durchaus Chancen, weil man nicht mehr auf den gewachsenen Irrsinn hierzulande und anderswo Rücksicht nehmen müsste, sondern bei Null anfangen könnte. Möglicherweise wäre ein Ansatzpunkt die Euro-Dividende des belgischen Philosophen und Ökonomen Philippe van Parijs, wobei ich sagen muss, dass ich kein großer Fan von ihm bin und mich nicht im Detail mit seinem Vorschlag auskenne. Die Richtung ist aber sinnvoll: Bedingungslose Geldzahlungen an alle Einwohnerinnen in gleicher Höhe pro Kopf, regelmäßig, individuell, perspektivisch in existenzsichernder Höhe. Zu finanzieren aus neu einzuführenden EU-weiten Abgaben/Steuern: Transaktionen, Umweltverbrauch, Vermögen, Konsum.

    Wichtig ist, dass es mal eine Vision für ein gutes Leben für alle gibt. Letztlich natürlich nicht nur für Europäer.

  • Was für eine seltsame Sicht auf die Welt. Für Vereinigte Staaten von Europa gibt es in keinem Land auch nur Ansatzweise eine Mehrheit. Es wäre auch nicht ratsam, sind die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Unterschiede doch teilweise sehr groß, ganz im Gegesatz zu z.B. den USA. Und es war nicht irgendeine "Austeritätspolitik", die die Rechten groß gemacht hat, sondern das Gegenteil. Und geradezu witzig ist es, Forderungen nach Unabhängigkeit in Sachen Energie und Sicherheit, sowie Digitale Soveränität aufzumachen (was ja irgendwie auf eine Abschottung von der Welt hinausläuft), die durch "Kraftanstrengung" erreicht werden sollen. Nur was soll das konkret sein? Mir scheint, hier wird ein Wunschkonzert aufgemacht, ohne jede Vorstellung davon, was Instrumente sind.

  • "Ein Europa, ....Das seine Demokratie ausbaut. "

    wie soll das gehen, wenn jeder einzelne Bürger auf genau 1 Stimme alle 4 Jahre reduziert ist?

    • @nutzer:

      Das ist auch heute nicht korrekt, allein weil es Wahlen auf verschiedenen Ebenen gibt. Dazu kann jede, die möchte und es schafft, sich auch aktiv engagieren.

    • @nutzer:

      Indem die Leute, die er damit wählt, auch tatsächlich was zu sagen haben (und nicht nahezu vollständig auf Kommission und die Nationalregierungen als Vorlagengeber und Abnicker angwiesen sind). Das wäre jedenfalls schonmal ein wesentlicher Schritt nach vorn in der Demokratisierung der Union als solche.

      Falls Ihnen das immer noch viel zu kurz gesprungen ist: Direktdemokratie mag sich schön anhören, aber bilden Sie sich doch nicht ein, das ein Europavolk von 400 Millionen tatsächlich so "richtig" abstimmt, wie Sie sich das in einer "wahren" Demokratie vorstellen! Sowas mag mit schnuckeligen 6 Millionen, von der Muttermilch an als direktdemokratische Subjekte großgewordenen Schweizern funktionieren, aber wenn Sie das auf Europa aufblasen, bekommen Sie eher mehr Entscheidungen à la Brexit und Minarettverbot als z. B. für höhere Rentenbeiträge und offene Grenzen.

  • Richtig, Europa braucht mehr Unabhängigkeit.



    Einen Grund, warum das aktuell nichts wird, nennt der Autor im ersten Absatz: Die Macht der Gewohnheit; der Wunsch der Verantwortungsträger, sich nicht aus dem Fenster zu lehnen; die Hoffnung, dass es wieder einmal gut geht.



