Vertreibung vor dem Supermarkt: Beregnungsanlage gegen Obdachlose
In Hannover werden Obdachlose vor einem Netto-Markt aus perforierten Schläuchen beregnet. Für Sozialarbeiter Dirk Wittenberg ist das unmenschlich.
Eine Beregnungsanlage vor einem Supermarkt? Für Tage, an denen die Klimakrise so richtig reinkickt, mit Hitzeschocks nahe 40 Grad, klingt das wie eine gute, kundenfreundliche Idee.
Aber wenn das Wasser auch an normalen Tagen läuft, wie an einem Markt des Discounters Netto auf dem Engelbosteler Damm in der Nordstadt von Hannover aus perforierten Schläuchen auf Menschen herab, ist das das Gegenteil von Mitmenschlichkeit. Dort tropft und sprüht es unter einem Vordach, das eigentlich Regen abhalten soll.
Dirk Wittenberg, Sozialarbeiter beim nur wenige Gehminuten entfernten Unabhängigen Jugendzentrum (UJZ) Kornstraße, hat die Anlage per Zufall entdeckt, als er Mitte letzter Woche aus der dem Netto-Markt benachbarten Filiale der Deutschen Post kam, links abbog und dachte: Regnet es? Es regnete nicht. Das Wasser, das sich am Boden sammelte, kam aus einer Leitung.
„Da war ein Odachloser mit seinem Rucksack“, sagt Wittenberg der taz, „dem galt das Ganze offenbar, als Abwehrmaßnahme“. Obdachlose sind hier im Viertel keine Seltenheit. „Aus der Innenstadt von Hannover werden sie massiv verdrängt“, sagt Wittenberg, in dessen UJZ sie zuweilen die Toiletten benutzen. „Jetzt geraten sie offenbar auch hier unter Druck.“
Polizei „verräumt“ Obdachlosen
Was vor dem Netto geschieht, erfüllt Wittenberg mit Bitterkeit: „So kann man mit Menschen doch nicht umgehen!“ Es treibe ihm „die Zornesröte ins Gesicht und die Tränen in die Augen“. Netto, vermutet Wittenberg, habe die Beregnung nicht selbst veranlasst, eher der Hausbesitzer, und das offenbar schon vor einem halben Jahr.
Wittenberg hatte die Polizei gerufen, um zu klären, ob die Schlauchanlage rechtens ist. Die sei dann auch gekommen, anderthalb Stunden später, habe sich aber primär darum gekümmert, den Obdachlosen „zu verräumen“. Auch der städtische Ordnungsdienst sei plötzlich vor Ort gewesen, mit demselben Ziel.
Auch politisch hat der Sozialarbeiter „Druck gemacht“, den Bezirksbürgermeister angerufen. „Das kann man doch nicht einfach so hinnehmen“, sagt er. „Und es löst ja auch keine Probleme wie Obdachlosigkeit oder Sucht. Die Betroffenen verschwinden ja nicht, sie verlagern sich nur in weniger sichtbare Bereiche, ziehen weiter.“
Der Sozialwissenschaftler Daniel Gardemin, Co-Vorsitzender der Ratsfraktion der Grünen in Hannover, hält die Beregnung für „moralisch verwerflich“, sagt er der taz. „So auf die Schwachen zu treten ist etwas, das unsere Stadt nicht will.“ Gardemin war letzte Woche selbst vor Ort. „Ein Obdachloser sagte mir, tags zuvor sei das Wasser angestellt worden, als er sich dort aufgehalten habe.“
Das Thema habe mittlerweile „eine richtige Welle gemacht“, sagt Gardemin. Er hat dazu auf Instagram gepostet – sein Artikel hat 160.000 Klicks und 326 Reaktionen mit Kommentar. Und die Welle dürfte so schnell nicht abebben: Gardemin bringt einen Antrag in den Bauausschuss ein, um zu untersuchen, „ob der Eigentümer den öffentlichen Raum dort neben dieser egoistischen Vergrämung womöglich baulich auch noch in anderer Weise überstrapaziert hat“. Zu klären sei, ob er sich über das Recht hinwegsetze.
Ähnliche Anlagen defensiver Architektur, errichtet um Randgruppen auszugrenzen, sind auch aus anderen Städten bekannt.
In Osnabrück hat vor Jahren ein Immobilienbesitzer durch eine Berieselungsanlage über dem Eingang eines Bekleidungsgeschäfts für massive Empörung gesorgt. In Hamburg haben Metallkugeln und Metallzacken Menschen vom Lagern und Sitzen abgehalten, wie das dortige Straßenmagazin Hinz und Kunzt auflistet, dazu Blumenkübel, Zäune und Bänke mit Trennbügeln, auf die sich niemand legen kann. Gardemin kennt diese Bänke auch aus Hannover.
Die Duldung der Beregnung werde für den Discounter im Stadtbezirk Nord Auswirkungen haben, vermutet Gardemin. Das links-alternative, multikulturelle, studentische Milieu ist hier stark. Bei den Stadtbezirkswahlen 2021 bekamen die Grünen fast 35 Prozent.
Dass es sich bei der Netto-Beregnung um eine harmlose Reinigungsanlage handelt, hält er für unglaubwürdig und vorgeschoben: „Wer da saubermachen will, kann doch einfach mit dem Hochdruckreiniger drübergehen.“
Die Stadtverwaltung habe „noch keine Kenntnis darüber, wofür der Eigentümer die Anlage betreibt“, schreibt Dennis Dix der taz, Sprecher der Stadt Hannover. Der Eigentümer sei nicht zu erreichen gewesen. Es handele sich um einen öffentlichen Raum. „Für das Vordach liegt derzeit keine Sondernutzungserlaubnis vor“, teilt Dix mit. Dem Eigentümer werde eine Anhörung zugestellt.Aus Sicht der Stadt sei die Frage, ob hier eine Störung oder Gefahr für die öffentliche Ordnung vorliege, davon abhängig, mit welcher Zielsetzung der Eigentümer die Vorrichtung betreibe. „Hinweise darauf, dass durch die Anlage gezielt und konkret Menschen nassgemacht werden sollen, liegen bisher nicht vor“, schreibt Dix.
Und Netto, der Dulder der Anlage? Bis Redaktionsschluss blieb jeder Kommentar aus.
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