Eine Visualisierung, wie der Glasturm neben der East Side Mall aussehen soll

So soll er aussehen: der Glasturm Illustration: Edge

Urbane Kämpfe und Digitalisierung

Der Turmbau zu Berlin

Amazon will den Berliner Standort ausbauen. Dagegen formiert sich Widerstand. Könnte es gerade in Berlin gelingen, den Tech-Riesen aufzuhalten?

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14.1.2020, 11:21 UHR

Der Turm wackelt einmal, er wackelt zweimal, dann kippt er um. Der Bär und die Superheldin mit Boxhandschuhen reißen die Arme zur Siegerpose in die Luft. K.o. in der ersten Runde! Sie treten noch mal nach, die Bestandteile des Turms fliegen über den Boden. Zwölf Pappkartons, jeder bedruckt mit dem Logo eines der berühmtesten Unternehmen unserer Zeit: der zum Lächeln gebogene Amazon-Pfeil – nur dass hier die Mundwinkel nach unten zeigen.

Was sich an diesem vorweihnachtlichen Samstag hier auf dem Mittelstreifen der Warschauer Straße kurz vor der Warschauer Brücke in Friedrichshain abspielt, gehört zur ersten öffentlichen Protestaktion gegen den sogenannten Amazon Tower. Im Oktober wurde bekannt, dass der Versandhandelsriese 28 von 35 Stockwerken in einem 140 Meter hohen Büroturm beziehen will, der bis 2023 an der Warschauer Brücke entstehen wird.

3.400 Amazon-Angestellte sollen hier arbeiten. Der „Edge East Side“ betitelte Turm bildet eine Art Finale des Investorenprojekts Mediaspree, die in den 1990er Jahren erdachte Umgestaltung des Spreeufers zugunsten der Ansiedlung großer Medien- und Unterhaltungskonzerne.

Die Simulationen, auf denen der fertige Turm zu sehen ist, wirken unwirklich, wie ein abgedrehter Kleine-Jungs-Traum von Singapur in Berlin. Doch während hier auf dem Mittelstreifen der Warschauer Straße die Pappkartons fliegen, ragen 300 Meter weiter zwei sonnengelbe Seilbagger in die Luft: Die Untergrundarbeiten für den Turmbau haben bereits begonnen.

Eine Karte zeigt das zu bebauende Grundstück neben der Eastside Mall

Infografik: infotext-berlin.de

Florian Schmidt, grüner Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, hatte im Herbst noch versucht, einen Neustart für das Projekt zu erreichen: Die eingereichten Pläne für die Gestaltung des Turms wichen deutlich von den ursprünglichen Vereinbarungen ab, warf er den Bauherren vor. Doch Schmidt wurde vom Senat zurückgepfiffen: Für eine nachträgliche Entziehung des Baurechts fehle “die Rechtsgrundlage“. Spätestens seit dieser Ansage ist klar: Der Turm kommt.

Bleibt die Frage, wer dort einzieht.

An einem Mittwochabend Ende November findet das erste öffentliche Treffen der neuen Kampagne „Berlin vs Amazon“ statt, im Hinterzimmer einer Kneipe auf dem RAW-Gelände drängen sich rund 50 Menschen. Eine Frau mit kurzen, platinblonden Haaren stellt die Pläne für den Turm vor, ein Mann in rot-weißer Trainingsjacke berichtet von Protesten gegen Amazon in New York und London, es gibt einen Vortrag über das Konzept „Webtech-Urbanismus“. Am Ende werden Terminkalender gezückt, Verabredungen getroffen und Arbeitsgruppen gegründet.

Auf einem der abgewetzten Ledersofas sitzt Laura Wadden und hört aufmerksam zu. Wadden, die vor sieben Jahren aus den USA nach Berlin zog, hatte schon die Proteste gegen den Google-Campus in Kreuzberg 2018 verfolgt. An denen gegen Amazon will sie sich selbst beteiligen. „Es gibt ungefähr eine Million Gründe, warum dieses Unternehmen böse ist“, sagt die 32-Jährige.

In der Tat gibt es wenige Firmen, die so oft in der Kritik stehen wie Amazon. Und das für eine ganze Palette von Punkten von der Missachtung von Arbeitsschutzgesetzen über die Vernichtung von Neuwaren bis hin zu Steuervermeidung im großen Stil oder der Zusammenarbeit mit Abschiebebehörden. Für die Aktivist:innen der Kampagne Berlin vs Amazon genug Gründe, den geplanten Einzug des Versandhandelskonzerns in den Turm an der Warschauer Brücke verhindern zu wollen – die befürchteten Aufwertungsprozesse für die angrenzenden Kieze kommen noch hinzu.

Vom Silicon Valley nach Berlin

Ihr Vorhaben, gegen dieses Unternehmen selbst aktiv zu werden, hat Wadden ein paar Woche nach dem Treffen in die Tat umgesetzt: Sie ist die Frau, die als Superheldin verkleidet den Pappkarton-Turm erledigt; in der übrigen Zeit des Aktionstags steht sie am Infotisch, verteilt Broschüren an interessierte Passanten.

Für das Gespräch mit der taz schlägt Wadden, dunkle Haare, dunkler Lippenstift, den Besprechungsraum der Neuköllner Co-Working-Etage vor, in die sie sich eingemietet hat. „Die gute Art von Co-Working“, sagt sie bei der Begrüßung schnell und lacht, wissend um den Gentrifizierer-Ruf, den solche Orte in Berlin haben.

„Als ich von den Plänen für den Amazon Tower gelesen habe, stieg eine Art Panik in mir hoch“, sagt Wadden. Bevor die 32-Jährige nach Berlin zog, studierte sie an der Stanford Universität, direkt im Silicon Valley. „Ich habe gesehen, was es mit einer Stadt macht, mit einer ganzen Region, wenn diese Unternehmen übernehmen.“

Eine Frau, Laura Wadden, guckt entschlossen in die Kamera

Laura Wadden ist überzeugt, dass es Alternativen zu den großen Monopolisten braucht Foto: Amélie Losier

Laura Wadden wohnte damals in San Francisco in einer zum Zimmer umfunktionierten ehemaligen Speisekammer in einem Hausprojekt. Dafür zahlte sie 500 Dollar im Monat und wohnte damit rund 50 Prozent günstiger als die meisten ihrer Freunde. „Die wenigen verbliebenen Hausprojekte gehören zu den letzten Orten in San Francisco, wo Wohnen noch erschwinglich ist“, sagt Wadden.

Während ihrer Zeit in der Stadt spitzte sich der Konflikt um die Verdrängungsprozesse in der Bay Area immer weiter zu. In San Francisco sei durch ihren eigenen Freundeskreis eine Linie verlaufen, mal mehr, mal weniger sichtbar: „Es war immer klar, wer zu denen gehört, die in der Stadt bleiben können, und wer zu denen, die über kurz oder lang wegziehen werden müssen.“

Dabei sei sie selbst wie auch ihr Freundeskreis noch vergleichsweise privilegiert gewesen. Die Entwicklung in der Bay Area sei so absurd, dass man es sich von außen kaum vorstellen könne: „San Francisco ist eine Stadt, in der die Angestellten des Rathauses morgens um drei Uhr aufstehen müssen, weil sie aufgrund der Mieten so weit weg wohnen, dass ihr Arbeitsweg mehrere Stunden dauert.“

Wadden ist selbst Software-Entwicklerin, und gerade deswegen überzeugt, dass es Alternativen zu den großen Monopolisten braucht. „Im Moment ist es fast unmöglich, an Amazon und Google vorbeizukommen, selbst wenn man es möchte. So, wie diese Unternehmen Städte übernommen haben, haben sie auch das Internet übernommen.“

Mit einer Freundin hat Laura Wadden in diesem Jahr ein eigenes Unternehmen gegründet: LaceWing Tech bietet technische Infrastruktur für kleine und mittlere Unternehmen und Teams, die Wert auf Datensicherheit bei gleichzeitiger Benutzerfreundlichkeit legen – ohne Google & Co.

Mit den Entwicklungen in der Bay Area, die Wadden selbst zu spüren bekam, beschäftigt sich Katja Schwaller seit vielen Jahren. Die Schweizer Stadtforscherin promoviert an der Stanford University, im Juni 2019 hat sie unter dem Titel „Technopolis – Urbane Kämpfe in der San Francisco Bay Area“ einen Sammelband herausgebracht, der in Deutschland bei Assoziation A erschienen ist.

„Die Bay Area kann als warnendes Beispiel dienen“, sagt Schwaller. „Statt den Tech-Giganten den roten Teppich auszurollen, gilt es, ihren Expansions- und Vereinnahmungsgelüsten schnell und resolut entgegenzustehen.“ Hoffnung mache ihr die wachsende internationale Vernetzung der Protestbewegung, die auch Aktivist:innen in Städten wie San Francisco oder Seattle Auftrieb gebe, Orte also, in denen nicht wenige den Kampf schon verloren glaubten.

Und: Zunehmend werde der Protest gegen das Gebaren der IT-Monopolisten von Menschen außerhalb und innerhalb der Tech-Branche gemeinsam getragen: etwa wenn der Kampf gegen Verdrängung und der für faire Arbeitsbedingungen innerhalb der Unternehmen verbunden werden oder wenn die Angestellten gemeinsam mit antirassistischen Gruppen gegen die Kooperation ihrer Arbeitgeber mit der amerikanischen Immigrationspolizei ICE protestieren.

Genau in dieser Solidarisierung zwischen verschiedenen Gruppen – spezialisierten IT-Fachkräften, den oft schlecht bezahlten übrigen Angestellten, Anwohner:innen, politischen Aktivist:innen – könnten die Protestbewegungen ihr größtes Potenzial entfalten, glaubt Schwaller. Auch Wadden, die die Berliner Tech-Szene gut kennt, hofft auf eine Politisierung dieser Branche: „Es geht nicht darum, dass Tech-Angestellte sich individuell schuldig fühlen müssen, weil sie in diesen Jobs arbeiten“, sagt sie. „Aber ich hoffe, dass mehr und mehr von ihnen den größeren Kontext ihrer Arbeit sehen und anfangen, solidarisch zu handeln.“

Schulterschluss zwischen Tech-Arbeiter:innen und Bewegung

Bisher war von einem solchen Schulterschluss in Berlin allerdings wenig zu sehen. So erfolgreich die Proteste gegen den Google-Campus in Kreuzberg waren, gingen sie doch weitestgehend von den üblichen Kreisen der Antigentrifizierungsbewegung aus – ein Brückenschlag zu den Google-Mitarbeiter:innen selbst oder zur Tech-Branche insgesamt wurde nicht versucht.

Überhaupt: Tech-Szene und Berliner Mietenbewegung – auf den ersten Blick passt das nicht so recht zusammen. Das hat schon damit zu tun, dass Erstere sehr viel internationaler ist als Zweitere: Obwohl unter den vielen Menschen, die in den vergangenen Jahren nach Berlin gezogen sind, auch viele linke Aktivist:innen sind, bleiben die Szenen oft noch merkwürdig getrennt, ist die Recht-auf-Stadt-Bewegung meist mehrheitlich deutsch. Die manchmal etwas unterkomplex daherkommenden Beißreflexe des Antigentrifizierungsprotests gegenüber „englischsprachigen Hipstern“ mögen daran ihren Anteil haben.

Doch es gibt auch dazu gegenläufige Entwicklungen: Die Akti­vist:innen gegen den Immobilienkonzern Akelius beispielsweise haben längst festgestellt, dass es sich lohnen kann, die von Verdrängung bedrohten Altmieter:innen der Akelius-Wohnungen mit denen zusammenzubringen, die frisch aus dem Ausland nach Berlin gezogen, in einer der luxussanierten Immobilien des Konzerns gelandet sind. Denn auch wenn diese Neumieter vergleichsweise viel verdienen – etwa als gut bezahlte Software-Entwickler:innen –, sind längst nicht alle glücklich damit, Mieten von 20 Euro pro Quadratmeter zu bezahlen. Manchmal sind es auch Unkenntnis und Überforderung durch den Berliner Wohnungsmarkt, die frisch Zugezogene in diese Abzocke-Wohnungen treiben.

Und auch in der Berliner Tech-Szene bewegt sich etwas. Einer, der dafür verantwortlich ist, sitzt an diesem Montag im Dezember vor einer dampfenden Schale chinesischer Nudel­suppe, im Rücken die Backsteinwand des Restaurants in der Brunnenstraße in Mitte. Yonatan Miller kam vor vier Jahren aus New York nach Berlin, heute arbeitet der Software-Entwickler gleich um die Ecke für einen Carsharing-Anbieter.

„Ich war schon in New York weitgehend desillusioniert, was die glänzenden Versprechungen der Branche angeht“, sagt Miller, der auch schon für Facebook gearbeitet hat. „Hinter den ganzen funkelnden Apps steckt eine Menge Arbeit, die eintönig ist, kräftezehrend oder schlecht bezahlt.“

Yonatan Miller ist 26 Jahre alt, er wirkt deutlich älter, was damit zu tun hat, wie er sich ausdrückt, in wohlüberlegten, reflektierten Sätzen nämlich, die er mit leiser Stimme vorbringt. Politisch aktiv sei er schon lange, erzählt Miller, in den USA sei er Teil der Solidaritätsbewegung für die Whistleblowerin Chelsea Manning gewesen. Weil er auch die technische Seite der Geschehnisse rund um die Wikileaks-Informantin verstehen wollte, lernte er programmieren.

Im Jahr 2014 gründeten die Cafeteria-Mitarbeiterin Rachel Mendeles und der Entwickler Matt Schaefer die Tech Workers Coalition in San Francisco. Schon im Namen der Organisation liegt ein Angriff auf die Ideologie des Silicon Valley, die den IT-Spezialist:innen das Gefühl vermitteln soll, sie seien eben keine Arbeiter, sondern nähmen an einer Art hochbezahltem Kreativworkshop teil – ganz im Unterschied zu den tausenden Menschen im Silicon Valley, die dafür sorgen, dass die Fitnessräume und Büros sauber, die Bedienung in der Cafeteria schnell oder der Süßigkeitenautomat stets gefüllt sind.

Nach der Bay Area, Seattle oder Boston sowie Chat-Gruppen mit mehreren tausend Mitgliedern gibt es seit Juni 2019 auch einen Ableger der Tech Workers Coalition in Berlin – ins Leben gerufen von Yonatan Miller. Er holt sein Handy raus und liest die lange Liste von Anliegen vor, die die Gruppe schon bei ihrem ersten Treffen gesammelt hat: Arbeitsausbeutung in Start-ups, Diskriminierung muslimischer Programmierer, befristete Verträge, Mobbing. Mehr als 20 Punkte umfasst die Liste.

Eine anonymisierte Abfrage der Nettogehälter der Teil­neh­mer:innen habe eine Bandbreite von 38.000 bis 78.000 Euro Jahreseinkommen ergeben. „Es gibt in der Tech-Branche enorme Unterschiede, nicht nur zwischen Programmierern und sonstigen Angestellten, sondern auch innerhalb der IT-Arbeiter“, sagt Miller.

Proteste des Bündnisses „Berlin vs. Amazon“ gegen den geplante Hochhaus an der Warschauer Brücke

Protestaktion gegen den geplanten Amazon-Standort am 21. Dezember 2019 Foto: Christian Mang

Mehr oder wenig sichtbare Spaltungslinien, eine multinationale und stark fluktuierende Belegschaft, Outsourcing, Selbstausbeutung, vordergründig flache Hierarchien: Es gibt viele Faktoren, die eine Organisation der Arbeitnehmer:innen innerhalb der Tech-Branche erschweren. Yonatan Miller will es trotzdem versuchen. Auf die deutschen Gewerkschaften könne er dabei nicht warten, sagt er: „Ich weiß, dass da ganz langsam etwas in Bewegung kommt, aber bislang gibt es kaum Berührungspunkte zwischen der Tech-Szene und den klassischen Gewerkschaften in Deutschland.“

Für Miller ist klar, dass die Organisation von Tech-Angestellten selbst und der Protest gegen die Auswirkungen der Unternehmen, in denen sie arbeiten, zusammengebracht werden müssen. Als die Tech Workers Coalition Ende November gemeinsam mit anderen Gruppen zur „1. Berliner Versammlung gegen Tech-Kapital“ einlud, war der Veranstaltungsraum am Kottbusser Tor bis auf den letzten Platz besetzt. Der wichtigste Tagesordnungspunkt: die Kampagne Berlin vs Amazon.

Auch in den zahlreichen Vorhaben der Tech Workers Coalition für das Jahr 2020 nimmt die Amazon-Kampagne einen wichtigen Stellenwert ein. Miller weiß allerdings auch von den schon erwähnten Berührungsängsten zu berichten: „Als wir das erste Mal an einem Treffen der Amazon-Gegner teilgenommen haben, war der Empfang ziemlich frostig“, sagt er. Junge, US-amerikanische Software-Entwickler – das stoße bei einigen Berliner Linken offenbar erst mal auf Skepsis.

Mittlerweile sei die Stimmung aber schon freundlicher geworden. Miller glaubt, dass die Proteste nur gewinnen können, wenn sie Tech-Arbeiter:innen mit einbeziehen. „Es wird zum Beispiel wichtig sein, sich anzuschauen, wo Amazon die Angestellten rekrutiert, die in den neuen Tower ziehen sollen“, sagt er. „Absageschreiben, die den angebotenen Job mit Verweis auf den durch Amazon angerichteten Schaden ablehnen, könnten ein sehr effektives Mittel sein“.

Yonatan Miller, Gründer der Tech Workers Coalition Berlin

„Wenn es nicht in Berlin funktionieren wird, wird es nirgendwo funktionieren“

Das sieht auch Katja Schwaller so: „Zusammenschlüsse von Basisgewerkschaften, kritischen Tech-Arbeiter:innen und Antigentrifizierungsaktivist:innen bieten ein großes Potenzial“, sagt die Wissenschaftlerin. Das habe etwa der Protest im New Yorker Stadtteil Queens gezeigt, wo der Widerstand gegen das geplante Amazon-Hauptquartier so massiv war, dass der Konzern seine Pläne im Februar 2019 aufgeben musste.

Der erfolgreiche Protest in New York ist auch Vorbild für die Aktivist:innen in Berlin. Gerade Menschen wie Laura Wadden und Yonatan Miller, die aus dem Ausland hergezogen sind, haben große Hoffnungen in das hiesige Widerstandspotenzial: „Wenn es nicht in Berlin funk­tionieren wird, wird es nirgendwo funktionieren“, sagt Miller. Angesichts der vielfältigen Protestgeschichte und -szene in Berlin habe sie Hoffnungen, dass die Stadt sich im Kampf gegen die Tech-Giganten behaupten werde, sagt Wadden. „Ich glaube, dass Berlin ein einzigartiger Ort ist, der eine starke und populäre Bewegung gegen diese Entwicklungen hervorbringen kann.“

Dass es ein einfacher Kampf wird, glaubt allerdings niemand: „Amazon ist ein sehr mächtiger Gegner“, sagt Miller. Anders als Google, wo das frühere Firmenmotto „Don’t be evil“ verdeutlichte, wie wichtig dem Konzern ein positives Image ist – was auch den Berliner Aktivist:innen eine Angriffsfläche bot –, sei Amazon schlechte Presse längst gewohnt.

Doch ganz egal scheint dem Konzern sein Image nicht zu sein. „Egal wo wir tätig sind und in Zukunft tätig sein werden – unser Ziel ist immer, ein guter Nachbar zu sein“, sagt eine Sprecherin des Unternehmens auf taz-Anfrage. Die Kritik an den Berliner Plänen nehme die Firma ernst, „wir möchten, dass mit uns gesprochen wird anstatt über uns“. Amazon sei „ein guter Arbeitgeber“, der in Deutschland mehr als 20.000 festangestellte Mitarbeiter:innen beschäftige. Und diese wiederum seien gute Menschen: „Unsere Mitarbeiter engagieren sich auf vielfältige Weise, etwa in der Zusammenarbeit mit lokalen Tafeln und der Arche“, betont die Sprecherin.

Berlin setzt auf die Digitalisierungsbranche

Doch die Frage ist nicht nur, inwiefern sich der Konzern selbst empfänglich für Kritik zeigen wird. Sondern auch, inwiefern ihm die Stadt „den roten Teppich ausrollt“, wie Katja Schwaller es nennt. Dass die Ansiedlung großer Tech-Unternehmen von Wirtschaftsvertreter:innen begrüßt wird, ist klar. Als Baustadtrat Florian Schmidt sich im Herbst erlaubt hatte, an der Berlin-Kompatibilität der Pläne für den Büroturm zu zweifeln, forderte Jan Eder, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, der Senat müsse das Projekt zur Chefsache machen. „Investoren werden abgeschreckt statt begrüßt. Das ist eine wirtschaftspolitische Harakiri-Strategie mit weltweit negativer Ausstrahlung“, so Eder damals in der Morgenpost.

Mit Ramona Pop hat Berlin eine grüne Wirtschaftssenatorin – doch ob diese in einem solchen Streit der Position ihres Parteikollegen Florian Schmidt zugeneigt ist, darf bezweifelt werden. Eine Anfrage der taz dazu, welche Strategie die Senatsverwaltung für Wirtschaft bezüglich des Zuzugs großer Tech-Unternehmen verfolgt, lässt diese unbeantwortet. Doch Pop hat schon oft deutlich gemacht, dass sie in Berlin ganz besonders auf die Digitalisierungsbranche setzt.

In einem im November erschienenen Gastbeitrag für die Zeitung Die Welt etwa spricht die Senatorin in den höchsten Tönen von dem „Berliner Boom“, davon, wie in Berlin der „Strukturwandel“ gelinge und sich die Stadt insbesondere dank Tech- und Start-up-Branche über wirtschaftliches Wachstum freuen könne. Am Ende des Textes wird zwar erwähnt, dass diese Entwicklung auch Schattenseiten habe: „Höhere Lebenshaltungskosten gefährden einen Standortvorteil der Stadt“, heißt es da. Wie genau die Senatorin aber wirtschaftlich steuern möchte, um diese Entwicklungen zu verhindern, lässt sie offen.

Die überschwänglichen Töne, in denen auch Berliner Politi­ker:in­­nen die Tech-Unternehmen begrüßen, beobachtet Wadden mit Sorge. „Das ist der gleiche schreckliche Fehler, den die Demokraten in den USA gemacht haben“, sagt sie. „Sie glauben, dass die Tech-Branche zu ihnen passt, weil sie die gleichen liberalen Werte teile. Aber wenn man sich anschaut, wie diese riesigen Konzerne funk­tionieren und was sie anrichten, wird klar, dass sie zutiefst antidemokratisch sind.“

Sie betont, wie viel die Stadt zu verlieren habe: „Als ich nach Berlin zog und den öffentlichen Nahverkehr hier sah, habe ich gedacht: Oh, diese Dinge können also auch tatsächlich funktionieren“, sagt sie und lacht. Sie hofft, dass Berlin einen anderen Weg einschlagen wird als Städte wie San Francisco, wo die Mitarbeiter:innen der Tech-Unternehmen in privaten Shuttle-Bussen zu ihren Arbeitsplätzen gefahren werden, während der öffentliche Nahverkehr von Jahr zu Jahr mehr verfällt. Oder Se­attle, wo die Ansiedlung von Tech-Unternehmen wie Amazon die Mietpreise so explodieren ließ, dass heute Mittelschichtsfamilien gezwungen sind, in ihren Autos zu leben.

Wadden weiß, dass es in Deutschland mehr Regulierung gibt, mehr Mieterschutz, weniger Privatisierung öffentlicher Daseinsvorsorge als in den USA. Trotz dieser schützenden Faktoren hat sie Angst vor dem, was die Ansiedlung großer Tech-Unternehmen auch in Berlin bedeuten könnte. „Deals mit diesen Unternehmen zu schließen bedeutet, einen Pakt mit dem Teufel einzugehen“, sagt sie. „Sie werden sich nicht um deine Stadt scheren, sie werden sich nicht um die Allgemeinheit scheren, sie werden sich um gar nichts scheren außer ihren eigenen Profit, egal was sie vorher versprechen.“

Dass es nicht leicht werden wird, eine solche Entwicklung aufzuhalten, wissen Wadden, Miller und die anderen ganz genau. Versuchen wollen sie es umso entschlossener. Der Turm wackelt einmal, er wackelt zweimal, dann kippt er um.

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