piwik no script img

Peter Unfried Die eine FrageWozu sollte Robert Habeck zurückkommen?

In dem Roman „Die Nebel von Avalon“ befinden sich zwei Welten am gleichen Ort, die gute alte Welt und die böse neue Welt. Man muss den Nebel teilen können, dann landet man noch in Avalon. Dieses Gefühl der zwei Welten am gleichen Ort hatte ich unlängst bei einem Spiegel-Gespräch im Berliner Admiralspalast mit Robert Habeck. Man war gleichzeitig in der neuen Welt, die Habeck skizzierte, und in der alten Welt, in der der Hauptstadtjournalismus und wir Deutsche weiter leben möchten.

Während Habeck die systemischen Defizite zu fassen versuchte, die aus seiner Sicht derzeit angemessene Zukunftspolitik unmöglich machen, egal, wer regiert, wollte der Spiegel-Journalist wissen, ob er Baerbock blöd findet, ob er Lindner blöd findet, ob er Söder blöd findet und wann er zurückkommt. In keinem Moment ging er auf Habecks Gedanken ein.

Nun will ich keinesfalls auf einem Kollegen herumhacken, sondern auf ein Defizit hinweisen, das mir systemisch zu sein scheint und das Politik, Gesellschaft und eben auch uns Medien betrifft. Wir können die Probleme nicht bearbeiten, wenn wir auf unsere alte Welt bestehen. Wir können aber auch gar nicht in dieser Welt weiterleben, sie verschwindet gerade hinter den Nebeln wie Avalon.

Die maue Hoffnung besteht in einer Verlängerung der Gegenwart, ein bisserl Nachspielzeit, bitte. In der lenken wir uns ab mit Kanzlertausch-Gefasel, Bas-Bashing, Habeck-Psychogrammen und anderem Zeug, welches das Vertrauen in die liberale Demokratie weiter erodieren lässt und damit genau der Plan der AfD ist.

„Die Krise der Demokratie ist tiefer als das Versagen einzelner Politiker“, sagte Habeck. Politik, Gesellschaft und Medien, so verstehe ich ihn, haben in den letzten beiden Wahlkämpfen vermieden, zukunfts- und nun gegenwartsdefinierende Dinge ernsthaft zu besprechen. Weshalb auch die richtigen Antworten ausgeblieben sind. Beispiel: Jeder hätte sehen können, dass Russland die Ukraine angreifen würde, keiner wollte es sehen und rechtzeitig handeln. Jetzt könnte jeder sehen, dass Russland keine wirtschaftlichen Perspektiven hat außer Öl, Gas und Kriegswirtschaft. Auch darauf müsste man eine Antwort finden, wenn der Überfall auf die Ukraine ein Einzelfall bleiben soll.

Peter Unfried ist Chefreporter der taz.

Das „Narrativ“ der alten Welt, in der wir zu leben glauben, war wachsender Wohlstand für alle oder möglichst viele durch Wirtschaftswachstum und Verteilung bei ewigem Frieden und billiger Energie. Das funktioniert so wie bisher in der neuen Welt aber für Deutschlands und Europas Industrie nicht mehr, unter anderem wegen China, Demografie und Russland. Was auch nicht funktioniert, sind Regierungen, die zum „Spielball der Parteien“ (Habeck) werden, wie die Ampel und nun auch die derzeitige Koalition, und dass – mit systemischer Hilfe von uns Medien – alle gegeneinander ausgespielt werden und jeder ein „Verräter“ ist, der über die engen Parteiprogramme hinaus Kompromissen zustimmt. Oder auch nur irgendetwas vorschlägt, wofür eine Partei nicht gegründet wurde. Das mache den Raum für Politik immer enger. „Die Loyalität muss bei der Regierung sein“, sagt Habeck, „und nicht bei der Partei oder der Fraktion.“

Nun ist es nicht so, dass das keiner außer ihm sehen würde. Viele sehen das auch. Das Problem ist, dass Politik, Gesellschaft und Medien sich gegenseitig so lähmen, dass alle nur in ihrer jeweiligen alten Welt weiterwurschteln können.

Die maue Hoffnung besteht in einer Verlängerung der Gegenwart

Die übliche Frage an Robert Habeck darf daher nicht mehr sein: Wann kommt er zurück? Sie muss lauten: Wozu? Was wollen wir und was sind wir bereit, dafür zu tun oder zu lassen? Wenn wir das beantworten können, sind wir einen großen Schritt weiter.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 210 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen