Truppenabzug aus Deutschland: US-Rückzug bedroht vor allem die Ukraine
Für Europa sind Trumps Ankündigungen ein weiterer Schritt der Entfremdung. Doch für die Ukraine könnte die Signalwirkung dramatisch werden.
D ie Aufregung über die erneuten Ankündigungen, US-Truppen aus Deutschland abziehen zu wollen, ist wenig mehr als die nächste Schleife einer seit Donald Trumps zweitem Amtsantritt nicht enden wollenden transatlantischen Entfremdung. Im Westen nichts Neues, und Deutschland und Europa könnten auf die fortdauernde Selbstblamage des strategisch minderbemitteltsten US-Präsidenten der Neuzeit gelassen reagieren.
Sie haben bereits viel getan, um sich militärisch von den USA zu emanzipieren, auch wenn das Milliardenbeträge und Zeit kostet und mit gesellschaftlichen und in der Folge politischen Verwerfungen einhergeht, die die hiesigen schwachen Regierungen erst einmal überstehen müssen. Mehr geht gerade kaum.
Anders ist es für die Ukraine. Ein „Ami, go home!“, was Teile der von jeder Realitätsveränderung unbeeindruckten Friedensbewegung jetzt fröhlich nahen sehen, bedeutet für das von Russland angegriffene Land eine Katastrophe, selbst wenn die inzwischen nicht mehr so unerwartet kommt.
Aber wenn der Wille der MAGA-Regierung zur Schwächung und Zerstörung Europas so weit geht, nicht einmal mehr zugesagte Waffenlieferungen – Verkäufe, nicht Spenden – einzuhalten, dann ist das für die Ukraine eine schwere Bedrohung und für Russland ein Zeichen, auf keinen Fall mit dem Kämpfen aufzuhören. Da geht noch was, dank Trump.
Die Europäer werden Trump von seinen Rückzugsideen nicht abhalten können – und sie sollten es gar nicht erst versuchen. Nach allem, was in den letzten Jahren über das selbst erklärte Deal-Genie zu lernen war, macht er immer dann einen Rückzieher, wenn er merkt, dass er mit irgendwelchen Drohungen auf Granit beißt. Die einzigen Krisen, die Trump bislang hat lösen können, sind die, die er selbst verursacht hat. Wenn er aber mit einer Provokation alle US-Verbündeten aufgescheucht durcheinanderkrähen lassen kann, dann ist das für ihn nicht Krise, sondern Erfolg, und er wird immer weitermachen.
Insofern: Dringlich ist es, die Ukraine jetzt nicht fallen zu lassen und sie trotz aller Schwierigkeit, die das mit sich bringt, angemessen zu unterstützen. Dass es dabei auch um Fähigkeiten geht – insbesondere Satellitenaufklärung –, über die Europa einfach nicht im gleichen Maße verfügt wie die USA, ist ausgesprochen ärgerlich. Aber sich die Ukraine-Unterstützung weiterhin durch Unredlichkeit und Willfährigkeit von den USA erkaufen zu wollen, wie es Kanzler Friedrich Merz, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Nato-Chef Mark Rutte die letzten 15 Monate versucht haben, kann kein Rezept mehr sein.
Nur noch 460 – dann sind wir 50.000
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 460 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert