Influencer über AfD-Erfolg: „Das war der beste Wahlkampf seit der NSDAP“
Der Polit-Influencer Daniel Rensing rät, die AfD im Netz mit Humor zu bekämpfen. Damit täten sich Linke oft schwer. Wie könnten sie lustiger werden?
taz: Herr Rensing, in Ihrem Buch „Make Nazis Afraid Again“ betonen Sie, wie wichtig Emotionen in der Politik sind. Welche Gefühle hatten Sie, als Sie das Wahlergebnis aus Sachsen-Anhalt erfahren haben?
Daniel Rensing: Erst einmal gar keine, ich habe nichts gefühlt. Überrascht sein kann man nicht. Es hat sich ja nichts geändert – außer, dass wir es jetzt schriftlich haben. Es macht mich etwas happy, dass Grüne und SPD im Landtag sind. Ein bisschen traurig bin ich, dass es das BSW auch geschafft und die Linke an Prozenten verloren hat.
Daniel Rensing ist Polit-Influencer mit mehr als 230.000 Follower auf TikTok (its.daniel.brln). Jetzt hat er ein Buch geschrieben, das aus dem Stand auf die "Spiegel"-Bestseller-Liste gesprungen ist: "Make Nazis afraid again: Wie man Rechte im Internet mit Humor und Fakten fertigmacht und nebenbei die Demokratie verteidigt", Heyne Verlag, 256 Seiten, 18 Euro. Die Premiere-Lesung mit dem Autor findet am Donnerstag, 10. September 2026, um 20.00 Uhr in Berlin statt.
taz: Wie erklären Sie sich den Erfolg der Rechtsextremen?
Rensing: Zum einen mit den Entwicklungen der letzten 35 Jahre im Osten! Da können wir uns bei der CDU bedanken. Die hat seit der Wende erzählt, jetzt würde alles besser, hat „blühende Landschaften“ versprochen. Die sehe ich aber ehrlich gesagt nicht, sondern eine strukturschwache Region. Und wenn der Satz „Früher war alles besser“ für die Leute stimmt, dürfen wir uns nicht wundern, dass sie kein Vertrauen mehr in die Politik haben.
taz: Was hat die AfD richtig gemacht?
Rensing: Handwerklich war das der beste Wahlkampf, den es seit der NSDAP gegeben hat. Also wahlkampftechnisch. Ulrich Siegmund hat tagtäglich auf drei „Familienfesten“ rumgegrinst und Selfies gemacht. Die AfD hat unendlich viel Geld in die Hand genommen, um diese „Familienfeste“ zu organisieren. Der große Trick war, dass Siegmund – egal, wo er aufgetreten ist – immer gesagt hat: Heute ist Familienfest, wir reden nicht über Politik. Am Ende haben die Leute einen Lifestyle gewählt, keine Politik.
taz: Welchen Stellenwert hatte ihre Social-Media-Strategie für den Wahlerfolg der AfD?
Rensing: Einen unfassbar hohen! Es gab mindestens vier oder fünf Streamer, die jede dieser Veranstaltungen live ins Internet übertragen haben, jeden Tag. Allein auf Youtube gab es jeden Tag 60 neue Videos von diesen Auftritten. Das Internet wurde geflutet. Niemand kam da mehr drumherum.
taz: Sind die Algorithmen so programmiert, dass sie rechte Inhalte aktiv bevorzugen? Oder verbreiten sich diese nur stärker, weil sie stärkere Emotionen auslösen, die der Algorithmus belohnt?
Rensing: Letzteres. So sehr ich Mark Zuckerberg von Meta und der chinesischen Regierung bei Tiktok misstraue, glaube ich nicht, dass sie rechten Content aktiv pushen. Ich glaube einfach, dass linker Content arschlangweilig ist.
taz: Warum sind viele Linke nicht lustig?
Rensing: (Lacht) Humor ist ein Risiko. Egal, was ein Linker sagt – hinter der nächsten Ecke hängt immer ein linkes Tribunal oder das innere Ethikkomitee, das dir aus jedem Witz einen Strick drehen kann. Außerdem braucht Humor Selbstironie. Das wiederum setzt die Bereitschaft voraus, anzuerkennen, dass man selbst im Unrecht ist.
taz: Die AfD kommt ganz ohne Selbstironie aus. Trotzdem schafft sie es, dass Leute lachen.
Rensing: Genau, die AfD-Leute haben keinen Humor. Die machen ja nur Witze auf Kosten anderer. Ich muss über diese Trümmertruppe nur lachen, weil sie peinlich und lächerlich sind. Das ist oft Realsatire.
taz: Wann haben Sie sich zuletzt geärgert, dass Sie lachen mussten?
Rensing: Immer, wenn ich über Gags lachen muss, über die ich als Linker nicht lachen sollte – zum Beispiel KZ-Witze oder so. Da schäme ich mich schon.
taz: Über solche Witze zu lachen kann auch eine Überlebensstrategie sein. Zum Beispiel in der Filmkomödie „Zug des Lebens“, in der Juden ihre eigene Deportation vorgaukeln, was makaber und unfassbar witzig ist.
Rensing: Genau! Achtung, jetzt kommt kurz mein innerer Ulf Poschardt raus: Wenn ich mich mit dem über Political Correctness unterhalten würde, wären wir wahrscheinlich gar nicht so weit auseinander. Ich denke nämlich auch, der moralische Zeigefinger von Linken in den letzten 20 Jahren hat genau dazu geführt, wo wir heute stehen. Du kannst Leuten nicht oktroyieren, was sie sagen dürfen und was nicht. Und mit linker Cancel-Culture haben wir uns keinen Gefallen getan.
taz: Wie viel Anteil hatte das Ihrer Meinung nach am Wahlausgang in Sachsen-Anhalt?
Rensing: Wenn es diese ganze linke Wokeness nicht gegeben hätte, läge die AfD heute bundesweit bei 15 Prozent.
taz: Sie raten Demokraten, lauter auf Social Media zu sein. Wir sollen die Rechten also mit ihren eigenen Waffen bekämpfen?
Rensing: Ja! Das nennt sich Populismus. Ich bin „Linkspopulist“. Zugänglichkeit ist für mich kein Verrat an der Sache.
taz: Bei Menschen bewusst Gefühle erzeugen – ist das nicht Manipulation? Und sie zu einem bestimmten Verhalten zu bringen wird heute als „Social Engineering“ bezeichnet.
Rensing: Die Frage unterstellt, dass es emotionsfreie Kommunikation gäbe. Aber selbst die „Tagesschau“ kommuniziert mit Gefühlen: mit purer Langeweile. Was ich mache, ist Rhetorik. Das nennt man seit Aristoteles so. Und dem hätte nie jemand „Social Engeneering“ vorgeworfen. Ja, ich versuche, den Menschen ein Lachen zu entlocken, um so Aufmerksamkeit für Fakten herzustellen. Studien zeigen, wer kurz gelacht hat, ist weniger auf der Hut. Das Gehirn signalisiert: Hier ist keine Bedrohung. In diesem Zustand nehmen wir Neues leichter an.
taz: Die größte Wählergruppe der AfD sind Männer. Wie gut klappt es eigentlich, bei denen Gefühle zu provozieren? Das Patriarchat untersagt ihnen ja die meisten Gefühle oder trainiert sie ihnen ab.
Rensing: Ein Gefühl, das als sehr männlich gilt, ist ja Wut. Das bewirtschaftet die AfD industriell. Aber es gibt noch eine zweite Emotion, die Männer, die in diesem Männlichkeitsbild gefangen sind, zeigen dürfen: Das ist Lachen. Das ist meine Ebene. Auf Rage Bait verzichte ich, davon gibt es genug, das stimmt.
taz: Social Media führt Studien zufolge oft zu Depressionen oder Essstörungen – zum Beispiel bei jungen Mädchen, die zu lang auf Instagram rumhängen, auch der rechte Content kann einen fertigmachen. Sollten wir uns nicht lieber davon fernhalten?
Rensing: Diese Studien stimmen alle. Nur klingt das wie: „Warum sollten wir aufs Schlachtfeld, da wird ja geschossen?“ Aber das Schlachtfeld verschwindet ja nicht, wenn wir nicht hingehen. Das sieht man ja an der Entwicklung von X, wo sich SPD, Grüne und Linke verabschiedet haben. Das ist, Entschuldigung, wenn ich das so sage: dämlich. Denn Du überlässt ja dann einer politischen Richtung das komplette Netzwerk, in dem sie sich dann gegenseitig hochschaukeln können – ohne Gegenrede zu erleben.
taz: Die Frage ist, wo man die Grenze zieht? Wäre Hitlers „Mein Kampf“ ein Sammelband gewesen, hätten Sie dann auch einen Artikel beigesteuert?
Rensing: Wenn ich darin alles andere hätte kritisieren können, hätte ich das gemacht. Sehr gut fand ich zum Beispiel, wie Florian Schröder sich hingesetzt hat und Julian Reichelt Kontra gegeben hat.
taz: Formate, in denen mit Rechten geredet wird, sind ja sehr erfolgreich. Aber Fachleute warnen, dass davon am Ende immer die Rechten profitieren – egal, wie gut die Gegenargumente sind.
Rensing: Ja, aber das heißt es ja genauso bei der Brandmauer. Die helfe nur der AfD. Wie oft ich höre, „das hilft nur der AfD“.
taz: Was hilft denn nicht der AfD? Vielleicht müssen wir als Antifaschist*innen einsehen, dass gerade niemand von uns so richtig weiß, was gegen die AfD hilft.
Rensing: Ja. Aber das heißt ja nicht, dass wir aufhören sollten, uns zu wehren. Sollen wir uns jetzt alle jeden Mittwoch in einem geschlossenen Marx-Lesekreis treffen und sonst nichts machen?
taz: Ein bisschen mehr Lesen würde einigen Linken vielleicht nicht schaden.
Rensing: Ja, nur glaube ich, in dieser Situation gerade hilft Marx uns nicht weiter. Aber vielleicht mein Buch (lacht)!
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert