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Schulproteste in FrankreichAuf den Barrikaden

Die Proteste einer schnell wachsenden Be­we­gung von Schü­le­r*in­nen erschüttern ganz Frankreich. Polizei und Regierung heizen die Wut weiter an.

Man wisse, wann und wo eine Protestbewegung begonnen habe, nicht aber, wann und wie sie beendet werde, heißt es über die zahlreichen Sozialkonflikte in Frankreich. Das gilt auch für die gegenwärtigen Proteste der Schüler*innen. Ihren eigentlichen Anfang hatten diese Mitte September in einem Lycée in Grenoble, nur blieben sie zunächst praktisch unbemerkt in den Medien und sozialen Netzwerken. Doch wenige Tage später machten die Jugendlichen in Créteil, einem Vorort im Südwesten von Paris, auf sich aufmerksam. Sie demonstrierten für bessere Lernbedingungen.

Ende September dann schwappte die Bewegung auf ganz Frankreich über. In mindestens einem Drittel der 3.700 Lycées organisierten die 15- bis 19-jährigen Schü­le­r*in­nen Aktionen. Dazu brauchten sie keine Partei oder irgendwelche „ultralinken Drahtzieher“ von außen, wie die Regierung behauptete. Tiktok und Snapchat erlaubte es ihnen, sich mit tausend- und manchmal millionenfach verbreiteten Videos in Echtzeit zu organisieren.

Da die Schü­le­r*in­nen offiziell kein Streikrecht haben, errichteten sie in vielen Fällen vor den Schultoren Barrikaden, um den Unterrichtsbetrieb zu stören oder zu verhindern. Oft wurden sie dabei von Leh­re­r*in­nen und Eltern unterstützt. Auf Kartonschildern schrieben sie ihre Forderungen und rebellischen Slogans, die von einer Politisierung zeugten, die der breiteren Öffentlichkeit nicht bekannt war. Diesen noch nicht Wahlberechtigten geht es nicht nur um die unmittelbaren Lernbedingungen, den Stress und die Selektion, sondern im weiteren Sinn um ihre Zukunft, die sie von wirtschaftlichen Schwierigkeiten, der Klimakrise und auch der drohenden Machtübernahme der extremen Rechten verbaut sehen.

Die solidarischen Erwachsenen wollten sich in vielen Fällen dazwischenstellen, nicht nur um vorsätzliche Sachbeschädigungen durch externe „Casseurs“ (auf Deutsch: Randalierer) zu verhindern, sondern auch um die Minderjährigen bei Polizeiaktionen vor einer unverhältnismäßigen Gewalt zu schützen.

Staatliche Gewalt befeuert die Wut

In der vergangene Woche schlossen sich auch Studierendenverbände der Bewegung an, Dutzende von Fakultäten wurden besetzt. Am Dienstag trugen mehr als eine Viertelmillion Menschen die Wut dieser Jugend auf die Straße.

Emmanuel Macron hatte sich das Ende seiner Präsidentschaft wohl anders vorgestellt. Seit Monaten, eigentlich seit seiner Wiederwahl 2022 hatte er sich weitgehend aus der Innenpolitik zurückgezogen. Da ohne parlamentarische Mehrheit und gegen den Widerstand der politischen Extreme für ihn ohnehin nicht viel zu verwirklichen blieb, überließ er diese Streitereien seinem Premierminister. Laut Insidern sei er jetzt äußerst aufgebracht über die Unfähigkeit seiner Regierung, diese Krise zu bewältigen. Seine ganze Leistungsbilanz droht nun von dieser Jugendrevolte überschattet zu werden.

