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Scholz zu Besuch bei FordGas geben für den Wahlkampf

Anja Krüger
Kommentar von Anja Krüger

Statt der Autoindustrie aus der Krise zu helfen, nutzt Kanzler Scholz den Besuch bei Ford als Wahlkampftermin. Mehr Kaufanreize werden Jobs nicht sichern.

Scholz will ein „Weiter so“ bei der Autoindustrie. Er verteilt nicht mehr als warme Worte Foto: Jana Rodenbusch/reuters

D ie Angst vor dem Jobverlust geht um. Volkswagen, Ford, Thyssenkrupp und andere große Unternehmen kündigen einen massiven Stellenabbau an.

An einem mangelt es im beginnenden Wahlkampf nicht: an hohlen Solidaritätsbekundungen von Politiker:innen. Dass Bundeskanzler Olaf Scholz in Köln die Beschäftigten des kriselnden Autobauers Ford als Wahlkampfkulisse nutzt, so wie es SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil in der vergangenen Woche bei Volkswagen getan hat, hat etwas Zynisches.

Es war der Betriebsrat, der die Politiker eingeladen hat, aber das macht es nicht besser. Die Bundesregierung ist mitverantwortlich für die Schieflage von Ford oder VW.

Das plötzliche Aus der Förderung hat ebenso zu Verkaufseinbrüchen bei E-Autos geführt wie das Hin und Her über das Verbrennerverbot auf EU-Ebene. Das alles macht der Branche jetzt mächtig zu schaffen. Hinzu kommen verschleppte Hilfen, etwa zur Senkung der Stromkosten.

Einfallslose Antworten zur Krise der Autoindustrie

Dass Selbstkritik in Wahlkampfzeiten keinen Platz hat – geschenkt. Aber mehr als eine europäische oder nationale Verkaufsförderung für E-Autos zu fordern, fällt Scholz zur Krise der Branche nicht ein. Das ist zu wenig für jemanden, der Regierungschef eines der größten Industriestaaten bleiben will.

Die Autoindustrie spielt hier eine tragende Rolle. Selbst wenn deutsche Hersteller ihre Geschäftspolitik ändern und endlich statt großer Fahrzeuge kleine, günstige E-Autos auf den Markt bringen: Die Welt und das eigene Land mit immer mehr Pkws zu beglücken, kann angesichts der übersatten Märkte nicht der richtige Weg sein.

Die Straßen sind nicht nur in Deutschland viel zu voll. Die Branche braucht eine grundlegende Neuorientierung, bei der ihr Know-how für Sinnvolles genutzt wird. Außerdem könnten so Arbeitsplätze erhalten bleiben. Man denke etwa an kollektive Beförderung und Mobilitätsdienstleistungen statt ein Auto pro Kopf.

Wer Bundeskanzler bleiben oder werden will, muss solche Lösungen anbieten statt ein dumpfes Weiter-so.

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Anja Krüger
Wirtschaftsredakteurin
Buchveröffentlichungen: „Die verlogene Politik. Macht um jeden Preis“ (Knaur Taschenbuch Verlag, 2010), „Die Angstmacher. Wie uns die Versicherungswirtschaft abzockt“ (Lübbe Ehrenwirth, 2012).
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27 Kommentare

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  • mehr e-autos + weitere pamper für die autoindustrie reicht einfach angesicht der klimakatastrophe nicht.



    wo sind die think-tanks, die sich um konversion der autoindustrie kümmern? bei der igm nicht, bei o.scholz nicht.

    • @Brot&Rosen:

      Wir können hier auch mal selbst denken.



      Ich wünsche mir einen ÖPNV aus autonomen Fahrzeugen verschiedener Größen. Wenn ich eines bestelle, soll es mich abholen, wo ich bin und dort hinbringen, wo ich hin will.



      Sollte so etwas auch für den Fernverkehr angeboten werden, brauche ich kein eigenes Auto mehr.



      Leider ist es mit autonomem Fahren etwas so wie bei der Kernfusion: Es kommt in 10 Jahren - wird man uns auch in 10 Jahren sagen.

      • @Jörg Schubert:

        Für die gemeinsame Strecke aber Bus, Bahn, Straßenbahn, und für die letzten Meter Leih-E-Bike, Leihrad oder eigenes, Sammeltaxi, Leihauto, Mitfahrgelegenheiten, ...



        Wenn wir zu einem kostengerechten System bei Autos kämen, trotz allen Rückzugsgefechten der Lobby, dann wird sich das vermutlich in die Richtung entwickeln.



