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ObdachlosigkeitKein Dach über dem Kopf und nirgendwo erwünscht

Unsere Autorin findet, dass der Wind der sozialen Kälte gerade besonders eisig weht. Doch einige lassen sich nicht unterkriegen. Richtig so!

Das Zelt von Obdachlosen im Winter steht am Landwehrkanal am 02. Februar 2026 in Berlin Foto: Felix Zahn/imago

V or ein paar Tagen laufe ich in Berlin Prenzlauer Berg an einem Platz vorbei. Plötzlich höre ich ein dumpfes Krachen. Etwa zehn Meter von mir entfernt zerkleinert ein Mann in der Dämmerung Brennholz. Er ist also immer noch da, denke ich erleichtert und besorgt zugleich. Denn es sind minus 5 Grad, die sich wie minus 13 anfühlen. Keine gute Temperatur, um lange draußen zu sein und schon gar nicht, um draußen zu übernachten.

Das kleine Camp war mir zum ersten Mal im vergangenen Sommer aufgefallen. Ich spazierte gerade Richtung Platz, da schallte mir Musik entgegen. Ich sah bunte Zelte, einen Grill, Kunst. Frauen und Männer tranken Bier, redeten. Mir imponierte das: ein provisorisches Zuhause, das Anarchie und Fröhlichkeit ausstrahlte, inmitten einer der teuersten Gegenden der Stadt.

Nun will ich Obdachlosigkeit sicher nicht romantisieren. Sie ist eine der größten Tragödien unserer Zeit, für die unsere neoliberale Gesellschaft und ihre desaströse Wohnungspolitik verantwortlich sind. Zwar hat die Bundesregierung sich zum Ziel gesetzt, Obdach- und Wohnungslosigkeit bis 2030 zu beenden, aber Ex­per­t*in­nen bezweifeln, dass ihr das gelingt. Einer Hochrechnung zufolge leben deutschlandweit mehr als eine Million Menschen ohne festes Mietverhältnis, davon rund 56.000 Menschen auf der Straße.

Und was macht die CDU? Sie zettelt eine inhumane Sozialstaatsdebatte an. Dabei bräuchte es statt Sozialkürzungen mehr Sozialwohnungen und statt einer halbherzigen Mietrechtsreform, wie sie gerade von der SPD vorgelegt wurde, einen bundesweiten Mietendeckel. Wohnen ist ein Menschenrecht und ein angemessenes Zuhause die Grundvoraussetzung für eine würdevolle Existenz.

wochentaz

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Apropos Würde: Eines Tages beschwerte sich ein Anwohner vor laufender Kamera über das Camp. Er wohne jetzt schon seit zweieinhalb Jahren im Kiez und fühle sich eigentlich wohl – wenn nur die Obdachlosen nicht wären. Die Lärmbelästigung, der Drogenkonsum, man kennt das Gejammer. Mehr soziale Kälte geht kaum. Zum einen ist der Platz seit Jahrzehnten ein Zufluchtsort für wohnungslose Menschen, auch wenn der Anwohner nicht der Erste ist, der sie weghaben will. Zum anderen handelt es sich um eine Gegend, wo Rich Kids selbst lautstark vor Bars abhängen und saufen.

Warum sollte ein Chinohosen-Träger mehr Rechte haben als ein Obdachloser? Es reicht ja schon, dass er und seine Buddys ganze Häuserblöcke kolonialisieren und die Hälfte dann auch noch leer stehen lassen. Ein öffentlicher Platz ist aber per Definition: öffentlich. Er gehört uns allen. Deshalb ist es auch ein Unding, dass der Platz regelmäßig geräumt wird.

Es kann doch nicht sein, dass man Menschen erst aus ihren Wohnungen drängt, ihnen dann keine gute Alternative bietet und sie schlussendlich auch noch vertreibt. Sollen sie sich unsichtbar machen? Der Mann und seine Freun­d*in­nen jedenfalls sind nach jeder Räumaktion wieder da. Richtig so! Obdachlose wollen schließlich auch kiezig wohnen und nicht in einer überfüllten Notunterkunft.

