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Andy Burnham auf dem Labour-Parteitag Zurück in die gute alte Zeit

Dominic Johnson

Kommentar von

Dominic Johnson

Der britische Labour-Premierminister appelliert an die Werte von 1945. Damit will er der rechten Nostalgiewelle den Wind aus den Segeln nehmen.

A ndy Burnham ist der rückwärtsgewandteste Premierminister, den Großbritannien je hatte. In einem Land, wo nach Meinung der meisten Menschen früher alles besser war, trifft er damit den Zeitgeist. Die Rechten um Nigel Farage schlagen viel Kapital aus der Sehnsucht nach alten Zeiten. Geht es nach dem Willen von Andy Burnham, sollen die Linken das jetzt auch tun – aber anders.

Als Hauptredner auf dem Jahresparteitag der regierenden Labour-Party stellte Burnham Sehnsucht in den Mittelpunkt. 1945 habe man es schon einmal geschafft, ein besseres Land aufzubauen, rief er unter Verweis auf die damalige Labour-Regierung, die nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg den modernen Wohlfahrtsstaat aufbaute. Seit vierzig Jahren – also seit der Zerschlagung dieses Wohlfahrtsstaates durch Margaret Thatchers Konservative in den 1980er Jahren – sei Großbritannien auf dem falschen Weg.

Das müsse man jetzt korrigieren, mehr öffentliche Kontrolle wagen und dem Land neue Hoffnung geben. Falls es jemand nicht begriffen haben sollte, lautete das Parteitagsmotto „Hope Again“, und auf die Bühne trat Burnham zum Lied „All Together Now“ der Band „The Farm“ aus dem Jahr 1991 – ein Lied, das mit den Zeilen „Junge, erinnere dich, dass deine Vorfahren zu Millionen für den Stolz des Landes starben“, die Opferbereitschaft der Soldaten im Ersten Weltkriegs ins Gedächtnis ruft.

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„All Together Now – das ist mein Schlachtruf!“, rief Burnham und erklärte: Wenn wir Briten zusammenhalten, sind wir nicht aufzuhalten. Wer braucht da noch Nigel Farage? Linke Kritiker können nun mosern, dass Burnham Emotionen der Rechten übernimmt. Sie sollten sich eher fragen, warum Farage jahrelang an alte linke Emotionen anknüpfen konnte: nämlich den Wunsch, gemeinsam ein besseres Land aufzubauen. Kann Burnham mit einem neuen Sehnsuchtsgefühl dem Rechtsruck den Nährboden entziehen?

Konkretes hat der Labour-Premier zwar immer noch wenig zu bieten. Aber niemand lässt das Unkonkrete so schön aussehen wie Andy Burnham.

Dominic Johnson

Dominic Johnson Ressortleiter Ausland

Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
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13 Kommentare

  • Jeremy Bromley

    Ich lebe seit fast 10 Jahren in England und ich kann nur sagen, Burnham ist das Beste, was dem Land seit langem passiert ist.



    Die Idee, Macht aus Londen weg an die Kommunen zu übertragen, um den seit Thatcher vernachlässigten Norden zu beleben und zu unterstützen halte ich für eine sehr gute Idee, genauso wie die Annäherung an die EU. Er ist seit 10 Jahren der Erste, der die Traute hat, den Brexit als Politiker öffentlich in Zweifel zu ziehen und findet damit enormen Anklang in der Bevölkerung, meinen Eingeschlossen.



    Zu den Bezügen zur Nachkriegszeit muss man verstehen, dass das Vereinigte Königreich einen komplett anderen Bezug zum 2. Weltkrieg hat als Deutschland. London wurde mit V1 und V2 Raketen bombardiert und in dem Vorort, in welchem ich lebe, landete die letzte V2 gut einen Kilometer entfernt. Und am 11.11. ist Remembrance Day, wo man den Geallenen der vergangenen Kriege bedenkt und Poppies so präsent sind wie die Deutsche Fahne während der WM, während in Deutschland die Krawatten abgeschnitten werden.

  • zartbitter

    "Hope again" - vor allem durch den Rückbau des Brexits



    um die britischen Lebenshaltungskosten entscheident zu minimieren



    =



    Burnham stellte fest das der Brexit „mehr geschadet als genützt“, habe und kündigte an, vor dem nächsten Gipfeltreffen zwischen UK und EU eine Bestandsaufnahme vornehmen zu wollen. „Der Brexit hat uns keine Kontrolle verschafft“, sagte Burnham und argumentierte: UK habe – entgegen den Versprechungen der Brexit-Befürworter – nicht nur die Kontrolle über die Einwanderung verpasst sondern auch der britischen Wirtschaft extrem geschadet.



    =



    UK verzeichnete einen Rückgang der Exporte in die EU sowie Reisebeschränkungen für Inhaber britischer Pässe; zudem droht Arbeitgebern, die Personal für kurzfristige Einsätze auf den Kontinent entsenden, neuer bürokratischer Aufwand.



    =



    Burnham und seine Sozialdemokraten haben hinsichtlich des rechtsradikalen Farage - Populismus einen Weg eingeschlagen



    der erfolgreich sein wird Rechtspopulismus zu verdrängen.



    =



    Burnhams Botschaft an den Kontinent lautet:



    Ohne die EU wird das nicht funktionieren.

    • Janix

      @zartbitter:

      Ich trauere da immer noch, aus beiden Richtungen gesehen.



      Plebiszite sollten nie ein Deckpflaster für Inkompetenz und Führungsschwäche der Gewählten sein.

  • EchteDemokratieWäreSoSchön

    Ich habe das damals schon bei Starmer geschrieben, bei der Ampel und Anfang 2025 bei der CDU/SPD-Kroko (kleine Groko) und schreibe es nun erneut bei Burnham:

    Es gibt eine einzige Frage, an der sich entscheidet, ob diese Regierung Erfolg hat oder scheitert, wie es alle Vorgängerregierungen seit über 10 Jahren getan haben:



    Ob man bereit ist, Superreiche (>100 Mio. $ Finanzvermögen) und Milliardäre in den nächsten Jahren um 2-4% ihres Vermögens höher zu besteuern. Falls ja, wird man Erfolg haben, falls nein, wird man scheitern.

    In Deutschland wären das bei einem Vermögen von 3400 Mrd $ für die 5000 Superreichen und Milliardäre 60-120 Mrd. €. Damit könnten alle bestehenden Probleme gelöst werden, ohne normale Menschen weiter zu belasten. So kostet die Rente mit 63 10 Mrd.€.



    Wenn man dagegen versucht, diese 60-120 Mrd. € weiter aus denen herauszupressen, die sowieso schon kaum genug zum Leben haben, so wie man das seit 20-40 Jahren macht, wird bei der nächsten Bundestagswahl die AfD triumphieren. Und die wird dann nicht erst 2029 stattfinden.

  • Don Geraldo

    Die Erinnerung an 1945 könnte aber auch in die Hose gehen.

    Denn damals wurde der erfolgreiche Kriegspremier Churchill abgelöst und Labour übernahm die Regierung. Und war dabei so erfolgreich, daß es 10 Jahre später in Großbritannien immer noch Kriegswirtschaft mit Lebensmittelmarken gab, während beim Kriegsverlierer das Wirtschaftswunder brummte.

    • Axel Schäfer

      @Don Geraldo:

      Einfach mal nach der Pacht- und Leihverträgen mit den USA suchen, da hätte eine rechte Regierung auch nichts genützt, außer das die versucht hätten die wirtschaftlichen Probleme zu Lasten der arbeitenden/arbeitslosen Bevölkerung zu lösen um die Oberschicht reicher zu machen.

    • Janix

      @Don Geraldo:

      UK hat uns die Lebensmittel zukommen lassen, gleich nach dem Krieg und selbst mit Rationierung begonnen!



      Ich hoffe, das wussten Sie jetzt nur nicht.



      Dass es imperial überdehnt war, wissen Sie aber sicher.



      Lesetipp ansonsten: Wigan Pier von Orwell, Sie sollten es in jeder Bibliothek und fast jedem Buchladen sofort erhalten. Welche ungerechte Klassengesellschaft es zu überwinden galt.

  • Machiavelli

    Es ist aber halt reaktionäre Politik, die damaligen Zeit war weitaus weniger rosig als sich das manche bei Labour vorstellen und wie jede rektionäre Politik wird sie an der Wirklichkeit scheitern. Ein kostenloses Pflegeprogramm das man mit 13 Milliarden finanzieren will ab 2030 wenn renten nicht mehr so stark wachsen? Wird deutlich teurer. Verstaatlichung von Wasser etc. Notwendig wird aber richtig teuer weil nicht nur muss man es kaufen, danach muss man es auch fixen. D.h. steuerhöhungen bei relativ hohen Lebenshaltungskosten, aber bis die positive Wirkung der staatlichen Programme durchschlägt vergehen viele Jahre, Jahre die labour nicht hat. D.h. es bleibt bei ein paar Prozent weniger Steuern fürs heizen oder 1 pfund weniger für den bus, kleine symbolpolitik, weil Wachstum durch Nachfragesteigerung Erzeugen der Kern linker Politik ist heutzutage nicht mehr möglich, westliche Länder sind zu unbedeutend und die globalisierte Wirtschaft zu volatil. D.h. man braucht große Projekte die in vier Jahren umgesetzt werden können und Wirkung Zeilenumbruch an der Macht zu bleiben.

  • Philippo1000

    Schön!



    Ich freue mich sehr für Großbritannien und seine Bürger*Innen!



    Es ist gut, dass Labour mit Andy Burnham einen charismatischen Spitzenpolitiker gewählt hat, der die Menschen erreicht.



    Thatcher hat einen Keil in die Gesellschaft getrieben.



    Es ist ein Glück, dass Jemand diese Wunde heilen möchte.



    Die Deckelung der Fahrtkosten im öffentlichen Nahverkehr, die Steuererleichterungen für Pubs, die Initiative gegen Obdachlosigkeit, das sind sehr sympathische erste Schritte.



    Die geplante Steuerreduzierung der Energiekosten ein Weiterer.



    Es ist ein guter Plan, mehr Staat zu wagen.



    Wir merken schließlich auch in Deutschland, dass staatliche Investitionen die Wirtschaft stärken.



    Die Nachfrage durch Infrastruktur und Militär sorgt für positive Akzente, die ein kleines Wirtschaftswachstum bewirken.



    Das ist der richtige Weg, gerade jetzt, wo Viele durch Entlassungen ihre Zahlen ( kurzfristig) schönen wollen.



    Der Volkswirtschaft ist mit mehr Arbeitslosen aber nicht geholfen.



    Wenn VW in Emden schwächelt ist der Standort für einen neuen Hafen eine gute Idee, gleiches gilt für Osnabrück.



    Es gibt Viel zu tun, man kann für die Menschen agieren oder für's Geld.



    Gut, dass Manche das Richtige tun.

    • Eric Manneschmidt

      @Philippo1000:

      Wieso bedeutet eine Steuerreduzierung, "mehr Staat zu wagen"??

      Immerhin verstehe ich, dass Nachfrage für Militär (wie immer) positive Akzente setzt und unzweifelhaft dazu führen wird, dass es allen Menschen besser geht.

      Es könnte aber sein, dass das Jahr 1217 ein wesentlich besserer Bezugspunkt wäre, wenn es um "die guten alten Zeiten" im Königreich gehen soll: en.wikipedia.org/w...rter_of_the_Forest

  • Janix

    1945 schaffte es Labour, den Kriegspremier Churchill abzulösen, weil viele kluge Leute Großbritannien erneuern wollten und konnten.



    Wer Orwells "Wigan Pier" las, hat eine Idee, wie es vorher war.



    Der Anknüpfungspunkt ist da. In vielen Bereichen muss nun der Karren aus dem tory-twit-gemachten Dreck.

    • zartbitter

      @Janix:

      Obwohl Churchill als Kriegsheld enorm populär war, stimmte die britische Bevölkerung nicht über ihn persönlich ab -- sondern über die zukünftige Ausrichtung des Landes.



      =



      Die Wähler sehnten sich nach Jahren des Krieges und der Entbehrung nach sozialer Sicherheit und nach wirtschaftlicher Stabilität -- wofür Churchill die Bedingungen schuf die soziale Sicherheit erst ermöglichten:



      =



      Soziale Sicherheit gibt es nicht wenn äussere agressiv agierende Feinde jegliche nationale Stabilität & Sicherheit torpedieren.



      =



      Das ist die Botschaft der Briten an die EU und an die Bundesrepublik im Jahr 2026.

      • Janix

        @zartbitter:

        Ist ja kein Widerspruch.



        So dürften es die Briten gesehen haben. Die Bulldogge war gut für den knöterigen Krieg (er verklärt sich in seiner Autobiografie dabei schon etwas, freilich in schönststiligem Englisch) - Labour dann nötig für den Frieden. Die Regierungsfähigkeit war durch die Einheitskoalition getestet worden.



        Wir sind nicht im Krieg. Wir müssen ihm gegenwirken und wir müssen den inneren Frieden sichern. Bei beidem haben sich die ideologisch-neoliberalen Tories ins Knie bis mindestens noch 2030 geschossen, und den anderen Clown werden die Briten ins Abseits schieben. Ich bin da optimistisch.