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Pahlavi in BerlinNicht im Namen des iranischen Volks

Kommentar von

Armin Ghassim

Er gibt sich selbstbewusst als der Repräsentant der Menschen im Iran. Pahlavis Rolle in der Opposition ist jedoch alles andere als eindeutig.

„Tens of millions shouted my name“, behauptete Pahlavi bei seinem Besuch in Berlin Foto: Christian Mang/reuters

R eza Pahlavi kämpft auf seiner Europatour gegen den Bedeutungsverlust. Er tritt auf wie ein mit großer Mehrheit gewählter Repräsentant des iranischen Volks. Dabei hat er den verzweifelten IranerInnen nur einen Traum verkauft, den ausgerechnet US-Präsident Donald Trump und Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu erfüllen sollten. Auf der Bundespressekonferenz zeigte er sich diese Woche sichtlich genervt von den kritischen Nachfragen der JournalistInnen.

Pahlavi war es, der im Namen der iranischen Bevölkerung den USA und Israel einen moralischen Freibrief für Angriffe auf sein Heimatland gab. Eine Carte blanche also für einen per internationalem Haftbefehl gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher und für einen US-Präsidenten, der mittlerweile droht, „die iranische Zivilisation für immer auszulöschen“.

Auch nach Trumps apokalyptischen Drohungen wirbt Pahlavi weiter dafür, dass Amerikaner und Israelis „den Job zu Ende bringen“. Zu seiner Strategie gehört dabei eine bemerkenswerte Toleranz gegenüber iranischen Opfern. Den Familien der am ersten Kriegstag in Minab getöteten Schulkinder hat er bis heute kein Beileid ausgesprochen. Etwa 170 Menschen tötete das US-Militär bei einem Angriff auf eine Grundschule. Den Familien der ersten drei getöteten US-Soldaten kondolierte Pahlavi hingegen umso herzlicher.

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Seine Anhänger sehen darin strategisches Kalkül: Er wolle Trump, der der Schlüssel zur Befreiung Irans sei, nicht kritisieren. All dies tut Pahlavi weiterhin im Namen des iranischen Volks. „Tens of millions shouted my name“, behauptet er in Berlin unter Verweis auf die Januarproteste in Iran. Wer seine Rolle als Oppositionsführer anzweifle, missachte demnach den Willen der IranerInnen. Allein diese Selbstgewissheit sollte Skepsis wecken.

Für Pahlavi oder für das Regime

Niemand kann seriös belegen, was „die Menschen“ in Iran aktuell wollen und was nicht. Fakt ist, dass schon im Januar Pahlavis unbestreitbar großer Einfluss bei den Protesten zusätzlich aufgeblasen wurde. Eine Studie zur Berichterstattung über die Proteste kommt zu dem Ergebnis, dass 17 Prozent der auf Social Media geposteten Videos einen Bezug der Proteste zu Pahlavi zeigten, etwa durch Rufe nach ihm.

Was die DemonstrantInnen aber viel mehr einte, waren Rufe nach dem Ende der Islamischen Republik, die auf 83 Prozent der Videos zu hören waren. Bei dem unter IranerInnen sehr einflussreichen, israelnahen Exilsender Iran International war das Verhältnis allerdings umgekehrt: 81 Prozent der veröffentlichten Videos zeigten Bezüge zum ehemaligen Kronprinzen. Ein Aufblasen der Bedeutung Pahlavis um 376 Prozent.

Das Framing von Iran International schwappt oftmals auch in die internationale Berichterstattung über. Für seine Anhänger ist seitdem klar: Pahlavi spricht für die Menschen in Iran; wer nicht für ihn ist, ist für das Regime. Ein anmaßender Anspruch, bei dem JournalistInnen unbedingt kritisch nachfragen müssen. Auch wenn es ihm nicht gefällt.

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6 Kommentare

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  • Es ist zudem nicht zu leugnen, dass die im Exil lebenden Schah-Fans überwiegend aus der Oberschicht Irans stammen. Es tut sich also der Klassenwiderspruch innerhalb der Opposition auf: die Rechten wollen einen "König", der ihre Interessen vertritt, die breite Masse will aber keine neue Olligarchie sondern will Demokratie mit sozialer Gerechigkeit.

  • Ich frage mich immer noch, wer eigentlich die riesige Demo in München Anfang des Jahres orchestriert hat.

  • Faktisch haben die USA und Israel mit ihrem Krieg gegen den Iran vorerst nur eines erreicht: mit dem Wegbomben der alten Führungsriege sorgten sie dafür, dass die noch radikaleren Revolutionsgardisten das Ruder übernehmen konnten. Na, dann herzlichen Glückwunsch zu diesem fantastischen Regime Change (Sarkasmusmodus)!



    Und jetzt kommt die Trump-Puppe Pahlavi - die es nicht einmal schafft, den iranischen Opfern der amerikanischen und israelischen Bombenangriffe zu kondolieren - nach Berlin und hat noch die Chuzpe, sich zum Repräsentanten des iranischen Volkes aufzuspielen.



    Er ist es genauso wenig wie das jetzt regierende Revolutionsgarden-Regime. Ein Glück, dass die Regierungskoalition ihm nicht noch den roten Teppich ausgerollt hat. Peinlich ist diese Bundesregierung ohnehin in ihrem aussenpolitischen Auftritt.

    • @Abdurchdiemitte:

      Das Auftreten der verschiedenen Regierungen der Bundesrepublik gegenüber den Iran und den Mullahs ist seit Jahren geprägt von Peinlichkeit. Da setzt die momentane Regierung einfach nur die Tradition fort.



      Da es momentan so aussieht dass das Mullahregime an der Macht bleiben wird , will die deut. Regierung es sich nicht mit denen verscherzen, deswegen wird Pahlavi auch nicht empfangen.

      Selbst wenn die Rolle Pahlavis von seinen Untertsützer*innen und Medien aufgeblasen wurde, kann er trotzdem meiste pol. Gewicht in der Opposition haben. Es kann auch sein dass andere Kräfte ihn nicht als Übergangslösung akzeptieren würden.

      Die Frage wer letzlich die legitime Vertretung des iranischen Volkes ist, ist letzlich eine Frage die die (Exil)Iraner*innen selbst beantworten müssen. So richtig es ist, dass Pahlavi kritisch hinterfragt wird, so sehr sollte man auch aufpassen dass man sich nicht von eigenen Bias gegenüber der Schahfamilie leiten lässt.



      Noch weniger sollte man den Iranern*innen die unterm Regime leiden erklären, was sie wie zu bewerten haben oder ihnen hochtrabende Vorträge übers Völkerrecht oder internationale Politik halten.

  • Pahlavis einzige Chance ist gerade keine.



    Satrap von US- und Israel-Gnaden würde kein Mondjahr halten und tritt auch nicht ein, denn Trump ist in seinen Handlungen ADHSler und Netanyahu in seinen Motiven ein egoistischer Kriegstreiber.



    Denken wir lieber weiter: Nicht nur "Söhne von", sondern ganz viele Iraner können es, übrigens auch Frauen!

    • @Janix:

      Braucht es eine oder 'die' zentrale Figur?



      Bekannte Frauen aus der hier bekannten Gruppe der politisch aktiven Frauen als Exil-iranerinnen mit journalistischer Reichweite:

      www.tagesschau.de/...unft-iran-100.html

      Im Text zum Interview steht:



      "Beide wurden in Iran geboren, wuchsen in Deutschland auf und sind hörbare Stimmen der iranischen Diaspora: die Grünen-Politikerin Mayram Blumenthal und die Journalistin Gilda Sahebi. Doch sie vertreten unterschiedliche Positionen, wenn es um mögliche Wege zu einem politischen Wandel in Iran geht. Im Gespräch mit WDRforyou zeigen sich schon bei der ersten Frage Unterschiede: Kann sich Iran aus eigener Kraft von den Mullahs befreien?"

      Irgendwie kam mir der Gedanke an die vielen Exilregierungen in London im WK II und an die Neuordnung in Europa, an der sie sehr unterschiedlich beteiligt wurden.



      Auch der Aufstieg sogenannter "zentraler Figuren" war hier in der Tat ein durchaus bemerkenswerter Faktor.