Pro Wirtschaftswachstum : Die Wirtschaft braucht mehr Steuern und höhere Löhne
Das deutsche Geschäftsmodell ist am Ende. Dabei ist Wirtschaftswachstum wichtig. Es rettet nicht nur den Wohlstand, sondern auch die Demokratie.
Foto: Marcus Brandt/dpa
D as Mini-Wachstum von 0,2 Prozent, das das Statistische Bundesamt für 2025 bekanntgab, kann nicht darüber hinwegtäuschen: Das deutsche, auf die Exportindustrie ausgerichtete Geschäftsmodell ist am Ende. US-Präsident Donald Trumps Zölle und Chinas Konkurrenz führen dazu, dass der Außenhandel Deutschlands Wohlstand nicht mehr förderlich ist, sondern ihn gefährdet. Die Medizin, die die Wirtschaftslobby fordert, würde die Konjunktur allerdings nur noch mehr schwächen.
Braucht Deutschland mehr Wirtschaftswachstum? Ja, sagt Simon Poelchau, weil es bei der Wirtschaft nicht nur um Wohlstand, sondern auch um die Demokratie geht. Nein, entgegnet Nick Reimer in seinem Contra, weil weiteres Wachstum aufgrund des Klimawandels nicht mehr akzeptabel ist.
Die großen Verbände fordern neben weniger Bürokratie und niedrigeren Energiekosten vor allem niedrigere Steuern und Arbeitskosten. Doch Deutschland war noch nie Niedriglohn- oder Niedrigsteuerland. Tatsächlich würden niedrigere Arbeitskosten und Steuersenkungen das Land keineswegs wettbewerbsfähiger machen.
Es sind gerade diese beiden Faktoren, aufgrund derer es im vergangenen Jahr überhaupt ein Wachstum gab: der private Konsum und die staatlichen Investitionen. Nötig sind dafür gute Löhne und für den Staat Steuereinnahmen.
Auch die Freude so mancher Wachstumskritiker*innen, für die das hiesige Industrieproletariat offenbar den Hauptfeind im Kampf gegen den Klimawandel darstellt, ist fehl am Platz. Die Menschen, die jetzt die Zeche zahlen, weil ihr Job auf der Kippe steht oder schon verloren ist, tragen keine Verantwortung dafür, dass die Industrie den Klimaschutz schleifen lässt und lieber auf Verbrenner statt Elektroautos setzt.
Solche Entscheidungen werden nicht am Fließband getroffen, sondern in den Chefetagen. Insofern profitiert nur einer von der Krise und der Verunsicherung der Menschen im Land: die AfD.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Soll also nicht nur der Wohlstand, sondern auch die Demokratie erhalten bleiben, muss die Wirtschaft vor sich selbst gerettet werden. Es braucht ein Wachstum, das aus dem Land selbst kommt und möglichst grün ist. Dafür sind höhere Löhne sowie höhere Steuern für Reiche und Unternehmen notwendig. Das zu erkämpfen wird in nächster Zeit die Hauptaufgaben der gesellschaftlichen Linken sein.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert