Warum wir den Kapitalismus nie loswerden: Linke Attitüde sells

Mehr weibliche Hauptfiguren bei Netflix und schwarze Familien im Ikea-Katalog: Der Kapitalismus macht mit linken Ideen Kasse. Ist das okay?

Rosa Luxemburg auf einem undatierten Portraitfoto.

Hatte keine Hoffnung auf ein gutes Ende des Kapitalismus: Rosa Luxemburg Foto: dpa

„Endlich wieder im Nieselregen bei sieben Grad überteuerten Espresso trinken!“, sagt die Freundin vorm Café unterm Sonnenschirm. „Hoffentlich versemmelt Starkregen den Böllerern ihren kapitalistischen Drecksspaß aus der Hölle!“

„Ach, jedem Tierchen sein Pläsierchen“, sagt der Freund.

„Was’n mit dir los?“

„Ich üb’ Vorsätze.“

„Gleichgültig werden?“

„Nee, aber gibt eben Dinge, die lassen sich nicht ändern, zum Beispiel Arschlöcher oder dass der Kapitalismus nie aufhört!“

„Der hört ja nicht einfach auf, muss man schon was für tun.“

„Nützt alles nix, die Luxemburg hat es einst auf den Punkt gebracht: Erst wenn die Sonne auf die Erde knallt, ist es damit vorbei.“

„Aber Rosa ist lang tot.“

„Der Kapitalismus noch lang nicht.“

„Menschen haben eben Bock auf Reichtum – oder Reich-werden-Können.“

„Und Kapitalismus ist flexibel wie Madonna, die hat sich auch immer mit dem Klau von Subkultur erneuert!“

„Und wenn Madonna längst auf der Wolke vogued, wird der Kapitalismus immer noch maßlos in neuen Gewändern wabern!“

„Neuerdings mit linker Attitüde, weltnah lässig im T-Shirt, so wie Elon Musk neben den Scheichs auf der Tribüne.“

Kapitalismus, das kecke Chamäleon

„Das kecke Chamäleon Kapitalismus züngelt kreuz und quer, ohne Diversität verkaufst du nicht mehr genug T-Shirts, deshalb gibt’s auch keine H&M-Kampagnen mehr mit dürren weißen Cis-Models.“

„Sneaker geh’n vegan durch die Decke.“

„Bei Netflix fast nur noch weibliche Hauptfiguren.“

Keine neue Serie ohne queer – zumindest als Kirsche im Story-Cocktail!“

„Der Kapitalismus ist schlau.“

„Eher dreist.“

„Einige von den verträumten Linken meinen, es wär’ was erreicht, dabei wurde bloß alles hübsch ausgehöhlt zu Mainstream überblendet!“

„Was ist schlecht an linken Idealen im Mainstream?“

„Dass sie nichts sind als eine Verkaufsstrategie?“

„Aber wenn Antirassismus das Geld vermehrt, vermehrt Geld dann nicht wiederum den Antirassismus?“

„Wenn echt gute Heldinnen bei Netflix und Amazon Kasse machen, werden Autorinnen unabhängiger und können so was wie ‚Emily in Paris‘ bald in die Tonne treten.“

„Das Gute muss per Marktwert gesteigert werden, um real zu expandieren?“

„Ja, und jetzt sitzt im Ikea-Katalog eben mal ’ne ganze schwarze Familie auf dem Sofa und nicht nur das eine vermeintlich adoptierte Kind dazwischen.“

„Auch interessant: Geldsäcke werden immer offensiver menschlich, schwach, peinlich, lächerlich.“

„Musk, West, Weinstein.“

„Und das schadet dem Kapitalismus?“

„Nein! Es nützt ihm.“

„Der Richman wird bedauernswert, das versöhnt die Leute mit der Tatsache, dass nicht alle reich werden können.“

„Der Glaubenssatz,Geld macht nicht glücklich' ist eine sehr erfolgreiche Kapitalismusformel. Hält ruhig und bei Laune.“

„Woher soll man wissen, ob Geld glücklich macht, wenn man nie genug davon hat.“

„Eben.“

„Du hast was vergessen.“

„Was?“

„Die Natur.“

„Ja! Der Kapitalismus kann die Natur nicht immer weiter zerstören, aufbrauchen und gleichzeitig so tun, als wäre er ein Freund der Klimabewegung.“

Rosa Luxemburg hatte recht, die Sonne knallt zu guter Letzt doch auf die Erde und das war’s dann.“

„So wird es kommen und Billionen von Lichtern werden das Universum mit einem gigantischen Feuerwerk neu zusammenwürfeln!“

„Und wir sind dann Geschichte.“

„Die nirgendwo mehr geschrieben steht.“

„Wunderschön.“

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Jasmin Ramadan ist Schriftstellerin in Hamburg. Ihr letzter Roman „Hotel Jasmin“ ist im Tropen/Klett-Cotta Verlag erschienen. 2020 war sie für den Bachmann-Preis nominiert. In der taz verdichtet sie im Zwei-Wochen-Takt tatsächlich Erlebtes literarisch.

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