Zu lange war das harte Vorgehen der Ordnungskräfte die einzige Antwort der Behörden. Die Regierung stellte sich taub, als sei es unter ihrer Würde, das Geschrei dieser ungezogenen Kinder auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Diese Taktik, mit polizeilicher Brutalität gegen Demonstrierende vorzugehen und dies mit den gewaltsamen Provokationen von „Chaoten“ zu rechtfertigen, hatte sich in der Vergangenheit meist ausgezahlt. Nur standen der Ordnungspolizei dieses Mal nicht nur ein paar Casseurs gegenüber, die eine Konfrontation suchten, sondern vor allem Jugendlichen, die in den meisten Fällen zum ersten Mal überhaupt demonstrierten.

Innerhalb von nur zehn Tagen wurden mehr als 6.600 Jugendliche festgenommen. Allein diese im Vergleich zu ähnlichen Konflikten enorm große Zahl ist der Beweis für die Schwäche einer verängstigten Staatsführung. Zur Räumung von Blockaden oder Auflösung von Ansammlungen wurden neben viel Tränengas auch mehrfach explodierende Defensivwaffen eingesetzt, die eigentlich nur als allerletztes Mittel zur Notwehr kurz vor dem Schusswaffengebrauch vorgesehen wären. Das erklärt die zum Teil schweren Verletzungen in den vergangenen Tagen. Ein 15-jähriger Junge verlor durch eine Granate seine Hand.

wochentaz

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Präsident Macron hat schließlich die Verantwortlichen der Polizei zu Mäßigung und „menschlichem Mitgefühl“ ermahnt. Am Mittwoch kündigte der Innenminister, Laurent Nuñez, an, die für die De­mons­tran­t*in­nen besonders gefährlichen „Flashbang“-Granaten, die als Kriegswaffen registriert sind, würden „vorerst“ nicht mehr gegen die Jugendlichen eingesetzt.

Die politische Polarisierung verschärft sich, der Tonfall ebenfalls. Die rechtsextreme Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen bezichtigte Macron, er stehe „auf der Seite derjenigen, die auf die Polizei hauen“. Sie fordert die Wiederherstellung der Ordnung. Das wird ihr zweifellos zusätzliche Stimmen von erschrockenen Bür­ge­r*in­nen einbringen.

Auf der Gegenseite unterstützt die Linkspartei La France insoumise (LFI) von Jean-Luc Mélenchon, der laut Umfragen mit 42 Prozent Zustimmung das neue Idol der 18- bis 24-Jährigen ist, die soziale Bewegung an allen Fronten. LFI wird deswegen von rechts der Anstiftung zu Gewalt und der „Instrumentalisierung“ der jugendlichen Wut beschuldigt. Die politische Mitte ist in diesem Lärm kaum noch zu vernehmen. Die Staatsführung steht mit dem Rücken zur Wand.

Am Mittwochabend hielt dann Premierminister Sébastien Lecornu eine Rede. Er kündigte zunächst eine Senkung der Dieselpreise an der Tankstelle an, um den wachsenden Unmut der Ver­brau­che­r*in­nen zu besänftigen. Doch den revoltierenden Jugendlichen machte er kein Zugeständnis. Er äußerte ein vages „Verständnis“ und bat sie, wieder in den Unterricht zurückzukehren.

Dort dürften sie drei Stunden debattieren. Er werde ihre Anliegen prüfen und dann in einem Monat Vorschläge unterbreiten. Schüler*innen- und Stu­den­t*in­nen­or­ga­ni­sa­tio­nen bezeichneten das als „demokratische Alibiübung“. Dass die Regierung auf ihre zehn Forderungen überhaupt nicht eingeht, empfinden sie als Affront und zusätzlichen Grund, ihre Proteste fortzusetzen.

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12 Kommentare

  • Reinhardt Gutsche

    Schmetterlings-Effekte

    Die Mai-Revolte in Frankreich 1968 begann zunächst mit Studenten-Protesten gegen das puritanische Internatsreglement an der Uni Nanterre, was der sexuellen Verflechtung beider Geschlechter in den Mädchen-Internaten nach 22 Uhr verhindern sollte.

    Das wuchs in Windeseile zur politischen Verflechtung unterschiedlicher Akteure aus und griff nicht nur auf die Arbeiterklasse, sondern auf alle Schichten der abhängig Beschäftigten über, sich explosionsartig in einer seit dem Kriegsende beispiellosen sozialen Bewegung in einem Generalstreik entlud.

    Die damaligen politischen Rochaden de Gaules, Franc-Abwertung und Parlaments-Neuwahlen, erwiesen sich als wirksame Brandbekämpfung, allerdings um den Preis der Abdankung des Staatspräsidenten.

    Der heutige Schmetterling als Auslöser ist weit weniger banal, sondern in einer veritablen sozialen Krise verwurzelt, die weit über die Wut der Schüler hinausreicht.

    Allerdings stehen die beiden Beschwichtigungs-Instrumente, wie sie de Gaulle schlitzohrig einzusetzen wußte, heute entweder nicht mehr zur Verfügung (Euro-Zwangsjacke) oder könnten andererseits mit weiterem Aufwuchs des RN die Sache nur noch verschlimmern.

  • Günter Witte

    Jegliche Reformen die etwas am Sozial Status Q ändern würden werden als Unsozial konsequent abgelehnt, gleichzeitigt verlangt man eben diese Reformen für die Zukunft der Jüngeren. Hier wird man sich entscheiden müssen was man wirklich haben möchte, da beides gleichzeitig nicht möglich ist.

  • Wunderwelt

    Interessant.







    Gleich mehrere Passagen erinnern, obwohl es vordergrünfig um andere Themen geht, an Vorgänge in D-Land oder Spanien, z.B.:







    -"kündigte zunächst eine Senkung der Dieselpreise an der Tankstelle an, um den wachsenden Unmut der Ver­brau­che­r*in­nen zu besänftigen. Doch den revoltierenden Jugendlichen machte er kein Zugeständnis"

    - "die Linkspartei La France insoumise (LFI) von Jean-Luc Mélenchon, der laut Umfragen mit 42 Prozent Zustimmung das neue Idol der 18- bis 24-Jährigen ist"

    - "Die politische Mitte ist in diesem Lärm kaum noch zu vernehmen"







    Nun eigentlich zeichnet sich das schon länger ab: wenn man die Interessen der jungen Generation hintanstellt (Klima, Bildung, Wohnen, etc) dann wird diese früher oder später dagegen aufbegehren.



    Egal ob man Klimaaktivisten kriminalisiert oder Schüler mit Kriegswaffen beschießt. Das mag kurzfristig wirken, auf lange Sicht lassen sich berechtigte Forderungen aber nicht unterdrücken.







    Die " Mitteparteien" schrumpfen..und mit ihnen die Generationen, die es sich auf Kosten von Klima und Generationengerechtigkeit gut eingerichtet haben.







    Aber..

    Die Jugend wird ungeduldig, denn sie weiß..die Zukunft wartet nicht länger..

  • Andreas Flaig

    Da in naher Zukunft nichts von der Regierung zu erwarten ist, werden die nächsten Demonstrationen noch heftiger sein. Deswegen haben die das so formuliert:

    "Flashbang“-Granaten, die als Kriegswaffen registriert sind, würden „vorerst“ nicht mehr gegen die Jugendlichen eingesetzt."

    "Vorerst"-Da wird schon insgeheim mit toten Demonstranten spekuliert.

    Keine vorherige Generation wurde dermaßen hinters Licht geführt und öffentlich verarscht wie diese.



    Nicht nur in Frankreich.



    Sie werden kämpfen bis aufs Blut.



    Wären wir jung wie sie, würden wir es genauso tun. So sind wir gestrickt, der Kampf ums Überleben.

  • Dietmar Rauter

    Auch bei uns könnte es so weit kommen. Neue Schulden , d.h. Kredite bei Banken bzw. 'in der Welt' aufzunehmen, lösen kein Problem. Wenn gerade in Frankreich die Jüngsten demonstrieren, weil der hoch verschuldete Staat ihnen kaum noch adäquate Bildungschancen ermöglicht und es damit schwerer macht, irgendwann einmal den angehäuften Schuldenberg abzutragen, müssen doch auch bei uns die Alarmglocken klingeln: Wie bekommen wir das wieder auf die Reihe bei einer Staatsquote/des BSP von über 50% , das heißt: Mehr als die Hälfte allen Umsatzes wird eh' schon aus Steuermitteln generiert in Zeiten, wo private Unternehmen derzeit alles tun, um die teuren Mitarbeiter, die ja mit ihrem Einsatz erst den Staat finanzieren, loszuwerden und mit Automaten und Robotern weiter zu machen. Für mich heißt das: Wir müssen unabhängiger von einem Weltmarkt werden, um die Arbeitsplätze hier zu schützen und keine Schulden bei wem auch immer machen zu müssen (laut aktuellem SPIEGEL ist Frankreich besonders hoch verschuldet). Es braucht ein Recht auf Arbeit -z.B. im Grundgesetz- , damit jede/r die Chance hat für sich und die Gesellschaft Werte zu schaffen und eine fortschreitende Inflation zu bremsen.

    • Troll Eulenspiegel

      @Dietmar Rauter:

      "Bei uns" kommt so schnell garnichts. Wir müssten normalerweise Proteste wie in Frankreich haben, weil das Autofahren als Kulturgut gilt, aber die Spritpreise es uns nicht erlauben.

      Das Auflehnen gegen viele Dinge, die uns belasten bedeutet, sich gegen die Wirtschaft zu stellen, was bei uns gerne mit Kommunismus gleichgesetzt wird. Macht also keiner bei uns.

      • Dietmar Rauter

        @Troll Eulenspiegel:

        Kommunismus? Wir erleben gerade einen uns aufgezwungenen (Profite,Profite !) Konsumismus, der aber gerade nicht mehr funktioniert und spaltet.

    • Agarack

      @Dietmar Rauter:

      Ist schon sehr komisch: Die einen hier sagen: "Klar gehen die Jugendlichen demonstrieren, der Staat hat ihre Zukunft durch zu hohe Schulden verzockt!" und die anderen hier sagen: "Klar gehen die Jugendlichen demonstrieren, für ihre Generation wurde alles kaputtgespart!". Am Ende bleibt man etwas ratlos zurück, da unmöglich beides stimmen kann.

  • Christian Lange

    Flash Bang gegen Schüler? Das sagt viel aus: Angst vor den Demonstranten und keine Bereitschaft etwas zu ändern. Keine Anerkennung der Probleme und Bestrafung für die Demonstrationen. Lieber gewaltbereite Polizei statt politischer Maßnahmen.



    Das ist einer Demokratie nicht dienlich ...

    • Müller Christian

      @Christian Lange:

      Ich vermute dass die Anerkennung der Probleme da ist, aber absolut keine Idee, wie diese zu lösen sind.

  • Janix

    A la lanterne, womöglich eher.



    Sinnfrei Spritpreise herunterzumanipulieren, um damit Ölfirmen und -produzenten das Geld zuzuschanzen, heißt schon mal , dass jemand auf der ENA oder Sciencepo die Wirtschaftswissenschaften offenbar komplett schwänzte.



    Lieber Bildung ernstnehmen, die Chancen für Jung und Alt auf eine Kliamstabilisierung ergreifen.

  • T-Rom

    Schade dass die Schüler / Jüngeren hierzulande nicht auch vehementer für Ihre Rechte und Interessen protestieren.



    Anlässe gibt es ja mehr als genug: Rentensystem, überlaufende Staatsverschuldung, Musterungspflicht / Wehrpflichtpläne, Bildungspolitik, usw.



    Hier und da gibt es schon Proteste, wie zB lokale Schulstreiks gegeb Wehrpflicht. Aber insgesamt merken viele wohl gar nicht, wie sehr hier Politik auf dem Rücken der Jüngeren gemacht wird.