Gedenken an NS-Opfer in Sachsen : Eine Kultur des Vergessens
Der Stadtrat Heidenau hat das Gedenken an Opfer der Nazis auf den Friedhof verbannt. Die Rechten setzen zu ihrem lange geforderten Schlussstrich an.
Foto: Robert Michael/dpa
W enn es um deutsche Geschichte geht, werden Rechtsextremist:innen oft nostalgisch. Dabei denken sie an einen ziemlich großen Teil nicht so gerne. Und vor allem wollen sie nicht öffentlich daran erinnern: an das Grauen der nationalsozialistischen Diktatur. Sie sprechen abwertend von „Schuldkult“, von einem „Vogelschiss der Geschichte“.
Der Stadtratsbeschluss in Heidenau, den Opfern der NS-Diktatur auf dem Friedhof zu gedenken und keine Stolpersteine mehr für sie zu genehmigen, vermeidet zwar geschichtsrevisionistische Sprache. Aber er betreibt eine ähnliche Verschiebung hin zu einer Kultur des Vergessens. Die Erinnerung an konkrete Opfer soll aus dem Alltag der Stadt verschwinden.
Denn meist werden die Stolpersteine, kleine Messingtafeln, im Boden vor den letzten Wohnorten der Opfer verlegt, um an sie zu erinnern. Sie erinnern alle heute Lebenden daran, wen die Nazis verfolgten: Menschen aus der Nachbarschaft. Jüd:innen, Sinti:zze und Rom:nja, politische Verfolgte, Homosexuelle, trans Menschen, behinderte Menschen. Auf den Stolpersteinen stehen ihre Namen. Sie sind im Alltag sichtbar. Die Erinnerung begegnet einem, ob man will oder nicht.
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Im von AfD- und CDU-Mitgliedern unterstützten Antrag im Stadtrat von Heidenau hieß es, die Stolpersteine seien kein würdevolles Gedenken, weil Passant:innen gedankenlos über die Namen der Opfer steigen würden. Das störe Angehörige und Gedenkinitiativen, schoben die Antragsteller:innen eine mitfühlende Perspektive vor. Doch als dann Vertreter:innen der Jüdischen Gemeinden in Sachsen, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) und des Internationalen Auschwitz-Komitees den Antrag kritisierten, übergingen sie das. Die Mehrheit der Stadträt:innen in Heidenau entschied trotzdem, das Gedenken auf den Friedhof zu verbannen.
Wie wenig es ihnen dabei um die Opfer des Nationalsozialismus geht, zeigt der zweite Teil des Antrags. Auf dem Friedhof soll eine Gedenkfläche entstehen, die generell Opfern von „Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus in Heidenau“ gewidmet ist. Als würde man aus Terroranschlägen die gleichen Lehren ziehen wie aus dem Holocaust.
Es hätte übrigens auch Alternativen gegeben. In München, wo zum Beispiel die Holocaust-Überlebende Charlotte Knobloch die in den Boden eingelassenen Stolpersteine kritisierte, bringt das Projekt „Erinnerungszeichen“ ähnliche Tafeln an Stelen oder Häuserfassaden an. Auch auf ihnen stehen die Namen von Opfern des Nationalsozialismus, ebenfalls meist am letzten Wohnort, mitten im Alltag, allerdings auf Augenhöhe.
Entsprechend verwehrt sich Knobloch auch dagegen, zur Rechtfertigung der Entscheidung herangezogen zu werden, und bezeichnete den Antrag in Heidenau als „durchsichtiges Manöver der Extremisten“.
Klar ist: Grundlegend geht der Beschluss gegen die Stolpersteine auf AfD-Mitglieder zurück. Ihnen geht es in erster Linie darum, einen Schlussstrich unter die Erinnerungskultur zu setzen. Damit sollen wohl auch die Parallelen zwischen ihrer Ideologie und der der Nazis von damals verblassen. Umso erschreckender, dass CDU-Mitglieder den Antrag ganz offen unterstützten.
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