Protest von israelischer Regierung: Buchdiskussion gecancelt

Zwei deutsche Organisationen in Israel haben eine Buchdiskussion abgesagt. Zuvor hatte es Protest gegen das Thema der Veranstaltung gegeben.

Historisches Foto von Menschen auf der Flucht.

Darum sollte es gehen: Flucht von Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen im Krieg um die Staatsgründung Israels Foto: picture alliance

TEL AVIV taz | Nun ist die Veranstaltung, „Den Schmerz der Anderen begreifen“, vorerst abgesagt. Sie sollte am kommenden Sonntag im Goethe-Institut in Tel Aviv stattfinden. „Im Vorfeld der Veranstaltung hat sich in Deutschland und Israel zunehmend ein Diskussionsklima entwickelt, das deren sachgerechte Durchführung unmöglich macht“, teilte das Goethe-Institut am Freitagmittag mit. Es müsse mit massiven Störungen gerechnet werden.

Die Podiumsdiskussion sollte die deutsche Erinnerungskultur in Bezug auf den Holocaust und die Nakba zum Thema haben. Mit Nakba bezeichnen Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen die Flucht und Vertreibung von Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen im Krieg um die Staatsgründung Israels 1948.

Ursprünglich war die Veranstaltung für den 9. November, den Jahrestag der Reichspogromnacht, geplant gewesen. Dies stieß auf massiven Protest, nachdem Ron Prosor, der israelische Botschafter in Berlin, die Terminwahl kritisierte und in der Thematisierung der Nabka am Jahrestag der Novemberpogrome eine Verharmlosung des Holocaust sah.

„Den Schmerz der Anderen begreifen“ lautet auch der Titel des Buches, das Grundlage der Diskussion hätte sein sollen. Die Autorin Charlotte Wiedemann* sollte gemeinsam mit den Wissenschaftlern Amos Goldberg und Bashir Bashir auf dem Podium sitzen. Geplant war der Abend als Gespräch, in dem Möglichkeiten ausgelotet werden sollten, ein empathisches Erinnern zu fördern, „das verschiedenen Seiten gerecht wird und Solidarität statt Opferkonkurrenz fördert“, so der Veranstaltungstext.

Nach den heftigen Protesten hatten die Ver­an­stal­te­r*in­nen die Buchdiskussion zunächst vom 9. auf den 13. November verschoben. „Wir bedauern, dass die Wahl des Datums einer Paneldiskussion aktuell zu Irritationen geführt hat“, entschuldigten sie sich. Viele Kri­ti­ke­r*in­nen legten jedoch nach und forderten eine komplette Absage der Veranstaltung, darunter die israelische Regierung. Die Veranstalter ließen nun offen, ob die Diskussion zu einem nicht benannten Zeitpunkt noch nachgeholt werden soll.

Das Außenministerium in Jerusalem hatte die Veranstaltung als „Schande, die an keinem Tag des Jahres stattfinden sollte“ bezeichnet. Auch Botschafter Prosor hielt seine Kritik aufrecht und warf den Ver­an­stal­te­r*in­nen vor, „entweder blind für den Schmerz der Überlebenden“ zu sein oder „die Erinnerung an den Holocaust absichtlich relativieren“ zu wollen. In ähnlicher Weise hatten das Simon Wiesenthal Center und das American Jewish Committee die Veranstaltung kritisiert und ihre Absage gefordert.

Autorin: Keine Gleichsetzung von Holocaust und Nakba

Die rechtsnationale Nichtregierungsorganisation Im Tirtzu hatte zu einer Demonstration gegen die Veranstaltung aufgerufen. Das Wort Nakba ist für Im Tirtzu wie für viele im zunehmend rechtslastigen politischen Diskurs in Israel ein Reizwort.

Wiedemann ist empört angesichts der Absage: „Niemand hatte vor, die in ihren Dimensionen und Konsequenzen völlig unterschiedlichen Ereignisse Holocaust und Nakba gleichzusetzen“, äußerte sie sich gegenüber der taz. „Stattdessen sollte debattiert werden, wie die jeweiligen Traumata von der anderen Seite besser verstanden werden können.“

Die Journalistin und Sachbuchautorin zeigt sich bestürzt über die Nachgiebigkeit der deutschen Einrichtungen in Israel: „Dies war ein Testfall, wie Deutschland mit der verschärft rechten Stimmung nach den Wahlen umgeht, und Deutschland hat aus Sicht demokratischer Werte diesen Test nicht bestanden.“

* Die freie Journalistin Charlotte Wiedemann schreibt regelmäßig für die taz.

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