        Private Autos stehen 23h im Schnitt nur herum und haben deutliche direkte und indirekte Kosten, selbst in ihrer E-Variante.

  • Am Beispiel Mercedes-Benz sieht man auch eine gewisse Arroganz gegenüber den Kunden und etablierten Marktsegmenten, indem die "Taxiklasse" gestrichen wurde und der zweisitzige Smart-Verbrenner ebenso: Auch wenn der Smart kein grosser Umsatzträger mehr war, hätte man ihr ja so lange weiterlaufen lassen können, bis neue Vorschriften das ausschließen. BMW hat keinen wirklichen Nachfolger für den i3, der mindestens im Ausland oft mit Range Extender gekauft wurde, usw.

    • @meerwind7:

      Mercedes-Benz schrumpft sich schon seit Schrempf so, dass es mit Grundstücksverkauf hier und da oder anderen Manövern noch einen Gewinn ausweist und irgendwann nur noch eine Nobel-_Marke bleibt, die dann den Chinesen verkauft wird, wenn die sie dann überhaupt noch haben wollen.



      Es waren mal fähig gemachte Verbrennermotoren (gut zu reparierende langlebige Autos auch), Verbrenner interessiert absehbar halt aber niemanden mehr außer Nostalgikern am Rande des Frühruhestands.

  • "kleine, günstige E-Autos" sind jedenfalls in der Microlino-Klasse L7e von den Vorteilen der Flottenemissionsgrenzen ausgeschlossen. Die Chance, mit mehr kleineren Autos die Emissionen zu senken, hat die (deutsche) Autoindustrie mit dem Bezug der Grenzwerte auf das Gewicht effektiv verbaut.

    Was als Marktsegment fehlt, sind Hybridautos mit vernünftiger Batteriegrösse mit ca. 30 kWh für 200 km Reichweite und einem kleinen, leichten Range Extender mit z.B. 10 kW (14 PS), der bei Bedarf die Reichweite mindestens verdoppelt.

    • @meerwind7:

      Die Akkupreise fallen. Die Konstruktion, die sie da vorschlagen, dürfte kostenmäßig schon hart an der Grenze zum größeren Akku liegen.



      Solche Hilfskonstruktionen werden oft von der technischen Entwicklung überrannt. Beispielsweise werden die Versuchsstrecken für LKW-Oberleitungen wieder abgebaut. Die ersten Batterie-LKW fahren bereits im Fernverkehr - ohne Oberleitung.

  • Die Stromkosten sind kein so grosser Kostenfaktor in der Autoindustrie, ausser bei der Batterieherstellung und bei Grundstoffen wie Stahl, die aber zum Weltmarktpreis eingekauft werden. "verschleppte Hilfen, etwa zur Senkung der Stromkosten" kann man auch nicht vorwerfen, zumal nach der massiven Subvention namens "Strompreisbremse". Helfen könnten schärfere Anforderungen an die Anrechnung von E-Auto auf die Klimabilanz (Flottenemissionsgrenzen), so dass China-Importe weniger zählen und weniger wert sind, aber die Zölle erreichen ja ähnliches.



    Sobald die Autoindustrie zuverlässig weiss, dass keine Sonderprogramme kommen, wird sie die E-Autos sowieso verbilligen, um die Grenzwerte einzuhalten. Nur die Unsicherheit schadet.

    • @meerwind7:

      Es gibt so viele Möglichkeiten, den Markt zu beeinflussen. Einige sind sehr einfach. 70 % aller Neuwagen sind Dienstwagen. Da kann man den private genutzten Verbrenner steuerlich richtig teuer machen - so teuer, dass die Firmen nur noch E-Autos beschaffen.



      Es muss ja nicht gleich so sein, wie in chinesischen Großstädten. Dort bekommt man eine Verbrenner-Zulassung nur noch per Losverfahren. Und wenn man dann zu den glücklichen Gewinnern gehört, wird auch noch eine happige Anmeldegebühr fällig.

  • Die letzten deutschen Eisenerzminen wurden in den 60er Jahren geschlossen, die letzte Steinkohlezeche folgte 2018. Der Strukturwandel kann zwar verzögert, aber nicht aufgehalten werden. Um eine moderne Autoindustrie zu erhalten (trotz der Umwelt- und Sozialbedenken) und auch im Interesse der Energiewende (Speicher) scheint mir die Northvolt Baustelle wichtiger zu sein als die Förderung von Konzernen, die am Markt vorbei Autos entwickeln und dann nach Subventionen für die Käufer rufen (trotz Dividenden und Spitzengehältern in Management und Belegschaft). In der Berliner Zeitung ist gerade ein Artikel erschienen, der über steigende Produktionszahlen von E-Autos berichtet - für den Export. So schlecht kann die Lage also gar nicht sein.

