piwik no script img

Literaturkritik von Denis ScheckDie Kunst des Verrisses

In der Debatte über Denis Scheck und seine gefürchtete Mülltonne steht einiges auf dem Spiel. Vor allem: das Recht darauf, die Sau rauszulassen.

Verrissener Typ: Der Literaturkritiker Denis Scheck Foto: Viadata/imago

Eigentlich wartete man nur darauf, auf den Vorwurf des Elitarismus, in der Debatte über Denis Scheck und die zwei jüngst von ihm verrissenen Bücher. Überheblichkeit warf man ihm vor, doch das E-Wort, das die Frage nach der Existenzberechtigung von Literaturkritik zumeist begleitet, fiel diesmal nicht.

Nun ja, Klasse wäre als Argument auch denkbar fehl am Platz, zählen die beiden von Scheck minder geschätzten Autorinnen doch nicht nur zu den wenigen literarisch Schreibenden, die von ihrer Arbeit leben können, nein, sie können das wahrscheinlich auch ganz gut: Ildikó von Kürthy hat mehrere Millionen Bücher verkauft, und auch Sophie Passmann stand mit ihren Büchern mehrfach auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Vom Rezensionswesen allein können indes die meisten Li­te­ra­tur­kri­ti­ke­r:in­nen nicht leben, das nur am Rande. Ohnehin ist die Grenze zwischen Kritikerin und Autor nicht so scharf, wie man vielleicht meint; Schriftstellerinnen schreiben nebenbei Kritiken und auch der ein oder andere Kritiker hat bereits einen Buchvertrag unterzeichnet.

Das war auch früher nicht anders, erinnert sei hier an Kurt Tucholsky oder Paul Auster. Der britisch-amerikanische Romancier Henry James kommentierte etwa den literarischen Betrieb scharf in diversen Zeitschriften, wie die Metropolitan Review belegt. Von „Fluten lauwarmen Seifenwassers“, die unter dem Namen Romane in England „ausgekotzt“ würden, ist da die Rede.

Zahme Literaturkritik

So drastisch wie bei James fallen die Urteile gegenwärtiger Kri­ti­ke­r:in­nen selten aus. Dass die Literaturkritik heute eher zahm daherkommt, könnte dabei durchaus an diesen finanziell bedingten Mehrfachbeschäftigungen liegen: Wer mit spitzer Feder kritisiert, macht sich im literarischen Betrieb nicht unbedingt Freunde, so die Befürchtung. Dass ausgerechnet dieser Tage die vermeintlich zu scharfe Literaturkritik ins Fadenkreuz gerät, ist schon etwas absurd.

Die Politökonomin und Sachbuchautorin Maja Göpel veröffentlichte vor Kurzem ein Video auf Instagram, in dem sie Schecks Kritikstil als „brutal“ beschrieb. Er kritisiere Bücher mit Worten, die „nicht so gut runterlaufen, wenn du dir viel Mühe gegeben hast, ein Buch zu schreiben“, so Göpel. Seit wann in dieser Gesellschaft Mühe allein belohnt wird, sagt sie nicht.

Man muss Denis Scheck an dieser Stelle nicht verteidigen. In seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ wirft er durchgefallene Bücher wenig subtil in die Mülltonne und zur Wahrheit gehört auch, dass Schecks Aussagen über Autorinnen mitunter durchaus anders geartet sind als jene über männliche Kollegen.

Urteile wie die „Schnatterzone der Damentoilette“ (Ildikó von Kürthy) und der „Kopf ohne echte Bildungsressourcen“ sowie die „Seichtgebiete eines trüben Bewusstseins“ (Sophie Passmann) zielen weg vom Buch und hin zum (weiblichen) Körper und sind ohne Zweifel sexistisch. Solche Phrasen gehören genauso wenig in die Debatte wie Kommentare zum Erscheinungsbild Denis Schecks.