    Der Grund, warum der - wenn auch diffuse - Ansatz des Artikels auch nichts werden wird: Er ist gerade wieder exklusiv. Das "breite Bündnis" ist wohl eine Chiffre für eine "Volksfront" links der Mitte. Es ist natürlich völlig legitim, mit einer politischen Bewegung Einfluss nehmen zu wollen - nur das angestrebte Ziel, für alle zu sprechen, wird damit schon im Ansatz verfehlt.



    Die Ukrainer waren vor fünf Jahren weit von einem Herz und einer Seele entfernt. Doch fast alle haben die existentielle Bedrohung als Grund verstanden, an einem Strang zu ziehen.



    Die Methode des Autors führt in die andere Richtung.

  • Gerd Grözinger , Autor , Prof., Europa-Univ. Flensbu

    In Begriff der 'Zivilgesellschaft' schwingt doch auch noch mit, dass damit ein gewisser Gegenbegriff zur Militarisierung der Gesellschaft mit der Betonung von Hierarchie und Gehorsam geschaffen wurde. Und ein Neo-Europa, das vor allem auf eine starke und überaus teure Armee setzt, nicht aber den Klimawandel als grösstes zu lösendes Problem sieht, dazu starke Defizite in demokratischer Partizipation wie ökonomischer Teilhabe hat, ist vielleicht für viele der aktiven Zivilgesellschaft nicht so super-attraktiv.

    • @Gerd Grözinger:

      "In Begriff der 'Zivilgesellschaft' schwingt doch auch noch mit, dass damit ein gewisser Gegenbegriff zur Militarisierung der Gesellschaft mit der Betonung von Hierarchie und Gehorsam geschaffen wurde."

      Da bin ich völlig anderer Ansicht. Der Begriff "Zivilgesellschaft" für politische Lobbyorganisationen ist im Gegenteil eine Überhöhung von neben-demokratischen Strukturen zu vermeintlich wahren Vertretungen der Gesellschaft als Ganzes. Sie sollen Politikänderung von Oben nach Unten durchsetzen können - also ohne dass dafür erstmal die parlamentarischen Voraussetzungen geschaffen werden müssten.

      Diese Form von Obrigkeitsglauben hat speziell in linken Milieus viel ältere Wurzeln als die aktuelle Militarisierung der europäischen Sicherheitspolitik(en). Sie spukt schon in den uralten Träumen von der Räterepublik als bestmöglicher Staatsform und anderen Modellen der "wohlwollenden Lenkung" der dummen Gleichen durch die klugen Gleicheren herum.



      Auch die von Ihnen erwähnten Defizite der EU sind Symptome mangelnden Demokratievertrauens: Zuviele Menschen WOLLEN garnicht die 400 Millionen anderen Europäer ihr Leben mitbestimmen lassen. Entsprechend dünn bleibt das Mandat ihrer Vertretung.

    • @Gerd Grözinger:

      Dem schließe ich mich an, möchte aber hinzufügen das der Großteil Europas trotz aller Defizite immer noch ein Garant für Freiheit ist.

      Daher ist gerade in Deutschland, in dem eine Einschränkung der Freiheitsrechte in den letzten Jahren auf vielen Feldern zu beobachten war, von Presse bis zu zivilen Protesten, eine aktive Zivilgesellschaft gefordert diesen Prozess zu stoppen.

      Demokratieabbau erfolgt meist durch die Hintertür und erst am Ende der Kette steht dann die Einschränkung und der Abbau der persönlichen Freiheiten. Das sollte auch von denen mitbedacht werden, die jetzt noch der Auffassung sind, die Belange der Zivilgesellschaft wären nicht die ihren.

      Es ist oftmals der Fall, das eine gefühlte Bedrohung von außen von den Gefahren im inneren ablenkt. Mein Eindruck nach zehn Jahren Deutschland ist, das die Gesellschaft am Scheideweg steht und sich immer schneller aufspaltet bzw abspaltet und die politisch Verantwortlichen samt ihrer Gefolgschaft das ihrige dazu beitragen um diesen Prozess zu beschleunigen.

      Carl Schmitts Freund - Feindschema erlebt in Deutschland gerade eine Renaissance.

  • Warum ist die einzige Lösung die Aufgabe der Nationalstaaten.



    Ich habe da so meine Zweifel, dass das funktionieren kann. Im Gegensatz zu den noch recht jungen USA ist Europa eine Staatengemeinschaft aus über Jahrhunderte geformten Einzelstaaten. Und das wünscht man mal eben wegzuwischen. Das geht schief. Siehe Naher Osten: Da hat man nach dem 1. WK aus dem Osmanischen Reich viele Einzelstaaten geformt und das zum Teil gegen den Willen der einzelnen Volksgruppen. Und was haben wir heute? Tod und Elend. Siehe, Israel und Palästinenser: Den einen nahm man das Land weg, weil man es mit den anderen gut meinte, und beide sollen trotz aller Gegensätze zusammenleben. Und was passiert seit Jahrzehnten? Mord und Totschlag auf beiden Seiten! Weil der glorreiche Westen es viel besser weiß, was die Menschen wollen. Das Gleiche blüht uns auch, nur umgekehrt. Teilweise jahrhundertealte Volksgruppen sollen nun mal eben nebenbei zu einem Staat zusammengeführt werden. Das geht nicht. Wenn man so etwas möchte, braucht das sehr viel länger als nur ein paar Jahre. Selbst Jahrzehnte sind da schon sehr optimistisch.

  • 1. Sprachbariere: Schon in Kita, Krippe, Hort müssen andere europäische Sprachen gelehrt werden. Die große Fähigkeit sehr kleiner Kinder zum Lernen von Sprache muss genutzt werden. Dann haben später die Schüler es viel einfacher, eine europäische Sprache richtig zu erlernen.



    2. Man kann in gewissem Umfang Solidarität zwischen armen und wohlhabenden Mitgliedsstaaten einfordern. Aber hier gleich über Austerität zu schimpfen ist nicht hilfreich. Mangelnde staatliche Mittel kann man auch über höhere Steuern erreichen. Eine engere Verbundenheit der EU- Staaten muss auch bei CDU und FDP anschlussfähig sein.



    3. Die Verbundenheit muss an den Graswurzeln der Gesellschaft organisiert werden. Dies geschieht über zwischenmenschliche Begegnungen.



    4. Die größte in allen Staaten verfügbare



    Organisation ist die katholische Kirche. Für den gemeinsamen Regelungsinhalt bringt die z. T. andere Positionen ein als hier erträumt.

  • "dass in der neuen Weltordnung Frieden nicht ohne militärische Stärke möglich ist ".

    Augen auf bei der Wortwahl und ein Blick in die Geschichtsbücher werfen, kann ich dem Autor nur anraten.

    Militärische Stärke geht weit über die Verteidigungsfähigkeit, die herzustellen übrigens zu den Pflichtaufgaben eines Staates gehört, hinaus.

    Militärische Stärke ist darauf ausgerichtet militärische Ziele zu erreichen und Macht auch auf internationaler Ebene auszüben. Notfalls auch militärisch.

    Würde der Autor jetzt einen Blick in die Geschichtsbücher werfen und einzig die Epoche des 18 und 19 Jahrhunderts heranziehen, könnte er erkennen das fast sämtliche kriegerischen Konflikte in Europa ihren Ursprung in der vermeintlichen Annahme militärischer Stärke hatten. Das 20 Jahrhundert brauche hier nicht explizit mit zu erwähnen.

    Ein mehr an konventionellen Waffen hat die Welt zu keiner Zeit zu einem sichereren Ort gemacht und militärische Stärke ist kein Garant für nationale Sicherheit.

    Verteidigungsfähigkeit hat auch nichts mit militärischer Stärke zu tun, sondern damit das der Bedarf gedeckt und geostrategischen Anforderungen gerecht wird. Das bemisst sich nicht an der Zahl der Waffen.

    • @Sam Spade:

      Die Beispiel, die sie wählen stammen aus der Zeit einer (in dieser Dauer und Vollständigkeit einzigartigen) unipolaren Weltordnung: Ein Land herrschte überall auf der Welt, wo es wollte (bis auf eine kleine Zahl widerspenstiger Kolonien an der Ostküste Nordamerikas, die dem Mutterland keine Steuern zahlen wollten) und hatte dadurch die stolzen Möchtegern-Hegemone auf dem europäischen Festland auf das reduziert, was Putin als Diagnose Obama so bitter übel genommen hat: Regionalmächte, die im Weltgeschehen nichts zu sagen hatten.



      Dabei hat es die damalge Weltmacht aber belassen. Sie hat nicht nach der Unterwerfung dieser Regionalmächte getrachtet und sie auch nicht daran gehindert, wirtschaftlich zu wachsen. Vielleicht war das ein strategischer Fehler, aber jedenfalls war in dieser Situation klar, dass "militärische Stärke zum Schutz nationaler Interessen" von diesen Staaten nur aggressiv gemeint sein konnte und Ausdruck einer Weltsicht war, die wir heute in Europa nur noch bei Russland beobachten.



      Heute gibt es dagegen mehrere Supermächte, und Europa droht, zwischen denen regelrecht zerrieben zu werden - wirtschaftlich UND physisch. Entsprechend anders liegt die Stärke-Motivation.

    • @Sam Spade:

      Das ist sehr richtig und wichtig.

      Ein Blick in die Geschichtsbücher könnte auch helfen zu erkennen, dass die Bezugnahme auf die deutsche Reichseinigung problematisch ist. Denn damals ging es auch gleich wieder darum, "gegen die anderen" zu sein. Und das trifft auf viele oder sehr viele Gründungen moderner Nationalstaaten, Republiken, Demokratien zu (neulich wurde z.B. hier darüber geschrieben: monde-diplomatique.de/artikel/!6152168). Wir haben ja jetzt schon die Entwicklung eines neuen transnationalen Faschismus, der "den Westen" insgesamt glorifiziert und gegen "die anderen" hetzt.

      Wir brauchen definitiv einen neuen Ansatz für Zusammenarbeit und können nicht einfach irgendwelche Vereinigungserfolge der Vergangenheit übertragen auf das heutige Europa.

  • Der Traum eines vereinigten Europa ist schön, wird nur leider traumhaft bleiben.



    Keine einzige Regierung wird sich selbst auflösen und entmachten. Hier in Deutschland sind wir nicht mal in der Lage Stadtstaaten, die uns die Siegermächte aufdrückten, wieder abzuschaffen. Länderregierungen, wie Bremen, müssten sich selbst abschaffen.



    Daher ist es müßig die Zivilgesellschaft anzurufen.



    Das Beste was Europa erreichen kann ist das Abschaffen des Vetorechts und eine gemeinsame Richtung in der Außenpolitik.

    • @Ramaz:

      "Das Beste was Europa erreichen kann ist das Abschaffen des Vetorechts und eine gemeinsame Richtung in der Außenpolitik."

      Das wäre Schritt 1 - aber auch schon ein Rubikon. Denn spätestens(!) danach kommt es relativ bald zum Schwur: Der Wegfall des Vetorechts würde für viele Staaten bedeuten, dass sie mehr eigenen Einfluss innerhalb des Verbundes verlieren, als sie - als Teil des Verbundes - im globalen Haifischbecken gewännen, und sie verlören noch mehr, wenn sie sich DANN nicht völlständig auf die europäische Einigung einließen.



      Das wissen auch die dortigen Politiker jetzt schon. Deshalb ist bereits die Frage des Vetos der Punkt, an dem Jene nicht mitziehen werden, die die alte Weisheit "We can either risk hanging together or be sure to hang separately." entweder nicht verstanden haben oder nicht beherzigen wollen.