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Verfassungsreferendum in ItalienDie Abstimmung über den Generalangriff von Rechts

Michael Braun

Kommentar von

Michael Braun

Diesen Sonntag und Montag entscheiden Ita­lie­ne­r*in­nen über eine Verfassungsänderung. Giorgia Meloni plant so einen radikalen Staatsumbau.

Meloni hatte die verfassungsändernde Reform im Oktober mit den Stimmen ihrer Rechtskoalition problemlos durchs Parlament gebracht Foto: Fabrizio Corradetti/LPS via ZUMA Press Wire/dpa

N ein, so war das nicht geplant. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni war davon ausgegangen, das das am 22. und 23. März anstehende Referendum über die von ihr durchgesetzte Justizreform zum Heimspiel werde. Schließlich hatte die postfaschistische Regierungschefin die verfassungsändernde Reform im vergangenen Oktober mit den Stimmen ihrer Rechtskoalition problemlos durchs Parlament gebracht. Doch aus dem Heimspiel ist mittlerweile eine Hängepartie mit ungewissem Ausgang geworden.

Plötzlich nimmt das Referendum für Meloni eine ähnliche Bedeutung an, wie es die Mid-Terms für US-Präsident Donald Trump sind: Das Votum wird zum Halbfinale, in dem Bür­ge­r*in­nen nicht nur über die Justizreform befinden, sondern auch über weitergehende Pläne Melonis zum Staatsumbau. In dem auch entschieden wird, welches der beiden politischen Lager bei den Parlamentswahlen im Jahr 2027 Rückenwind haben wird.

Man mag Meloni zugutehalten, dass sie weit weniger rabiat agiert als andere radikal rechte Populisten an der Macht, als ein Trump, Javier Milei in Argentinien, Viktor Orbán in Ungarn. Doch nicht umsonst sieht Meloni diese drei als Brüder im Geiste, will auch sie einen autoritären Staatsumbau. Quintessenz dieses Umbaus ist die Stärkung der Exekutive, um endlich „durchregieren“ zu können. Das heißt: die Schwächung der Gegengewichte – von der Justiz zum Parlament, von den Medien zu gesellschaftlichen Oppositionskräften.

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Melonis Justizreform stellt da nur einen ersten Schritt dar. Die Trennung der Laufbahnen von Rich­te­r*in­nen und Staatsanwält*innen, die Aufspaltung ihres Selbstverwaltungsorgans, des Höchsten Rats der Magistratur, in zwei Räte, die dazu noch nicht mehr gewählt werden, sondern deren Mitglieder in Zukunft per Losverfahren ermittelt werden sollen.

Bei einem Sieg der Rechten bleibt es nicht bei der Justizreform

Sowohl Geg­ne­r*in­nen als auch Be­für­wor­te­r*in­nen dieser Reform, sehen, dass es um mehr geht. Nicht umsonst verkündet Meloni, endlich solle eine Justiz geschaffen werden, „die mit der Regierung an einem Strang zieht“, sprich die gefügig ist, statt der Exekutive mit unbequemen Urteilen in die Quere zu kommen. Und nicht umsonst verkündete Giusi Bartolozzi, Kabinettschefin des Justizministers Carlo Nordio, mit dem Referendum gelte es, „die Magistratur aus dem Weg zu räumen“.

Podcast mit Italien-Korrespondent Michael Braun

Viele in der EU haben sich daran gewöhnt, dass in Italien eine Postfaschistin regiert. Nun will Meloni die Justiz schwächen. Wie dramatisch ist das? Ein Podcast aus der Reihe "Fernverbindung" mit taz-Italien-Korrespondent Michael Braun.

Bei einem Sieg im Referendum bliebe es nicht bei dieser einen Reform. Ganz oben auf Melonis Agenda steht eine weitere Verfassungsänderung: die Einführung der Direktwahl des Ministerpräsidenten. Damit würde der jahrzehntealte Traum der italienischen radikalen Rechten endlich wahr: die Installierung eines starken Manns – oder einer starken Frau – an der Spitze der Exekutive, plebiszitär ermächtigt durch das Volk und Her­r*in über das Parlament.

Denn auch das Verhältnis zwischen Legislative und Exekutive würde so auf den Kopf gestellt. Bisher ist es das Parlament, das dem Ministerpräsidenten das Vertrauen ausspricht – und entziehen kann. In Zukunft jedoch wäre es der Regierungschef, der dem Parlament das Vertrauen entziehen könnte: Wenn er zurücktritt, kann er die Auflösung des Parlaments und Neuwahlen verordnen.

Noch vor dieser Reform hat Meloni eine Wahlrechtsreform im Sinn, sie soll direkt nach dem Justizreferendum vom 22. und 23. März ins Parlament eingebracht werden. Italiens Rechte will ein neues Wahlverfahren, mit Proporz, zugleich aber mit einem satten Mehrheitsbonus für die siegreiche Koalition.

Es schien bisher, als müsse Meloni keine großen Widerstände gegen ihre Reformpläne befürchten. Wie kaum eine andere Regierung in Europa verfügt sie über einen stabilen Konsens im Wahlvolk. Gewann ihre postfaschistische Fratelli d'Italia bei den Wahlen von 2022 rund 26 Prozent der Stimmen, so liegt aktuell in den Umfragen sogar bei 28 bis 30 Prozent. Ihre Koalitionspartner Lega und Forza Italia verharren stabil bei je rund 8 Prozent. Das würde mit einem veränderten Wahlrecht wieder für eine satte Parlamentsmehrheit reichen.

Das Referendum kann das scheinbar feste Tableau ins Wanken bringen

Dabei hilft Meloni auch die Tatsache, dass die Mitte-Links-Opposition – vorneweg die gemäßigt linke Partito Democratico und die Fünf Sterne – zwar ihre tiefe Spaltung von 2022 überwinden konnten, ihnen es aber nicht gelang, zündende Themen zu finden. Es finden sich auch keine populären Führungsfiguren, die „Giorgia“ die Stirn bieten könnten. Dieses scheinbar feste Tableau kann jedoch durch das Justizreferendum ins Wanken geraten.

Verliert das Meloni-Lager das Referendum, wäre nicht nur der rechte Generalangriff auf die angeblich „ideologisierte Justiz“, auf die „roten Roben“ gestoppt. Es wäre auch der Mythos gebrochen, Meloni habe immer das Volk auf ihrer Seite und könne die von ihr angestrebten Reformen ohne große Widerstände durchsetzen. Dann wäre ein Ruck in der Mitte-Links-Allianz zu erwarten, mit der Gewissheit, dass Italiens Rechte geschlagen werden kann.

Das gilt aber auch umgekehrt: Sollte Meloni siegen, wie knapp auch immer, hätte sie freie Bahn für ihren autoritären Staatsumbau. Sie hätte tatsächlich beste Chancen, bei den Parlamentswahlen von 2027 im Amt bestätigt zu werden – und Italien eine „Ära Meloni“ samt allen Risiken und Nebenwirkungen.

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Michael Braun
Auslandskorrespondent Italien
Promovierter Politologe, 1985-1995 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Unis Duisburg und Essen, seit 1996 als Journalist in Rom, seit 2000 taz-Korrespondent, daneben tätig für deutsche Rundfunkanstalten, das italienische Wochenmagazin „Internazionale“ und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Büro Rom der Friedrich-Ebert-Stiftung.
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8 Kommentare

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  • Ich würde mit NEIN stimmen.



    Für mich ist Meloni und ihre nicht-transparenten Unterstützer leider der letzte Dr....k. Für mich ist sie nicht nur eine unsägliche sog. Post-Faschistin, sondern ein Mensch, der vor allem arme Italiener an den Rand der Gesellschaft packt und nicht mehr unterstützt. Dass sie ausgerechnet im Justiz-Wesen eine Reform macht, die bei Anti-Mafia-Richtern und Staatsanwälten auf starke Ablehnung trifft ... Da kann sich jeder den Rest denken.

  • Bei alledem ist soweit nicht erkennbar warum diese Reformen für die Rechten besser als für die Linken sein sollte. Seit 1946 gab es 31 Ministerpräsidenten (Dtld.: 10 Kanzler). Das italienische System hat ganz offensichtlich ein Problem, eine stabile Regierung zu bilden, was nicht gut ist für die Demokratie.

  • Es wird einem nur noch übel. Überall rundherum Faschismus im Anmarsch. Das Schicksal will mir den Abschied aus dem weltlichen Leben (70+) immer schmackhafter machen.



    Junge Menschen macht die Augen auf und geht den Rattenfängern nicht dumm-blind auf den Leim! (Anstatt euch über 19€ ÖR-Gebühren zu echauffieren).

  • Es ist das altbekannte, brandgefährliche Drehbuch des Postfaschismus: Unter dem Deckmantel von „Stabilität“ und „Effizienz“ schickt sich Giorgia Meloni an, das Herzstück der italienischen Republik zu durchbohren. Ihre geplante Verfassungsreform zur Stärkung des Ministerpräsidenten ist nichts Geringeres als die gezielte Entmachtung des Parlaments und die Kastration des Staatspräsidenten. Wer die Gewaltenteilung schleift, bereitet den Boden für die Autokratie.



    ​Meloni agiert in der Tradition jener Geister, die die Demokratie als lästiges Hindernis für den „unmittelbaren Volkswillen“ begreifen. Durch die faktische Gleichschaltung der Exekutive mit der Legislative wird das System der Checks and Balances zur Farce degradiert. Es ist die schleichende Faschisierung im modernen Gewand: Man lässt die Institutionen formal bestehen, während man ihnen die Seele raubt. Wer Meloni gewähren lässt, unterschätzt die Zerstörungskraft einer Ideologie, die Machtkonzentration über Rechtssicherheit stellt. Italien steht am Scheideweg – und Europa darf bei dieser Demontage der Freiheit nicht länger schweigend zusehen!

  • Da die Italiener Meloni mit großer Mehrheit grwählt haben braucht man nicht mal zu raten wie das Referendum ausgeht.

  • und worum geht es jetzt in der Reform überhaupt??!

    • @Holzi Momo:

      Wenn ich es richtig verstanden habe, wirst du entweder Richter oder Staatsanwalt. Das Hin und Her Wechseln geht dann nicht mehr.



      Der "angebliche" Grund, Richter bevorzugen"ehemalige" Richter, wenn die in die Staatsanwaltschaft wechseln.

  • Es ist mir immer wieder ein Rätsel wie Menschen autoritäre Systeme und ihre Advokaten befürworten, wenn die Geschichte der Menschheit doch so klar die Folgen aufzeigt. Ich weiß, fehlende Bildung, wirtschaftliche Probleme, die die Ohren für Populisten öffnen, Propaganda durch private interessengesteuerte Medien usw. , aber trotzdem...denken die Leute nicht wenigstens etwas nach? Erinnert mich an die Latinos, welche Trump gewählt haben, und nun in amerikanischen Konzentrationslagern sitzen.