Preispolitik der Deutschen Bahn

Weg mit dem Fahrgast-Abi

Das Preis- und Reservierungssystem der Bahn ist viel zu komplex. Was es braucht, ist mehr Platz in den Zügen. Die 1. Klasse hingegen ist verzichtbar.

Zwei an der Spitze zusammengekoppelte ICE-Züge

Wer preiswert reisen möchte, muss fast studiert haben Foto: Christoph Soeder/dpa

Etliche BahnkundInnen sind gewiefte Schnäppchenjäger, das zeigt eine Studie des ökologischen Verkehrsclubs Deutschland. Nur eineR von fünf KundInnen zahlt den hohen Normalpreis. Aber: Auch die sogenannten Sparpreise sind teilweise happig. Und günstige Tickets zu finden, ist für Ungeübte eine echte Herausforderung. Nicht umsonst sprechen BahnaktivistInnen vom nötigen „Fahrgast-Abitur“, das nötig sei, um das komplizierte Tarifsystem der Bahn zu durchschauen.

Autofahrende und Flugreisende bekommt man mit so viel Komplexität nicht dazu, auf die Schiene umzusteigen. Gerade Nicht-StammkundInnen müssen die Chance haben, günstige Fahrkarten zu finden. Tickets des Bahnkonkurrenten Flixbus gibt es mittlerweile regulär bei Einzelhändlern, Fahrkarten der Deutschen Bahn allenfalls mal ausnahmsweise im Sonderverkauf beim Discounter.

Ärgerlich ist neben den oft hohen Ticketpreisen zudem die Reservierungsgebühr von immerhin 4,50 Euro pro Strecke. Nicht selten empfinden Reisende das als Geldverschwendung, zumal wenn die ausgewiesenen Sitze wegen eines Zugtauschs oder ausgewechselten Wagons dann nicht existieren.

Angesichts der überfüllten Züge gibt es jedoch fast einen heimlichen Zwang zum Reservieren – denn mitunter müssen Fahrgäste ohne Platzkarte wieder aussteigen, wenn der Zug zu voll ist. Aus dem heimlichen einen offiziellen Zwang zu machen – wie es in manchen Ländern wie Spanien heute bereits der Fall ist – ist nicht die Lösung. Mit einer Pflicht zur Reservierung würde der größte Wettbewerbsvorteil der Bahn verlorengehen: dass Fahrgäste spontan den Zug nehmen können. Richtig wäre: Wer eine Reservierung wünscht, soll sie bekommen – und zwar ohne Gebühr.

In der 1. Klasse gehört die kostenlose Reservierung heute schon zum Service der Bahn. Es geht also. Apropos 1. Klasse: Bei allen Vorschlägen für eine bessere Bahn braucht es auch bei sofortiger Umsetzung Jahre, bis die Fahrgäste davon etwas haben. Ausnahme: Von der Abschaffung der 1. Klasse hätten zumindest die 2.-Klasse-FahrerInnen sofort etwas. Mehr Platz nämlich.

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Buchveröffentlichungen: „Die verlogene Politik. Macht um jeden Preis“ (Knaur Taschenbuch Verlag, 2010), „Die Angstmacher. Wie uns die Versicherungswirtschaft abzockt“ (Lübbe Ehrenwirth, 2012).

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