piwik no script img

Ausschreitungen in Frankreich Le Pens nützliche Idioten

Daniel Bax

Kommentar von

Daniel Bax

Rechte und Konservative erklären die Krawalle in Frankreich zum Kulturkampf. Derlei rassistische Ferndiagnosen sind wenig hilfreich.

F ür rechte Ideologen, aber auch manche Konservative ist längst klar, wer für die Ausschreitungen in Frankreich verantwortlich ist: Linksextreme und Migranten hat CSU-Innenminister Alexander Dobrindt als Schuldige ausgemacht, und so ähnlich tönt es einem aus Bild, FAZ und von angeblichen Experten wie Ahmad Mansour entgegen.

Sie alle erklären die Krawalle zum Kulturkampf. Marine Le Pen und die AfD prangern eine angeblich „verfehlte Migrationspolitik“ an, mal wieder. So wie vor ihnen schon Donald Trump: Frankreich stehe in Flammen, weil „der Islam ein ehemals großartiges Land übernehmen will“, so der US-Präsident und forderte die Regierung in Paris auf, ihre Grenzen zu schließen.

Je weiter man sich vom Ort des Geschehens entfernt, desto leichter fällt diese Ferndiagnose. Das gilt nicht nur für ländliche Regionen und die oberen Schichten in Frankreich, die mit Schrecken auf die Szenen der Gewalt in ihren Städten blicken. Das gilt erst recht für bürgerliche Beobachter und rechte Kreise, die aus dem Ausland auf das Land schauen, sich wohlig gruseln und dabei in ihren Ressentiments bestätigt sehen. Für sie ist das brennende Rathaus von Limoges das Symbol für den Untergang des Abendlands, den sie mit Angstlust beschwören.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.

taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Besonnene Stimmen weisen darauf hin, dass Millionen Franzosen einen Migrationshintergrund besitzen, was in Großstädten wie Paris und Marseille besonders sichtbar ist. Sie sind nicht erst kürzlich ins Land gekommen, sondern Nachkommen von Einwanderern, nicht selten in der dritten Generation. Ihr Protest hat auch wenig mit Hautfarbe oder der Herkunft ihrer Eltern und Großeltern zu tun, sondern mit sozialen Ursachen – den Missständen an staatlichen Schulen und der Perspektivlosigkeit in den Vorstädten.

Es ist auch nicht das erste Mal, dass Randalierer einen ursprünglich friedlichen Protest kapern, und gerade in Frankreich haben solche Ausschreitungen Tradition. Doch die Plünderungen und Zerstörungen vom Wochenende haben die berechtigten Anliegen der Protestierenden überschattet.

In Frankreich fragt man sich, warum diese Exzesse nicht verhindert werden konnten. Warum hat die französische Polizei versagt? Schließlich ist sie nicht zimperlich, sondern bisher eher durch Brutalität aufgefallen. Am vergangenen Wochenende gab es zwar landesweit über 2.000 Festnahmen. Doch zugleich waren über eine halbe Million Demonstranten auf der Straße. Die Polizei war überfordert, Innenminister Nuñez räumte einen „Kontrollverlust“ ein.

Beides – das Versagen der Polizei und die rassistische Interpretation der Ausschreitungen – werden nun wohl auf das Konto von Le Pen einzahlen.

Daniel Bax

Daniel Bax Redakteur

Daniel Bax ist Journalist und Autor und schreibt über Politik, Kultur und Gesellschaft in Deutschland. Er arbeitet als Themenchef im Regieressort der taz und hat mehrere Bücher veröffentlicht: “Angst ums Abendland” (2015) über antimuslimischen Rassismus und “Die Volksverführer“ (2018) über den grassierenden Rechtspopulismus. Sein aktuelles Buch "Die neue Lust auf Links" über das Comeback der Linkspartei ist Ende 2025 im Goldmann Verlag erschienen. Impressum: Daniel Bax c/o taz, die tageszeitung. taz Verlags- und Vertriebs GmbH, Friedrichstr. 21, 10969 Berlin
Mehr zum Thema

7 Kommentare

  • DiMa

    "sondern mit sozialen Ursachen – den Missständen an staatlichen Schulen und der Perspektivlosigkeit in den Vorstädten."

    Das ist doch am Ende das Ergebnis einer verfehlten Migrationspolitik, nur halt mit anderen Worten; irgendwie politisch korrekter im Ergebnis jedoch das gleiche.

  • Frauke Z

    In französischen wie auch deutschen Medien ist ausreichend auf den Unterschied zwischen den - übrigens ziemlich heterogenen - Demonstranten und Randalierern hingewiesen. Gleichzeitig scheint schon ziemlich klar zu sein, dass es durchaus Unterstützung, Einvernehmen und Überschneidungen zwischen den Gewalttätigen und Teilen der Linksradikalen gab.



    Der heiße Brei, um den im Schlusssatz herumgeredet wird, lautet daher:



    Die Gewalt selbst - die Tatsache, dass Kriminelle gezielt zerstören, brandschatzen und verletzten -, wird auf Le Pens Konto einzahlen.

  • Stumm Roland

    Endlich mal ein Beitrag von einem, der anscheinend versteht, was gerade in Frankreich passiert.

  • gyakusou

    Der vermeintliche Migrationshintergrund der Randalierer ist mal wieder typisches Kulturkampffeld.

    Für die Rechten spielt er die entscheidende Rolle, für die Linken überhaupt keinen. Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte.

    In Frankreich lebt die größte chinesischstämmige Gemeinschaft in ganz Europa. Auf allen Aufnahmen der Ausschreitungen habe ich niemanden mit chinesischer Abstammung gesehen, obwohl hunderttausende in den französischen Großstädten wie Paris leben.

    Für mich gehört zur Realität, dass die Integrationen von Personen aus bestimmten Regionen und Kulturkreisen schwieriger ist als bei anderen und diese dann auch bei solchen Ausschreitungen überproportional häufig vertreten sind.

  • Tom Farmer

    Ja leider ist das so! Derzeit zahlt alles auf das rechte Konto ein. Der Mehltau der auf all den saturierten EU (West) Ländern liegt ist täglich greifbar.



    Änderungen ja, aber nicht bei mir. Und genau so agiert die Politik.



    Die "Ränder" (links, queer bis Ausländer und Bürgergelder) problematisieren aber für die Mitte dennoch nix gebacken kriegen! Was soll das??

  • Thutmerwe

    Die Überschrift dieses Artikels paßt auf die Plünderer und Randalierer wahrscheinlich besser als auf die Leute, die Herr Bax in seinem Artikel aufzählt.

  • Philippo1000

    Die Analyse scheint zutreffend.



    Was bedeutet das für „Solidarität“ und Umgang mit Protest?



    Zuerst einmal sind Solidaritätsveranstaltungen nur sinnvoll, wenn der Adressat klar ist .



    Randalierer haben wenig politische Überzeugungskraft.



    Schon die Gelbwesten wurden von Rechts gekapert, nicht ausgeschlossen, dass hier ähnliche Akteure die Stimmung angeheizt haben.



    Angesichts von Personen in Deutschland, die Autoauspuffe zuschäumten um angeblich für Habeck zu kämpfen, ist Vorsicht geboten.



    Putin war für diese Wegwerfagenten Aktion verantwortlich und das ist jederzeit wieder möglich.



    Offensichtlich ist jedenfalls, dass Gewalt die gesamte Gruppe und deren Anliegen diskreditiert.



    Vielleicht verstehen das auch hierzulande irgendwann die Verirrten, die glauben für‘s Klima ausgerechnet mit Aktionen gegen die Bahn vorgehen zu müssen.