Thunberg und Neubauer im Kanzleramt: FFF sauer über Frontfrauen

Das Treffen der Klimaaktivistinnen mit der Kanzlerin am Donnerstag sorgt für heftige Kritik in der Bewegung. Einige Ortsgruppen distanzieren sich.

August 2019: Die Klimaschutzaktivistinnen Luisa Neubauer (l) und Greta Thunberg stehen zusammen im Hambacher Forst.

Nicht alle sind der Meinung der FFF-Frontfrauen: Luisa Neubauer (links) und Greta Thunberg Foto: Oliver Berg/dpa

BERLIN taz | Es wirkt wie ein Alleingang der Frontfrauen: Greta Thunberg, Luisa Neubauer und Angela Merkel sind am Donnerstag im Kanzleramt verabredet. Von den Beteiligten dürfte ausgerechnet die Bundeskanzlerin diejenige sein, für die das Date am unproblematischsten ist. Neubauer und Thunberg dagegen bekommen Gegenwind aus der eigenen Bewegung.

„Der Termin war überhaupt nicht abgesprochen“, kritisiert Konstantin Nimmerfroh von Fridays for Future Frankfurt. Die Basisgruppen seien erst wenige Tage vor der öffentlichen Bekanntmachung über das Treffen informiert und nicht nach ihrer Meinung gefragt worden. Für die basisdemokratisch organisierte Bewegung, in der zwar alle Ortsgruppen autonom agieren, aber große Projekte und strategische Entscheidungen langwierig abgestimmt werden müssen, ist das eigentlich ein No-Go. „Wir fühlen uns überrannt“, sagt Nimmerfroh der taz. Die Ortsgruppe wolle sich von dem Treffen distanzieren.

Der offizielle Anlass für das Dreiertreffen ist ein offener Brief, den Neubauer und Thunberg der Bundeskanzlerin überreichen wollen. Über 124.000 Personen aus 50 Ländern haben unterzeichnet. Thunberg, Neubauer und die belgischen Aktivistinnen Anuna De Wever und Adélaïde Charliér, die am Donnerstag ebenfalls im Kanzleramt dabei sein werden, fordern die Regierungschef*innen der EU darin auf, umgehend Maßnahmen zur Eindämmung der Klimakrise zu treffen.

Sie verlangen etwa den sofortigen Ausstieg aus allen fossilen Brennstoffen und fordern die EU auf, dafür einzutreten, dass „Ökozid“ als Verbrechen vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verfolgt werden kann. „Das mag vielleicht unrealistisch scheinen“, schreiben die vier Aktivist*innen.

Brief war mit der Bewegung nicht abgestimmt

„Aber noch viel unrealistischer ist es zu glauben, dass die Gesellschaft die Erderwärmung überleben wird, auf die wir zusteuern.“ Unterzeichnet haben unter anderem die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai und Stars wie Billie Eilish, Shawn Mendes, Emma Thompson und Leonardo DiCaprio.

Aber auch der Brief war mit der Bewegung nicht abgestimmt. „Wenn man den Brief als Schreiben der Privatpersonen Greta, Luisa, Anuna und Adélaïde versteht, ist das okay“, sagt Nimmerfroh. Aber als Teil einer basisdemokratisch organisierten Bewegung fühle man sich doch vor den Kopf gestoßen. Von dem Treffen im Kanzleramt verspricht er sich außerdem nichts. „Solche Treffen führen in der Regel zu nichts außer zu PR-Bildern“, sagt der Aktivist. Davon habe man in den letzten zwei Jahren ja schon viele produziert, aber gebracht habe das wenig.

Fridays-Aktivistin, anonym

„Es ist kein Erfolg, mit Frau Merkel zusammenzusitzen“

Wer auf den PR-Bildern zu sehen ist, ist eine weitere Frage, die unter den Ortsgruppen für Unmut sorgt. „Es ist schade, dass immer die gleichen Leute in der Öffentlichkeit stehen“, sagt der Kieler Fridays-Aktivist Ole Willerich. Schließlich teile nicht jeder in der Bewegung exakt die gleichen Ansichten, obwohl alle für dasselbe Anliegen kämpften. „Zweifellos macht Luisa gute Arbeit und hat viel Expertise“, sagt Willerich. „Aber durch dieses Ungleichgewicht in der Öffentlichkeit kommen andere, vielleicht auch radikalere Positionen, nicht zur Geltung.“

Positives Signal, das von Merkel ausgeht

Die Frankfurter und die Kieler Ortsgruppen sind nicht die Einzigen, die Kritik an dem Alleingang formulieren. Aber sie trauen sich, dies öffentlich zu tun. Gemeinsame Entscheidungen über Strategien und Ziele sind für die AktivistInnen ähnlich schwierig wie die Kommunikation nach außen. Selten kommentieren Ortsgruppen die Entscheidungen anderer Gruppen oder Einzelpersonen die Äußerungen von Sprecher*innen.

Eine Aktivistin, die nicht mit Namen genannt werden will, kritisiert die Medienwirkung, die das Treffen hervorruft. „In der Öffentlichkeit bleibt ein positives Signal hängen, das von Frau Merkel ausgeht. Aber wir blicken jetzt auf zwei Jahre Bewegung zurück, in denen die Koalition nicht annähernd etwas gemacht hat, das uns dem 1,5-Grad-Ziel näher bringt. Man darf es nicht als Erfolg sehen, mit Frau Merkel zusammenzusitzen.“ Wie sinnvoll eine aktivistische Strategie sei, bemesse sich schließlich daran, ob Politiker*innen ihr Handeln entsprechend änderten – oder eben nicht.

Nicht das erste Mal Ärger über Neubauer

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Mitglieder von Fridays for Future über Entscheidungen von Luisa Neubauer ärgern. Im vergangenen Jahr hatte die Aktivistin für ein Massenevent geworben, dass der Öko-Kondomhersteller Einhorn im Berliner Olympiastadion veranstalten wollte.

Nachdem das FFF-Deutschland-Logo schon auf der Kampagnen-Website stand, distanzierten sich mehrere Ortsgruppen von dem Event. Schnell wurde das Unterfangen umgelabelt in ein lediglich von der Berliner Ortsgruppe unterstütztes Projekt, der Neubauer angehört.

Tadzio Müller, ein langjähriger Aktivist bei Ende Gelände und Stratege der Klimagerechtigkeitsbewegung, hat einerseits Verständnis für die Entscheidung, ins Kanzleramt zu gehen – es passe zum bisherigen Kurs der Schüler*innen. „Fridays for Future sind es gewöhnt, die Mehrheit der Gesellschaft hinter sich zu haben. Das schafft ein gewisses Politikverständnis“, sagt Müller. Aber jetzt müsse die Bewegung über den Punkt, Mehrheiten hinter sich zu versammeln, hinausgehen. „Was bringt es, immer wieder zur nächsten Großdemo aufzurufen, wenn es keine politischen Konsequenzen hat?“, fragt er.

Auch er hält ein Treffen mit der Kanzlerin nicht für zielführend. „Es ist ein Trugschluss zu denken, je mehr man mit einflussreichen Menschen über das Klima redet, desto mehr werden sie sich für den Klimaschutz einsetzen.“ Die Schüler*innen müssten stattdessen radikalere Wege einschlagen – und in Kauf nehmen, dabei Unter­stüt­ze­r*in­nen zu verlieren.

Aber ob die Aktivist*innen von Fridays for Future radikalere Wege überhaupt gehen wollen, darüber sind sie sich höchst uneinig.

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