Tödliche Übergriffe von ICE: Warum es falsch ist, ICE mit dem NS zu vergleichen
Die US-amerikanischen ICE-Milizen mit Gestapo oder SA zu vergleichen, bringt nichts außer Lähmung. Besser wäre, etwas gegen die Willkür zu tun.
G erade saß ich noch zwischen Nachfahrinnen von Frauen, die von den Nationalsozialisten verfolgt worden waren. Es war der 27. Januar 2026, der Tag, an dem in Deutschland der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird.
Wenig später stand ich in einem überfüllten Zug Richtung Berlin und scrollte durch mein Handy. Ich sah das Instagram-Reel einer deutschen Influencerin: betroffen dreinblickend, Demo-Schreie im Hintergrund, ein Anne-Frank-Zitat eingeblendet. Dazu unter anderem der Satz: „Es fühlt sich an, als würde sich Geschichte wiederholen.“ In den Kommentaren breite Zustimmung.
Die USA kurz vor 1933, Donald Trump der nächste Adolf Hitler, so der Tenor. Mit diesem theatralisch inszenierten Gefühl, das der Realität nicht gerecht wird, ist sie nicht allein. Auch prominente Stimmen in den USA greifen zu NS-Vergleichen. Der Schauspieler Edward Norton sprach bei einem Filmfestival von „massenhaften Erschießungen amerikanischer Bürger durch die Gestapo“. Und die US-Historikerin Mary Nolan, Expertin für den deutschen Faschismus, bezeichnete ICE im Tagesspiegel als „Mischung aus SA und Gestapo“.
Vergleichen kann man ja vieles. Entscheidend ist, ob die Vergleiche tragen – und warum sie gerade jetzt so anschlussfähig sind. Wenn Ereignisse überwältigend sind, versagt mitunter die Sprache. Wir suchen nach Begriffen, um das Grausame greifbar zu machen, um es einzuordnen. Doch was hier passiert, geht darüber hinaus.
Der Nationalsozialismus wird zur Referenz für jede Form staatlicher Gewalt, Willkür und Kontrollverlust. Er dient als größtmöglicher Alarmruf; in einer Welt der Aufmerksamkeitsökonomie braucht es immer größere Schocker.
Dabei ist die Situation in den USA dramatisch genug. Renée Good und Alex Pretti wurden von brutal agierenden ICE-Agenten getötet. Menschen werden willkürlich festgesetzt, Familien getrennt, inhaftiert. Der Vergleich zur Gestapo bleibt aber falsch. Der Nationalsozialismus war kein bloßes hartes Durchgreifen des Staates. Er bedeutete totale Entmenschlichung, industrielle Vernichtung, getragen von einer eliminatorischen Ideologie, legitimiert durch breite gesellschaftliche Zustimmung.
Die USA blicken auf eine andere Geschichte, eine andere politische Tradition zurück als das Deutschland von 1933: knapp 250 Jahre demokratische Entwicklung, die Trump aktuell beschädigt, indem er seine Macht ausweitet, Institutionen aushöhlt, unberechenbar regiert.
NS-Vergleiche verschieben die Maßstäbe. Sie machen aus einer politischen Situation ein Endzeitnarrativ. Wer unterstellt, verfolgt zu sein wie Juden damals, erklärt sich selbst zum Opfer einer sich wiederholenden historischen Entwicklung, deren Ausgang vorherbestimmt ist. Das klingt radikal, ist aber politisch lähmend, weil es die eigenen Handlungsspielräume ausblendet.
Der Historiker Wolfgang Kraushaar bezeichnete ICE kürzlich als „paramilitärische Einheit im Staatsdienst“. Solche Einheiten habe es in autoritären und diktatorischen Regimen immer gegeben. Eine zwingende historische Parallele zu ICE lasse sich jedoch kaum ziehen. Vielleicht wirkt ICE ja deshalb so bedrohlich: weil es keine Kopie eines autoritären Instruments ist, sondern die Gewalt im demokratischen System stattfindet, angeordnet von der Spitze des gewählten Staatsoberhaupts.
Seit Wochen gehen Menschen in Minneapolis bei eisigen Temperaturen gegen das harte Vorgehen der ICE auf die Straße. Ihr Durchhaltevermögen ist bemerkenswert, wichtig. Und dieser Widerstand scheint erste Wirkung zu zeigen: Einige ICE-Kräfte werden abgezogen.
Was danach folgen wird? Wer weiß das schon. NS-Vergleiche bieten dafür keine Antwort. Spannender ist doch ohnehin: Was ist möglich – politisch, praktisch, heute?
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