Tarifvertrag für Pflegende scheitert: Von wegen Nächstenliebe

Der Caritasverband lehnt einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag für die Pflege ab. Damit hilft er, das Image der katholischen Kirche zu zerstören.

Pflegekräfte protestieren mit Transparenten auf der Straße

Schon lange fordern Pflegekräfte bessere Arbeitsbedingungen und faire Löhne Foto: Christian Mang

Es ist ein weiterer Schlag für das Image der katholischen Kirche, die schon als heimeliger Hort von Missbrauchern und als knallharte Blockiererin einer humanen Sterbehilfe dasteht, um nur einiges an selbstverursachter Rufschädigung zu nennen. Jetzt verhindert die katholische Caritas auch noch die Einführung eines allgemeinverbindlichen Branchentarifvertrags für die Pflege.

Das ist Egoismus pur, denn nur 170.000 Beschäftigte in der Altenpflege arbeiten für Caritas-Einrichtungen, in der gesamten Branche sind aber 1,2 Millionen Menschen, vor allem Frauen, tätig. Ihnen, von denen viele in privaten Heimen ohne jeden Tarifvertrag alte Menschen pflegen, wird durch die Verweigerung der Caritas eine bessere Entlohnung verwehrt.

Die Blockade ist ein schlechter Witz, denn die Caritas-Einrichtungen selbst zahlen ihren Pflegekräften vergleichsweise gute Löhne. Warum also diese Verweigerung? Es ist die Arbeitgeberseite in der arbeitsrechtlichen Kommission der Caritas, die sich einem allgemeinverbindlichen Branchentarifvertrag verschließt, den Verdi und der Arbeitgeberverband BVAP ausgehandelt hatten.

Die Zustimmungen von Caritas und Diakonie sind erforderlich, um die Allgemeinverbindlichkeit in der gesamten Branche festzulegen. Von der Arbeitgeberseite der Caritas heißt es, man sehe durch eine Zustimmung den sogenannten Dritten Weg der Kirchen in Gefahr: Die Kirchen vereinbaren ihre Löhne in eigenen Kommissionen, es gibt kein Streikrecht.

Alter, selbstgerechter Sound

Mit einem allgemeinverbindlichen Branchentarifvertrag könnte die Caritas nach wie vor ihre eigenen Löhne festlegen, nur niedriger als der Branchentarifvertrag dürften sie dann eben nicht mehr sein. Die Einstiegstarife für Hilfskräfte etwa, die im Verdi-Vertrag relativ hoch sind, könnten die Caritas-Tarife für AlltagsbegleiterInnen künftig unter Druck setzen. Probleme in der Lohnfindung von einigen tausend Caritas-Hilfskräften dürfen aber kein Grund sein, ein allgemeinverbindliches Regelwerk für über eine Million Beschäftigte zu torpedieren.

Aus der Argumentation spricht wieder dieser alte, selbstgerechte Sound, diese Hermetik der katholischen Kirche, die zwar ein Mitspracherecht in gesellschaftlichen Fragen fordert, sich selbst aber nicht schert um die Gesellschaft drumherum.

Spannend dürfte die Entscheidung der evangelischen Diakonie sein, die am Freitag kommen sollte. Das Ergebnis war bis Redaktionsschluss noch ­offen.

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Redakteurin für Sozialpolitik und Gesellschaft im Inlandsressort der taz. Schwerpunkte: Arbeit, soziale Sicherung, Psychologie, Alter. Bücher: "Schattwald", Roman (Piper, August 2016). "Können Falten Freunde sein?" (Goldmann 2015, Taschenbuch).

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