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Tanit Koch und Julia Ruhs im VergleichMehr Fragen, bessere Antworten

Kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch konservative Perspektiven seriös umsetzen? Durchaus. Es kommt halt ganz konservativ aufs Handwerk an.

Tanit Koch arbeitet anders: Ihre Beiträge verwenden deutlich stärker Studien, Zahlen und Ex­per­t*in­nen­stim­men Foto: Michael Kappeler/dpa

Immer mal wieder schlägt dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Vorwurf entgegen, er sei „links-grün versifft“. Bei dem Versuch, diesem Narrativ etwas entgegenzusetzen, scheiterte der NDR bereits 2025: Nach drei Pilotfolgen zu Reizthemen wie gewalttätigen Migranten, Bauernprotesten und Corona wurde das TV-Reportagemagazin „Klar“ mitsamt Moderatorin Julia Ruhs nicht weitergeführt.

Laut einem Brief an die Zeitung Welt distanzierten sich circa 250 Jour­na­lis­t*in­nen des NDR von der Sendung, da diese weder journalistische Grundsätze noch den Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen erfülle. Ruhs sprach sich öffentlich gegen die Entscheidung aus und warf dem NDR „Cancel Culture“ vor.

Seit dem 15. April ist das Format zurück als Crossover-Experiment zwischen dem Norddeutschen und dem Bayerischen Rundfunk. Im Zweiwochentakt wechseln sich Ruhs, diesmal für den BR, und die ehemalige Welt-Chefredakteurin Tanit Koch für den NDR ab.

Das Versprechen: gründliche Recherchen und Fakten-Checks zu den „großen Streitthemen unserer Gesellschaft“. Diesmal lässt sich direkt zwischen Koch und Ruhs vergleichen, wie sich konservative Themen im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Auftrags umsetzen lassen. Die ersten beiden Folgen unterscheiden sich hier sichtlich in ihrer Herangehensweise.

„Wir wechseln heute aber mal die Perspektive“

Den Start macht Tanit Koch. Es geht um Gewalt gegen Polizist*innen. „Bei Berichten über Polizeibeamte geht es regelmäßig um den Vorwurf, sie würden unverhältnismäßige oder exzessive Gewalt ausüben. Und solche Fälle gibt es. Wir wechseln heute aber mal die Perspektive und blicken auf Gewalt und Respektlosigkeit gegen die Polizei“, startet Koch in die Moderation.

Die Folge wechselt zwischen erzählerischen Szenen, Perspektiven von betroffenen Polizisten, bestimmten Vorfällen, aber auch Ex­per­t*in­nen­in­ter­views und faktischer Einordnung. Beispielsweise wird zu Beginn der Folge ein Polizist gezeigt, dessen Arm so verletzt wurde, dass er beinahe nicht mehr arbeitsfähig war. Er erzählt seine Leidensgeschichte, darauf folgt die Einordnung in Zahlen: wie viel körperliche Gewalt es gibt, wie viel verbale Gewalt und wie der Gewaltbegriff gefasst wird.

Im Weiteren werden Motive für Gewalt gegen die Polizei beleuchtet, vor allem aus linken, propalästinensischen und Fußballgruppen. Hierzu werden Extremismus- und Po­li­zei­for­sche­r*in­nen befragt. Dabei fehlt die Rolle der Dynamik, die nur einmal kurz von Polizeiforscherin Daniela Hunold aus dem Off zitiert wird: Es gebe durchaus Praktiken „wie vereinzelte übermäßige Gewalt von Polizisten“, die die Gewalt des Gegenübers befeuern würden.

Doch der Fokus bleibt, wie im Vorhinein angekündigt, bei der Gewalt gegen Po­li­zis­t*in­nen. Dennoch sorgt der Wechsel zwischen emotionalisierenden Szenen und analytischer Einordnung dafür, dass die gezeigten Fälle nicht bloß für sich stehen bleiben, sondern in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden.

An den Grenzen der Demokratie

Ruhs begibt sich in der Folge: „Wo Islamisten Deutschland unterwandern“ vom 29. April auf die „Spuren des Islamismus in Deutschland“. Zu Beginn erklärt eine Stimme aus dem Off: „Islamismus: Mitten in Deutschland, eine gefährliche Ideologie, auch im Unterricht Drohungen, Extremisten misshandeln Frauen, Demonstrationen werden von Israel-Leugnern unterwandert.“

Zwar wird zwischen Islam und Islamismus unterschieden, Islamismus wird aber lediglich einmal, unter Bezug auf das Bundesinnenministerium, als extremistische Ideologie definiert, die sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung richtet. Konkrete Erscheinungsformen, die Ausprägung in Zahlen, Studien oder Forschungsperspektiven, die das Ausmaß des Problems einordnen könnten, sind eher spärlich, auch im Vergleich zu Koch.

Stattdessen arbeitet die Folge vor allem mit einzelnen Fallbeispielen. Als zentrale Expertin tritt die Politikwissenschaftlerin Gülden Hennemann auf, die gemeinsam mit Ruhs nach Berlin-Neukölln fährt, unter anderem an den Hermannplatz, der im Beitrag als Ort beschrieben wird, an dem die Demokratie teilweise an ihre Grenzen stoße, so Hennemann.

Im weiteren Verlauf thematisiert die Folge Konflikte an einer Neuköllner Grundschule während des Ramadans. Muslimische Schüler sollen anderen Kindern das Essen verboten und Pausenbrote weggenommen haben. Der Beitrag deutet diesen Vorfall als Ausdruck religiöser Intoleranz und somit möglichen Nährboden für Islamismus. Eine breitere pädagogische, psychologische oder sozialwissenschaftliche Einordnung bleibt aus.

Emotionalisierende Verdichtung

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Nach der Ausstrahlung gaben einzelne Eltern der Schule gegenüber der Wochenzeitung Freitag an, sich instrumentalisiert zu fühlen. Im Nachhinein wurden einige Szenen aus dem Beitrag entfernt.

Ähnlich geht es weiter. Islamistische Drohungen, religiöse Influencer, Halal-Zertifizierungsorganisationen oder häusliche Gewalt im Zusammenhang mit religiösem Fundamentalismus – die Beispiele stehen weitgehend unverbunden nebeneinander; systematische Kriterien für ihre Auswahl oder Gewichtung werden nicht transparent gemacht. Dadurch entsteht weniger eine analytische Untersuchung als vielmehr eine emotionalisierende Verdichtung unterschiedlicher Verdachtsmomente.

Tanit Koch arbeitet anders: Ihre Beiträge verwenden deutlich stärker Studien, Zahlen und Expert*innenstimmen, wodurch Einzelgeschichten nicht isoliert stehen bleiben.

Im Gesamten bleibt der Eindruck, dass Ruhs dem selbst formulierten Anspruch gründlicher Recherche und faktenbasierter Einordnung nur begrenzt gerecht wird. Die Vorwürfe einiger Eltern, ihre Kinder seien inszeniert und instrumentalisiert worden, werfen zusätzlich Fragen auf.

Politisch aufgeladene Themen lassen sich sehr wohl im öffentlich-rechtlichen Rahmen thematisieren. Die Frage ist eher, was erreicht werden soll: Bestätigung von ohnehin schon feststehenden Meinungen mit Mitteln der Emotionalisierung, sodass sich eine eventuell verloren gegangene Zielgruppe wieder an Bord ziehen lässt – oder wirkliche Bildungsarbeit, welche diese Themen aufnimmt, faktisch und ganzheitlich angeht und sich somit in der Berichterstattung von rechten Medien unterscheidet.

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6 Kommentare

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  • Na, so könnte man doch fast schon beinahe möglicherweise jedes Thema beleuchten. Studien und all das natürlich ausgewogen auswählen und dann die subjektiven Wahrnehmungen gelten lassen und in den größeren Zusammenhang stellen. Aber das kann die eine oder der andere, andere wiederum nicht. Ich finde die Entscheidung, dass Frau Ruhs´ Sendung nicht so weitergeführt wurde, sachlich angemessen.

  • Die Analyse finde ich interessant und aufschlussreich. Der Versuch einer breiten Darstellung, auch wenn es beim Versuch bleibt, ist immer nützlicher als mit der Stoppuhr ausgewogene Propaganda.



    Dieser kritische Blick ließe sich natürlich auf viele andere ÖRR-Beiträge ausweiten - und das wäre auch nötig. Die Ergebnisse dürften sehr gemischt ausfallen.



    "Die Frage ist eher, was erreicht werden soll: Bestätigung von ohnehin schon feststehenden Meinungen "



    Wohl wahr, Dafür finden sich natürlich im ARD-Programm zahlreiche Beispiele.

  • Sehr aktuell die ZDF-Programmbeschwerde des Vereins sanktionsfrei gegen die Doku „Am Puls – System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?“. Teile die Kritik des Vereins. Mit krassen Ausnahmefällen, die auf anekdotische Evidenz hinauslaufen, wird wie bei Ruhs „False Balance" erzeugt.

    Zitat

    "Die Sendung arbeitet aus unserer Sicht mit drastischen Einzelfällen, fehlender Einordnung und mehrfachen pauschalisierenden negativen Zuschreibungen gegenüber Bürgergeldbeziehenden.

    Zentrale Kritikpunkte aus unserer Beschwerde:
🚩 Sozialleistungsbetrug wird verzerrt dargestellt 
🚩 Erkrankungen werden bagatellisiert
🚩 Begrifflichkeiten werden vermischt und falsch angewendet
🚩 Migration und Sozialleistungsmissbrauch wird problematisch und unbelegt verknüpft
🚩 Fehlende Ausgewogenheit: Nach unserer Auffassung wird damit der Anspruch an sachliche, ausgewogene, diskriminierungsfreie und sorgfältige Berichterstattung, wozu der Öffentlich Rechtliche Rundfunk verpflichtet ist, nicht erfüllt. Jetzt ist das ZDF gefragt, sich mit der Kritik auseinanderzusetzen".

    Genaue Begründung der ZDF-Programmbeschwerde hier auf instagram:

    www.instagram.com/...?hl=de&img_index=4

    • @Lindenberg:

      Ja, das ist immer noch krass, dass ein solches Niveau ausgestrahlt wird. Letztlich dasselbe wie die christlich-alternative Hetze von rechts.

  • "Immer mal wieder schlägt dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Vorwurf entgegen, er sei 'links-grün versifft'"

    Ich rate zu mehr Gelassenheit. Ungefähr jede öffentliche Person oder Organisation links von Höcke musste sich in den letzten Jahren diesen "Vorwurf" anhören. Der Grund dürfte die Selbstlegitimation des äußersten rechten Randes sein. Die bekanntlich lautet: "Alle anderen sind links, nur ich bin Mitte.“ Was auch das Logikniveau dieser Leute sehr gut widerspiegelt.

  • Die Debatte um „Klar“ wird oft als Gegensatz dargestellt: hier öffentlich-rechtlicher Journalismus, dort vermeintlich „rechte“ Positionen. Diese Zuspitzung verdeckt die Frage nach Pluralität und Qualität.

    Öffentlich-rechtlicher Rundfunk steht unter Druck wegen Milieuverengungsvorwürfen. Formate wie „Klar“ versuchen, Themen wie Migration oder gesellschaftliche Konflikte breiter zu zeigen und Perspektiven einzubeziehen, die sonst selten vorkommen. Ob das gelingt, ist eine journalistische Frage – keine moralische.

    Die Diskussion um Julia Ruhs wird häufig symbolisch geführt. Dabei ist der Umgang des NDR Teil interner Aushandlungen über Ton und Einordnung, nicht nur Ausdruck politischer Konflikte.

    Auch die Kritik an Tanit Koch bleibt oft biografisch verkürzt. Entscheidend ist jedoch die konkrete journalistische Arbeit, nicht die frühere Station.

    Am Ende steht daher weniger die Frage, ob „Klar“ zu rechts oder zu links ist, sondern ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk bereit ist, echte gesellschaftliche Spannungen auszuhalten, ohne sie vorschnell moralisch zu sortieren. Genau daran wird sich seine Glaubwürdigkeit langfristig eher entscheiden als an einzelnen Personalien.