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Reform des HeizungsgesetzesFeuer frei für fossile Wärme

Hannes Koch

Kommentar von

Hannes Koch

Das von der Union vorangetriebene Heizungsgesetz geht nicht zusammen mit dem Klimaschutzgesetz. Doch wen stört es schon, dass sich die Erde erwärmt.

: Alte und neue Öl- und Gasheizungen können zeitlich unbeschränkt weiter Erdöl und Erdgas verfeuern Foto: Christian Bendel/plainpicture

E inen absichtlichen Widerspruch zwischen zwei Gesetzen schaffen CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und ihre Union. Im Entwurf des Gebäudemodernisierungsgesetzes eliminieren sie das Enddatum für fossile Brennstoffe wie Erdgas und Erdöl in Heizungen. Angepeilt ist bislang der 31. Dezember 2044. Gleichzeitig legt das Bundes-Klimaschutzgesetz weiterhin das Ziel der Treibhausgasneutralität auf 2045 fest. Was gilt denn nun?

Die Bedeutung dieser Gesetzesänderung ist kaum hoch genug einzuschätzen. Die Union räumt auch die Regelung ab, dass neue Heizungen zu 65 Prozent mit erneuerbarer Energien zu betreiben sind. Stattdessen soll dem Erdgas später mehr Biogas beigemischt werden – 60 Prozent ab 2040. Zahlen für danach sucht man im Entwurf vergebens. So lautet die Logik: Alte und neue Öl- und Gasheizungen können zeitlich unbeschränkt weiter Erdöl und Erdgas verfeuern.

Zwar kommen die Verhandlungen im Bundestag erst noch, vielleicht ändern sie etwas am Text. Doch von heute aus betrachtet zeichnen sich mehrere Wege ab, um den Widerspruch zwischen Heizungs- und Klimaschutzgesetz künftig aufzulösen. Erstens wäre es grundsätzlich möglich, wenn auch sehr unwahrscheinlich, die klimaschädlichen Abgase von Millionen Heizkesseln aufzufangen und endzulagern. Zweitens könnten sich die Bür­ge­r:in­nen und der Markt gegen die Gaspräferenz der Bundesregierung entscheiden.

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Denn fossile Brennstoffe werden immer teurer. Der Preis für Biogas dürfte ebenfalls steigen, weil es nicht genug davon gibt – alles Gründe, die Fossilbrenner freiwillig gegen Wärmepumpen einzutauschen. Die dritte Variante: Das Klimaschutzgesetz wird irgendwann entkernt. Warum nicht Klimaneutralität 2060 oder 2070. Das reicht doch auch.

So betrachtet untergräbt die Union mit ihrem neuen Heizungsgesetz das Klimaschutzziel 2045. Sie konterkariert damit drei Jahrzehnte Politik gegen die Klimaerwärmung. Und die schwache SPD macht das mit, teils zähneknirschend, teils achselzuckend. Klima ist eben nicht ihre Kernkompetenz.

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Hannes Koch
Freier Autor
Geboren 1961, ist selbstständiger Wirtschaftskorrespondent in Berlin. Er schreibt über nationale und internationale Wirtschafts- und Finanzpolitik. 2020 veröffentlichte er zusammen mit KollegInnen das illustrierte Lexikon „101 x Wirtschaft. Alles was wichtig ist“. 2007 erschien sein Buch „Soziale Kapitalisten“, das sich mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen beschäftigt. Bis 2007 arbeitete Hannes Koch unter anderem als Parlamentskorrespondent bei der taz.
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18 Kommentare

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  • Reiche hat es tatsächlich geschafft, das Gebäudeenergiegesetz entgegen der EU-Vorgaben abzuschaffen, ohne sich das so direkt vorwerfen lassen zu müssen. Wenig überraschend, ist doch diie Taktik, die Klimaschutzregeln mit rosa Einhörnern zu "erfüllen" nicht auf ihrem, sondern Volker Wissings Mist gewachsen. Die Gewinnung von Wasserstoff (der weder grün noch gelb, sondern farblos ist) wäre egal auf welchem Weg energietechnisch und wirtschaftlich grober Unfug. Derzeit reicht das Angebot wohl gerade so oder nicht mal für den Betrieb eines einzigen Hochofens. Man müßte aber zumindest die Stahlindustrie vollständig darauf umstellen, wollte man vom Gas in erforderlichem Umfang wegkommen. Und die Nachfrage nach Biomasse in erforderlichem Umfang führe auch nur dazu, daß der Amazonas nach und nach vollständig minderwertige Ackerflächen weichen würde. Das heißt, für den Verkehrs- und für den Gebäudeenergiesektor wird es absehbar nichts geben, was beizumischen wäre. Folglich werden die Regelungen, die Reiche da wohl wissentlich als Plazebo eingebaut hat, zum Zeitpunkt des geplanten Eintretens undurchführbar und damit nichtig sein.

  • Schwarz- rot (?) versucht einen ungeahnten (?) roll-back in die fossile Vergangenheit und den Neoliberalismus.



    Beides muss (und wird) scheitern.



    Es liegt an den BürgerInnen das Richtige zu tun.



    Das wird extrem schwer unter den jetzigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen- Aber:



    Wer sich auf die Politik dieser Koalition verlässt, der ist verlassen.

  • Die csdU untergräbt nicht nur das Klimaschutzziel sondern sie schädigt direkt die gesamte Bevölkerung. Alle müssen mit den Folgen leben und die enormen Kosten tragen, die daraus entstehen durch Katastrophenschäden und Gesundheitsprobleme. Zudem sind die Mieter*innen mit einem Löwenanteil an den Kosten für den Heizungsbetrieb dabei ohne sich wehren zu können. Da hilft auch die Mitbeteiligung der Vermieter nicht, bei der man davon ausgehen kann, dass sie oft eingeklagt werden muss - so wie andere Regelungen schon jetzt- von den Mietern.



    Diese Regelung zeigt noch einmal mehr, was die scharz/rote Regierung von den Menschen im Land hält: nichts! Die werden bestenfalls beschimpft und gegeneinander ausgespielt. Nur die Wirtschaft profitiert -zunächst - von solcher Politik.



    Und dann wundern sich die Verantwortlichen, dass die AgD in den Umfragen so stark wird.

  • ("geht zusammen mit" hieß früher einmal doch "ist vereinbar mit" o.ä. )



    Schlimmer ist aber die Faktenlage. Höchstbezahlte PR-Schreiber von Springer oder schlimmer jagen ja den antisozialen und Kulturkampf in immer neue Höhen, um von der Ausplünderung der Zukunft durch Fossil abzulenken.



    Erste Schritte? Weiter zu einer Unabhängigkeit von fossilen Energien, also Solar, Wind, Rad, Busse, Bahnen, Fuß, als Freiheitsenergien - und hier zitiere ich sogar einen Chr. Lindner, (welcher da inzwischen einen Rückfall erlitt und in Frieden seine Immobilie scheidungsaufteilen mag).



    Staatliche Anreize müssen von Fossil wegführen, nicht umgekehrt. Die Union muss da also das Wort Verantwortung wiederfinden.

  • Die Welt wird nicht am deutschen Wesen genesen.



    So wichtig sind wir nicht

    • @Carsten S.:

      Sie genäse nicht an einer deutschen Ausredenwirtschaft und Bequemlichkeit von Fossilköpfen, das ist gewiss.



      Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, eher energieintensiv, und führende Volkswirtschaft der EU kann sich nicht wegducken. Auch nicht, um einzelne Retroträumer weiterschnorcheln zu lassen, während unsere Lebensgrundlagen wegschmoren.

  • Als ehemaliges langjähriges Grünen Mitglied bekam ich unter der Ampelregierung Pickel, wenn ich nur schon das Wort Klima gehört habe.



    Etwas weniger Aktivismus, etwas weniger Ökostreberei und dafür Kurs halten hätte uns nicht geschadet. Wenn wir das CO2 fünf Jahre später los sind, ist es auch gut. Hauptsache, wir werden es auf absehbare Zeit los.

    • @Carsten S.:

      Wie werden wir bereits ausgestoßenes CO2 "los"?



      Bezahlbar am liebsten auch noch. Neugierig gefragt.

  • Vom wichtigen Klimaschutz mal ganz abgesehen, ist das auch eine Frage der Wirtschaftlichen Zukunft. Wir haben schon öfter Technologien verschmäht, welche Zukunftsfähig sind und wo wir führend waren oder zumindest großes Potenzial hatten. Alles um an alten Technologien und Industrien fest zu halten welche in einigen Jahren ihr Auslaufdatum erreicht haben werden.

    Die die nicht bereit sind jetzt bei Investitionen auch mal in den sauren Apfel zu beißen, verspielen gerade unsere Zukunft, ganz unabhängig von Klima.

    Was viele auch komplett ignorieren: Mit jeder Wärmepumpe, welche für eine Gasheizung eingebaut wird, werden die Kosten für das Gas Verteilnetz, auf weniger Kunden umgelegt und das erhöht unweigerlich den Gaspreis.

    Man sollte sich schon selbst fragen, ob man einer der letzten Kunden sein möchte, denn das wird sehr sehr teuer und über kurz oder lang hat man dann auch eine Deadline, ganz unabhängig davon ob man gerade in der Lage ist eine neue Heizung einzubauen.

  • "Sie konterkariert damit drei Jahrzehnte Politik gegen die Klimaerwärmung."



    Indem sie weniger erlaubt, als vor vier Jahren erlaubt war?



    Also auch die meiste Zeit in den besagten drei Jahrzehnten?



    Anscheinend haben wenige Eingriffe in die privaten Heizentscheidungen vermisst; zumindest wüsste ich ja gern, was der Autor _vor_ Amtsantritt der Ampel gegen das damals offenbar unhaltbare, "wilde" Heizen in deutschen Kellern alles geschrieben hat. Links auf das taz-Archiv werden gern genommen.

