Kommentar Debatte um Muezzinrufe: Schluss mit der Symbolpolitik

Ob Muezzine zum Gebet rufen dürfen, wird schnell zur Grundsatzfrage. Dabei wäre es in Corona-Zeiten angezeigt, den Muslimen entgegenzukommen.

Zweierlei Maß: Die einen dürfen bimmeln, die anderen nicht rufen Foto: Ronald Wittek/dpa

Die Debatte um Muezzinrufe zeigt: Hier geht es um das Symbolische. Während am Ostersonntag die Kirchen die Glocken läuten und Musiker*innen von ihren Balkonen „Christ ist erstanden“ anstimmen, stoßen muslimische Gemeinschaften auf bürokratische Hindernisse, wenn sie zum häuslichen Freitagsgebet aufrufen wollen. Dahinter verbirgt sich kein Säkularismus, sondern die Frage: Gehört der Islam zu Deutschland? Und wenn ja, in welchem Maß?

Denn tatsächlich fällt auf, dass die Debatte um Religionsfreiheit nur dann entflammt, wenn es um muslimische Symbole geht – seien es die Minarette an der Moschee, die ewige Kopftuch- und Burkafrage oder eben nun die Rufe der Muezzine.

Glaubt man Kommentator*innen im Internet, ist die christlich-abendländlische Kultur durch all diese Dinge bereits in Gefahr. Ein Narrativ, das geprägt ist durch rassistische Stereotype und eine klare Abgrenzung des „Wir“ von den „Anderen“.

Hinter dieser symbolisch aufgeladenen Scheindebatte werden die Menschen vergessen, die in Zeiten von Corona einen Rückhalt in ihrem Glauben und der Gemeinschaft suchen. Ramadan ist der heiligste Monat im Islam, doch wir Muslime, die in Deutschland aufwachsen, erleben die Fastenzeit auch sonst ganz anders als Verwandte in muslimisch geprägten Ländern. Weiterhin lange Arbeitstage und Termine statt freier Tage am Zuckerfest, um mit der Familie zu feiern.

Gemeinsames Fastenbrechen ist dieses Jahr kaum möglich

Denn das, was Ramadan zu einer besonderen Zeit macht, ist das Fastenbrechen nach Sonnenuntergang in der Gemeinschaft von Familie und Freund*innen. In diesem Jahr ist es für viele muslimische Menschen wegen der Kontaktverbote überhaupt nicht möglich.

Der Ruf eines Muezzins zum „Jummah“, dem Freitagsgebet, kann den Menschen Kraft und Halt in der Krise geben und ihnen in einer spirituellen Phase, in der die Gläubigen normalerweise stärker zusammenrücken, zeigen, dass sie nicht allein sind. Die Mehrheitsgesellschaft sollte sich von der Symbolpolitik lösen und Menschen in schwierigen Zeiten entgegenkommen. Alle anderen können sich ja an dem meist sehr schönen Gesang der Muezzine erfreuen – oder das Fenster für fünf Minuten schließen.

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Jahrgang 1997, ist freie Autorin für die taz Nord in Hamburg. Studiert nebenbei Politikwissenschaft, Journalistik und Kommunikationswissenschaft und schreibt gerne über (Anti-)Rassismus, Aktivismus und Soziales.

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