piwik no script img

Zurückweisungen an deutschen GrenzenKeine Angst vor Gerichten

Christian Jakob

Kommentar von

Christian Jakob

Die Union folgt dem augenscheinlichen Volkswillen in der Migrationsfrage und lässt das Recht links liegen. Trump und Orbán lassen grüßen.

Auf einem Protest gegen die Entscheidung zur Kürzung von Integrations- und Sprachkursen Foto: Stefan Boness/ipon

E r sei ein „Fan“ vom Innenminister „Alex“ Dobrindt, schrieb Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel unlängst. „Im schwierigen Feld der Migration“ habe er keine Angst vor Verwaltungsgerichten. Es brauche „solche Typen“ heute. Damit spielt der Sozialdemokrat auf die von dem CSUler Alexander Dobrindt – und Kanzler Friedrich Merz – heute vor genau einem Jahr eingeführten Zurückweisungen Asylsuchender an den deutschen Grenzen an.

Es war ein lustvoll inszenierter Bruch mit dem als ehern geltenden Grundsatz, dass alle ankommenden Schutzsuchenden Anspruch auf eine Prüfung eines Asylantrags haben. Dobrindt setzte sich darüber hinweg. Es war eine demonstrative Willensbekundung, sich bei der versprochenen „Migrationswende“ von nichts aufhalten zu lassen – auch nicht von der Justiz.

Denn bald darauf siegten drei somalische Geflüchtete vor dem Verwaltungsgericht Berlin. Sie waren am Bahnhof Frankfurt (Oder) durch die Bundespolizei kontrolliert worden. Obwohl sie Asyl beantragen wollten, schickte die Polizei sie zurück nach Polen. Das Gericht entschied: Das EU-Recht verpflichtet Deutschland, zumindest zu prüfen, welcher Staat für ein Asylverfahren zuständig ist. Davor ist eine Abschiebung nicht zulässig.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Dobrindt aber machte weiter. Zehntausende wurden seither zurückgewiesen, darunter mindestens 1.200 Schutzsuchende. Der Bundesinnenminister verwies auf einen womöglich noch ausstehenden Gerichtsentscheid in der Hauptsache. Die Eilentscheidung gelte schließlich nur für die Kläger:innen.

Die Sache zeigt die populistische Drift der Union, die sich selbst so gern „Rechtsstaatspartei“ nennt. Andere Dinge aber sind ihr wichtiger geworden. Der angebliche Volkswillen wird über das Recht gestellt. „Exekutiven Ungehorsam“ nennt das die Rechtswissenschaft. Wer so handelt, hat sich anwehen lassen vom Regierungsstil der Trumps und Orbáns. Auch von ihnen ist zu hören, dass es heute „solche Typen braucht“, die keine Angst vor Gerichten haben, sondern tun, was das Volk eben will. Man darf ihnen das nicht glauben.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Christian Jakob
Reportage & Recherche
Seit 2006 bei der taz, zuerst bei der taz Nord in Bremen, seit 2014 im Ressort Reportage und Recherche. Im Ch. Links Verlag erschien von ihm 2023 "Endzeit. Die neue Angst vor dem Untergang und der Kampf um unsere Zukunft". Seit 2019 gibt er den Atlas der Migration der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit heraus. Zuvor schrieb er "Die Bleibenden", eine Geschichte der Flüchtlingsbewegung, "Diktatoren als Türsteher" (mit Simone Schlindwein) und "Angriff auf Europa" (mit M. Gürgen, P. Hecht. S. am Orde und N. Horaczek); alle erschienen im Ch. Links Verlag. Seit 2018 ist er Autor des Atlas der Zivilgesellschaft von Brot für die Welt. 2020/'21 war er als Stipendiat am Max Planck Institut für Völkerrecht in Heidelberg. Er ist Autor von Hörfunkfeatures für SWR, Deutschlandradio und ORF und Mitglied im Beirat des Mediendienst Integration. Auf Bluesky: chrjkb.bsky.social
Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

12 Kommentare

 / 
  • Es ist und bleibt unbegreiflich, wie ein bundesdeutscher Minister einfach so Gesetze ignorieren kann und es geschieht - nichts. Jeder Ladendieb hat mit teils drastischen Strafen zu rechnen, Klimakids sowieso, nur Minister nicht!? Dieses "Vorbild" trägt sehr massiv zu Staatsvedrossenheit bei. Es ist nicht verwunderlich, wenn manche Jugendliche sich aufführen als gäbe es keine Regeln - sie beanspruchen lediglich das Gleiche, was sich einige Politiker herausnehmen. Das sind Anfänge von Anarchie...

  • Sigmar Gabriel scheint ein ziemlicher Wendehals zu sein. 2015 hat er sich noch für das Grundrecht auf Asyl für Flüchtlinge stark gemacht.

  • Carl-Schmitt-iaden und unverdauter Rousseau haben recht wenig zu suchen, wenn die Rechtslage das Entscheidende ist.



    Ja, Politik kann/muss/soll gegen angebliche "Marktzwänge" und Lobbyblockaden durchaus handeln. Das geht.



    Nein, gegen die Menschenwürde niemals.

  • Das erwähnte EU Recht wird schon seit vielen Jahren von fast keinem der Mitgliedstaaten befolgt. Weiterhin handelt es sich wohl nicht um einen "angeblichen Volkswillen", was sämtliche Umfragen bestätigen. Ggf. müssen dann die Volksvertreter Gesetze und Durchführungen anpassen, um den Willen des Souverän zu folgen. All dies im Rahmen des Grundgesetzes

  • Dann lässt die Regierung das Recht eher Rechts liegen. Einen Volkswillen kann ich nicht erkennen. Die Migrationsfrage ist selbstverständlich stark streitfähig, insbesondere bei männlichen Menschen mit, nach Sigmund Freud, wenig Masse im Schritt, wird aber womöglich falsch gedeutet. Es sollte nämlich einbezogen werden, dass denen mit mehr Masse im Schritt um einen starkes Gemeinwesen geht, das effektiv - auch gegen Wirtschafts- und Steuerkriminelle (huhu, Finanz- und Immobilienbranche 👋) - zu reagieren in der Lage ist.

  • Exekutiven Ungehorsam wäre eigentlich relativ einfach beizukommen.

    Das Vollstreckungungsrecht erweitern um die Zwangsvollstreckungsmassnahmen des periodischen Zwangsgeldes und der Zwangshaft für Amtsträger in Führungsfunktion z.B. auf Stufe der Behördenleitung.

    Schwer vorstellbar das ein Leiter der Bundespolizei dann noch Dobrindts rechtswidrige Anordnungen durchsetzen würde.

    • @Sam Spade:

      Behördenleitungen handeln heute schon nicht, ohne sich doppelt und dreifach rechtlich abgesichert zu haben. Wir brauchen nicht noch mehr Verwaltung und Absicherung. Wir brauchen eine Rückkehr zur Pragmatik. Wenn auch das Feld des Asylrechts, das falsche ist, um dies zu diskutieren.

  • Warum auch sollten Politiker oder Behörden auch Angst vor Gerichten haben. Das allerschlimmste das ihnen passieren kann ist doch, dass die irgendwann nach vielen, vielen Jahren feststellen, dass es eben rechtswidrig war. Die verantwortlichen Politiker sind dann meist schon längst nicht mehr im jeweiligen Amt und Behörden passen eben geräuschlos ihre Praxis an oder saugen sich irgendeine andere Begründung für ihr Vorgehen aus den Fingern. Das Phänomen, dass es für staatliche Akteure ohne nennenswerte Konsequenzen möglich ist die eigenen Gesetze höchst flexibel zu handhaben ist ja nun wirklich kein neues Phänomen. Vielleicht sollte man doch mal dahin kommen, dass zumindest bei schwerwiegenden Grundrechtsverstößen auch eine persönliche Haftung der verantwortlichen Politiker und Beamten möglich ist.

  • Die aktuelle Regierung tut alles, um Integration zu erschweren. Sie streicht Integrations- und B2-Kurse zusammen, sie beendet zum 31.12. die Förderung (§ 12a AsylG) der behördenunabhängigen Asylverfahrensberatung, die Jugendmigrationsdienste und die Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer müssen Stellen und Angebote abbauen mangels hinreichender Bundesförderung. In den Bundesländern sieht es nicht viel anders aus.



    Hinzukommt die immer restriktivere Entscheidungspraxis von BAMF und VGen. Da wird - höchtsrichterlich abgesichert - auf die sog. Schattenwirtschaft in Südeuropa und Herkunftsländern verwiesen, darauf, dass "Bett, Brot, Seife" auch unsicher von Tag und Tag und Morgen zu Abend beschafft werden könnten (woanders natürlich!), entfernte Verwandte können einen nach Rückreise durchfüttern für doe nächsten Jahre...

    Menschenwürde? Menschenrechte? Ein Europa mit Friedensnobelpreis? Pah, alles vergessen...

    • @hierbamala:

      "Die aktuelle Regierung tut alles ... "

      Das mit der Demokratie ist halt doof.

      • @GregTheCrack:

        Dass eine demokratisch gewählte Regierung sich an geltendes Recht hält, dürfen wir aber doch noch erwarten, oder?

      • @GregTheCrack:

        Demokratie bedeutet auch die Einhaltung von Grundrechen und den Schutz von Minderheiten, nicht die Diktatur der Mehrheit.