Nationalstolz in Corona-Zeiten: Nicht nur das Virus ist tödlich

Deutschland feiert sich als Virenweltmeister. Doch nicht nur Corona gehört bekämpft, sondern auch Nationalismus. Denn auch er kostet Menschenleben.

Kinder mit Schutzmasken sitzen im Bus

Nur 50 unbegleitete Minderjährige hat Deutschland aus griechischen Lagern aufgenommen Foto: Rainer Droese/imago

Deutschland ist ein tolles Land. Richtig toll. Fußballweltmeister, Exportweltmeister – und jetzt auch noch Virenweltmeister. Denn unter den sich seit Wochen wiederholenden Schlagzeilen fällt besonders diese hier ins Auge: „Warum hat Deutschland so wenig Corona-Tote?“ Wahlweise mit dem Zusatz: „Ausland wundert sich“.

Da ist es doch auch nicht mehr so tragisch, dass die Fußball-EM dieses Jahr wegen Covid-19 ausfallen muss. Gibt ja noch andere Disziplinen, in denen man sich mit diversen Länder messen kann. Pandemie-Tote zum Beispiel.

Jetzt mal im Ernst: Diese ganzen Länder-Tabellen mit Zahlen von Infizierten und Genesenen und Toten – haben sie irgendwie was Kompetitives oder kommt es bloß mir so vor?

Dass Nationalismus im Umgang mit der Pandemie eine Rolle spielt, macht sich ja nicht nur hier, sondern auch etwa in der Türkei bemerkbar. Als bereits in allen angrenzenden Staaten die Ausbreitung des Virus publik wurde und meine halbe Verwandtschaft an plötzlichem Fieber litt, behauptete Ankara noch, die Türkei wäre verschont geblieben. Ende März dann war das Offensichtliche nicht mehr zu leugnen und Staatsoberhaupt Erdoğan stimmte die Bürger_innen gewohnt patriotisch auf die Lage ein: „Kein Virus ist stärker als die Türkei.“ Und kein Virus ist tödlicher als Nationalismus.

Sagrotan drauf und Schwamm drüber

Aber zurück zu Deutschland. Hier funktioniert ja alles so toll: 1. Das Gesundheitssystem!! – außer natürlich für jene, die keinen gültigen Aufenthaltstitel und somit keine Krankenversicherung haben und in Krankenhäusern abgelehnt werden. 2. Das Homeschooling!! – okay, außer für die Schüler_innen, die keinen Computer und keine Eltern zu Hause haben, die ihnen beim Lernen helfen können. 3. Das Vertrauen der Bürger_innen in die Politik – obwohl es ja der Gesundheitsminister persönlich war, der Ende Januar das Gerücht in die Welt setzte, das Virus sei nicht gefährlicher als eine gewöhnliche Grippe, während in China schon reihenweise Menschen daran starben.

Aber gut, jetzt haben wir ja dazugelernt, einfach bisschen Sagrotan draufsprühen und Schwamm drüber. Schlaaaand, ein Frühsommermärchen!

Natürlich ist es erfreulich, wenn wenig Menschen sterben und wir aufeinander Acht geben. Aber diese „Solidarität“, von der neuerdings überall die Rede ist, reicht bei Deutschen gerade mal von Heinsberg bis nach Passau. Sonst würden sich die Schlagzeilen nämlich nicht nur um die Corona-Toten drehen, sondern noch um eine andere Zahl, die sehr niedrig ist, nämlich die 50: „Warum nimmt Deutschland so wenig unbegleitete minderjährige Geflüchtete auf? Ausland wundert sich“ wäre auch mal ein schöner Titel.

Ja, Covid-19 gehört bekämpft und mit ihm der Nationalismus, denn auch er isoliert uns voneinander, auch er kostet Menschenleben, nur wegimpfen lässt er sich leider nie. Deshalb, ein Rat, frei nach Max Czolleks Buchtitel: Desinfiziert euch! Und euren toxischen Nationalstolz.

Einmal zahlen
.

Redakteurin im Ressort taz2/Medien. Autorin des Romans "Ellbogen" (Hanser, 2017) und Mitherausgeberin des Essaybands "Eure Heimat ist unser Albtraum" (Ullstein, 2019)

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben