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Islamismus und rechte Ideologie Gleichsetzung bringt uns nicht weiter

Gastkommentar von

Cihan Sinanoğlu

Rassismus und religiöser Fundamentalismus müssen gleichzeitig bekämpft werden. Gerade deshalb müssen wir die beiden Phänomene analytisch unterscheiden.

N ach dem islamistischen und queerfeindlichen Anschlag auf den CSD wurde die Tat von rechten Kräften schnell instrumentalisiert. Gleichzeitig entstand der Eindruck, wer auf Rassismus hinweist, relativiere den Islamismus – und wer den Islamismus kritisiert, spiele Rassismus herunter. Beides geht in die falsche Richtung.

Dass wir Rassismus und religiösen Fundamentalismus gleichzeitig bekämpfen müssen, steht außer Frage. Doch gerade deshalb müssen wir beide Phänomene analytisch voneinander unterscheiden. Nur so lassen sich die richtigen politischen Antworten entwickeln.

Cihan Sinanoğlu

ist Sozialwissen­schaftler. Seit Oktober 2020 leitet er am DeZIM-Institut die Geschäftsstelle des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors.

Rassismus ist in Deutschland ein gesellschaftliches Herrschaftsverhältnis und ein zentrales Ordnungsprinzip. Er entscheidet mit darüber, wer als zugehörig gilt, wessen Arbeit entwertet und ausgebeutet werden kann, wer Zugang zu Ressourcen und Rechten erhält und wer häufiger von staatlicher oder gesellschaftlicher Gewalt betroffen ist.

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Rassismus erschöpft sich deshalb nicht in Vorurteilen. Er prägt Institutionen, politische Entscheidungen und gesellschaftliche Verhältnisse. Seine historische Verankerung reicht vom Kolonialismus bis in gegenwärtige Vorstellungen kultureller und zivilisatorischer Überlegenheit. Gerade deshalb wirkt Rassismus weit über individuelles Handeln hinaus.

Eine Bedrohung für die demokratische Gesellschaft

Religiöser Fundamentalismus, hier in der Ausprägung des Islamismus, ist eine autoritäre politische Ideologie. Er verfolgt den Anspruch, Gesellschaft und Staat nach einer bestimmten religiösen Auslegung zu ordnen. Dort, wo islamistische Bewegungen staatliche Macht erlangen, werden Frauen, religiöse, ethnische und sexuelle Minderheiten sowie politische Opposition systematisch entrechtet und gewaltsam unterdrückt.

In Deutschland verfügt der Islamismus weder über staatliche Macht noch über gesellschaftliche Hegemonie. Dennoch stellt er eine reale Bedrohung für die demokratische Gesellschaft dar. Für viele Menschen, die selbst oder deren Familien vor islamistischen Bewegungen und Regimen geflohen sind oder unter ihnen gelitten haben, ist diese Bedrohung außerdem Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte.

In Wechselwirkung

Beide Phänomene stehen zudem in einer Wechselwirkung. Islamistische Gruppen nutzen Erfahrungen von Ausgrenzung und Rassismus für ihre Rekrutierung. Zugleich instrumentalisieren rechte Kräfte islamistische Gewalt, um rassistische Bilder über Mus­li­m*in­nen zu verbreiten und gesellschaftliche Ausgrenzung zu legitimieren. Diese Wechselwirkung hebt ihre analytischen Unterschiede nicht auf, sondern macht ihre genaue Unterscheidung umso wichtiger.

Gegen religiösen Fundamentalismus braucht es Prävention, Deradikalisierung, den Schutz derjenigen, die von ihm bedroht werden, und die konsequente Bekämpfung extremistischer Netzwerke. Rassismus bekämpfen wir durch die kritische Analyse und Veränderung der Institutionen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die rassistische Ungleichheiten hervorbringen und stabilisieren.

Die Forderung, Rassismus und religiösen Fundamentalismus gemeinsam zu bekämpfen, wird nur dann politisch wirksam, wenn wir die Unterschiede zwischen beiden ernst nehmen.

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13 Kommentare

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  • Im deutschen Diskurs wird Rassismus zu oft im Rahmen der angelsächsischen Wahrnehmung geführt. Der deutsche Rassismus hat letztlich die einmalige Form angenommen, sich gegen die eigenen Staatsbürger zu richten, die im Alltag als solche nicht einmal erkennbar waren – deshalb ja Judenstern, Ariernachweis, erzwungene Namensänderung. Es gab keine Segregation zu freigelassenen ehemaligen Sklaven.



    Natürlich gibt es einen Alltagsrassismus gegenüber "visible minorities" (so der kanadische Ausdruck), aber eben auch die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit der Nazis, die nachwirkt und sich auch in Klassismus, Ableismus und so weiter äußert. Deshalb kommen wir mit einer Verharmlosung der AfD als einfach nur "rassistisch" auch nicht weiter. Die sind in jeder Hinsicht menschenfeindlich und eine Gefahr für alle, wenn sie an die Macht kommen.



    Eine weitere Parallele ist das soziale Milieu, aus dem diejenigen rekrutiert werden, die die "Drecksarbeit" erledigen. Ob diese dann bei der AfD landen oder nicht, hängt eben davon ab, ob sie ethnische Deutsche sind.



    Insofern: Beides muss zunächst sozial bekämpft werden, dann der Terror (s. NSU) unterbunden und die Machterlangung verhindert.

  • Wer ist denn in Deutschland von staatlicher Gewalt betroffen und in welcher Form? Das klingt alles sehr nebulös und pauschalisierend; könnte man das noch sozialwissenschaftlich fundierter präzisieren?

  • Wir werden beide nur durch Konsequenz bekämpfen können und dabei leider auch an die Grenzen stoßen, was mit Überzeugung, Worten und Diskussionen möglich ist.

    Es wird einige geben, die dafür nicht zugänglich sein werden und diese müssen wir dann zwangsläufig mit autoritären Mitteln konfrontieren.

    • @Sole Mio:

      Konsequenzen stehen aber ganz am Ende, wenn das "Kind schon in den Brunnen gefallen ist".



      Prävention ist wichtig. Und an der Stelle ist die Unterscheidung der beiden grundlegend:



      Eine/n "Bio-Neonazi" wird man über ganz andere Kanäle erreichen als eine/n IslamistIn. Berücksichtigt man das nicht, läuft Prävention ins Leere.



      Noch ein Problem: Die eine Gruppe ist "Gegner", in der anderen Gruppe hingegen vermutet man auch eigenes Wählerklientel.

  • Im Focus der jetzigen Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass die CSD-/Queerbewegung von beiden Gruppen, Nazis und Islamisten, abgelehnt und gewaltsam bekämpft werden. Demos gegen CSDe, vor allem im Osten, werden maßgeblich von Rechtsextremen organisert und durchgeführt. Bei diesen (ansonsten selbstverständlich rassistischen) Menschen liegt hier der Focus aber weniger auf der Herkunft der queeren Menschen, den Hass ziehen hier alle, auch biodeutscher Herkunft, auf sich. Das Angriffsziel ist die Liberalität, die Freiheit, ohne Stigmas seine von der Mehrheit abweichende Sexualität, offen zu leben. Hierbei ähneln die Nazis den Islamisten, auch hier besteht eine zutiefst konservative, rigorose Moral, deren Zweck im Wesentlichen die Aufrechterhaltung von Machtverhältnissen ist, also patriarcharlichen Strukturen..



    Beiden Strömungen ist deshalb die queere Szene ein Dorn im Auge, daher ist der Vergleich nicht völlig abwegig. Da wo es um Rassismus geht ist die Zielrichtung beider Strömungen sicher unterschiedlich. Rechtsextremisten sind auch Rassisten, aber eben nicht nur.

  • Leider fehlt ein wichtiger Aspekt: Islamismus ist nicht einfach religiöser Fundamentalismus, der aus dem Nichts entsteht. Historisch sind islamistische Bewegungen als Reaktionen zu kolonialer Unterdrückung und westlichem Imperialismus entstanden. Das Machtergreifen der Taliban in Afghanistan ist eine Folge des Afghanistankriegs und erfolgte im Kontext der Ablehnung des US-Imperialismus. Die islamische Revolution im Iran war eine Antwort auf den Autoritarismus des Shah-Regimes, der sich anhand eines von den USA unterstützten Coup d'Etat 1953 radikalisiert hatte. Als die Hamas die Wahlen in Palästina 2006 gegen die sekuläre Fatah gewonnen hat, war das im Kontext einer kollektiven Ablehnung der PLO, deren Kompromisse mit Israel als Verrat galten. Die Mehrheit von Palästinenser*innen unterstützen die Hamas nicht aus religiösen Gründen, sondern weil sie dort als die einzige Widerstandskraft gegen israelische Unterdrückung gilt.



    Ich möchte damit nicht Islamismus als Ideologie rechtfertigen, sondern zeigen, dass die aktuell allgegenwärtige Debatte über Islamismus depolitisiert und ahistorisch ist. Eine Lösung ohne Hinterfragung des westlichen Imperialismus kann es einfach nicht geben.

    • @Adrien François:

      Das ist nicht falsch, aber einseitig. Islamismus ist die Reaktion darauf, dass westlicher und russischer Imperialismus langfristig erfolgreicher waren als islamischer Imperialismus. In der frühen bis mittleren Neuzeit waren die drei Imperialismen durchaus noch ebenbürtig und die Türkei und der Iran ebenso imperialistische Macht wie Spanien, die Briten und Portugal. Nur ist die Macht des islamischen Imperialismus mit dem Aufstieg Russlands auf das Abstellgleis geraten.

      Islamismus ist letztlich eine Antwortmöglichkeit auf die Ursache: Zu wenig Islam, zu viel religiöse Toleranz.

      Genauso wie der arabische, türkische und iranische Nationalismus darauf eine Antwort geben: Zu großer Fokus auf Religion zulasten arabischer/türkischer/iranischer Kultur.

      Letztlich war der westliche Kolonialismus in der "islamischen Welt" nur durch russische Schützenhilfe und den oben genannten Zwist erfolgreich.

      Wobei Kolonialismus dort wahrscheinlich der falsche Begriff ist, weil dies eben Einseitigkeit des Beherrschungswunsches voraussetzt.

  • Der Tod ist der Gleichmacher.



    Denkt mal darüber nach.

  • Es gibt Leute, die Islamismus und Faschismus in einen Topf werfen. Wichtig ist auch Unterscheidung zwischen Faschisten und Nazis.

    Ur-Faschismus beschreibt Wikipedia: "Die faschistische Partei war durch Fusion mit der nationalkonservativen Associazione Nazionalista Italiana zur rechten Sammlungsbewegung geworden."

    aufgepasst: rechte Sammlungsbewegung ist auch die AfD!!!

    "Mit einer Wahlrechtsreform sicherte Mussolini ihr 1923/24 die Mehrheit der Parlamentssitze. ... 1924 knapp dem Sturz entgangen, legte er das Fundament der faschistischen Diktatur mit Ausschaltung des Parlaments, Verbot der antifaschistischen Presse und aller Parteien mit Ausnahme des PNF, Ersetzung der Gewerkschaften durch Korporationen, Aufbau einer politischen Polizei sowie Ernennung statt Wahl der Bürgermeister. Als Regierungschef und oft Inhaber mehrerer Ministerposten gleichzeitig erließ Mussolini Dekrete mit Gesetzeskraft"

    In D gewöhnten Brüning und Hindenburg das Volk ab 1930 an Dekrete - Hitler konnte danach schnell weiter gehen, zeigen, dass Antisemitismus und Rassismus durch Naziherrschaft die Grausamkeit von Faschismus bei weitem übertraf!

    Islamismus ist religöser Extremismus. Nazismus rassistischer.

  • Der Tod macht alle und alles gleich.

  • Religiöser Fanatismus ist ja gerade am rechten Rand anschlussfähig und baut ja auch darauf auf, dass man selbst aufgrund Religion und passender Herkunft und Hautfarbe was besseres ist. Das ist bei türkischen Islamisten und den grauen Wölfen, so wie bei weißen Evangelikalen und Whitepower ebenso wie bei germanischer Pseudoreligion und den deutschen Nazis. Daraus leitet sich ja auch weiterer Rassismus ab, der sich dann auf den strukturellen noch aufsattelt.

    • @Axel Schäfer:

      Sorry, ich möchte Ihnen widersprechen.

      Religiöser Fanatismus ist nicht zwingen am rechten Rand anschlussfähig.

      Religiöse Fanatiker sind nicht unbedingt der Meinung, dass sie aufgrund von Herkunft oder Hautfarbe etwas Besseres sind.

      Der Daesh war da zum Beispiel völlig offen.

      Etwas Besseres sind sie hauptsächlich wegen der richtigen religiösen Überzeugung.

      Die Grauen Wölfe sind eine nationalistische Veranstaltung.

      Ein wichtiges Merkmal der türkischen nationalen Identität ist halt die islamische Religion.

      Ist historisch gewachsen.

      Deshalb sind die Grauen Wölfe aber keine religiösen Fanatiker.

      Auch die Nazis waren keine Gotteskrieger.

      Ja, es gab diese Experimente mit einer germanischen Pseudoreligion, das funktionierte aber nicht tiefgreifend.

      Man hat natürlich als antisemitische Bewegung ein ideologisches Problem, wenn in einer Gesellschaft, wo religiöse Identität noch eine wichtige Rolle spielt, der Stifter der beiden großen Konfessionen ausgerechnet Jude ist.

      Trotzdem feierten ja auch fast alle Nazis weiterhin Weihnachten.

      Die Deutschen Christen hatten mindestens genauso viel Relevanz in Hitlerdeutschland.

  • Gewiss sind Rassismus und Islamismus nicht gleich. Ich finde, es sind sogar unterschiedliche Kategorien. Anders ist es mit Rechtsextremismus und Islamismus. Rassismus ist typischerweise eine Teilideolgie im Rechtsextremismus.

    Auch Rechtsextremismus und Islamismus sind natürlich nicht gleich. Aber sie haben meiner Meinung nach entscheidende Gemeinsamkeiten. Und oft sind sogar die Opfer, die sie sich aussuchen, gleich. Beide sind gerne homophob, autoritär, rückständig und frauenfeindlich. Und dass zwei Ausgrenzungsideologien sich nicht mögen müssen, sondern sich sogar gegenseitig anfeinden, ist auch klar. Das ist das Wesen der Ausgrenzung. Vor allem sind es auch eben Ideologien. Eine Ideologie funktioniert exakt wie Religion: man hat Dogmen und ignoriert die Realität, wo sie davon abweicht.

    Von daher: Rechtsextremismus und Islamismus sind anders, aber der größere Unterschied der beiden besteht eher in den Gruppen, von denen er kommt und die, gegen die sie sich wenden. Die Gemeinsamkeiten auf einer abstrakteren Ebene zu sehen, scheint mir hilfreich im Verständnis und vermutlich auch im Kampf dagegen.

    Sie sind beide auch politisch "rechts", d.h. sie spalten, anders als "links".