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Selbstbefragung zum Wahlsieg der AfDWir sind Siegmund

Der Rechtsextremismus ist eine Form des Exorzismus: Die Deutschen wollen zu sich selbst befreit werden. Ein Psychogramm nach der Wahl.

Wir sind Siegmund. Wir sind das freundliche Gesicht des Rechtsextremismus. Wir sind er noch dort, wo wir ihn ablehnen. Wir Deutschen.

Ich rede nicht vom Programm der Partei. Ich rede von denen, die die AfD wählen. Das sind wir. Wir halten uns einen Spiegel vor, in dem wir erkennen müssen, dass wir den Nationalsozialismus noch immer nicht überwunden haben. Denn auch das waren wir.

Wir haben die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht zu Ende geführt. Wir haben die Farce, als die er im DDR-Sozialismus wiederholt wurde, noch nicht überwunden. Wir sind Täter und Opfer einer Sehnsucht nach politischer Autorität, die nicht in der Lage ist, neu anzufangen. Wir haben an allen Ecken und Enden, in der Familie, in der Arbeit, in Politik und Kultur neu angefangen. Überall dominiert das Gespräch und nicht die Entscheidung. Aber wir sind mental nicht auf der Höhe unserer eigenen Praxis. Wir sind geistig fremd im eigenen Land.

Der Autor

Dirk Baecker ist Soziologe, bis 2025 lehrte er als Seniorprofessor für Organisations- und Gesellschaftstheorie wiederum an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Viele Bücher, zuletzt erschien der Band „Digitalisierung“, Suhrkamp, Berlin 2026. Er lebt in Dresden.

Wir suchen das Kommando, die Eindeutigkeit, die Selbstverständlichkeit. Wir suchen die Asymmetrie zwischen den Geschlechtern, die stille Bereitschaft unserer Frauen. Wir suchen die Asymmetrie im Betrieb und im Büro, den Chef, der zu seinem Wort, die Mitarbeiterin, die zu ihrer Arbeit steht. Wir suchen die Asymmetrie beim Arzt, auf dem Sportplatz, in der Schule und in der Kirche. Wir halten die Symmetrie nicht aus. Sie überfordert uns, weil sie uns zwingt mitzudenken.

Die Nation ist überall

Die fundierende Asymmetrie ist die der Nation. Die sichert die Verteidigung nach außen und die Ordnung nach innen. Die Nation ist überall. Jede Minute geht es darum, sich zu verteidigen und Ordnung zu schaffen. Jede Begegnung wird daraufhin gemustert, ob die Ordnung respektiert wird. Auch Ausländer spielen eine Rolle, aber sie bleiben erkennbar auf Abstand. Natürlich kann man immer wieder mal fünf gerade sein lassen, seine Schäfchen ins Trockene bringen und gegen gute Sitten verstoßen. Aber unauffällig!

Noch bis vor Kurzem waren wir wer. Unsere Waren und Maschinen beherrschten den Globus. Unser Wissen und unsere Lehre waren gefragt. Wir leisteten uns eine Weltläufigkeit, in der die Rollen klar verteilt waren. Wir waren neugierig und leutselig. Aber die Orte und Plätze waren eindeutig markiert. Auch im Ausland sind wir Deutsche. Wenn wir heimkommen, wissen wir, wohin wir kommen, und freuen uns über Ausländer in der Gastronomie, in der Medizin, auf dem Bau, solange sie zu schätzen wissen, dass wir sie akzeptieren.

Wir haben den Nationalsozialismus überwunden. Aber wir haben das Trauma nicht überwunden, das uns diese Überwindung gekostet hat. Erst schweigend und trotzig, dann antifaschistisch selbstgewiss, moralisch auftrumpfend und protestierend haben wir uns nicht verstanden. Wie auch? Wir haben im denkbar größten Stil gemordet. Es ist unmöglich, uns zu vergeben.

Wir kämpfen noch immer in den russischen Weiten, in der afrikanischen Wüste, an der Küste der Normandie. Wir haben Heimaturlaub und wissen so wenig, wie wir den Daheimgebliebenen erzählen können, was wir getan haben, wie diese einen Weg finden, uns zu berichten, wie die Heimat aufgeräumt wird. Man braucht nur hinzuschauen, und jeder tut es, aber niemand glaubt es.

