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Gruppenvergewaltigung an US-Elite-Uni Die Täter und die Mitwissenden

Valérie Catil

Kommentar von

Valérie Catil

Als „Cornell 7“ sind die Studenten bekannt, die 2024 eine Gruppenvergewaltigung begangen haben sollen. Sie sind nicht die Einzigen, die sich schuldig gemacht haben.

I n der Studentenverbindung Chi Phi werden Männer zu besseren Männern geformt. So steht es zumindest auf ihrer Website. Ihr lokaler Verband an der Eliteuniversität Cornell im Bundesstaat New York ist nun weltbekannt. Doch nicht wegen seiner guten Männer.

Eine Gruppenvergewaltigung, die sich 2024 an der Uni zugetragen haben soll, wurde damals nie zur Anklage gebracht. Die Staatsanwaltschaft in Tompkins County, NY, startet nun eine neue Untersuchung – zwei Jahre nachdem die Betroffene Anzeige gegen die Uni, sieben mutmaßliche Täter und zwei Studentenverbindungen erstattet hatte.

2024 sollen die internen Untersuchungen von Cornell damit abgeschlossen worden sein, dass zwei der mutmaßlichen Täter der Uni verwiesen wurden und die anderen lediglich einen Essay verfassen mussten, wie der Anwalt der Betroffenen gegenüber dem US-Sender CBS sagte. Die Uni dementiert diese Vorwürfe. Alle sieben Männer streiten außerdem ab, die Frau missbraucht zu haben.

Erschreckend ist an dem Vorfall nicht nur die mutmaßliche Tat selbst. Sondern auch, wer alles davon wusste und sich weigerte zu handeln. In der Anklageschrift beschreibt die Klägerin, was in der Nacht geschah:

Sieben Studenten der Verbindung „Chi Phi“ sollen die damals 20-Jährige über sieben Stunden in dem Verbindungshaus mehrfach vergewaltigt haben. Sie sei, als sie dort ankam, um einen Freund zu treffen, schon leicht betrunken gewesen, sei aber von den dort anwesenden Männern gedrängt worden sein, mehr zu trinken und Drogen zu konsumieren. Dabei soll es sich um Ketamin gehandelt haben.

„I fucking love Chi Phi“

Ketamin ist ein Betäubungsmittel, das in der Notfallmedizin als Narkose- oder Schmerzmittel verwendet wird. Als Partydroge wirkt Ketamin bewusstseinsverändernd: Es kann zu Halluzinationen kommen, verzerrter Raum- und Zeitwahrnehmung, gelindertem Schmerzgefühl bis hin zu außerkörperlichen Erfahrungen und Paralysen bei hohen Mengen. Täter nutzen Ketamin häufig als K.-o.-Mittel, da es handlungsunfähig macht.

Allein deswegen habe die Klägerin ihre Zustimmung nicht geben können, so die Anklageschrift. Um 1.42 Uhr in der Nacht soll einer der sieben Studenten, so zeigt es ein in der Schrift angefügter Screenshot, eine Nachricht in den Gruppenchat der Verbindung geschrieben haben. Mit den Worten „free pussy“ habe er die 57 Mitglieder des Gruppenchats darauf aufmerksam gemacht, dass sie ebenfalls Sex mit der Klägerin haben können. „I fucking love Chi Phi“, antwortete ein anderer mutmaßlicher Täter.

57 Männer wussten davon, dass sich eine Frau dort befindet. Und 57 Männer haben nicht gehandelt, sich nicht erkundigt, ob es ihr gut geht, ob sie das will. 57 Männer haben einander geschützt und kein Wort darüber verloren, dass das, was dort geschieht, womöglich nicht in Ordnung ist. 57 Männer haben die Tat nicht verhindert und sie vielleicht sogar erst möglich gemacht.

„Not all men“, sagen diejenigen, die es falsch finden, alle Männer gleichzusetzen. Und es stimmt, „nur“ 7 der 57 sollen Täter geworden sein. Doch was Frauen meinen, wenn sie verallgemeinernd von Männern als Gefahr sprechen, dann meinen sie auch die anderen 50. Diejenigen, die feierten, was dort passierte, auch wenn sie selbst nicht mitmachten. Und diejenigen, die mitlasen und schwiegen.

