piwik no script img

GerichtsurteilKein Mitleid ist nicht extremistisch

Christian Rath

Kommentar von

Christian Rath

Der antizionistische Verein Jüdische Stimme ist nicht „gesichert extremistisch“. Das ist ein wichtiges Signal für die Meinungsfreiheit.

Zeichen der Solidarität: Kufiya und Palästina-Flagge Foto: imago

D ie linke Gruppe „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ durfte im Verfassungsschutzbericht 2024 nicht als „gesichert extremistisch“ bezeichnet werden. Das hat das Verwaltungsgericht Berlin entschieden. Meinungsäußerungen seien noch keine Gewaltvorbereitung, fehlendes Mitleid mit israelischen Terroropfern sei kein Aufruf zur Gewalt, so die Richter:innen.

Der Eilbeschluss des Berliner Gerichts ist begrüßenswert, denn er beschränkt die Möglichkeiten des Verfassungsschutzes, legitime politische Diskurse ins Abseits zu stellen. Die Rich­te­r:in­nen geben aber auch keinen Freibrief für Terrorverherrlichung. Der Erfolg der „Jüdischen Stimme“, das deuteten die Rich­te­r:in­nen an, könnte nicht von Dauer sein, wenn beim nächsten Verfassungsschutzbericht neue drastischere Aussagen einbezogen werden. Doch selbst wenn sich keine Radikalisierung der „Jüdischen Stimme“ – die den Zionismus als „rassistisch“ ablehnt –feststellen lässt, könnte das Innenministerium auch versuchen, die Gruppe beim nächsten Mal nur als „Verdachtsfall“ einzustufen. Dies würde eine erneute gerichtliche Intervention weniger wahrscheinlich machen, die Stigmatisierung aber kaum reduzieren.

Erstaunlicherweise haben die Rich­te­r:in­nen die Unterstützung des Vereins für die BDS-Kampagne gar nicht thematisiert. Dabei war die Forderung nach Boykotten und Sanktionen gegen Israel einer der Hauptgründe für die Aufnahme in den Verfassungsschutzbericht. Und immerhin hatte der Verfassungsschutz 2024 erstmals Gruppen der BDS-Kampagne als „gesichert extremistisch“ eingestuft, weil sie das Existenzrecht Israels infrage stellen.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Vermutlich geht das Gericht davon aus, dass BDS als gewaltfreie Kampagne noch nicht extremistisch ist. Das hätten die Rich­te­r:in­nen aber auch klar sagen können. Es ist zu hoffen, dass sie in der Begründung des Beschlusses, die noch nicht vorliegt, deutlicher werden. Nicht als ultimative Wegweisung, sondern als Beitrag zu einer Debatte um Meinungsfreiheit, die immer mehr Fahrt aufnimmt.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Christian Rath
Rechtspolitischer Korrespondent
Geboren 1965, Studium in Berlin und Freiburg, promovierter Jurist, Mitglied der Justizpressekonferenz Karlsruhe seit 1996 (zZt Vorstandsmitglied), Veröffentlichung: „Der Schiedsrichterstaat. Die Macht des Bundesverfassungsgerichts“ (2013).
Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

24 Kommentare

 / 
  • Selbstverständlich ist die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ nicht "extremistisch". Das ist einfach aktivistische Affirmation der antizionistischen Realität, also stinknormal. Wie vieles andere schreckliche in dieser Welt auch.

  • Die Alternative für Deutschland wurde 2025 vom Bundesamt für Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft. Nach Klage setzte das Verwaltungsgericht Köln diese Einstufung im Eilverfahren 2026 vorläufig außer Kraft. Aktuell ist die Partei daher nur „Verdachtsfall“. Abgesehen von ein paar Landesverbände (z. B. Sachsen, Thüringen)

    Also, wenn ein Gericht etwas sagt ist... "Das ist ein wichtiges Signal für die Meinungsfreiheit."

    Und immer richtig.

    Was Rechte und viele in der Pro-Pali-Vereinigungen vereint ist eben die "Das wird man wohl noch sagen dürfen" Mentalität.

    Und ein...sagen wir, besonders "kritischem" Verhältnis zu jüdischem Leben.

    Nach dem Hamas-Angriff 2023 gab es deutlich mehr antisemitische Vorfälle bei pro-palästinensischen Demonstrationen.

    Auch hier folgt die Bewegung scheinbar nationalsozialistischen Vorbildern.

    "Vermutlich geht das Gericht davon aus, dass BDS als gewaltfreie Kampagne noch nicht extremistisch ist."

    Na gut, solange man gewaltfrei bleibt kann man dann ja mit vulnerablen Gruppen umspringen wie man will.

    Danke für die moralische Einordnung.

    • @Pawelko:

      "Na gut, solange man gewaltfrei bleibt kann man dann ja mit vulnerablen Gruppen umspringen wie man will"

      Da privater, friedlicher Boykott erstmal eine völlig legitime Art des Protests ist, ist das strafrechtlich per se nicht relevant. Und wer hier die "vulnerable Gruppe" ist, gerade wenns um die bestzten Gebiete geht, ist sicher auch streitbar.



      Persönlich halte ich nichts von BDS und generell gar nichts von jeglicher einäugigen Sicht auf den Nahost-Konflikt. Aber nur weil es den beiden Lagern inhärent zu sein scheint, der Gegenseite jeweils grundsätzlich ein extremistisches Motiv zu unterstellen, muss das noch lange nicht der Sicht unserer Justiz entsprechen.

      • @Deep South:

        "Da privater, friedlicher Boykott erstmal eine völlig legitime Art des Protests ist, ist das strafrechtlich per se nicht relevant."

        Richtig. Aber eben moralisch.

        Mir geht es darum, dass dies ein weiteres Signal ist für jene die unter dem Deckmantel der "Solidarität" ihren Antisemitismus ausleben. Oder soll es Zufall sein, dass sich die antisemitischen Angriffe vervielfacht haben seit dem 7. Oktober?

        Es wird um jeden doppeldeutigen Slogan gekämpft, statt sich Parolen zu bedienen die implizieren könnten Israel das Existenzrecht abzusprechen. Als würde die englische Sprache keine Alternativen bieten.

    • @Pawelko:

      Genau. Muslime können davon ganz viele Lieder singen.

      Was bleibt denn noch übrigens übrig an Protest gegen Israels, Besatzung, Kriegsverbrechen, Völkermord, Apartheid?

      • @Edda:

        Eine traurige Statistik

        6.236 antisemitische Straftaten (neuer Höchststand) in Deutschland.



        BMI Bundesministerium



        +20–21 % gegenüber 2023



        Bundeskriminalamt



        7.328 Straftaten standen im direkten Kontext Nahost.

        Bondi-Beach, 15 Tote

        Weltweit Brandanschläge auf Synagogen.

        Aber Hauptsache hier wird im Gericht darum gekämpft sich möglichst ablehnend gegenüber dem einzigen jüdischen Staat der Welt zu äußern

    • @Pawelko:

      Nunja.



      Was die AFD auch gerne tut, ist Linke als Nazis zu beschimpfen.



      Bisschen in diesem Stil argumentieren Sie nun auch.



      Letzten Endes verteidigen Sie aber einfach immer nur rechtsextreme israelische Politiker und Politik.

      • @Schleicher:

        "Letzten Endes verteidigen Sie aber einfach immer nur rechtsextreme israelische Politiker und Politik."

        Wo verteidige ich bitte welche rechte Regierung? Weil ich es bedenklich finde bei rasant steigenden antisemitischen Angriffen weltweit einen "Sieg" vor Gericht zu feiern von einer Gruppe, die indirekt mit ihrer Polemik solche Angriffe befeuert?

        Ich sage nicht, dass "Linke Nazis" sind. Sondern das manche Linke und eben Nazis Juden als Feindbild haben. Können Sie abstreiten. Die Statistik zeichnet aber leider ein anderes Bild.

    • @Pawelko:

      Meinen Sie mit vulnerable Gruppen die Siedler in der Westbank, gegen die BDS agitiert? Vulnerabel wird idR aber passivisch, nicht aktivisch gebraucht.

      • @EffeJoSiebenZwo:

        Nein. Die tausende Angriffe auf jüdisches Leben in Deutschland, angeheizt durch immer mehr "das wird man wohl ja noch sagen dürfen"...Antisemitismus im pro Palästina Mantel. Man kann sich die Statistik angucken. Die anschläge in Australien, den USA und anderen westlichen Ländern. Was können die Juden da für das WJ?

    • @Pawelko:

      Der Vergleich passt auch insoweit, als die AfD von einer rechts-liberalen Partei sich immer weiter Richtung Extremismus entwickelt hat.

    • @Pawelko:

      Wer Israel als Apartheid-Staat bezeichnet und von einem iGenozid Israels in Gaza spricht, wird wohl ein Überzeugungstäter sein. Die einen unterstellen hier antisemitische Tendenzen, ich tue es nicht.