Sehnsucht nach Autorität

Wir sind Siegmund, weil uns der doppelte Terror in den Knochen steckt, den wir vor unserer Befreiung erlitten und ausgeübt und den wir nach der Befreiung verdrängt haben. Wir leiden unter dem faschistischen Komplex, uns in eine Gemeinschaft gefunden zu haben, die man nicht wollen kann. Jede Selbstverständlichkeit, mit der wir ablehnen, wer und was wir gewesen sind, nimmt teil am Übermut, es gewesen zu sein. Niemand kann uns vergeben, wir sind Vertriebene im eigenen Land.

Wir sind Siegmund, weil uns dieses Wissen niemand nehmen kann. Die Sehnsucht nach den verlorenen Asymmetrien des Geschlechts, der Autorität, der Nation ist ein Reenactment im längst luftleeren Raum. Sie ist eine Bitte, der Geschichte überantwortet und dann vergessen zu werden. Es ist ein ganzer Knoten, den wir so konservieren, ein Knoten nicht nur unserer Taten und unserer Fassungslosigkeit danach, sondern auch unserer Unfähigkeit, uns zu zivilisieren.

Der Rechtsextremismus ist eine Form des Exorzismus. Wir wollen von uns zu uns befreit werden. Wir wiederholen die Gesten, Sprüche und Lieder in der Hoffnung, es sei das letzte Mal. Es gibt keinen Protest gegen Siegmund. Es gibt nur seine Rahmung durch eine Vervielfachung seines Bildes.

Die Kränkung durch den Prozess der deutschen Einheit ist ein Beleg dafür, dass unsere Gesellschaft den Zugang zu sich selbst verloren hat. Sie hält sich auf Abstand, wie sie den Osten auf Abstand hält. Sie mutet sich die Frage nicht zu, wie sie ihre Verhältnisse gestalten will. Man kennt sich längst aus, ohne sich irgendwo auszukennen. Nicht das, sondern wir selbst fliegen uns jetzt um die Ohren.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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24 Kommentare

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  • Wanderin

    Der Faschismus ist auch Rache an der Emanzipation. Vor nicht zu langer Zeit wurde Frauen eingeredet, sie könnten kein Mathe. Anteil der Studentinnen heute in Medizin: 65%. Zahnmedizin: 75%. Oh Schreck! Den hat der Mann kaum verdaut, da tauchen im Blickwinkel auch schon die woken POC auf: Die Gesellschaft hat enorm viel Nachholbedarf, was Rassismus und Bildungsgerechtigkeit angeht. Wahr, aber der dt Mann sieht jetzt endgültig seine Felle davonschwimmen. Dann sind da noch die LGBTQ, die ihn wurmen, denn die haben eine eigene Flagge!, und zelebrieren ihre Identität! ungeniert! mit dem CSD, die urbane und kreative, unverkalkte Antwort auf das Volksfest. Auch hinter dem CSD steht eine kraftvolle Botschaft von Selbstfindung in einer hetero-normativen Gesellschaft. Im Prinzip haben alle eine heldenhafte Mission vor sich und laufen los. Der dt. Mann ist da und nirgendwo hin unterwegs. Er flüchtet in die Opferrolle und den rechtsnationalen Abklatsch all der emanzipatorischen Bewegungen um sich herum. Er möchte auch eine Flagge und auch so was wie den CSD, in völkisch maskulin! Also, Bismarck und Bier! Das wird der Hit! Die anderen müssen weg. Er fängt an, alles kurz und klein zu schlagen..

    • Wanderin

      @Wanderin:

      ( Mit dt. Mann meine ich zugespitzt den konservativen dt. Mann, der sehr nach rechts/AfD hin aufgeschlossen ist. )

      • Sam Spade

        @Wanderin:

        Sehr schöne Erklärung und jetzt bitte einmal für die deutsche Frau die passende Begründung finden.

        Deren Anteil steigt nämlich kontinuierlich an. Waren es bei der Bundestagswahl noch 17% die ihre Stimme der AfD gaben so liegt mittlerweile deren Anteil lt. Infratest dimap bei weit über 20%. Der Abstand zum männlichen Geschlecht schmilzt kontinuierlich dahin. Bei der Bundestagswahl betrug er noch 9%.

        Ich gehe einmal nicht davon aus, das auch die deutsche Frau "ihre Felle davonschwimmen" sieht oder gar das von ihnen beschriebene "völkisch maskulin" Ideal teilt und auch der Tradwife Trend dürfte einen derart hohen Anteil nicht rechtfertigen.

        Vielleicht hapert es auch etwas an ihrer Faschismustheorie. Da konnte Umberto Eco doch mit etwas mehr dienen.

        • Wanderin

          @Sam Spade:

          Wie bedauerlich, dass ich in Ihren Augen weder Umberto Eco noch Kant bin!

          😄

  • Mendou

    Ok, die rituelle Selbstgeißelung haben wir damit auch erledigt. Können wir dann mal zu der Frage übergehen, was an linker Politik falsch gelaufen ist, warum sie die Wähler nicht mehr erreicht und wie man das ändern könnte?

    • Land of plenty

      @Mendou:

      Welche Linke Politik? Wann hat die stattgefunden?



      Die SPD hat ständig das Asylrecht verschärft. Es wurde bis zum Antritt Merz' ständig abgeschoben, auch nach Afghanistan.



      an linker Politik ist nichts falsch gelaufen, weil es diese nirgends gegeben hat.



      Das ist das Problem.



      Es gab immer nur Seehofer und Faustrecht.

    • Il_Leopardo

      @Mendou:

      Warum die Erinnerung an die Vergangenheit wichtig ist, haben Sie jedenfalls nicht verstanden.

    • Dreja

      @Mendou:

      Ich kann nur meine persönliche Antwort geben, und die hängt mit der Russland-Ausrichtung zusammen. Wenn die Linke sich davon befreien könnte, hätte sie einige Wähler mehr, da bin ich mir sicher.

  • willifit

    Lasst uns einer Asymmetrie zustimmen, die der verunsichernden politischen Komplexität etwas entgegensetzt - indem schlicht Handlungsfähigkeit und Verlässlichkeit in der Daseinsfürsorge bewiesen wird: intakte Infrastruktur, angemessene Entlohnung, genügend Wohnraum und bezahlbare Mieten, moderne Schulen und Jugendheime, ausreichend öffentliche Sportstätten, ein funktionierendes Rentensystem. . . um den Menschen den Halt und die Struktur zu geben, nach der sie sich sehnen: dann sinkt auch das Bedürfnis, sich diese Struktur von autoritären Kräften zu erhoffen.



    Und ja: Endlich weg von der medialen Überpräsenz, den endlosen Empörungsschleifen, die den rechten Protagonisten und deren Auswürfen eine Öffentlichkeit verschaffen - hin zum konkreten effektiven Lösen von Alltagsproblemen der Menschen.



    Der Artikel hat mir geholfen, noch besser zu verstehen, was da gerade in Sachsen-Anhalt als Höhepunkt einer fatalen Entwicklung passiert ist: es ist auch eine die Bedürfnisse ignorierende, den gesellschaftlichen Frieden zerstörende Politik seit spätestens der Agenda 2010, deren Ernte die AfD jetzt einfährt.



    "Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid". Yoda, Star Wars

  • Desdur Nahe

    "Wir haben im denkbar größten Stil gemordet. Es ist unmöglich, uns zu vergeben"



    Wer ist "wir" und "uns", über achtzig Jahre nach Kriegsende? Warum glaubt man, dass man nur ein echter AntifaschistIn sein kann und nur dann "Nie wieder" hochhalten kann, wenn man sich für Taten anderer Generationen persönlich verantwortlich und schuldig fühlt?



    Wer es ablehnt, sich diese Schuld selbst zuzuschreiben kann noch so engagiert gegen rechts aktiv sein, er wird dennoch als Nazi gelten. Damit gibt es nur zwei Möglichkeiten: Sich die Schuld aufzuladen, oder der Nazi zu werden, für den man gehalten wird.



    Die AfD zeigt offen, was sie von der aktuellen Erinnerungskultur hält und trifft damit einen Nerv bei Menschen, die nicht mehr bereit sind, für die Taten von Menschen, die sie oft nicht mal mehr kennen, mit gesenktem Blick in Sack und Asche zu gehen.



    Dass nur die AfD diese Menschen mit offenen Armen empfängt, ist fatal.

    • Il_Leopardo

      @Desdur Nahe:

      Weite Kreise derjenigen, die die Greul damals mitgetragen haben, haben sich nie zu ihrer Schuld bekannt. Was glauben Sie, hat diese Generation an ihre Kinder und Enkelkinder weitergegeben? Eine Gefühl der Verantwortung sicherlich nicht. Nur so ist es zu erklären, dass jetzt "geschichtsvergessene Wähler" eine Partei unterstützt, die wiederum eine Minderheit für alles, was in dieser Republik schiefläuft, verantwortlich macht. Diesmal sind es halt nicht Juden, sondern Migranten.

  • David Lejdar

    Ähh... also ich hätte da schon mit der Geschichte abschließen können, und finde es nicht verkehrt sich dessen bewusst sein, dass es bei Nachbarn zu Unmenge an Kriegsverbrechen kam. Und die Lehre dessen geht meiner Ansicht u.a. wieder zurück zu dem "pingelig", statt Sauladen zu führen oder bei sowas mitzumachen. Was dann aber die Dinge nicht abschließen lässt, sind Neonazis, und teils auch Bund, der mit Stellungen wie: "Also Münchener Abkommen wurde erst ex nunc ungültig, und aber Krim!"

    Da kommt man meiner Ansicht nach, einfach nicht auf wirklichen grünen Zweig - mit den Dingen wie wenn Stimmungskanone Faxen macht, wo die meisten Leute nie auf die Idee gekommen wären, dass ein Mahnmal ein Schandmal ist, und da auch Aspekte, wie dass es für die meisten der Shoah-Opfer nie einen Grabstein gab (während große Politiker davon reden, dass aber die andere Seite solche verdient). Und da komme ich halt da an, dass es Deutsche nichts angeht, was für Mahnmäler in Preußen stehen.

  • Il_Leopardo

    Nun, zumindest habe versucht, mich zeit meines Lebens gegen die Asymmetrien dieser Gesellschaft zu wehren - egal ob es sich um staatliche Gewalt, meine Chefs oder meine Ärzte handelte. Das hat mich Kraft und Nerven gekostet - denn es war verdammt anstrengend, genauso gut oder besser informiert zu sein, als all die Personen, die mir begegnet sind. Aber ich habe es versucht, verschiedene Meinungen eingeholt, mich stets zu allen Gegebenheiten gründlich informiert und Paroli geboten. Einige wenige Ärzte haben mich verstanden und haben mich "gleichberechtigt" behandelt - die Mehrheit war "säuerlich". Meine Chefs mussten mich akzeptieren, weil ich in meinem Fach gut war. Und die staatlichen Autoritäten lernten nicht nur mich, sondern auch meine Anwälte kennen. Das war manchmal ein Heidenspaß.

    Aber, was ich jetzt sehe, sind Menschen, die nichts aus dem großem "Betriebsunfall der Menschheit" lernen wollen. Überall wieder nur Mitläufer und Ja-Sager. Leute wie Siegmund können die größten Lügen und Widerwärtigkeiten verkünden, die Menschen lauschen, als wäre er ein Heilsbringer. "Beten" wir, dass er nicht einfach nur ein Heilbringer ist.

  • Wanderin

    Der Größenwahn endet zuverlässig in der Kränkung.



    Die Pisa Schmach war das Versailles, auf dem die AfD aufbauen konnte. Ja, wirklich. Nach dem Pisa Schock ca 2005, bei dem das 'Land der Dichter und Denker' empfindlich von der OECD auf den Boden der Tatsachen gestellt wurde, hatte Thilo Sarrazin 2010 die erlösende Antwort: Nein, unser System ist nicht verbesserungswürdig. Denn: Schuld ist der migrantische Schüler, der Deutschland abschafft. Balsam für die gekränkte dt. Volksseele, das Buch wurde der Bestseller des Jahrzehnts. 2010 geistert ein weiterer Sündenbock durch die Medien- der faule Pleite-Grieche. Ähnlich wie beim Schüler aus Neukölln lautet die Medienerzählung: faule südeuropäische EU Länder ziehen uns runter. Wo wären wir, wir die nicht hätten - Weltklasse! 2013: Gründung der Afd, die aus dem reichen Substrat der jahrzehntelangen Medienhetze politische Gewinne schöpfen kann. 2016: An allem, was in D schief läuft ist “der Flüchtling” schuld. Nach dem AfD Ergebnis 2026 kann man in linken Medien ebenfalls eine Suche nach dem Sündenbock in den eigenen Reihen beobachten: Die Woken sind schuld. Hätten die nur die Augen verschlossen gehalten, dann gäbe es kein Probleme!