  • "Denn fossile Brennstoffe werden immer teurer. Der Preis für Biogas dürfte ebenfalls steigen, weil es nicht genug davon gibt..."



    Strom wird auch teurer. Wegen erforderlichem Netzausbau, damit der Strom für die Wärmepumpen überhaupt durchkommt. Wegen der erforderlichen Flautenkraftwerke für kalte dunkle Wintertage, die ihre hohen Fixkosten auf relativ wenige kWh umlegen müssen.



    Biogas und Biofuels haben einen Vorteil: Sie sind wirtschaftlich lagerfähig, auch über Wochen und Monate. Auch Wärmepumpenheizer werden an ihnen (und an Flautenkraftwerken) noch froh sein.



    Komme mir bitte niemand mit Akkus. Da kostet eine kWh Kapazität z.Z. ca. 100 Euro. Für den gleichen Preis ist ein industrieübliches 200 l-Fass erhältlich: Da gehen in Form von E- oder Biodiesel 2000 kWh rein. Ein Kostenvorteil, der auf keine Art der Welt aufzuholen ist.



    Die Wärmepumpen werden angepriesen wie saures Bier. Und wie bei Bier liegt dann der Verdacht nahe, dass da tatsächlich etwas sauer ist.

  • Bis vor wenigen Jahren wurde dringend zum Einbau einer Gasheizung geraten. Heute erklären uns Sänger und Klatscher, dass wir doch alle einfach neue Heizungen einbauen sollen. Offenbar sind die Mahner finanziell gut aufgestellt.

    • @FraMa:

      Niemand verlangt von Ihnen, dass sie eine neue Heizung einbauen sollen.



      Wenn Sie aber eine neue Heizung einbauen wollen oder müssen bekommen Sie sogar massive Zuschüsse dafür, sich hier für eine auch ökonomisch nachhaltige Lösung zu entscheiden.

      • @Life is Life:

        Die Zuschüsse dürften eher bei den Unternehmen landen, die die Heizungen vertreiben / einbauen. So wie der Tankrabatt.

  • Ich habe ein neues Haus mit guter Dämmung und einer guten eingestellten Luft-Luft-Wärmepumpe und habe vor ein paar Tagen die Stromrechnung bekommen. Gerade vor dem Hintergrund, dass ich sechs Monate lang ausschließlich selbst produzierten Strom verbrauche, bin ich über die Höhe des Verbrauches sehr erschrocken.

    Wie hoch ist den dann bitte erst der Verbrauch einer Wärmepumpe in einem nicht gedämmten Haus ohne Flächenverteiler (bei mir Fussbodenheizung), mit alten Fenstern in alten Bestandsgebäuden?

    • @DiMa:

      In nicht gedämmten Häusern mit alten Fenstern wird alles ziemlich teuer. Außer vielleicht Holzscheitheizung mit eigenem Waldstück ( solange man das Holz noch selber schlagen kann).

      Aber wieso war der Verbrauch so hoch? In den 6 Sommermonaten wird die WP natürlich kaum gebraucht. Was hat sie denn für eine COP erreicht? Oder wie groß ist die Wohnfläche?

      Kurz, eine Ersparnis von 50% der Kosten sollte immer drin sein. Ob sich das z.Zt monetär lohnt mit Blick auf die Investitionen ist eine andere Frage.

  • Da erhebliche Teile der Welt sich überhaupt nicht um Reduktion der CO2 Emissionen kümmern, stellt sich schon die Frage wie ich Detschland da positionieren soll.



    Offenbar hat es auf die Klimaerwärmung relativ wenig Einfluss, wenn wir im Alleingang massive CO2 reduzieren, aber die auf Kosten von Wohlstand und Winrtschaftskraft. Ein stärkerer Fokus auf Entwicklung von technologischen Altenativen, die gleichzeitig kostengünstiger sind, wäre besser. Weil man damit (über den Technologieexport) nämlich indirekt Klilaschutz betreiben kann, und damit sogar mehr erreicht als mit verbotsbasierter Klimapolitik.

  • Ein Verbrechen gegen den Generationsvertrag durch die CDSU und SPD. Taschenspielertricks in Gesetzesform, ohne jegliche Klarheit und Verbindlichkeit für die Zukunft. Das wird die Jugend bei der nächsten Wahl hoffentlich "belohnen" und weder CDSU, noch SPD, noch AfD wählen. Machen wir Bürger die dabei die Größte Zeche zahlen, endlich Schluss mit dieser egozentrischen, den Bürgern abgewandten Kurzzeitpolitik, die unsere Lebensgrundlagen zerstört und aktuell unsere Wirtschaft bereits beschädigt. Hier sind schon massive Wettbewerbsrückfälle in den Bereichen Automobil, regenerative Unabhängigkeitsenergien, dem Finanzwesen und der IT-Branche zu verzeichnen.