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Selbstbefragung zum Wahlsieg der AfDWir sind Siegmund

Der Rechtsextremismus ist eine Form des Exorzismus: Die Deutschen wollen zu sich selbst befreit werden. Ein Psychogramm nach der Wahl.

Wir sind Siegmund. Wir sind das freundliche Gesicht des Rechtsextremismus. Wir sind er noch dort, wo wir ihn ablehnen. Wir Deutschen.

Ich rede nicht vom Programm der Partei. Ich rede von denen, die die AfD wählen. Das sind wir. Wir halten uns einen Spiegel vor, in dem wir erkennen müssen, dass wir den Nationalsozialismus noch immer nicht überwunden haben. Denn auch das waren wir.

Wir haben die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht zu Ende geführt. Wir haben die Farce, als die er im DDR-Sozialismus wiederholt wurde, noch nicht überwunden. Wir sind Täter und Opfer einer Sehnsucht nach politischer Autorität, die nicht in der Lage ist, neu anzufangen. Wir haben an allen Ecken und Enden, in der Familie, in der Arbeit, in Politik und Kultur neu angefangen. Überall dominiert das Gespräch und nicht die Entscheidung. Aber wir sind mental nicht auf der Höhe unserer eigenen Praxis. Wir sind geistig fremd im eigenen Land.

Der Autor

Dirk Baecker ist Soziologe, bis 2025 lehrte er als Seniorprofessor für Organisations- und Gesellschaftstheorie wiederum an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Viele Bücher, zuletzt erschien der Band „Digitalisierung“, Suhrkamp, Berlin 2026. Er lebt in Dresden.

Wir suchen das Kommando, die Eindeutigkeit, die Selbstverständlichkeit. Wir suchen die Asymmetrie zwischen den Geschlechtern, die stille Bereitschaft unserer Frauen. Wir suchen die Asymmetrie im Betrieb und im Büro, den Chef, der zu seinem Wort, die Mitarbeiterin, die zu ihrer Arbeit steht. Wir suchen die Asymmetrie beim Arzt, auf dem Sportplatz, in der Schule und in der Kirche. Wir halten die Symmetrie nicht aus. Sie überfordert uns, weil sie uns zwingt mitzudenken.

Die Nation ist überall

Die fundierende Asymmetrie ist die der Nation. Die sichert die Verteidigung nach außen und die Ordnung nach innen. Die Nation ist überall. Jede Minute geht es darum, sich zu verteidigen und Ordnung zu schaffen. Jede Begegnung wird daraufhin gemustert, ob die Ordnung respektiert wird. Auch Ausländer spielen eine Rolle, aber sie bleiben erkennbar auf Abstand. Natürlich kann man immer wieder mal fünf gerade sein lassen, seine Schäfchen ins Trockene bringen und gegen gute Sitten verstoßen. Aber unauffällig!

Noch bis vor Kurzem waren wir wer. Unsere Waren und Maschinen beherrschten den Globus. Unser Wissen und unsere Lehre waren gefragt. Wir leisteten uns eine Weltläufigkeit, in der die Rollen klar verteilt waren. Wir waren neugierig und leutselig. Aber die Orte und Plätze waren eindeutig markiert. Auch im Ausland sind wir Deutsche. Wenn wir heimkommen, wissen wir, wohin wir kommen, und freuen uns über Ausländer in der Gastronomie, in der Medizin, auf dem Bau, solange sie zu schätzen wissen, dass wir sie akzeptieren.

Wir haben den Nationalsozialismus überwunden. Aber wir haben das Trauma nicht überwunden, das uns diese Überwindung gekostet hat. Erst schweigend und trotzig, dann antifaschistisch selbstgewiss, moralisch auftrumpfend und protestierend haben wir uns nicht verstanden. Wie auch? Wir haben im denkbar größten Stil gemordet. Es ist unmöglich, uns zu vergeben.

Wir kämpfen noch immer in den russischen Weiten, in der afrikanischen Wüste, an der Küste der Normandie. Wir haben Heimaturlaub und wissen so wenig, wie wir den Daheimgebliebenen erzählen können, was wir getan haben, wie diese einen Weg finden, uns zu berichten, wie die Heimat aufgeräumt wird. Man braucht nur hinzuschauen, und jeder tut es, aber niemand glaubt es.

Sehnsucht nach Autorität

Wir sind Siegmund, weil uns der doppelte Terror in den Knochen steckt, den wir vor unserer Befreiung erlitten und ausgeübt und den wir nach der Befreiung verdrängt haben. Wir leiden unter dem faschistischen Komplex, uns in eine Gemeinschaft gefunden zu haben, die man nicht wollen kann. Jede Selbstverständlichkeit, mit der wir ablehnen, wer und was wir gewesen sind, nimmt teil am Übermut, es gewesen zu sein. Niemand kann uns vergeben, wir sind Vertriebene im eigenen Land.

Wir sind Siegmund, weil uns dieses Wissen niemand nehmen kann. Die Sehnsucht nach den verlorenen Asymmetrien des Geschlechts, der Autorität, der Nation ist ein Reenactment im längst luftleeren Raum. Sie ist eine Bitte, der Geschichte überantwortet und dann vergessen zu werden. Es ist ein ganzer Knoten, den wir so konservieren, ein Knoten nicht nur unserer Taten und unserer Fassungslosigkeit danach, sondern auch unserer Unfähigkeit, uns zu zivilisieren.

Der Rechtsextremismus ist eine Form des Exorzismus. Wir wollen von uns zu uns befreit werden. Wir wiederholen die Gesten, Sprüche und Lieder in der Hoffnung, es sei das letzte Mal. Es gibt keinen Protest gegen Siegmund. Es gibt nur seine Rahmung durch eine Vervielfachung seines Bildes.

Die Kränkung durch den Prozess der deutschen Einheit ist ein Beleg dafür, dass unsere Gesellschaft den Zugang zu sich selbst verloren hat. Sie hält sich auf Abstand, wie sie den Osten auf Abstand hält. Sie mutet sich die Frage nicht zu, wie sie ihre Verhältnisse gestalten will. Man kennt sich längst aus, ohne sich irgendwo auszukennen. Nicht das, sondern wir selbst fliegen uns jetzt um die Ohren.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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6 Kommentare

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  • Wanderin

    Der Größenwahn endet zuverlässig in der Kränkung.



    Die Pisa Schmach war das Versailles, auf dem die AfD aufbauen konnte. Ja, wirklich. Nach dem Pisa Schock ca 2005, bei dem das 'Land der Dichter und Denker' empfindlich von der OECD auf den Boden der Tatsachen gestellt wurde, hatte Thilo Sarrazin 2010 die erlösende Antwort: Nein, unser System ist nicht verbesserungswürdig. Denn: Schuld ist der migrantische Schüler, der Deutschland abschafft. Balsam für die gekränkte dt. Volksseele, das Buch wurde der Bestseller des Jahrzehnts. 2010 geistert ein weiterer Sündenbock durch die Medien- der faule Pleite-Grieche. Ähnlich wie beim Schüler aus Neukölln lautet die Medienerzählung: faule südeuropäische EU Länder ziehen uns runter. Wo wären wir, wir die nicht hätten - Weltklasse! 2013: Gründung der Afd, die aus dem reichen Substrat der jahrzehntelangen Medienhetze politische Gewinne schöpfen kann. 2016: An allem, was in D schief läuft ist “der Flüchtling” schuld. Nach dem AfD Ergebnis 2026 kann man in linken Medien ebenfalls eine Suche nach dem Sündenbock in den eigenen Reihen beobachten: Die Woken sind schuld. Hätten die nur die Augen verschlossen gehalten, dann gäbe es kein Probleme!

    • Wanderin

      @Wanderin:

      Kurz gesagt, die 1. rassistischen Untertöne 2. die Klage vom Abstieg Deutschlands und 3. die verschwörerische Erzählung, dass der Feind der Nation im Inneren sitzt (Menschen mit Migrationshintergrund, die EU, Flüchtlinge) und Deutschland von innen “abschafft” und den Platz auf der Weltrangliste sabotiert, den D. sonst einnehmen würde, existieren schon sehr lange in den Mainstream- Medien. Und zwar seit 2010 und teils noch viel früher, VOR der Gründung der AfD.



      .



      Somit sind alle Analysen falsch, die so tun, als sei das Problem gerade erst frisch entstanden. Der Durchschnitts-Deutsche hat bereits 15+ Jahre mediale Dauerberieselung hinter sich, die beim Thema “Kopftuch” oder “Migration” mittlerweile bei einigen Pawlowsche Reflexe antrainiert hat.



      .



      Außerdem: laut bpb pendelt der Anteil der Nichtwähler seit 2009 etwas unter der 30% Marke. Über die Motive der Nichtwähler kann man spekulieren, aber ein gewisser Prozentsatz wird schon lange rechtsextreme oder antidemokratische Ansichten haben. Wie man anhand der Grafik (an anderer Stelle in der taz) sehen kann, aktiviert die AfD besonders Nichtwähler, und frühere CDU-Wähler, die “Deutschland den Biodeutschen” wollen.

  • Sam Spade

    Auch nachdem ich mir den Text des Autors ins norwegische übersetzt habe, bin ich mir nicht schlüssig worauf der Autor hinaus will.

    Geht es um die Modernisierung der alten Geschichte, das der Deutsche von sich selbst befreit werden möchte? Dieses ist nun in diversen Zusammenhängen von Mitscherlich über Lübbe bis Habermas in unzähligen soziologischen, psychologischen und philosophischen Abhandlungen zur genüge behandelt worden.

    Übertragen auf heute also, wir befreien uns von uns selbst indem wir radikale Kräfte stärken, denn nur Autoritarismus verhilft uns dazu den Zugang zu uns selbst wieder zu finden.

    Wenn ich mit meiner Schlussfolgerung annähernd richtig liege, so versehe ich diese These mit einem dicken Fragezeichen, besonders in Hinblick auf die Generationen der Millennials bis Generation Z.

    Die wollen mit Sicherheit nicht befreit werden sondern definieren Freiheit ganz nach ihren persönlichen Bedürfnissen und nehmen sich dabei das Recht raus diese Freiheiten für sich zu beanspruchen, was zur Folge hat das einige über das Ziel hinausgehen indem sie die Freiheiten des Anderen einschränken. Die AfD lebt es tagtäglich vor und dürfte für viele von denen daher ein Vorbild sein.

  • Il_Leopardo

    Ich empfehle erneut Ingeborg Bachmann "Unter Mördern und Irren":



    "«Die Männer sind unterwegs zu sich, wenn sie abends beieinander sind, trinken und reden und meinen. Wenn sie zwecklos reden, sind sie auf ihrer eigenen Spur, wenn sie meinen und ihre Meinungen mit dem Rauch aus Pfeifen, Zigaretten und Zigarren aufsteigen und wenn die Welt Rauch und Wahn wird in den Wirtshäusern auf den Dörfern, in den Extrastuben, in den Hinterzimmern der grossen Restaurants und in den Weinkellern der grossen Städte.»

  • Wanderin

    "Sieg Unheil", "Sunnyboy", "Gut gelaunter Rechtsextremismus", und jetzt "Wir sind Siegmund?"



    Wer denkt sich eigentlich diese Überschriften aus?



    Dieser dauer-lobhudelnde, irritierend ergebene Hofberichterstatter- Ton in den Schlagzeilen gegenüber der AfD ist wirklich unwürdig.

    Ich weiss, die kritischen Texte wie dieser hier haben damit nichts zu tun, aber die Überschriften sprechen unfreiwillig eine andere Sprache.

  • FtznFrtz

    Interessante Gedanken, warum protestieren wir Deutschen eigentlich immer, indem wir Nazis wählen? Warum steht nicht Volt bei 30% Oder die Tierschutzpartei? Oder die Piraten?



    Der Nazi ist die größte Keule, die größte Disruption, die größte Zumutung. Das der Wähler zu riesigen Teilen einfach stinksauer und enttäuscht ist, ist die eine Sache. Dass er jetzt allen Ernstes der AfD eine überlegene Kompetenz auf den Feldern Kultur und Schule sowie Wirtschaft zubilligt lässt nur einen Schluss zu: die Leute sind komplett durchgedreht.