Das Recht darauf, die Sau rauszulassen

Mit Letzteren hält sich jedoch zumindest Elke Heidenreich nicht zurück. Als „hysterisches Rolltreppendickerchen“ bezeichnete sie Scheck bereits, mit dem „merkwürdigen Mann in den aus der Zeit gefallenen Anzügen mit lustigen Einstecktüchlein“ begnügte sie sich zuletzt in der Zeit. In einem wütenden und etwas konfusen Text (was hat „das beknackte Gendern“ mit der Debatte zu tun?) fordert sie die Absetzung Schecks und konstatiert, an die Debatte über Caroline Wahl erinnernd: „Wir Frauen lassen jetzt ab und zu mal die Sau raus – manchmal trauen wir uns sogar, uns ähnlich bescheuert zu benehmen wie Kerle.“

Was daran gut sein soll, führt Heidenreich nicht weiter aus. Klar ist jedoch, wer im Feminismus zuvorderst das universelle Recht auf schlechtes Benehmen vertritt, hat die bessere Welt für alle aus den Augen verloren.

Als die mittlerweile millionenschwere Caroline Wahl, deren Romane zumeist die weniger wohlhabende Bevölkerung in den Blick nehmen und durchaus den Verdacht der Armutsromantisierung erregen, ihre Liebe für schnelle, teure Autos bekundete und daraufhin einiges an Kritik erfuhr, sprangen ihr Frauen aus verschiedenen politischen Lagern bei. Plötzlich wurde vehement das Recht aufs Porschefahren verteidigt.

Nun hat man in diesem Land zu allem möglichen Recht, das Recht etwa, Kas­sie­re­r:in­nen von oben herab zu behandeln, ein fieser Chef zu sein oder auch das Recht, Privatjet zu fliegen. Nur wird das Recht ab einem gewissen Geldbetrag eher vom Privileg abgelöst, und das galt es anscheinend in der Debatte zu verteidigen.

Toxische bis tödliche Männlichkeit

Dass das eine schräge Haltung für Linke ist, sollte klar sein. Wahr ist allerdings auch: In einer vor zunehmend toxischer bis tödlicher Männlichkeit triefenden Welt sind es vielleicht nicht die Köpfe junger Frauen, auf die der diskursive Kochlöffel zuerst einschlagen muss. Die Rezensentin sieht sich daher gleich vor die nächste Frage gestellt: Muss es unter all den schlechten Büchern, die erscheinen, unbedingt das der Nachwuchsautorin sein, das verrissen wird?

Eine Anekdote. Man schlägt, als junge Kritikerin, rein aus Interesse den neuen Bodo Kirchhoff auf und ärgert sich über das zugrundeliegende Geschlechterbild. So weit, so erwartbar. Vielleicht, so denkt man dann großzügig, muss man die literarisierten Eheprobleme eines beinahe 50 Jahre älteren Schriftstellers aber auch nicht zwingend kommentieren. Zu wissen, wo aufgrund von Ressentiments und politischer Antipathie das unvoreingenommene Urteil schwerfiele, gehört eben zur Eigenverantwortung des Literaturkritikers.

„Bin ich nicht, versteh ich nicht, mag ich nicht“: Es sind simple Parameter der Urteilsfindung, die Elke Heidenreich Denis Scheck in der Zeit unterstellt, zumindest in Bezug auf ihr eigenes Buch, „Altern“, das sich ein Jahr lang auf der Spiegel-Bestsellerliste hielt. Also: Lieber nur noch urteilen über Bücher, deren Ver­fas­se­r:in­nen der eigenen Verfasstheit in puncto Alter und Geschlecht entsprechen?

Dann landet man womöglich doch bei Caroline Wahl oder Sophie Passmann. Letztere hat in der Vergangenheit ihren Unmut darüber geäußert, dass es vor allem Frauen seien, die sie kritisierten. Ganz überraschend ist das nicht, nimmt man den PR-Apparat rund um „Wie kann sie nur?“ mit in die Gleichung, denn das Buch wird als „highly relatable“ vermarktet. Und relaten, das können eher – junge Frauen.

Wir leben in Zeiten, in denen gute und schlechte Werbung vor allem eines ist: Werbung. Und so dürften am Ende alle gewinnen. Gut verdienende Au­to­r:in­nen wie Ildikó von Kürthy und Sophie Passmann werden noch mehr Bücher verkaufen. Und Denis Scheck? Der wird wohl auch weiter Bücher in die Tonne werfen. Wer mit Blackfacing davonkommt, der dürfte auch diese Debatte überleben.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Produkt-Arrangement bestehend aus dem bunt gemusterten „feministaz“-Halstuch, einer gedruckten taz-Sonderausgabe und einem Smartphone, das die digitale taz-Titelseite mit einer lila Faust zeigt.

10 Wochen taz testen + feministisches Halstuch

Gerade jetzt ist die Sichtbarkeit solidarischer Stimmen wichtiger denn je – für Frauen und FLINTA* weltweit. Teste die taz jetzt und erhalten unser neues feministisches Halstuch als Prämie dazu.

  • Erhalte das exklusive Tuch als Prämie – so attraktiv kann Solidarität sein!
  • Lies 10 Wochen die taz: Montag bis Freitag digital, samstags die gedruckte wochentaz
  • Limitierte Stückzahl, schnell sein lohnt

taz zur Probe + Tuch für nur 29 Euro

Jetzt bestellen

22 Kommentare

 / 
  • Danke für diesen klugen Kommentar! Eine Perspektive, wie sie mir in der bisherigen Debatte gefehlt hat.

  • Differenzieren können, die Grautöne zu sehen und nicht nur schwarz oder weiß ist auch bei Literatur eine Gabe. Von der Person/"Story" des Autors/ der Autorin absehen können und aufs Werk schauen, auch.



    Das auch mal gegen die "Regeln" des "Markts". Bei Öffentlich-Rechtlichen kann mensch das durchaus verlangen - bei der Zeit übrigens auch. J. Hubernagel scheint mir hier einen Punkt zu haben.

  • Heinrich Böll hat auch einige Kritiken zu literarischen Werken geschrieben. Vielleicht würde er „Ansichten eines Clowns" neu schreiben. Als Verriss. Mit Denis Scheck in der Hauptrolle...

    • @Mondschaf26:

      Sie haben dieses Buch vermutlich auch gelesen?



      Die klügste und wahrhaftigste Person in all ihrer Zerrissenheit im Buch ist der Clown, ist Hans Schnier.



      Tun Sie da Herrn Scheck keine unverdiente Ehre an?

      • @Janix:

        „Zerrissenheit im Buch" - ein Gag mit Scheck... Ja, ich habe das Buch gelesen. „Heiz Dir ein mit Schnier." ist mir noch in Erinnerung.



        --



        Das obige Titelfoto ist doch sehr clownesk, und der Clowns gibt es ja viele Sorten... Ich habe auch schon überlegt, ob als Titel nicht „Absichten eines Clowns" besser wäre. „Einsichten" wäre schön, aber da gibt es wieder das Dilemma mit der Ehre.

        • @Mondschaf26:

          Die verlorene Ehre der Katharina Blum?



          „Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“

  • Mich, der ihn für sehr intelligent hielt, hat er in dem Moment verschreckt als er äusserte daß sich die Energieproblematik sowieso bald erledigt hätte weil es ja demnächst die Kernfusion gäbe.

  • Offensichtlich verpasst man nichts wichtiges, wenn man die deutsche Literaturschickeria komplett ignoriert. Dann lieber Booktok, da habe ich den gleichen Kindergarten, nur nicht so elitär.

  • "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten..."



    Alle hauen auf die Pauke. Zirkus Kritik. Da darf jeder mal. Und Denis Scheck sowieso. In die Tonne. Er wird nicht völlig unrecht haben, dennoch geht mir sein Gehabe auf den Geist. Der vornehme Herr mit Einstecktüchlein, gestaltet seine Sprache nicht allzu vornehm. Er muss es krachen lassen. Ab in die Tonne.

    Ich bin auch kein Freund von Hündchen-Literatur, weil gar so flach, was die Gesellschaft angesichts von Krisen nicht braucht. Denn es sind vor allem Sinnkrisen, die die Gesellschaft erodieren lassen.

    Ich schreibe auch, fahre aber keinen Porsche, sondern Fahrrad. Das kann etwas bedeuten, muss aber nicht. Es sind die Augen des Betrachters. Wer Kritik vorrangig als Fallbeil versteht, hat den Beruf des Kritikers verfehlt.

  • Offenbar ist es mit einem Kritiker wie Denis Scheck ähnlich wie mit Schrifstellern und Schriftstellern: einigen gefällt er, anderen nicht. Die einen schauen seine Sendung, die anderen dann nicht. Ist doch prima. Jedenfalls merkt man ihm an, dass ihm Literatur gefällt und er sich mit Begeisterung damit beschäftigt.

  • Denis Scheck unterhält mich sehr gut mit seiner Sendung, und das Highlight ist immer die Bestseller-Liste. Wenigstens mal ein bisschen was Würziges als all der ranzige Schleim der sonst aus all den dritten ARD Programmen an einem abläuft. Aber ehrlich, auch beim Scheck wird oft etwas geschleimt, vor allem bei seinen Interviews. Dennoch denke ich: armer Mensch, der den ganzen Schund lesen muss. Von Elke Heidenreich, die zur Literaturkritik kam wie die Sprichwörtliche, und die immer noch nicht weiß, was sie besser kann: Literaturkritik oder Literatur schreiben - aber sowas müssen ja eh nur Männer wissen - hatte ich auch mal ein Buch im Regal stehen, das war nett zu lesen. So ein Titel, der nach 20 Jahren in Bestzustand (maximal einmal gelesen) noch für 50 Cent im Trödel zu haben ist. Ihre Kritiken haben keine bleibenden Erinnerungen bei mir hinterlassen. Was sie da nun reflexhaft abspult, von wegen: der Scheck soll weck, ist aber auch wirklich unterste Schublade. Klar, wäre sie auch mal froh, ein Interview mit Salman Rushdie zu haben.

    • @MSchnid:

      Die Attacken gegen Frau Heidenreich waren auch nicht gerade fein.

  • "Muss es unter all den schlechten Büchern, die erscheinen, unbedingt das der Nachwuchsautorin sein, das verrissen wird?"



    Denis Scheck sucht sich die Bücher nicht aus, sondern kommentiert die aktuellen Bestseller.

    • @Sonnenblumen:

      👍

  • Sein Kanon der 100 wichtigen Werke der Weltliteratur gehört auf jeden Fall in seine berühmt-berüchtigte Tonne. Weg damit!



    Ich gucke Scheck nicht mehr und genieße dafür das Literarische Quartett mit Thea Dorn. Dort macht man es sich nicht so einfach - es wird gestritten und um jedes Buch gerungen.

  • Ich habe Denis Scheck das erste und einzige mal eingeschaltet, als er Christa Wolfs „Kassandra“ in den Mülleimer geworfen hat.



    Das Buch hat er mit zwei kurzen Sätze so zerrissen, dass ich ehrlich bezweifle, das er das Buch überhaupt gelesen hat. Und ich dachte damals: „Mit Goethe hätte er sich das nicht getraut.“



    Ich respektiere jede konstruktive Kritik, auch von Bestsellern reicher AutorInnen. Und ich respektiere auch die Eitelkeiten einzelner ModeratorInnen in den Medien. Aber warum sollte ich als Frau mit meinen Gebühren Frauenfeindlichkeiten eines exaltierten Buchkritikers finanzieren?

    • @TaAl:

      Es ist schwer, über so große Abstände zu vergleichen. Doch wollten Sie gerade Christa Wolf auf eine Ebene mit Goethe stellen?

  • Das Kritisierte den Kritiker verachten ist so alt wie die das Theater darum.



    Neu ist die inszenierte Empfindlichkeit, die natürlich nie anerkennt, dass das wirklich schlecht sein könnte sondern die Kritik einem heimlichen Gefühl von Antifeminismus, Rassismus oder sonstigen -Ismen unterliegt.



    Da kann man sich als Kritisierter noch als Opfer generieren und kann die Selbstreflektion erst mal verschieben.



    Das Frau Heidenreich sich hier auf die Äußerliche Erscheinung von Herrn Scheck kapriziert spricht Bände.

    • @Herbarius Zunichten:

      Wenn Frau Heidenreich auf das Aussehen dieses Herrn rekurriert, dann ist das sicher nicht sehr fair. Aber: Männer tun dies unablässig!

  • Hola. Wat n Larm inne Baou. Liggers.

    Der oben erwähnte Tucho hat ein einem seiner



    Schnipsel eigentlich alles gesagt - hm?!



    “Wenn Literaten Literaten Literaten nennen.“

    Hab mir ein paarmal diesen Rollmops angetan.



    Wer diesen flügelschlagenden Wichteltuer ernst nimmt - hat doch selber Schuld. Woll

    Diese One-man-Muppet-Show - ab in die 🪣 •

  • "Dass das eine schräge Haltung für Linke ist, sollte klar sein."

    Das finde ich eine durchaus interessante Schlussfolgerung, vor allem angesichts dessen, dass diese "Verteidigung des Porschefahrens" ebenfalls fleißig in der Taz stattfand:



    taz.de/Shitstorm-u...ine-Wahl/!6109228/