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Professor über Trumps Friedensrat„Das wäre eine Art Frankenstein-Situation“

Ein neuer Friedensrat soll Donald Trump weitreichende Befugnisse geben. Das wird als Kampfansage an die UNO verstanden. Was steckt dahinter?

Sehr zufrieden. US-Präsident Trump, hier beim Weltwirtschaftsforum 2020 Foto: dpa
Judith Poppe

Interview von

Judith Poppe

taz: Gerade ist die Charta von US-Präsident Trumps „Friedensrat“ öffentlich geworden. Waren Sie schockiert?

Eliav Lieblich: Ich hatte in den letzten Tagen bereits Gerüchte gehört, dass die Befugnisse des Friedensrats über das in der Resolution des Sicherheitsrats vorgesehene Mandat in Bezug auf Gaza hinausgehen würden und dass der Rat vielmehr die UNO als führendes Forum für internationale Friedens- und Sicherheitsfragen herausfordern wolle. Dennoch war ich überrascht, als ich die Charta las: Gaza wird darin nicht einmal erwähnt. Die Charta ist eindeutig als Herausforderung an die UNO und als Zeichen des Misstrauens gegenüber dieser Organisation gedacht.

Bild: privat
Im Interview: Eliav Lieblich

Eliav Lieblich ist Professor für internationales Recht an der Tel-Aviv-Universität.

taz: Inwiefern?

Lieblich: Die meisten internationalen Abkommen, die sich mit internationalem Frieden und Sicherheit befassen, beziehen sich auf die UN-Charta und bekräftigen diese. Diese Charta tut dies nicht. Sie erwähnt zwar an einer Stelle das Völkerrecht, jedoch nur vage und wahrscheinlich nur, um die Bedenken potenzieller Mitgliedstaaten zu zerstreuen. Wenn man sich die Präambel ansieht, wird deutlich, dass das Ziel darin besteht, die UN als ineffektiv darzustellen und zu implizieren, dass sie ersetzt werden muss. Dauerhafter Frieden, so heißt es darin, erfordere „den Mut, mit Ansätzen und Institutionen zu brechen, die allzu oft versagt haben“. Das ist eine direkte Herausforderung.

Auch der weitere Text der Charta liest sich recht gruselig.

Lieblich: Ja, der Rat funktioniert auf eine sehr eigenartige Art und Weise. Er ist um einen Vorsitzenden herum strukturiert: Donald J. Trump – nicht unbedingt in seiner Eigenschaft als Präsident der Vereinigten Staaten, sondern persönlich – und es ist laut Artikel 3 der Charta möglicherweise ein Vorsitz auf Lebenszeit. Ob jemand als Mitglied aufgenommen wird, hängt davon ab, ob Trump jemanden einlädt, beizutreten. Der Friedensrat ist in gewisser Weise vergleichbar mit der Idee von einer „Liga der Demokratien“, wie sie seit Jahrzehnten in bestimmten Kreisen der USA kursiert. Diese Liga soll ein Ersatz für die UNO sein, aber eben nur mit gleichgesinnten Demokratien. Dem Friedensrat liegt die gleiche Idee zugrunde, nur dass Demokratien durch Staaten ersetzt werden, die bereit sind, alles zu tun, was Donald Trump will. Er lädt die Mitglieder ein. Er ernennt den Vorstand. Er kann Entscheidungen der Mitgliedstaaten, des Friedensrats und des Vorstands mit seinem Veto blockieren. Es wäre amüsant, wenn wir uns nicht an einem so besorgniserregenden Wendepunkt in der heutigen Welt befänden.

taz: Der UN-Sicherheitsrat hat im November 2025 eine Resolution verabschiedet, in der die Einrichtung eines Friedensrats unter Trump begrüßt wurde. Da war allerdings nicht klar, dass der Friedensrat eine solche Ausrichtung bekommen würde.

Lieblich: Ja, der Sicherheitsrat hat den Friedensrat abgesegnet – wohlgemerkt für den Einsatz in Gaza, nicht damit dieser einen neuen internationalen Sicherheitsmechanismus etabliert.

Ich glaube daher nicht, dass die außerordentlichen Befugnisse, die der Friedensrat in Bezug auf Gaza erhalten hat, auf andere Belange ausgedehnt werden können. Vielleicht werden Trump und seine Verbündeten argumentieren, dass der Sicherheitsrat solche Befugnisse implizit auch für den Einsatz an anderen Orten genehmigt hat. Für mich wäre das ein sehr schwaches Argument, aber wir haben auch in Bezug auf Venezuela und Grönland schwache Argumente gesehen, daher würde es mich nicht überraschen, wenn wir auch zu diesem Thema seltsame Interpretationen hören würden.

Könnte der Friedensrat der UNO tatsächlich gefährlich werden?

Lieblich: Formal gesehen kann die Charta des Friedensrats die Charta der Vereinten Nationen nicht ersetzen. Artikel 103 der Charta der Vereinten Nationen besagt, dass kein späteres internationales Abkommen gegen die Bestimmungen der Charta verstoßen darf. Das bedeutet, dass auch der Friedensrat dem in der Charta der Vereinten Nationen festgelegten Völkerrecht unterliegt. Es ist jedoch offensichtlich, dass Trump und seine Regierung bestehende internationale Vereinbarungen nicht besonders respektieren – sie haben dies öffentlich erklärt und sind bereits aus vielen Organisationen ausgetreten – und viel tun, um sie zu untergraben. Wenn nun jemand argumentiert, dass der Friedensrat vom UN-Sicherheitsrat gebilligt wurde und diesen auch ersetzen soll, wäre das eine Art Frankenstein-Situation: Der UN-Sicherheitsrat hat ein Monster geschaffen, das zurückkehrt und seinen Schöpfer verschlingt.

Wovon hängt ab, wie mächtig der Rat wird?

Lieblich: Gemäß der Charta tritt der Friedensrat in Kraft, sobald drei Staaten ihm beigetreten sind. Normalerweise ist für die Gründung einer internationalen Organisation eine viel größere Anzahl von Staaten erforderlich. Das ist also ziemlich ungewöhnlich. Die eigentliche Frage ist nun jedoch, wie viele Staaten dem Rat tatsächlich beitreten werden. Viele werden wahrscheinlich zögern, da sie einer Organisation beitreten würden, die einer sehr autoritären Kontrolle durch Donald Trump unterliegt. Wenn jedoch viele beitreten, könnte dies tatsächlich zu einer Herausforderung für die UNO werden.

Gaza kommt in der Charta nicht vor. Haben die Charta und das Board of Peace also am Ende gar keine Konsequenzen für den Küstenstreifen?

Lieblich: Doch, das haben sie. Es würde bedeuten, dass Trump den gesamten Mechanismus überwacht. Wenn dieser Friedensrat in Gaza gilt, hätte Trump in allen Angelegenheiten das letzte Wort.

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33 Kommentare

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  • Ich frage mich ernsthaft, wie es wäre, wenn Deutschland in dieses seltsam zusammengewürfelte Gremium eine Person entsendet, die kein offizielles Staatsamt bekleidet, die dort unverbindlich agieren kann, die präsent ist, aber durch ihre Präsenz den informellen Charakter betont und der Entstehung eines Frankensteinschen Monsters entgegenwirkt. Es müsste freilich eine Person mit Reputation und Erfahrung im Umgang mit Egomanen sein. Mir fällt da gerade wieder nur Frau Merkel ein. Warum nicht? ... "Thinking out of the box" ...

  • Heal the World? Oder Deal?



    www.youtube.com/watch?v=02CcUCPkw-s



    (Mal in die Kommentare schauen)

  • Worum es da gehen soll? Um die weitere Bereicherung des vermutlich korruptesten Präsidenten, den die USA je hatte, was denn sonst. Die Mitgliedschaft kostet 1 Mrd. Dollar.

  • "Lieblich: Doch, das haben sie. Es würde bedeuten, dass Trump den gesamten Mechanismus überwacht. Wenn dieser Friedensrat in Gaza gilt, hätte Trump in allen Angelegenheiten das letzte Wort."

    Das heißt, er bestimmt dann auch, wer die Riviera dort aufbauen darf. Und unter welchen Bedingungen. Und welche Antrittszahlungen zu leisten sind. In welcher Höhe und an wen.

    Es kann doch niemand so dumm sein sowas zuzulassen. Möchte man meinen. Leider wurden wir während der bisherigen trumpschen Amtszeit immer wieder eines besseren belehrt, wenn es darum ging, intellektuelle Standards zu unterbieten. Und wenn man dann die Infantino-Nulllinie erreicht hat sieht man, daß es unterhalb auch noch einen Minusbereich gibt. Einen unendlichen.

    • @Josef 123:

      "Es kann doch niemand so dumm sein sowas zuzulassen."

      Was sagte Einstein über die Unendlichkeit?

    • @Josef 123:

      Bin mal gespannt, wer für die Folgekosten des gescheiterten Rivieraprojekts zahlt...

  • Der derzeitige US-Präsident, ein Psychopath, hat alles unternommen um die UN zu schwächen. Doch die UN hält sich an Verträge - was dieser Regimechef nicht mal in Erwägung zieht. Daher kann er auch mit Gewalt drohen und die auch einsetzen, das kann die UN eben nicht so ohne weiteres, schließlich herrscht hier Disziplin, Zivilisation und Aufgeklärtheit vor und nicht das Gehabe von verwöhnten Vorschulbratzen, die sich nicht zu benehmen wissen und das auch gar nicht wollen.

    • @Perkele:

      "das kann die UN eben nicht so ohne weiteres"... das kann die UN überhaupt nicht, weil sie über kein Militär verfügt.

  • Ja lebt denn der alte Holzmichel noch? 🇬🇧



    &



    Wieso - WÄRE - ? 🙀🧐😂 -



    Boris Karloff & Christopher Lee - try it a 🥱 -

    • @Lowandorder:

      Jaa - wenn das nur mal so witzig wäre. Leider wird dieser alte Holzmichel viel zu sehr ernst genommen, auch wenn's für unterbelichtete Menschlein wie mich schwer zu verstehen ist.

      • @mwanamke:

        Ihn 🍑💨 nicht ernst zu nehmen -



        Wäre ggfls tödlicher Fehler •



        Mit unterbelichtet - hett dess nix ze donn! Woll

  • Und unser Außenminister hofft schonmal auf einen Platz im neuen Gremium: taz.de/Konkurrenz-zur-UN/!6146453/

    • @Birdman:

      Vorauseilende Unterwürfigkeit, pfui, Wadepul. Irgendwie habe ich immer noch gehofft in ihm wenigstens einen ein wenig Auftrechten bei den Christen zu haben. Pustekuchen.

  • Dann treten Russland und China bei, und die drei teilen sich die Welt, damit es wieder friedlich wird und Geschäfte nicht gestört werden.

  • Wow, liest sich nach „League of Evil“



    Und kein Austin Powers zur Stelle, nicht mal ein Captain Hammer…

  • Zumindest den Medien nach hört man von der UN in letzter Zeit sehr wenig. Gerade jetzt, wo sie gefordert wäre. Alle faseln z.B. in Sachen Venezuela oder Iran in einer Weise, als würde das Völkerrecht verhindern, dass man etwas gegen Unrechtsregime machen kann und schreien nach dem größten Kriegsverbrecher USA. Es wäre Aufgabe der UN, im Rahmen des Völkerrechts Aktionen zu veranlassen. Das geht nämlich.

    Wenn man jetzt auf einen von Trump erfundenen "Friedensrat" eingeht (den er vermutlich zu Recht bald in "Kriegsrat" umbenennen wird), dann ist das das Aus für die UN. Das kann kein halbwegs zivilisierter Mensch wollen. Die Anstrengungen eines ganzen Jahrhunderts wären dort, wo viele Politiker inzwischen schon stecken: im Allerwertesten Trumps.

    • @Jalella:

      "Es wäre Aufgabe der UN, im Rahmen des Völkerrechts Aktionen zu veranlassen. Das geht nämlich."

      Gegen ein ständiges Mitglied des Sicherheitsrats mit Vetorecht? Da wird sicher ein ganz strenges "Du, Du, Du!" herauskommen...

  • Laut einem Artikel bei Spon, fühlt sich DT dem Frieden nicht mehr verpflichtet, mit der Begründung das er den Friedensnobelpreis nicht erhalten hat.



    Ich hätte da ein paar Worte für übrig, nur mein Anstand verbietet mir die hier kund zu tun.

    • @Captain Hornblower:

      Den Preis hat er doch gerade von Frau Machado verliehen bekommen.

      • @Il_Leopardo:

        Das war zu spät, außerdem ist Frau Machado doch auch nur eine unterwürfige Frau und kein Nobelkomitee.

  • Russlands Präsident Wladimir Putin ist nach Angaben des Kreml eingeladen worden, Teil des von US-Präsident Donald Trump ins Leben gerufenen "Friedensrates" für den Gazastreifen zu werden.

    Als ich das las, habe ich auf meinem Kalender nachgesehen, ob wir etwa schon den 1. April haben.

    • @Il_Leopardo:

      P.S.



      Da Trump das Recht hat, Mitglieder zu berufen und zu entlassen, wird Putin da garantiert nicht mitmachen.

  • Naja dann können wir uns das Geld für Völkerrechtsstudien sparen und das Geld in die bundeswehr stecken.

    • @Machiavelli:

      Nun, wenn wir selbst Völkerrecht schleifen, wer erinnert denn irgendwann an die zahlreichen von Deutschland verübten Genozide an den Juden oder an den Herero, oder oder oder?

      Was wir aber brauchen, wenn wir das Geld schon in die Bundeswehr stecken, dann eine atomare Aufrüstung. Und zwar eine so große, dass Putin und Trump freiwillig zur Demokratie zurückkehren. Wenn Trump uns also angreift, wenden wir Notwehr an - dann trifft es halt New York.

    • @Machiavelli:

      Wo Sie recht haben, haben Sie recht.

    • @Machiavelli:

      “In der Tat!“ um mit Gerhard “in der Tat“ Hoffmann 68 f Prof Völkerrecht Uni Mbg/L zu sprechen 🧐🤣

  • Früher gab es mal den Begriff "Lieschen Müller" - sollte bedeuten das jeder/jede ohne viel Ahnung ihre politischen Lösungsansätze in die Welt posaunt. Die Feministen haben dann dafür gesorgt das dieses Etikett aus den Medien verschwand - dem folgte "Otto Normalverbraucher" der aber auch nicht lange überlebte da er überwiegend im Konsumbereich benutzt wurde.



    Jetzt gibt es den "Trumpismus" der allerdings von dem gefährlichsten Machtapparat der Welt , der USA, umgesetzt wird.



    "Schöne neue Welt" - ein Resultat der von den Medien so geliebten "Repräsentativen Demokratie" - jetzt habt ihr den Salat liebes Stimmvieh!

  • "Ob jemand als Mitglied aufgenommen wird, hängt davon ab, ob Trump jemanden einlädt, beizutreten. "

    War da nicht was, dass man nur beitreten darf, wenn man 1mrd USD einzahlt?



    Man darf gespannt sein, wer so bescheuert ist, bei einem Diktatorenverein mitzumachen. Das einzige Lockmittel derzeit wäre der militärische Schutz der USA, solange Trump noch Präsident ist.

    Wer da jetzt beitritt, unterwirft sich einem unberechenbaren, unzuverlässigen Psychopathen.

    Das Ganze klingt ein bischen wie die glorreiche Trump-Universität, mit der er unzählige Studenten verarscht hat.

    • @Mitch Miller:

      Nun, es finden sich genügend andere unberechenbare, unzuverlässige Psychopathen, vielleicht z. B. aus Saudi-Arabien usw. die dabei sind.

  • Donald Trump will nicht "nur" Präsident der USA sein. Er will Weltherrscher sein und er bereitet sich strategisch auf die Situation vor, dass er keine weiteren Amtszeiten als POTUS für sich durchsetzen kann. ... Bzw. versucht sich, über die USA hinaus, die Macht zu beschaffen, die er benötigt, um weitere Amtszeiten durch zu setzen, in dem er jede (externe) Unterstützung interner Widersacher untergräbt, und sei diese auch nur moralisch bzw. intellektuell / argumentativ. und in dem er das Primat des Rechts, sei es auch noch so fragil und durchsetzungsschwach, zunichte macht.

    • @DerEitlePfau:

      Na hoffentlich hört er, wie einst Ingo Insterburg, auf dem Mars auf. :))

      Vorsicht Weltsicht von 1974. Menschen ohne Humor bitte nicht googeln.