Ich wollte den Mann vom Camp fragen, wie es ihm geht. Er war zugewandt, aber seine Freundin wurde wütend. Wenn ich mit ihrem Kumpel reden wolle, solle ich mich zwei Straßen weiter anmelden. Im Klartext: Lass uns in Ruhe mit deinen Fragen. Was hätten sie auch sagen sollen, was nicht längst bekannt ist? Sie möchten in Würde leben, so wie je­de*r andere auch. Und dazu gehört für viele eine Wohnung mit einer Heizung, die warm hält, und einer Tür, die man zumachen kann, wenn ungebetene Gäste kommen und einen ausfragen wollen. Ist das zu viel verlangt?

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Anna Fastabend
Redakteurin wochentaz
Hat mal Jura studiert und danach Kreatives Schreiben am Literaturinstitut in Hildesheim. Hat ein Volontariat bei der Märkischen Oderzeitung gemacht und Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin. Schreibt über feministische Themen, Alltagsphänomene, Theater und Popkultur.
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12 Kommentare

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  • Dieser Teil unserer Bevölkerung -also unserer Nachbarn- ist für die meisten Parteien völlig uninteressant , allemal für csdU aber auch andere. Sie sind kein Zielgruppe, von der man Stimmen erwarten kann, sie haben keinen Einfluss auf irgendwas, sie erwirtschaften nichts und liegen dem Estabishment gar noch auf der Tasche. Also was soll's? Sollen sie doch sehen wie sie klarkommen, vielleicht haben sie sich ja zu oft krankschreiben lassen oder gewagt, Teilzeitarbeit anzunehmen.... Wir beten für sie - ist doch auch was, oder?

  • Es ist gut über Obdachlosigkeit zu berichten.



    Allerdings ist die direkte Querverbindung zwischen Wohnungsmarkt und Obdachlosigkeit etwas eindimensional.



    Hinzu kommt, dass es in Berlin durchaus diverse Angebote für Wohnungslose gibt.



    Sehr gut finde ich auch die niederschwellige Idee der Tiny Houses.



    Darüber wurde ja auch in der taz berichtet :"klein aber dein".

  • Obdachlosigkeit beginnt vor allem beim Wohnungsmarkt und welche Bedingungen und welche Zugänge zu Sozialwohnungen existieren.



    Es ist nicht so, dass die Menschen runterkommen sind, wenn sie wohnungs- und oftmals dann auch obdachtlos werden.



    Und diese Entwicklung ist stark an die Mechanismen gebunden, wie Reichtum und Immobilien erworben, bewohnt und zugänglich gemacht werden.



    Für Deutschland ist es trocken formuliert eben so: 1990 gab es 4 Mio. Sozialwohnungen, heute sind es 1 Mio. - parallel kaufen Menschen ihre Wohnung, sprich fast die Hälfte der 43 Mio. Wohnungen werden bessesen und sind für Mieter mit Schufa und niedrigem EInkommen prinzipiell gar nicht erschwinglich, weder zum Kauf noch zur Miete.



    Und so kann es sein, dass ein Student in einer deutschen Stadt seine WG auflösen muss, weil die Wohnung an eine Familie verkauft wurde und dann mehrere Personen sofort eine neue Wohnung finden müssen.



    Konnten die Studenten früher ins Studentenheim oder zur Sozialwohnung, funktioniert das heute oft nicht mehr, weil die Nachfrage sehr hoch und das Angebot klein ist.



    Wohnungs/obdachlos zu sein, ist in Los Angeles ein Normalzustand, hier kommt es bald dazu, (wenn nichts passiert)

  • BRAVO! Großartiges Plädoyer!

  • In der (immer noch) drittgrößten Volkswirtschaft der Welt, sind diese Verhältnisse ein absolutes Armutszeugnis.



    Das Thema Stadtbild, das Thema Abschaffung der Arbeiter Rechte, die Bevorteilungen bzw Erlassung der Steuerabgaben für die ganzen Dagobert Duck's, denen das Geld schon aus den Ohren wächst, die Kontrolle über die Krankgeschriebenen, schlecht bezahlten Arbeiter, die jetzt immer mehr in eine Sklaven Rolle gepresst werden.



    Alle sozialen Errungenschaften sind verspielt, angefangen mit den Obdachlosen, denen mit Psychologen, Ärzten, Sozialarbeiter wieder geholfen werden sollte, in die Gemeinschaft zurück zu finden.



    Das wird nie geschehen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Gesellschaft ist kalt geworden und wird es, Dank dem Merzchen Neoliberalismus immer mehr.

  • Danke für diesen schönen, emphatischen Artikel.



    Davon könnte es gerne noch mehr geben.

  • Ja, es gibt einen Anstieg der sozialen Kälte.

    Nur hat das halt auch damit zu tun, dass immer mehr Menschen, die augenscheinlich nicht aus Berlin kommen, hier in Berlin wohnen (oder gerade nicht wohnen). Und dieses Nichtwohnen geschieht neben den öffentlichen Plätzen auch immer häufiger in den Anlagen des öffentlichen Personennahverkehrs.

    Und solange immer mehr arme Menschen nach Berlin ziehen, solange wird die soziale Kälte halt auch weiter ansteigen.

    Beschwerden über die damit einhergehende Lärmbelästigung und den Drogenkonsum als "Gejammer" abzutun geht garnicht.

    Und die Menschen sollen sich auch nicht unsichtbar machen, es wäre ein erster und richtiger Schritt, wenn sie gar nicht erst nach Berlin kommen würden.

    • @DiMa:

      Die Menschen sind immer in die Städte gezogen und sie waren dabei oft mehr oder weniger arm. Nehmen wir mal eine junge Abiturientin, die jetzt in Berlin studieren will, den Studienplatz hat sie, sie kommt auch arm nach Berlin, krieg sie eine Wohnung oder ein WG-Zimmer? Auch wenn ihre Eltern von Grundsicherung leben und es keine Oma oder Opa gibt?



      Oder nehmen wir jemanden aus Brandenburg, der eine bestimmte Ausbildung machen will und nach Berlin zieht, der/die wird auch arm sein. Kriegt er Azubi-Wohnen oder ein günstiges WG-Zimmer?



      Es sind nicht arme obdachlose Menschen, die nach Berlin ziehen, es sind viele unterschiedliche Menschen, die es dorthin, aber auch in andere deutsche Städte zieht. Im Übrigen kann man auch in Passau, Kehl, Itzehohe oder Pirna im freien schlafen und frieren. Dazu bedarf es nicht einer Großstadt.

  • Danke für diesen Artikel. Da auch in diesem Winter wieder Menschen, die auf der Straße leben, erfroren sind, finde ich es wichtig, immer und immer wieder darüber zu schreiben. Auch über die entsetzlichen, mörderischen Angriffe auf Obdachlose, die niemandem etwas tun und manchmal "einfach so" getötet werden.

    Mich stört auch bereits seit Jahren die Behauptung, was für ein reiches Land wir angeblich sind. Das sind wir schon sehr lange nicht mehr.

  • Man soll grundsätzlich nicht pauschalisieren. Das möchte ich nicht, das sollte die Autorin aber ebenfalls nicht.



    Durch Beobachtungen der Szene und durch Gespräche komme ich zu einem differenzierteren Bild. Viele Obdachlose können und wollen nicht in der "üblichen 2-Zimmer-Wohnung" leben. Die einen fühlen sich in Räumen gefangen, die anderen sind nicht fähig, eine Wohnung zu führen.



    Man kann lange das Lied der Sozialwohnungen singen, wenn man die Problematik dieser Personengruppe missachtet. Täglicher Drogenkonsum, mannigfaltige Phobien (auch und durch den Drogenkonsum), plus fehlende Sozialkompetenzen, plus Analphabetismus und Dyskalkulie, ...

    Die Lösung ist weitaus komplexer, personalintensiver und damit auch teurer als bisschen zusätzlicher Wohnraum.

    • @Mopsfidel:

      Zitate: "... können und wollen nicht ...", " ... sind nicht fähig ..."



      Finde den Widerspruch. *augenroll*

      Aber dadurch, die diejenigen *keine* Wohnungen haben oder bekommen, werden die anderen hier angesprochenen Probleme sicherlich auch nicht besser, geschweige denn gelöst.

      Daher fällt obiger Kommentar für mich in die Kategorie der ziemlich sinnlosen Kommentare (nicht, dass ich noch dem Irrtum erliegen würde, dass Kommentare an sich etwas zum Positiven wenden könnten).

      Man könnte fast meinen: "Hey, wir sind hier schließlich im Internet. Erwartet jemand noch etwas anderes?"

      JA! Bitte!

  • Der Artikel beschreibt die übliche Entwicklung von all den guten Errungenschaften, die in Amerika anfangen und dann zu uns überschwappen. Mit Kaugummi und CocaCola fings in etwa an, dann der mobile Größenwahn usw. usw.