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Die unsichtbaren Männer

Ein Mann, den Dominique Pelicot zu sich einlud, um seine Frau zu vergewaltigen, fühlte sich unwohl, weil sie betäubt war, und verließ das Haus wieder. Auf die Idee, Gisèle Pelicot zu helfen, kam er nicht – bestimmt auch, weil er es als Risiko für sich sah, die Polizei zu verständigen.

Auch all jene, die Dominique Pelicots Onlineanzeige lasen, die zum Missbrauch an seiner betäubten Frau einlud, handelten nicht. Es brauchte den Zufall, dass Dominique Pelicot dabei erwischt wurde, wie er Frauen unter den Rock fotografierte, um einen der größten Vergewaltigungsfälle unserer Zeit aufzudecken.

Auch im Fall der Cornell 7 war auf die mitwissenden Männer kein Verlass. Die, die im Chi-Phi-Gruppenchat mitlasen, doch das Zimmer, in dem sich die Studentin befand, nicht betraten, werden nie Konsequenzen dafür erleben, was sie mutmaßlich haben geschehen lassen. Sie werden Familien gründen, Töchter haben, Freundschaften pflegen, sich vielleicht sogar als Feministen inszenieren.

Ihre Mitschuld werden sie nicht aufarbeiten. Genau wie alle anderen Männer, die auch jetzt unter uns leben – in unseren Freundeskreisen, in Sportvereinen, bei unserer Arbeit, in unseren Familien: die unsichtbaren Männer, die Mittäter sind, weil sie geschwiegen haben.

Valérie Catil

Valérie Catil Gesellschaftsredakteurin

Redakteurin bei taz zwei, dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Studierte Philosophie und Französisch in Berlin. Seit 2023 bei der taz.
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15 Kommentare

  • Bambuspanda

    Die zahlreichen Kommentare hier befremden mich doch sehr.

    Für mich spielt es erstmal keine Rolle, ob die Tat bislang nicht 100% erwiesen wurde oder nicht. Die bisherige Faktenlage deutet aber sehr wohl darauf hin, dass diese Frau vergewaltigt wurde und man damit sehr wohl von ausgehen kann, dass es stimmt.

    Wenn nun eine große Anzahl von Männern in dem Haus, in dem die sehr wahrscheinliche Vergewaltigung stattfand, nur ein kleiner Teil dieser Männer tatsächlich dabei waren, dann halte ich es für ausgeschlossen, dass der Rest nicht wusste was da stundenlang im Nebenzimmer geschah.

    Das ist für mich völlig absurd, dass keiner dieser Männer mal schauen wollte, was dort vor sich ging - es sei denn, dass diese Vergewaltigung nicht das erstemal war und sie damit wussten, was da vor sich ging.

    Ebenso absurd für mich, dass sich diese Männer über das was da im anderen Zimmer vor sich ging, scheinends nicht darüber unterhalten haben, ja sogar anscheinend auch nichts gehört haben



    wollen, denn es dürfte mit Sicherheit sehr laut zugegangen sein - nicht von der Frau, sondern von den Tätern die sich gegenseitig angefeuert haben dürften, mal so richtig die Sau rauslassen zu können.

  • Christ

    Früher gab's mal ein Ideal von männlicher Ritterlichkeit, das auch das Beschützen von Frauen in sich begriff. Na ja, das war einmal.



    Aber was soll man heutzutage von einer durchpornografisierten Männergesellschaft auch anderes erwarten?



    Liebe Frauen, zieht euch warm an ...

  • Westlahn

    Über die verfügbaren Fakten im Fall muss man sich anderswo informieren. Aber der moralische Rundumschlag ist heftig. 57 Leute sollen sich schuldig gemacht haben, weil sie eine grenzwertige Mail bekommen haben? Da ist wohl eher die moralische Selbsterhöhung der Autorin der Hauptzweck. Wenn die geforderte Bewertung Grundlage von Gerichtsurteilen würde, stünde jede(r) jederzeit mit einem Bein im Knast.

    Nur zur Klarstellung:bisher ist nicht einmal klar, ob es eine Vergewaltigung gegeben hat. Noch weniger, ob es eine Gruppenvergewaltigung war. Aber Frau Catlin hat schon mal 57 Mitschuldige ausgemacht. Was soll das?

  • Éljen a Magyar

    "Als „Cornell 7“ sind die Studenten bekannt, die 2024 eine Gruppenvergewaltigung begangen haben sollen. Sie sind nicht die Einzigen, die sich schuldig gemacht haben."



    Im ersten Satz korrekt formuliert, daß es sich bislang um unbewiesene Vorwürfe handelt, im zweiten Satz dann entgegen der Unschuldsvermutung festgestellt, daß diese Studenten "sich schuldig gemacht haben".



    Bis jetzt gibt es kein Urteil, daß die Studenten eine Vergewaltigung begangen haben. Nur die Vorwürfe einer Studentin, die erst, aus welchen Gründen auch immer, drei Wochen nach dem angeblichen Übergriff Anzeige bei der Campuspolizei erstattet und bei ihrer eidesstattlichen Aussage weder die Verabreichung von Drogen, noch eine Vergewaltigung angegeben hat.



    "Sie war damals 20 Jahre alt und wandte sich nach eigenen Angaben rund drei Wochen nach dem Vorfall an die Polizei auf dem Campus. (...) Der zuständige Staatsanwalt Matthew Van Houten erklärte, die Frau habe in ihrer ersten eidesstattlichen Aussage gegenüber den Behörden weder eine Gruppenvergewaltigung noch eine Verabreichung von Drogen geschildert."



    www.zeit.de/gesell...gen-vergewaltigung

  • DiMa

    Wie der Fall nach US Recht zu beurteilen sein wird vermag ich nicht einzuschätzen, nur halte ich es angesichts der im Artikel gemachten Sachverhaltsdarstellung und der zitierten SMS für fragwürdig, ob von Mitwissenden, Mittätern oder Mitschuldigen gesprochen werden kann. Aus dieser Textnachricht ergibt sich für die Empfänger keine Verpflichtung der Sache auf den Grund zu gehen oder diese wie auch immer zur Anzeige zu bringen.

    • EffeJoSiebenZwo

      @DiMa:

      Bis auf die zwei Worte ‚free pussy‘ kenne ich halt keinen weiteren Inhalt der besagten Nachricht im Chat, und auch nicht die ggf Reaktionen der anderen Chat-Mitglieder, und will mir daher auch kein Urteil über die anderen 50 erlauben.

      Ich frage mich aber schon, ob solche ‚free pussy‘-Nachrichten nicht vielleicht schon öfter im Chat vorgekommen sind, was dem Ganzen natürlich eine vollkommen andere Dimension bescheren würde….

      • DiMa

        @EffeJoSiebenZwo:

        Was da möglicherweise sonst geschrieben worden ist, ist doch unerheblich.

        Die Autorin möchte die 50 Empfänger einer Nachricht mit dem benannten Inhalt zu - wenn auch nur ggf. moralischen - Mitschuldigen einer mutmaßlichen Vergewaltigung machen.

        Das geht juristisch, moralisch und ethisch betrachtet einfach zu weit und die Sachverhaltsdarstellung gibt das einfach nicht her.

    • breakdownthewalls

      @DiMa:

      Genau Deine Haltung ist es, die dann sexualisierte Gewalt ermöglicht und auf die sich viel zu viele Männer verlassen (können). Wer in einen Chat schreibt "Free Pussy", verwendet nicht nur eine frauenverachtende Sprache, sondern degradiert die Frau zu einem bloßen Objekt herab. Solch eine Sprache und Handlung muss Anlass geben dem nachzugehen!

      Wer das nicht tut, macht sich auf jeden Fall moralisch mitschuldig, möglicherweise auch strafrechtlich.

      Neben einer rechtlichen Pflicht etwas nachzugehen, gibt es auch eine ethische Pflicht! Das scheinen viele zu vergessen!

      • Westlahn

        @breakdownthewalls:

        Die Zuweisung persönlicher Schuld an @DiMa verbunden mit der Behauptung viele Männer würden sich auf das Ermöglichen sexualisierter Gewalt verlassen, ist selbst schon grenzwertige Sprache und darf durchaus als "männerverachtend" wahrgenommen werden.



        Und ich riskiere es einfach mal, mich "moralisch mitschuldig zu machen", indem ich nicht weiter nachgehe. Bis auf diesen Post.

      • DiMa

        @breakdownthewalls:

        1) Aus dem Text der SMS lässt sich nicht entnehmen, dass das Einverständnis der Beteiligten fehlt oder wegen des Zustandes nicht gegeben werden kann.



        2) Aus dem Versenden an einen bestimmten Kreis folgt nicht, dass diese Nachricht auch irgendwann nach 1.42 Uhr bis zur Vollendung der Tat von den Übrigen angeblich Mitschuldigen gelesen wurde.



        3) Aus der Formulierung der Nachricht ergibt sich - auch moralisch - nicht die Verpflichtung, sich nach dem Befinden der mutmaßlich Beteiligten zu erkundigen.

    • JK83

      @DiMa:

      Na das eine ist eben das Recht, das andere ist die Moral.



      Und das ist ja auch der Punkt des Meinungsbeitrags. Moralisch haben die versagt und deswegen istd as geschehen so abgelaufen und deswegen kommt es jetzt nur mehr durch Umstände zur weiteren Aufklärung - viel zu spät.



      Insofern liegt ihr Kommentar etwas neben der Sache und er hebt etwas hervor, was die Kommentatorin ja garnicht bestreitet.

      Überhaupt geht es hier um die Sache, den Vorgang, jenseits einer rechtlichen Bewertung. Denn das ist es ja gerade: Kann hier die Antwort sein: "Wir warten mal ab, was wann ein Gericht entscheidet, bevor wir uns mit sowas befassen?". Nein, kann es nicht. Wenn man in so eine Situation gerät, dann ist man moralisch verpflichtet - und unsere Gesellschaft braucht das, denn Recht ist nicht immer da, regelt nicht anlasslos und rechtzeitig, es ist dann da wenn es gerufen wird durch Personen - für das Geschehen zu spät. Das ist doch der Punkt des Beitrags. Mir fehlt die Phantasie es ausreichend gut zu finden, wenn ein Unrecht geschehen ist, dass es vom recht behandelt wurde. Es geht auch um Prävention wo möglich und da hat der Beitrag Punkte.

      • Westlahn

        @JK83:

        Wir haben in Deutschland keine Verhältnisse wie auf dem Campus von US-Universitäten. Es gibt keine Trennung von "normaler" Polizei und Campus-Polizei. Und ich wage zu behaupten, dass auch die Verhältnisse in männlichen, weiblichen und gemischten Studentenverbindungen in Deutschland deutlich andere sind, als auf fraternity--sorority Parties in den USA...

      • DiMa

        @JK83:

        Dem ist vollumfänglich zu widersprechen. Aus der Tatsache, dass die Nachricht irgendwann nach 1:42 Uhr versandt worden ist, kann nicht gefolgert werden, dass diese vor Beendigung der mutmaßlichen Tat auch gelesen wurde. Und selbst wenn das der Fall gewesen sein sollte, folgt aus dem Empfang einer Nachricht mit grenzwertigem Inhalt keine Handlungspflicht, den aus dem Inhalt der Nachricht ergibt sich nicht, dass im Zeitpunkt der Versendung mutmaßlich gerade eine Vergewaltigung abläuft.

    • Sonntagssegler

      @DiMa:

      Ja, aber gruselig ist es schon.

      Ich kann mir auch gut vorstellen, dass die Leute nicht hinschauen WOLLTEN.



      Was ich fast noch schlimmer finde ist, dass ich mir zugegebenermaßen nicht sicher bin, wie ich mich da verhalten hätte.

      • DiMa

        @Sonntagssegler:

        Keine Frage, "gruselig" ist es bei Kenntnis des mutmaßlichen Sachverhaltes in jedem Fall. Und wenn die Empfänger der Nachricht wussten, was sich da gerade abspielt, dann wäre ich voll und ganz bei der Autorin. Nur lässt sich dies aus dem Text der Nachricht gerade nicht herauslesen und es gibt auch kein "hätte wissen müssen".