piwik no script img

Warnung des VerfassungsschutzesMischt der Kreml bei den Landtagswahlen mit?

taz exklusiv: Der Verfassungsschutz fürchtet Manipulationsversuche durch Russland bei den Wahlen in diesem Jahr. Der Nutznießer ist klar: die AfD.

Desinformation und Sabotage: Russische Botschaft in Berlin Foto: Christoph Soeder/dpa
Konrad Litschko

Aus Berlin

Konrad Litschko

Sinan Selen wurde zuletzt deutlich. Russland agiere derzeit „aggressiv, offensiv und eskalativ“, warnte der Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz in Berlin. Deutschland müsse sich einstellen auf Sabotagen, Desinformation, Cyberangriffe oder „Einflussoperationen“. Es finde eine „brandgefährliche Entgrenzung“ statt. Intern konkretisiert sich nun im Verfassungsschutz eine Sorge: dass es Manipulationen der bevorstehen Landtagswahlen in diesem Jahr geben könnte.

„Angesichts der Zunahme hybrider Angriffe Russlands gegen europäische Demokratien ist auch im Rahmen von Landtagswahlen mit entsprechenden Aktivitäten zu rechnen“, heißt es in einer Einschätzung des Bundesamts für Verfassungsschutz, die der taz vorliegt. Diese Gefährdung „durch unzulässige ausländische Einflussnahme und Informationsmanipulation“ nehme man „sehr ernst“.

Seit mehreren Jahren, so der Verfassungsschutz weiter, seien Wahlen, bisher vorrangig auf nationaler und europäischer Ebene, Ziel von Manipulationsversuchen fremder Staaten. Auch die Landtagswahlen kämen nun in Betracht. Die derzeit größte Gefahr ist für die Behörde klar: „Die Hauptbedrohung für Deutschland geht hierbei weiterhin von Aktivitäten der Russischen Föderation aus.“ Einflussnahmeversuche und Desinformation seien „zentrale Elemente der hybriden Aktionen Russlands“.

Schon bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr hatte es Einflussversuche Moskaus gegeben, die der Verfassungsschutz und der BND später der russischen „Storm-1516“-Kampagne zurechneten. In diesem Zusammenhang wurden damals Artikel und Videos über Webseiten verbreitet, die den Anschein echter Nachrichtenseiten erwecken sollten. Deutschland hatte daraufhin den russischen Botschafter ins Auswärtige Amt einbestellt und Einreisesperren gegen beschuldigte Beteiligte verhängt.

Narrative verbreiten, Personen diskreditieren

Für den Verfassungsschutz steht dabei außer Frage, zu welchen Gunsten auch die künftigen Einflussversuche stattfinden würden. Sofern es dazu komme, „werden diese wahrscheinlich darauf ausgerichtet sein, solche Personen und Parteien zu unterstützen, die offizielle russische Positionen befürworten oder Narrative im Sinne der russischen Staatsführung verbreiten“, heißt es in der Einschätzung. Ein Name wird nicht genannt. Aber es ist klar, auf welche Partei er abzielt: die AfD.

Zugleich würden wohl „diejenigen Personen oder Parteien diskreditiert werden, die der Vorstellungswelt des Kremls entgegengesetzte Positionen vertreten, wie etwa die Unterstützung der Ukraine“, heißt es weiter. Auch sei es denkbar, dass russische Akteure versuchten, „das Vertrauen in demokratische Institutionen zu beschädigen, insbesondere bei Themen der Inneren Sicherheit und der Migration“. Zudem könnte die Integrität der Wahlen selbst oder das festgestellte Wahlergebnis „angezweifelt“ werden.

Die erste Landtagswahl findet bereits an diesem Sonntag in Baden-Württemberg statt. Es folgen Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Die AfD wahlkämpft hier mit russlandzugewandten Positionen. Im Wahlprogramm der Partei in Baden-Württemberg werden die Russlandsanktionen nach dem Angriff Moskaus auf die Ukraine als „verantwortungslose Fehlentscheidung“ bezeichnet. Spitzenkandidat Markus Frohnmaier erklärte, er würde als Ministerpräsident in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit nach Russland reisen, um die wirtschaftlichen Beziehungen „wiederzubeleben“.

Auch in einem Entwurf des AfD-Wahlprogramms für Sachsen-Anhalt wird die „russlandfeindliche Politik der Altparteien“ kritisiert und eine vermeintliche „Hetze“ gegen Russen beklagt. Dabei hätten Deutschland und Sachsen-Anhalt sowohl ökonomisch als auch kulturell „ein großes Interesse an guten Beziehungen zu Russland“.

Im Bundesrat werde man sich für die Aufhebung der Russlandsanktionen einsetzen und für eine Wiederaufnahme von Energieimporten aus Russland, so die AfD. Die Nord-Stream-Gas-Pipeline solle wieder in Betrieb gehen, Schüleraustausche mit Russland müssten wiederbelebt und der Russisch-Unterricht an Schulen wieder ausgebaut werden.

Warnungen auch von anderen Behörden

Schon zuletzt hatte auch der hessische Verfassungsschutz vor Desinformationen vor den dortigen Kommunalwahlen am 15. März gewarnt. Mit KI-generierten Inhalten und Deepfakes über Kandidierende oder Parteien könnte die Meinungsbildung „gezielt fehlerhaft beziehungsweise irreführend beeinflusst“ werden, erklärte das Landesamt.

Gerade auf kommunaler Ebene könnten gefälschte Onlineprofile von Amtsträgern oder Behörden „eine gefährliche Wirkung entfalten, da sie in einem vertrauten Umfeld besonders glaubwürdig erscheinen“. Auch könnten kleinere Gemeinden mangels Ressourcen solche Desinformation schwerer entlarven. Vor allem Bür­ger­meis­te­r*in­nen seien im vergangenen Jahr Opfer von Identitätsklau auf Social Media geworden.

Bernd Neumann, hessischer Verfassungsschutzchef, warnte: „Wenn für die Wählerinnen und Wähler nicht mehr unterscheidbar ist, ob ein Video, Profil oder ein Kommentar echt ist, bricht die Vertrauensbasis weg, die für die demokratische Meinungs- und Willensbildung von entscheidender Bedeutung ist.“ Gerade im Wahlkampf verbreiteten sich falsche oder irreführende Meldungen „rasant“. Das Landesamt richtete für die Kommunalwahl eigens eine Sonderauswertungseinheit ein, die Hinweise auf Desinformation nachgehen soll.

Und der Verfassungsschutz ist nicht allein. Auch BND-Chef Martin Jäger warnte im Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz deutlich vor hybriden Angriffen Russlands und Manipulationsversuchen auf die Wahlen in diesem Jahr.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

12 Kommentare

 / 
  • Wer Russland in den letzten Jahren auch nur aus dem Augenwinkel beobachtet hat, weiß, dass der Kreml wann immer möglich mitmischen will.



    Und es ist klar, dass er am ehesten die Das-arme-missverstandene-Russland-Parteien AfD und BSW unterstützen wird. Nur schwächelt der BSW, und die Strategie des Kremls zielt nicht so sehr auf ihm wohlgesonnener Politik als auf Destabilisierung. Und "dank" Brandmauer führt jede Stimme für die AfD zu instabileren Verhältnissen.



    Die Interessenlage ist also klar. Daraus folgt jedoch überhaupt nicht, dass das gelingt oder wesentliche Auswirkungen hat.



    Die Stimmungen, die die Wahlergebnisse prägen, dürften immer noch überwiegen "made in Germany" sein.

  • Es ist ein politischer Offenbarungseid: Während Putin mit KI-generierten Deepfakes und massiven Bot-Armeen unsere digitale Infrastruktur unter Beschuss nimmt, agiert die AfD als sein willfähriger Verstärker. Die sozialen Medien sind zum Schlachtfeld geworden, auf dem Algorithmen den Hass und die Desinformation aus Moskau mit Lichtgeschwindigkeit in deutsche Wohnzimmer spülen. Dass eine Partei, die sich „alternativ“ nennt, in Wahrheit als digitales Sprachrohr eines Despoten fungiert, ist ein Akt der beispiellosen Selbstverleugnung.



    ​Wir erleben keine normale politische Auseinandersetzung, sondern einen hybriden Krieg gegen unsere demokratische Urteilskraft. Wer russische Narrative ungefiltert teilt, um die eigene Gesellschaft zu spalten, betreibt das Geschäft eines Kriegsverbrechers. Die AfD ist nicht die Lösung für deutsche Probleme, sondern die Schnittstelle für Putins Destabilisierungsstrategie. Wer heute noch glaubt, diese Klicks seien harmlos, hat den Schuss nicht gehört. Diese Allianz aus Troll-Fabriken und völkischem Populismus ist ein Frontalangriff auf unser Land. Wer unsere Freiheit liebt, muss diese digitale Unterwanderung endlich als das benennen, was sie ist: Verrat!

  • Nichts ist so kämpferisch gegen die Verfassung gerichtet wie der Verrat des eigenen Landes an eine fremde Macht.

  • ... soziale Netzwerke abschalten.



    klingt einfach — ist es auch. Wenn nur der Kapitalismus nicht wäre.

  • Huch, dachte das wären die Amis, die unbedingt die AFD stärken wollen und sich in die Inneren Angelegenheiten der BRD einmischen. Unter anderem in konspirativer Zusammenarbeit mit der Springer Presse.



    Aber hatte ich wohl was falsch verstanden.

    • @Schleicher:

      Wo ist der Widerspruch?

      Russland fördert extreme Parteien, weil politische Polarisierung demokratische Gesellschaften schwächt.

      MAGA bzw. Project 2025 fördert rechtsextreme europäische Parteien, weil sie ideologisch verwandt sind.

      Das ist kein Widerspruch. Anders als die USA, die offen und direkt die AfD rhetorisch unterstützen, tut Russland es eben durch Sabotage, Bots und andere Mittel der Desinformation und Propaganda. Falls es kurz vor den Wahlen einen Anschlag eines kurz zuvor im Internet radikalisierten Islamisten gibt, wäre mein erster Tipp, dass Russland hinter Radikalisierung, Ideengebung und ggf. materiellen Unterstützung steht. Die USA würden auch unter Trump wohl kaum auf diese Weise in einen Landtagswahlkampf eingreifen, zumal es sich um ein Bundesland handelt, in dem weniger Wähler wohnen als in München.

    • @Schleicher:

      USA, Russland und nicht zu vergessen China, Weidel spricht fliessend Mandarin. Der Verfassungsschutz sollte seinen AFD-Bericht mal an diese Laender schicken, vielleicht hat er da mehr Erfolg als in Koeln.

  • "Ein Name wird nicht genannt. Aber es ist klar, auf welche Partei er abzielt: die AfD."

    Sollte man Dobrindt direkt vor die Nase halten. Wie lange will er oder die Union insgesamt noch untätig bleiben? Wahrscheinlich sagt er dann wieder, "Ja, man muss das jetzt erstmal genau beobachten..." Hallo? Das sind ernste Vorwürfe, hier geht es um Wahlen! Die AfD profitiert davon.

  • Wenn Sie‘s können, werden Sie‘s machen. Das ist sicher keine Frage des Wollens bei der Kolonne des Kreml.

  • leider ist der bundesdeutsche Verfassungsschutz nicht gerade der Inbegriff eines erfolgreichen Geheimdienstes. Da müsste zugunsten der Effektivität noch nachgebessert werden.



    Aber auch die Regierung ist angesichts dieser bekannten Bedrohung recht phlegmatisch.



    Warum hat Russland überhaupt noch ein Konsulat in Bonn? Warum wird das Botschaftspersonal in Berlin nicht auf den Botschafter und zwei bis drei Mitarbeiter beschränkt? Gilt im Gegenzug dann natürlich auch für die deutsche Botschaft in Russland.

    • @Oleg Fedotov:

      Absurd ist auch, dass das "Russische Haus" in Berlin noch offen ist und seine Propagandaveranstaltungen durchführen darf. Angeblich hat die Bundesregierung Angst, dass die Russen bei einer Schließung die Goethe-Institute in Russland schließen, aber wenn's so wäre: so what? Deutschkurse haben schließlich auch nicht verhindert, dass Russland Deutschland bedroht. Und bekanntlich spricht Putin ziemlich gut deutsch. Was hat's gebracht?

    • @Oleg Fedotov:

      Ich denke, weder die Botschaft(en) noch deren Personal ist hier wirklich das Problem.

      Allerdings haben Sie voll und ganz recht, dass zumindest sichtbar nicht wirklich viel von der Regierung bzw. den demokratischen Parteien kommt.

      Und der AgD geht wirklich auf die Finger geschaut. Unerträglich deren Unterwürfigkeit gegnüber Autokraten.