Arbeitsbedingungen in der Pflege : Pflegekräfte, vereinigt euch!
Die Politik ringt um konkrete Verbesserungen in der Pflegebranche. Doch selbst wenn daraus was wird: Pfleger*innen brauchen eine bessere Lobby.
Foto: Kay Nietfeld/dpa
K ein Wunder, dass viele Pflegekräfte zurzeit darüber nachdenken, ihren Beruf aufzugeben. Sie kümmern sich um das Wohlergehen anderer, Tag und Nacht, und gehen dabei regelmäßig über ihre eigene Belastungsgrenze hinaus. Nicht erst seit Beginn der Pandemie sind die Arbeitsbedingungen in der Pflege schlecht. Doch die Krise wirft ein Schlaglicht auf die Zustände in Kliniken und Pflegeeinrichtungen: massive Personalnot, hohe Arbeitsbelastung, schlechter Verdienst und zu allem Überfluss auch noch mangelnde Wertschätzung.
Im gerade aufkommenden Wahlkampf ringt die Politik jetzt um konkrete Verbesserungen in der Pflege – nach über einem Jahr Pandemie. Doch selbst wenn tatsächlich etwas daraus wird, können sich die Pfleger*innen nicht darauf verlassen, dass sich auf Dauer andere für sie einsetzen. Die Pflege braucht eine eigene und vor allem eine bessere Lobby. Zu viel wird noch über die Pfleger*innen gesprochen, zu wenig mit ihnen. Ihre Interessen können sie als Betroffene aber am besten selbst vertreten. Die Abhängigkeit von der Einsicht der Entscheidungsträger*innen schmälert ihre Erfolgsaussichten.
Doch es mangelt den Pflegekräften an schlagkräftigen Organisationen. Zwar gibt es zahlreiche Verbände für Pflegeberufe in Deutschland – doch ihre Namen kennt in der breiten Öffentlichkeit kaum jemand. Sie sind zu heterogen, zu zersplittert, um für die Pflege mit einer starken Stimme zu sprechen. Ähnliches gilt für Berufskammern, die es nur in wenigen Bundesländern gibt.
Auf die Politik zu warten, ist zu wenig
Erst kürzlich wurde auf Wunsch der Mitglieder beschlossen, die niedersächsische Pflegekammer aufzulösen, und auch die Pflegekammer in Schleswig-Holstein steht nach einem Mitgliedervotum vor dem Aus. Für Ablehnung hatte vor allem der Zwangsbeitrag gesorgt, den die Pfleger*innen von ihrem ohnehin viel zu niedrigen Gehalt zahlen mussten.
Wenngleich der Ärger darüber verständlich ist: Pflegekammern stärken nicht nur die Selbstbestimmung der Pflege, sie bringen die Pflegenden auch mit an den politischen Verhandlungstisch. Dort gehören sie hin, dort müssen sie ihre Interessen und ihr Fachwissen einbringen können. Pflegekammern geben den Pfleger*innen eine starke Stimme, sie erhöhen ihre Wahrnehmung in der Gesellschaft. Aber: Sie verhandeln keine Tarife. Um bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne zu erstreiten, bräuchte es daher zusätzlich ein stärkeres gewerkschaftliches Engagement. Bislang sind nur wenige Pfleger*innen gewerkschaftlich organisiert.
Im stressigen Arbeitsalltag von Pflegenden mag wenig Zeit und wenig Kraft bleiben für berufspolitisches Engagement. Doch auf die Politik zu warten, ist zu wenig, das ist vor allem zu oft vergeblich. Als größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen können und sollten die Pflegenden selbstbewusst für ihre Interessen einstehen und Veränderungen einfordern. Die Pandemie – die nicht nur die Missstände, sondern auch die Bedeutung des Pflegeberufs eindrücklich gezeigt hat – wäre ein idealer Zeitpunkt.
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