      Meine Meinung dazu: 1. Ja, Israel ist ganz offensichtlich ein Apartheid-Staat mit Blick auf die Siedlungspolitik und die Behandlung der Palästinenser in den Westbanks.



      2. Hinsichtlich des Krieges in Gaza bin ich mir nicht sicher, ob es sich um einen Völkermord handelt oder nicht. Auf jeden Fall aber hat sich Israel dort schwerer Kriegsverbrechen zu verantworten.



      Wenn Sie nun den Antisemitismus-Vorwurf an die Aussage knüpfen wollen, Israel habe in Gaza eine genozidale Kriegsführung praktiziert, dann würde ich eher davon sprechen, dass es sich um veritable Kriegsverbrechen und somit ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit gehandelt hat. So wie übrigens jeder Krieg in der Weltgeschichte ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt. Demgegenüber ist der Genozid-Vorwurf dann eher zweitrangiger Natur.



      Eine antisemitische Stoßrichtung kann ich daher allein in einer solchen Aussage nicht erkennen (es sei, sie ist definitiv in einen tatsächlichen antisemitischen Kontext eingebunden).

  • Wäre auch noch schöner, wenn nicht mal Juden die Israelischen Gräueltaten kritisieren dürften.



    Die deutsche Politik hat wegen ihres Kadavergehorsams jedes Mass verloren!

    • @ Christoph:

      Wow.

  • Wie der Bericht des Autors zu dem Urteil darstellt, geht es aber um das Jahr 2014, während sich 2015 (also in Folge des Terroranschlags vom 8.10. und während des Gaza-Krieges) die Organsiation weiter radikalisiert haben soll und daher möglich erscheint, dass sie ab 2015 als extremistisch im Verfassungsschutzbericht geführt werden darf. Richtigerweise sollte man also sagen, dass sie nicht extremistisch war, aber sehr wahrscheinlich inzwischen ist.

    • @Dr. McSchreck:

      2015?



      08.10.?



      In Excel verrutscht?

      • @EffeJoSiebenZwo:

        Natürlich ist 25 gemeint,

        soweit jemand nach der Quelle gefragt hat, ist die doch genannt und im Artikel auch verlinkt. Im ersten Absatz unterstrichen….

    • @Dr. McSchreck:

      @DrMcSchreck: ... reine Spekulation, was Sie da behaupten. Woher nehmen Sie Ihre Anhaltspunkte für die "Wahrscheinlichkeit"?

    • @Dr. McSchreck:

      Warum sollte es "extremistisch" sein, die Politik der rechtsextremen israelischen Regierung anzuklagen, die Zweiklassenjustiz und ethnische Säuberungen in der Westbank als Apartheid zu bezeichnen oder massive Kriegsverbrechen in Gaza, Libanon und der Westbank aufzuzeigen? Warum sollte es "extremistisch" sein, den israelisch- amerikanischen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Iran als solchen zu brandmarken und zu verurteilen? Warum sollte es "extremistisch" sein, für die Ein- oder Zweistaatenlosung mit gleichen Rechten für alle zu plädieren? Warum sollte es "extremistisch" sein, neben dem Existenzrecht Israels, das Existebzrecht des Staates Palästina zu betonen ?

      • @Rinaldo:

        Warum sollte es "extremistisch" sein, neben dem Existenzrecht Israels, das Existebzrecht des Staates Palästina zu betonen ?

        Weil dies eben nicht geschieht. Was geschieht ist eine Zunahme von antisemitischen Straftaten weltweit, befeuert durch Anheizer die "ja nur auf dieses oder jenes Verbrechen" hinweisen wollen. Ob Bondi Beach oder London. Und die Stimmung wird weiter und weiter angeheizt, ermutigt durch Gerichtsurteile wie dieses. Wie viele unschuldige müssen hier noch sterben weil Scharfmacher gerade so an der grenze des Erlaubten über Israel hetzen und Fake News verbreiten

      • @Rinaldo:

        Stehen solche Aussagen im Verfassungsschutzbericht?



        Wenn nicht, dann sprechen nur Sie von diesen Aussagen als Grund.

        • @Arne Babenhauserheide:

          Ich beziehe mich auf die Aussage von Dr. McSchreck:"Richtigerweise sollte man also sagen, dass sie nicht extremistisch war, aber sehr wahrscheinlich inzwischen ist." Ok?

        • @Arne Babenhauserheide:

          Wovon hingegen sprechen Sie?

  • …anschließe mich •