  • Da versucht Scholz ein Milieu zu umgarnen, dass einst fest zu den Sozialdemokraten stand. Aber das Publikum weiß: man ist nur Wahlkampfstaffage. Man hört die Reden u. erinnert sich an Bochum, Rüsselsheim, an Rheinhausen u. das Zechensterben im Ruhrgebiet. Auch dies Orte, zu denen einst Politiker pilgerten.



    Die Wahrheit ist: die Zeiten ändern sich u. mit ihr Technologien, Märkte u. Beschäftigung. Die Zukunft liegt sicher nicht im Gestern. Hier hätte die Politik frühzeitig u. klar die Richtung weisen müssen. Die fetten Jahre wären dann fett geblieben. Wie peinlich ist es, dass man heute E-Autos von einem Trumpisten wie Elon Musk oder von einem chinesischen Hersteller kaufen muss, weil die deutsche Industrie die Zukunft verschlafen hat. Und dies, obwohl sie überall dort, wo sich Wende zeigte, höchstselbst präsent war - Manager mehr Zeit im Flugzeug, denn im Büro zu verbrachten, um dorthin zu jetten, woher heute fortschrittliche E-Autos und mach andere Zukunftstechnologie kommen. Aber man muss halt Unternehmer sein, um dies zu erkennen und nicht nur Sachverwalter.

  • "Die Welt und das eigene Land mit immer mehr Pkw zu beglücken, kann angesichts der übersatten Märkte nicht der richtige Weg sein."



    Da bin ich mir derzeit bei der Betrachtung der multinationalen Märkte und der großen Marktteilnehmer mit strategischer Marktmacht, die als Akteure viel Mobilität und Logistik mit Transportkapazitäten voraussetzen und dementsprechend protegieren im aktuellen Wachstumsmodus, nicht so sicher.



    Es ist eine Frage der gesamten Betrachtung der Zukunft des Kapitalismus und der Märkte, vielleicht auch mit philosophischer Implikation.



    www.spiegel.de/wir...-891b-969f34530352



    Nichts weniger als die Zukunft wird jetzt verhandelt und gemacht.

  • Die Branche wurde seit 1933 unverhältnismäßig und teuer gepäppelt, dass es zu den Ohren herauskam.



    Damit hört man am besten gleich auf.



    Es werden Arbeitskräfte in sinnvolleren Branchen, etwa der Fachpflege oder den Erneuerbaren und der Radproduktion gesucht.

    • @Janix:

      Genau, machen wir aus dem Schweißer eine Pflegekraft. Genau mein Humor. Hauptsache alle Autos von der Straße. wen interessiert, was mit den betroffenen Menschen passiert

      • @Ahnungsloser:

        Das eine ist sinnvoller als das andere. Schweißer in den Zeiten von sehr präzisen Robotern an der Fertigungsstraße dürfte es eher wenige geben, aber auch die könnten CO2-arme Räder herstellen.



        Dass wir gerade ein Klimaproblem haben, ist Ihnen bekannt.

        • @Janix:

          Ach Leute, diese Diskussion ist schon hunderte Jahre alt. Berufe kommen und Berufe gehen. Wer kennt heute noch einen Weber oder einen echten Schuhmacher?

          • @Jörg Schubert:

            Aus dem Freilichtmuseum tatsächlich beides mal.



            In das Verbrennerfahrzeuge kommen werden, wie vieles andere auch.



            Wie wollen wir einem Menschen aus 2300 dann erklären, dass wir so viel Fossil-CO2 raushauten, obwohl wir es besser wussten? Das auch zur Frage des Autos als solchen.

        • @Janix:

          Sie haben vielleicht ein Klimaproblem.

          Unabhängig davon interessiert sich das Klima nicht die Bohne dafür, ob in D Autos produziert werden oder nicht und wie schnell diese fahren.

          • @Tom Tailor:

            Das ist aber eine ganz große Bohne.



            Leugnen bringt uns nicht weiter.



            Nur die anderen machen lassen wollen ist Kolonialismus - und funktioniert auch nicht.



            Sorry.

            • @Janix:

              Es geht nicht ums leugnen, sondern um die Verhältnismäßigkeit. Dem Klima ist es egal wo auf der Welt die Emissionen entstehen, entscheidend ist wie viele es sind. Deutschland produziert Autos für die ganze Welt (so wie diverse andere Hersteller ebenfalls) und der Bedarf reißt nicht ab. Wem ist also gedient, wenn wir hier unser Know-How in dieser Branche eindampfen und das Spielfeld internationalen Konkurrenten überlassen, die evtl noch viel klimaschädlicher produzieren?

              Dieser nationale kleingeistige Blick auf die eigenen Emissionen ist der Grund warum wir das Problem nicht in den Griff bekommen. Viel sinnvoller wäre es das Geld, was die einzelnen Staaten investieren um klimaneutral zu werden, in einen Fonds zu investieren und mit diesem Geld in den Ländern Tabularasa zu machen, die am meisten zur Klimaerwärmung beitragen.

              Oder anders: Deutschland investiert viel Geld, um von 2 Prozent auf 1 Prozent CO2 Emissionen zu kommen. Mit demselben finanziellen Einsatz könnte man in China von 20 auf 15 Prozent kommen.

  • Also, er soll den Streikenden zurufen:



    Autos haben eh keine Zukunft!



    Bauen Sie Strassenbahnen!



    ?



    Und dann noch den Bergleuten in der Lausitz "Schluss mit der Kohle, baut Windräder" und den Bauern "Schluss mit den Pestiziden"



    So sinnvoll es alles wäre, gibt es doch immer weitere Zusammenhänge, die einen nicht jeden Wunsch erfüllen lassen. Den Streikenden zu sagen, sorry, ihr seid eh in einer falschen Branche ist für die Situation wohl nicht hilfreich.

    • @fly:

      Aber wenn verfleischte Agrarindustrie ohne Rücksicht auf Böden und Wasser keine Zukunft hat, wenn Verbrenner gerade eintrocknet und Braunkohle hirnlos CO2 schleudert und Landschaft verwüstet,



      soll jemand dann den Mund davor verschließen?

      Nee, genau umgekehrt.



      Und den Leuten aufzeigen, wie das Leben weitergehen kann.

    • @fly:

      Der Vorschlag mit den Straßenbahnen ist Quatsch!

      1. Es kann nicht jede Autofirma auf Straßenbahnen oder generell Bahnen umsteigen, so viele Bahnen braucht niemand. Wenn VW, Mercedes, BMW, Audi, Ford, Opel, Porsche alle Straßenbahnen bauen würden, wo sollen die denn alle hin?

      2. Wenn die Firmen Straßenbahnen bauen, dann müsste auch das Netz dementsprechend radikal ausgebaut werden. Auch das wird nicht passieren, da doch bei jeder Trassenlegung erstmal durch alle Instanzen durchgeklagt wird. Und auch dann würde eine der obigen Firmen alleine reichen um den deutschen Markt zu überfluten. Also keine Lösung.

      3. Es gibt bereits Firmen die Straßenbahnen bauen, die sicherlich noch mehr bauen könnten, aber dann muss die Nachfrage halt stimmen.

      Deswegen stimme ich Ihnen vollkommen zu, wenn man die Zusammenhänge betrachtet, dann merkt man schnell, dass ein Ausstieg aus der Autoindustrie schlicht keine Lösung ist.

    • @fly:

      Das stimmt, jedoch stellt sich die grundsätzliche Frage wieso die viel gelobte Autoindustrie aus der BRD sofort zusammenklappt, wenn man ihr die Stütze streicht. Und seit ich denken kann gab es immer wieder neue.

      • @Genosse Luzifer:

        Sie ist nicht zusammengeklappt weil die Stütze weg ist, sondern weil die Politik alles verteuert haben was mit dem Auto in Verbindung steht…



        Stahl, Strom, Personal, CO2-Preis und horrende Auflagen, sowie ein Unattraktiv machen des Marktes…

        Die Autobauer haben Fehler gemacht, aber die Politik fährt diese Unternehmen bewusst an die Wand!

        • @Walterismus:

          Und in Bayern produziert eine Firma unter all diesen schrecklichen Bedingungen Autos mit Gewinn. In Grünheide passiert das ebenfalls. Ist da auch die Politik schuld?

        • @Walterismus:

          Auto wird immer noch jährlich mit -zig Mrd. Euro indirekt bezuschusst, es bezahlt die Allgemeinheit (Q.: UBA).



          Das bitte sofort beenden, und die Erben wie Piech/Porsche und Klatten/Quandt für die Schäden durch Autos heranziehen, so weit das geht.