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Rassismus im Hamburger Amt für MigrationMitarbeiterin hält Gewalt gegen Frauen für „importiert“

In einer Schulung soll eine Behördenmitarbeiterin Gewalt gegen Frauen auf die Herkunft zurückgeführt haben. Frauenhäuser werfen dem Amt Verharmlosung vor.

Wo rassistische Äußerungen als Debattenbeiträge gelten: Hamburger Amt für Migration Foto: Marcus Brandt/dpa

Aus Hamburg

Marie Dürr

Um „Problemlagen zwischen den Frauenhäusern und dem Amt für Migration“ sollte es im Amt für Migration in der Hammer Straße gehen. Bei der Schulung im vergangenen Oktober sollten die Hamburger Frauenhäuser ihre Arbeit vorstellen. „Bestehende Schnittstellen und Herausforderungen in der Zusammenarbeit“ sollten beleuchtet werden. Nicht geplant war allerdings, dass die Herausforderungen sich live vor Ort auftun würden.

Während einer Diskussionsrunde soll eine Mitarbeiterin des Amtes sich wiederholt rassistisch geäußert haben. Sie habe häusliche Gewalt mit der Herkunft von Menschen in Verbindung gebracht und Gewalt bei von ihr als „Bio-Deutsche“ bezeichneten Personen als Einzelfälle dargestellt, sagt Hanife Azcan, Mitarbeiterin in einem Hamburger Frauenhaus. Sie hat an der Schulung im Oktober teilgenommen, zusammen mit drei Kol­le­g:in­nen von Hamburger Frauenhäusern und über zehn Mit­ar­bei­te­r:in­nen des Amtes für Migration. Es seien Worte wie „importierte Gewalt“ gefallen, so Azcan.

Kol­le­g:in­nen aus den Frauenhäusern sowie einige Mit­ar­bei­te­r:in­nen des Amtes für Migration hätten darauf hingewiesen, dass erwiesenermaßen nicht die Herkunft, sondern patriarchale Gewalt ursächlich ist und häusliche Gewalt unabhängig von der Herkunft vorkommt. Die Mitarbeiterin habe sich jedoch nicht einsichtig gezeigt; die Diskussion habe sich fortgesetzt.

Organisiert hatten die Veranstaltung die Hamburger autonomen Frauenhäusern und die 24/7-Notaufnahme der Hamburger Frauenhäuser. Es war die zweite Schulung in dieser Reihe. Im Mittelpunkt standen die spezifischen Problemlagen gewaltbetroffener Frauen mit Flucht- und Migrationsgeschichte, die sich unter anderem aus restriktiven aufenthaltsrechtlichen Regelungen und struktureller Diskriminierung ergeben.

Schulungsveranstaltungen können und sollten sogar ein Ort der Debatte sein dürfen.

Antwort des Amts für Migration auf Rassismus-Vorwürfe der Hamburger Frauenhäuser

Es sei darum gegangen, über die Arbeit der Frauenhäuser aufzuklären und für einen sensiblen Umgang mit entsprechenden Situationen zu werben, sagt Nicole Grieße, Mitarbeiterin eines Hamburger Frauenhauses, der taz. Sie selbst war an dem Tag nicht anwesend, hat aber mit den anwesenden Kol­le­g:in­nen gesprochen. „Seit dem Vorfall ist das Projekt erst einmal auf Eis gelegt“, so Grieße.

Danach wandten sich die Frauenhäuser mit einem Brief an das Amt für Migration, welcher der taz vorliegt. Die Aussagen der Mit­ar­bei­te­r:in reproduzierten pauschale Schuldzuweisungen gegenüber Personen mit Migrationsgeschichte und widersprächen dem professionellen Anspruch, besonders schutzbedürftige Personen zu unterstützen, heißt es darin. Gefordert wurden eine Stellungnahme, eine Entschuldigung sowie „verbindliche rassismuskritische und diversitätssensible Qualifizierungsmaßnahmen“ für die Mitarbeitenden.

In der Antwort des Amtes, die der taz vorliegt, heißt es, der Vorfall werde ernst genommen. Die Mitarbeiterin räume ein, Fragen gestellt zu haben, die „geeignet sind, kontrovers diskutiert zu werden“. Sie bedauere, dass ihre Aussagen als diskriminierend aufgefasst worden seien; dies sei nicht ihre Absicht gewesen.

„Schulungsveranstaltungen können und sollten sogar ein Ort der Debatte sein dürfen“, schreibt die Behörde. Qualifizierungsmaßnahmen in Sachen Diversität bestünden bereits. Eine ausdrückliche Entschuldigung oder eine klare Benennung des rassistischen Gehalts der zitierten Aussagen enthält das Schreiben jedoch nicht. Vielmehr wird von einem Missverständnis gesprochen.

Gegenüber der taz erklärte das Amt für Migration, es könne nicht bestätigen, dass die zitierten Äußerungen gefallen seien. Zugleich räumte die Behörde auf Nachfrage ein, dass es keine Zeu­g:in­nen­be­fra­gun­gen zur Aufklärung des Gesagten gegeben habe; solche seien ausschließlich im Rahmen disziplinarrechtlicher Verfahren vorgesehen. Ein solches Verfahren habe jedoch nicht stattgefunden.

In einem Gespräch mit ihrem Vorgesetzten habe die Mitarbeiterin zugesichert, künftig klarer und zurückhaltender zu formulieren. Sie sei davon ausgegangen, dass die Diskussion in einem geschützten Rahmen stattfinde, in dem auch kontroverse Themen angesprochen werden dürften.

Behörde hat rassistischen Gehalt „nicht anerkannt“

Die Hamburger Frauenhäuser sehen den Vorfall durch die Antwort der Behörde relativiert. Der rassistische Gehalt der Aussagen sei nicht anerkannt worden. Mit einer sachlichen Debatte oder „kontroversen Positionen“ habe dies nichts zu tun, so Grieße. Die Äußerungen seien pauschalisierend und stigmatisierend. Gerade ein Amt für Migration trage eine besondere Verantwortung im Umgang mit vulnerablen Gruppen. Ein respektvoller und diskriminierungssensibler Kontext sei hier besonders wichtig.

„Wenn Menschen dort arbeiten, die ein entsprechendes Weltbild vertreten und zugleich Entscheidungsmacht innehaben, ist es mehr als angebracht, dass diese Haltungen kontinuierlich reflektiert werden“, so Grieße. Auffällig sei gewesen, dass die Mitarbeiterin auch nach Hinweisen auf die Wirkung ihrer Aussagen keine Einsicht gezeigt habe.

Azcan und eine weitere Mitarbeiterin mit Migrationsgeschichte hätten reagiert und persönliche Erfahrungen geteilt, um die Vielschichtigkeit von Gewalt und Diskriminierung zu verdeutlichen – ebenfalls ohne erkennbare Einsicht bei der Mitarbeiterin. „Sie beharrte auf ihre Positionen“, so Azcan.

Der Vorfall fügt sich in ein größeres Bild ein. Erst vergangene Woche veröffentlichte das Bundesinnenministerium eine Studie, die institutionellen Rassismus in allen untersuchten Institutionen nachweist und zudem erhebliche Defizite bei unabhängigen Beschwerdestellen kritisiert.

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13 Kommentare

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    Die Moderation

  • Wegen solcher Wortklaubereien wird am Ende nichts besser, aber alle durften sich mal ordentlich erregen und Briefe schreiben. Entweder mensch möchte nur mit Leuten der gleichen Meinung zu tun haben, dann braucht es aber eigentlich auch keine Schulung oder andere sollen nur so tun als hätten sie die, dann ist es aber keine Schulung im professionellen Sinne, sondern Indoktrination oder eben eine kritisch-konstruktive lösungsorientierte Veranstaltung. So wie angekündigt. Dass mensch dann gleich in Schnappatmung verfällt, wenn andere nicht im eigenen Jargon sprechen, ist allerdings weder konstruktiv noch selbstkritisch.

  • Alle Kulturen sind anfällig bzgl Gewalt gegen Frauen. Das bezweifelt glaube ich niemand. Somit ist das Problem nicht (nur) importiert. Dass es auf diesem Planeten gewisse Kulturen gibt, wo das Problem besonders ausgeprägt ist, wird auch in der taz oft genug thematisiert: z.B. im Fall von Afghanistan. Es ist doch logisch, dass Männer, die von dort nach Deutschland migrieren, ihre kulturell anerzogene frauenfeindliche Einstellung nicht an der Grenze an der Garderobe abgeben. Warum also die Aufregung, wenn jemand das mal offen ausspricht?

  • Solche Empörungsschreiben sind regelmäßig wirkungslos.



    Erst wenn Hinweise auf möglich strafbares Verhalten vorliegen, werden Behörden aktiv. Möglicherweise strafbare volksverhetzerische Formulierungen, die geeignet sind, den Frieden zu stören und ganze Bevölkerungsgruppen herabzuwürdigen würden meiner Meinung nach dazugehören, wie in diesem Fall. Diese Möglichkeit müsste allerdings auch erwähnt werden als eine besondere Begründung für eine Entschuldigung.



    Wer nicht winkt, wird ignoriert.

  • Ein wenig mehr Aufklärung wäre dann doch wünschenswert gewesen; insbesondere wäre die Nennung der Belegungsquote in Frauenhäusern mit Migrationsqoute hilfreich.

    Die patriachale Gewalt und ein möglicher Import sind keine Gegensätze.

  • Zitat:



    "Der Anteil der Frauen ohne deutsche Staatsangehörigkeit in Frauenhäusern ist hoch. Laut der



    Frauenhauskoordinierung e.V. lag der Anteil der in Deutschland nicht geborenen Frauen in den Einrichtungen 2023 bei 69 Prozent. Die häufigsten Herkunftsländer waren Syrien (8,3%), Afghanistan (5,2%) und die Türkei (4,7%)."



    Mit Verlaub - was ist das anderes als importierte Gewalt? Solche Zahlen kann man sich doch nicht schön reden?

    • @Sandra Becker:

      Menschen, die in Deutschland geboren sind, haben oft in Deutschland Netze, die Sie auffangen können. Die betroffenen Frauen können dann zum Beispiel bei den Eltern oder einer Freundin unterkommen. Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind, haben es da deutlich schwerer.

      Aber wenn man rassistische Narrative bedienen will, ist es natürlich nützlich, solche strukturellen Vulnerabilitäten nicht zu betrachten.

    • @Sandra Becker:

      Schade, dass Sie sich nicht auskennen! Dann wüssten Sie, dass weniger vulnerable Gruppen andere Wege haben, sich häuslicher Gewalt zu entziehen. Weniger vulnerable Gruppen sind im Gesamtbild die, die tendenziell ökonomisch besser gestellt sind (da sind Geflüchtete nicht dabei) und die, die tendenziell weniger von strukturellem Rassismus betroffen sind (da sind Geflüchtete ebenfalls nicht dabei).



      Man darf Zahlen nicht schönreden, man darf aber eben auch die Prozesse, die zu diesen Zahlen führen nicht ausblenden, gerade beim Thema häusliche Gewalt, das schichten-, klassen-, milieuübergreifend alle Frauen betrifft.

  • Hmhmh. "..dass erwiesenermaßen nicht die Herkunft, sondern patriarchale Gewalt ursächlich ist und häusliche Gewalt unabhängig von der Herkunft vorkommt. Wenn nun aber Menschen einwandern aus Ländern oder Kulturräumen oder einem Bildungshintergrund, in denen patriarchale Strukturen üblich sind, dann ist die Aussage "importierte Gewalt" zwangläufig nicht zwangsläufig falsch, sondern hängt eben auch von der Aufgabe und dem Sichtwinkel des Betrachters ab. Statt sich an solchen Grundsatzdiskussionen zu verschwenden mit der Konsequenz, dass es jetzt nicht weiter geht (herzlichen Glückwunsch dazu...), wäre hier Pragmatismus angesagt gewesen.

  • Wer im ÖD offen auf Arbeit seine Meinung sagt und das für einen Raum für kontroverse Diksussionen hält, muss ja mit dem Klammerbeutel gepudert sein. Ich verbringe viel Zeit in ostdeutschen Verwaltungen und da haben fast alle Mitarbeiter der unteren Tarifgruppen inzwischen wie früher in der DDR eine private und eine offiziell-berufliche Meinung. Die DDR 2.0 hat sich scheinbar bis Hamburg noch nicht rumgesprochen.

    • @Šarru-kīnu:

      Im Gegensatz zur DDR enthält die "offiziell-berufliche Meinung" heutzutage jedoch wenigstens in Spuren Minderheitenschutz und wenigstens der Idee nach korrekte Verfahren und wenigstens in Resten vormals gemachten Fortschritt, während die privaten Meinungen von Behördenmitarbeiter*innen eher einen Fackelumzug samt Bücherverbrennung gleichen.

  • Wie so häufig dürften auch hier die Grenzen zwischen Vorurteilen und Empirie verschwimmen. Klarheit bringt dann immer eine der guten alten "-ismus-Keulen".

    • @Jan Schubert:

      ...und es ist leider nicht der PragmatISMUS.