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Lindsey VonnAus Liebe zum Sport

Klaudia Lagozinski

Kommentar von

Klaudia Lagozinski

Lindsey Vonn wird für ihren Unfall im Netz vielfach verurteilt. Vollkommen ungerechtfertigt: Sie ist eine Ausnahmesportlerin und verdient Anerkennung.

Bekommt Häme von Sofa-Sitzern nach ihrem Sturz: Lindsey Vonn im Zielbereich des Abfahrtstrainings in Cortina Cortina d'Ampezzo Foto: Andy Wong/ap

M ehr als 100-mal stand Skirennläuferin Lindsey Vonn nach Turnieren auf dem Podest. Selbst mit Knieprothese gehörte sie noch zu den Besten. Im Jahr 2011 wurde sie Weltsportlerin des Jahres. Sie ist Weltmeisterin, Gesamtweltcup- und Olympiasiegerin. Dennoch erntet Vonn im Netz gerade Schadenfreude und Kritik, weil sie nach einem Kreuzbandriss Ende Januar bei den Olympischen Spielen an den Start ging und sich das Bein brach.

Die Sportschau veröffentlicht ihren Sturz als Reel auf Instagram. Dreimal sieht man, wie sie fällt: in Echtzeit, im Close-up, in Zeitlupe. Wer, abgesehen von Gaffern, die auch bei einem Autounfall stehen bleiben und glotzen würden, profitiert von einer solchen Darstellung einer Sportlerin? Diejenigen, die das für Klicks geschnitten haben, machen mit solchen Beiträgen eine Ausnahmeathletin zur Zielscheibe von Spott und Häme. In den Kommentaren unter dem Kurzvideo wird sie als „unverantwortlich“ verurteilt. Sie sei selbst schuld, schreibt jemand. Kommt davon, wenn man nicht auf seinen Körper hört, ein anderer unter einem YouTube-Video ihres Unfalls. Sie wird als dumm bezeichnet und ihr wird falscher Ehrgeiz vorgeworfen.

Trotz vieler Unfälle ist Vonns Lebensstil mit viel Bewegung und gesunder Ernährung vermutlich gesünder als der vieler Menschen, die sie aktuell von ihrer Couch aus verurteilen. Hätte Vonn so gehandelt, wie es ihr ein Teil der Internetcrowd nachträglich rät, wäre sie im Sport nie so weit gekommen. Viele derer, die Vonn gerade verspotten, verstehen die Einstellung der Sportlerin offenbar nicht im Ansatz. Vonn fährt aus Leidenschaft und Liebe zum Skisport, und das seit knapp 40 Jahren – sie ist 41 und lernte mit zwei Jahren Skifahren.

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Ihr Vater fand passendere Worte als die Schadenfreudigen im Netz: „Unglücklicherweise war es nicht ihr Tag.“ Denn als Vonn sich vor 20 Jahren verletzte und trotz Schmerzen an den Olympischen Spielen teilnahm, schaffte sie es in zwei Disziplinen unter die Top 10. Dafür wurde sie mit dem U.S. Olympic Spirit Award ausgezeichnet: für ihren Willen. Das ist das Bild, das diese Ausnahmesportlerin verdient.

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Klaudia Lagozinski
Nachrichtenchefin & CvD
Immer unterwegs. Schreibt meistens über Kultur, Reisen, Wirtschaft und Skandinavien. Meistens auf Deutsch, manchmal auf Englisch und Schwedisch. Seit 2020 bei der taz. Master in Kulturjournalismus, in Berlin und Uppsala studiert. IJP (2023) bei Dagens ETC in Stockholm.
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20 Kommentare

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  • "Verdienst" könnte L. Vonn sich nicht selbst zuschreiben und auch eine taz-Redakteurin nicht dekretieren. Früher war nicht nur mehr Lametta, sondern hatte die taz auch weniger Sport und Lifestyle.

    Jeder und jede darf ins Risiko für sich selbst gehen. Wenn ein Arzt m/w/d sie ermutigt hätte, mit aller dieser ablenkenden gesundheitlichen Vorschädigung in einen solch hochkompetitiven Wettkampf zu gehen, würde es mich freilich wundern.

    Und jetzt wieder zu wichtigeren Themen als Skifahrerinnen.

  • Ich kann ihren Ehrgeiz, bei den Spielen anzutreten, nur nachvollziehen und es verdient jeden Respekt. Sie hat zu viel Spaß und Ehrgeiz in sich, als das sie es einfach aufgeben könnte, vermute ich. Die Droge Sport ist zu süchtig machend. Ich kenne das selber von mir und meiner sportlichen Betätigung. Der Körper rückt in der Priorität in den Hintergrund. Der Geist will mehr als der Körper kann. Verstand und Körper sind zwei verschiedene Dinge und manchmal muss der Verstand einsehen, dass der Körper nicht kann. Das ist die Crux bei dem Ganzen.

  • Rainhard Fendrich hat zu dem Thema schon alles gesagt, sogar mit einem sinngemäß ähnlichen Titel.

  • Es war ihre Entscheidung und das müssen wir so akzeptieren! Es ging um ihren Körper und da haben wir keinen Einfluss darauf! Daraus ein Thema zu machen, halte ich für übertrieben

  • Der ganze Fall zeigt doch nur wie dämlich dieser ganze Zirkus um den Leistungssport ist. Das Ausmaß der mentalen Zurichtung und Abrichtung der Sportler*innen, die so ein Leben "wählen", wie auch der Zuschauer*innen, die daraus irgendetwas ziehen, beängstigt mich immer wieder - und angesichts der Eltern, Funktionär*innen und Trainer*innen, die dieses moralischen Großversagen ermöglichen und unterstützen, empfinde ich Schrecken.



    Kostenlose Angebote für Breitensport! Mit dem, was für die Übertragungsrechte geblecht wird, ließen sich ein paar schöne Sportplätze und Schwimmhallen finanzieren.

    • @My Sharona:

      Könnte es sein, dass Sie keine Leistungssportler persönlich kennen?

      • @Django:

        Selbst wenn darf er/sie doch für Förderung der Vielen stattdessen plädieren oder nicht?



        Die paar Prozent "Macher" werden ja auch ohne Gelder ein Ventil für ihre Ausrichtung finden.

  • Aus liebe zu Sport: Kürzlich ist der norwegische Biathlet Sivert Bakken gestorben. Er hatte während er schlief zu Trainingszwecken eine Höhenmaske auf, eingestellt auf extreme 7000 Meter, Todeszone.

  • Naja, die gesunde Lebensweise macht noch keinen gesunden Körper. Zu dem gehört eben im Zweifel auch, dass frau ihn nicht wiederholt mit 100+ km/h auf brettharte Eisflächen knallt oder sich die 2,1x m langen Biest-Ski (mit den unsäglich fest gestellten Bindungen) in hügeligen Kurven verschlägt.

    Von daher: Ob es "vernünftig" ist, sich mit 41 Lenzen, einem schwer lädierten und einem künstlichen Knie eine der schwersten Abfahrtstrecken der Welt anlässlich eines olympischen (also "Nur Stockerl zählt!"-) Rennens runterzustürzen, kann eigentlich keine ernstgemeinte Frage sein. Dafür musst Du ein wenig spinnen, und das tut Lindsey Vonn und gibt es auch zu.

    Häme ist aber völlig unangebracht, Mitleid schon eher. Denn auch wenn sie sich das Risiko selbst gewählt hat, wünscht man sowas doch hoffentlich nicht einmal seinem ärgsten Feind. Und Vonn wird wahrscheinlich eh schon eine sehr schmerzende "Told you so!"-Nachricht von ihrer neunmalschlauen Ex-BFF Maria auf dem Handy haben (die freilich wirklich vorher gewarnt hatte)...

  • Kurzfristig war das Thema „Olympische Winterspiele 2026“ aus der Themenübersicht verschwunden und es keimte die seichte Hoffnung auf, es gäbe bei der taz doch noch ein Lernkurve weg vom als Liberalismus bekannten liftstyligem Sozialdarwinismus. Zu früh gehofft. Bei der taz gären weiterhin Hopfen und Malz der HeldInnenverehrung als Leitbild individualistischer Selbstverwirklichung im Wettbewerb. Wenn Begeisterung und (geliehener) Stolz anschwellen, sind alle Träume vom verantwortungsvollen Miteinander aller Menschen untereinander und für den Erhalt einer nur geliehenen Natur vergessen.

  • Ohne Talent, Training und auch Ehrgeiz keinen sportlichen Erfolg.



    Dazu kommen natürlich die Sponsorengelder vom Brausehersteller.



    Und doch find ich diese Häme und Schadenfreude gegenüber Vonn völlig Fehl am Platz. Diese Leute schauen doch in die Glotze, um ein Spektakel zu erleben und Vonn hat geliefert, wenn auch nicht wie erwartet. Mit 41 Lenzen ist sie sicherlich in der Lage, Entscheidungen pro und contra einer Teilnahme an den Spielen zu treffen, auch bezüglich ihrer Knieverletzung. Jetzt hat es nicht geklappt. Es bleibt nur gute Besserung zu wünschen.

  • Her body, her choice.

    Wer das nicht kapiert, ist frauenfeindlich. Der Spiegel-Artikel dazu beschreibt das ganz gut.

    • @Troll Eulenspiegel:

      Ich bin mir wieder nicht sicher, ob der erste Teil des Nicks den zweiten Teil leider völlig überwiegt.



      Michael Schumacher bekam es auch ab, wir erinnern uns vielleicht.

    • @Troll Eulenspiegel:

      Wenn jemand ihr Verhalten kritisiert, dann gibt es dafür eine recht lange Liste von Gründen, die nichts damit zu tun haben, dass sie zufällig cis-Frau ist.



      Bei genauerer Überlegung ist es eigentlich tatsächlich frauenfeindlich, solche Kritik als frauenfeindlich zu titulieren, nur weil sie einer Frau gegenüber geäußert wird...

  • (Bei Lennart Vonn wäre die gleiche Kritik gekommen, vermute ich.)



    Allgemein gesprochen darf sich jede(r) sogar recht mutwillig kaputtmachen, Doping davon ausgenommen.



    Vorbildlich ist dies dann nicht unbedingt. Anderes von Vonn wohl eher.

    • @Janix:

      "Allgemein gesprochen darf sich jede(r) sogar recht mutwillig kaputtmachen, Doping davon ausgenommen."



      Grundsätzlich richtig, aber ich dächte, dass die Wettkampffähigkeit auch Sache der ärztlichen Einschätzung durch Spezialist*innen ist, womit auch ganz sicher irgendwann versicherungsrechtliche Fragestellungen verbunden sind. Aus gutem Grunde lehnte ich selbst vor gut drei Jahrzehnten ein sehr lukratives Angebot ab, an Wochenenden "Ringarzt" beim Amateur-Boxen zu sein.



      In Erinnerung ist mir, dass es damals auch vermeidbare "Unfälle" gab.



      "Laut CNN sind seit 1890 mehr als 1.876 Kämpfer an den Folgen von Verletzungen im Ring gestorben. Das sind etwa 13 Personen pro Jahr. Obwohl das Boxen viele positive Aspekte hat, kann man die potenziellen Gefahren dieses Sports nicht ignorieren."



      Quelle sportsunlimitednews.com



      Die letzten Worte treffen hier für mich auch im Falle "Vonn" zu, "Gefahren ignorieren", denn mit einer Instabilität im Kniegelenk kann man nicht lax umgehen, es ist biophysikalisch ein extremes physiologisches und anatomisches Phänomen des aufrecht gehenden Menschen.

      • @Martin Rees:

        Ich verstehe es. Boxen ist wohl selbst bei heutigem Schutz eine gute Chance für Leberrisse, Parkinson, ...



        Selbst Prügeln verstehe ich als Vorbereitung fürs sonstige Leben noch eher als über die Hänge zu jagen (außer mensch hieße Willy Bogner und müsste James Bond doublen). Wo die ganzen Jetflieger und Fossilfirmen ja auch noch die Gletscher beerdigen.

        Ich bin nicht im Detail eingelesen, doch vermuten Sie, dass ein Arzt m/w ihr zuvor gesagt hat, dass sie mal ruhig abfahren soll?



        Das wird sie alleine dagegen beschlossen haben, der eine Über-Ehrgeiz zu viel.

        • @Janix:

          "doch vermuten Sie, dass ein Arzt m/w ihr zuvor gesagt hat, dass sie mal ruhig abfahren soll?"



          Das will ich für die Beteiligten lieber nicht hoffen, aber es gibt auch eine Fürsorgepflicht für Athletinnen, denke ich.



          Da adressiere ich Train_er, Physiotherapeut:innen, medizinische/ psychologische Betreuung, Eltern, Verband, Ausrichter...



          Hier ist das olympische Riesen-Spektakel derart ausgestaltet worden, dass sich eine Druckkulisse wohl nicht verneinen lässt.



          'Kampf um Medaillen' bis zur Selbstaufgabe oder bis in das Verderben, das war eigentlich die Antike:



          "Kämpfe bis zum Tod



          Eine weitere überraschende Sache bei den Olympischen Spielen der Antike war, dass manchmal Kämpfe auf Leben und Tod erlaubt waren. Dies traf insbesondere auf die Pankration-Veranstaltung zu"



          Quelle:



          de.scienceaq.com/andere/1006172387.html

  • Danke für diesen Artikel! Hätte Frau Vonn gewonnen, dann wäre sie als Heldin gegen alle Widerstände gefeiert worden.

    Ob sie antritt oder nicht ist doch alleine ihre Sache.

    Es ist typisch deutsch, Bedenken im Nachgang anzubringen.

    • @DiMa:

      Es ist auch in anderen Ländern üblich, eine Retrospektive zu machen. Ob mensch etwas ein zweites Mal so macht, wird sich dann jedoch auf den Datenstand vorher beziehen, wenn mensch lernen möchte.



      Heldin, wer sich (mit einer hohen Wahrscheinlichkeit) kaputtfährt und Heilkopterflüge nötig macht? Selbst wenn sie angekommen wäre, weiß ich nicht, wie viele das gefeiert hätten.