    • Wanderin

      @Wanderin:

      Kurz gesagt, die 1. rassistischen Untertöne 2. die Klage vom Abstieg Deutschlands und 3. die verschwörerische Erzählung, dass der Feind der Nation im Inneren sitzt (Menschen mit Migrationshintergrund, die EU, Flüchtlinge) und Deutschland von innen “abschafft” und den Platz auf der Weltrangliste sabotiert, den D. sonst einnehmen würde, existieren schon sehr lange in den Mainstream- Medien. Und zwar seit 2010 und teils noch viel früher, VOR der Gründung der AfD.



      .



      Somit sind alle Analysen falsch, die so tun, als sei das Problem gerade erst frisch entstanden. Der Durchschnitts-Deutsche hat bereits 15+ Jahre mediale Dauerberieselung hinter sich, die beim Thema “Kopftuch” oder “Migration” mittlerweile bei einigen Pawlowsche Reflexe antrainiert hat.



      .



      Außerdem: laut bpb pendelt der Anteil der Nichtwähler seit 2009 etwas unter der 30% Marke. Über die Motive der Nichtwähler kann man spekulieren, aber ein gewisser Prozentsatz wird schon lange rechtsextreme oder antidemokratische Ansichten haben. Wie man anhand der Grafik (an anderer Stelle in der taz) sehen kann, aktiviert die AfD besonders Nichtwähler, und frühere CDU-Wähler, die “Deutschland den Biodeutschen” wollen.

      • Sam Spade

        @Wanderin:

        Im Kern richtig, als Gesellschaftaftstheorie jedoch zu dünn.

        Gerade die von ihnen hervorgehobene Medienberieselung taugt vor dem Hintergrund, das der Durschnittsdeutsche sich gerade einmal 10 Minuten am Tag mit Nachrichten beschäftigt, nur bedingt.

        Auch hier dürfte in Bezug auf die Gesellschaft die alte Kant Maxime von der "selbstverschuldeten Unmündigkeit des Menschen" stärker ins Gewicht fallen als die Medienpräsenz.

        Das Gefühlte über die Zustände in der Außenwelt ist ein wichtiger Faktor, tragen negative Gefühle doch stark zur Unentschlossenheit bei und verstärken den Wunsch nach fremder Führung an der man sich orientieren kann.

        Die deutsche Historie und der Umgang mit deren Erbe hat wahrscheinlich mit dazu beigetragen, das autoritäre Tendenzen in Deutschland lange im verborgenen geblieben sind, während im Rest Europas das Erstarken des Rechtspopulismus bereits seit Mitte der 80er Jahre in organisierten Strukturen erfolgte.

        Also lange vor den häufig als Brandbeschleuniger genannten Ereignissen wie 9/11, Finanz- und Flüchtlingskrise, Corona oder Ukrainekrieg.

        Diese historisch selbst auferlegte Hemmschwelle ist nun gefallen und dadurch früher unsagbares, sagbar und wählbar.

        • Wanderin

          @Sam Spade:

          "Im vergangenen Jahr haben die Menschen in Deutschland im Schnitt täglich knapp elf Stunden Medien genutzt. " www.zeit.de/digita...rank-giersberg-gxe

          Das beliebteste Medium ist Radio, dann TV (täglich fast 3h) und Internet ( ca 2h).



          Selbst wenn Sie alle 2 Wochen nur 30min herum zappen und auf eines der Talk-Themenangebote stoßen, das um eines der Quoten-Evergreens der letzten Jahrzehnte, wie "Kopftuch", "Islam", "Migration", "Flüchtling" "Integration" kreist, dann sind Sie nach 10 Jahren ideologisch durchmariniert. Denn diese Themen werden seit Jahrzehnten (!) wiederholt. Darüber hinaus sehen Sie die Schlagzeilen der Boulevardpresse im öffentlichen Raum und Sie hören Gespräche, die um Medienthemen kreisen. Möglicherweise haben Sie Bekannte, die Ihnen aufgebracht von einem Medienthema erzählen wollen.



          .



          Erkennen kann man das auch an den Kommentarspalten, in denen kleine Echos aus "Deutschland schafft sich ab" (meistverkauftes Sachbuch in der Geschichte der BRD) erklingen und das typische Vokabular und die "Fall-Beispiele" und "Protagonisten" aufgewärmt werden, die dem Talk-TV bzw Reportage- Medienkosmos entstammen.

          • Wanderin

            @Wanderin:

            Kurz gesagt, es gibt keinen Populismus ohne Medien.



            Und das Fernsehen steht in D immer noch vor social media.

    • Il_Leopardo

      @Wanderin:

      Schon seit Ikarus enden alle Höhenflüge mit einem Absturz.

  • Sam Spade

    Auch nachdem ich mir den Text des Autors ins norwegische übersetzt habe, bin ich mir nicht schlüssig worauf der Autor hinaus will.

    Geht es um die Modernisierung der alten Geschichte, das der Deutsche von sich selbst befreit werden möchte? Dieses ist nun in diversen Zusammenhängen von Mitscherlich über Lübbe bis Habermas in unzähligen soziologischen, psychologischen und philosophischen Abhandlungen zur genüge behandelt worden.

    Übertragen auf heute also, wir befreien uns von uns selbst indem wir radikale Kräfte stärken, denn nur Autoritarismus verhilft uns dazu den Zugang zu uns selbst wieder zu finden.

    Wenn ich mit meiner Schlussfolgerung annähernd richtig liege, so versehe ich diese These mit einem dicken Fragezeichen, besonders in Hinblick auf die Generationen der Millennials bis Generation Z.

    Die wollen mit Sicherheit nicht befreit werden sondern definieren Freiheit ganz nach ihren persönlichen Bedürfnissen und nehmen sich dabei das Recht raus diese Freiheiten für sich zu beanspruchen, was zur Folge hat das einige über das Ziel hinausgehen indem sie die Freiheiten des Anderen einschränken. Die AfD lebt es tagtäglich vor und dürfte für viele von denen daher ein Vorbild sein.

  • Il_Leopardo

    Ich empfehle erneut Ingeborg Bachmann "Unter Mördern und Irren":



    "«Die Männer sind unterwegs zu sich, wenn sie abends beieinander sind, trinken und reden und meinen. Wenn sie zwecklos reden, sind sie auf ihrer eigenen Spur, wenn sie meinen und ihre Meinungen mit dem Rauch aus Pfeifen, Zigaretten und Zigarren aufsteigen und wenn die Welt Rauch und Wahn wird in den Wirtshäusern auf den Dörfern, in den Extrastuben, in den Hinterzimmern der grossen Restaurants und in den Weinkellern der grossen Städte.»

  • Wanderin

    "Sieg Unheil", "Sunnyboy", "Gut gelaunter Rechtsextremismus", und jetzt "Wir sind Siegmund?"



    Wer denkt sich eigentlich diese Überschriften aus?



    Dieser dauer-lobhudelnde, irritierend ergebene Hofberichterstatter- Ton in den Schlagzeilen gegenüber der AfD ist wirklich unwürdig.

    Ich weiss, die kritischen Texte wie dieser hier haben damit nichts zu tun, aber die Überschriften sprechen unfreiwillig eine andere Sprache.

  • FtznFrtz

    Interessante Gedanken, warum protestieren wir Deutschen eigentlich immer, indem wir Nazis wählen? Warum steht nicht Volt bei 30% Oder die Tierschutzpartei? Oder die Piraten?



    Der Nazi ist die größte Keule, die größte Disruption, die größte Zumutung. Das der Wähler zu riesigen Teilen einfach stinksauer und enttäuscht ist, ist die eine Sache. Dass er jetzt allen Ernstes der AfD eine überlegene Kompetenz auf den Feldern Kultur und Schule sowie Wirtschaft zubilligt lässt nur einen Schluss zu: die Leute sind komplett durchgedreht.

    • Volker Scheunert

      @FtznFrtz:

      Also, ich bin Deutscher, protestiere auch hin und wieder, habe aber noch nie Nazis (AfD hier ausdrücklich mitgemeint) gewählt, und auch nicht vor, dies in Zukunft zu ändern.



      In Ihrem Post,und noch viel mehr in Dirk Baeckers Artikel, lese ich zu viel Geraune über die angeblichen Tiefen und Abgründe der angeblichen kollektiven "deutschen Seele".



      Der offensichtlich wesentlich banaleren Wahrheit kommt da m. E. Robert Misik viel näher:



      taz.de/Wahlverhalt...n-Anhalt/!6211363/