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Nach Massenansturm auf CeutaSpanien beschuldigt „rechtsextreme Internationale“

Spaniens Regierungschef Sánchez wirft Israel und Russland vor, den Ansturm auf Ceuta befeuert zu haben. Was steckt dahinter?

Reiner Wandler

Aus Madrid

Reiner Wandler

Die Grenze zu Spanien sei offen, verbreiteten zahlreiche User in den Tagen vor dem Massenansturm auf die spanische Exklave in Netzwerken und Messenger- und Facebookgruppen in Marokko. Die Folge: Am 30. und 31. Juli umschwammen rund 72.000 Migranten aus Marokko den Grenzzaun zur spanischen Exklave. Die meisten gingen anschließend wieder zurück. 5.000 Immigranten – darunter 1.200 Minderjährige – sind noch immer in Ceuta, was dort für Spannung sorgt.

Spaniens Regierungspräsident Pedro Sánchez ist sich sicher, dass hinter der Falschmeldung, die alles auslöste, „Netze mit Verbindungen zu Russland und Israel“ und „eine rechtsextreme Internationale“ steckten. Das erklärte der Chef der Linkskoalition Montagfrüh in einem Interview in Spaniens meistgehörtem Radio, der Cadena Ser.

„Sie griffen Spaniens Regierung und die Regierungen Europas mit einem zersetzenden Thema wie der illegalen Immigration an, das viele europäische Gesellschaften spaltet und polarisiert“, fügte er hinzu. Weitere Einzelheiten gab er nicht preis. Alle warten jetzt auf seinen Auftritt vor dem spanischen Parlament am kommenden Mittwoch.

Israel, Russland, Marokko, rechtsextreme Internationale – was wie eine Verschwörungstheorie klingt, ist nicht so weit hergeholt. Denn gleich nachdem die ersten Bilder vom Massenansturm die Runde machten, griffen neben russischen und israelischen Politikern auch US-Präsident Donald Trump und Elon Musk in den sozialen Netzwerken Sánchez ganz offen an. Seine liberale Ausländerpolitik würde Europa zerstören.

Auf Sánchez nicht gut zu sprechen

Sowohl die israelische Regierung unter Benjamin Netanjahu als auch US-Präsident Donald Trump sind auf Sánchez nicht gut zu sprechen. Der Spanier verurteilte den Gaza-Feldzug offen als Völkermord und weigerte sich immer wieder, die von Trump geforderten Erhöhungen des Rüstungshaushaltes im Rahmen der Nato zu akzeptieren. Außerdem untersagte er der US-Armee, die Basen in Spanien im Irankrieg zu nutzen.

Bereits in den Monaten vor dem Massenansturm waren Ceuta und die zweite Exklave, Melilla, in den Kreisen um Netanjahu und Trump ein Thema. Tatsächlich forderte Netanjahus Sohn Yair schon im Jahr 2019 in einem Post auf X (damals noch Twitter) die arabischen Nationen dazu auf, Ceuta und Melilla „zu befreien“, damit meinte er wohl: an Marokko zu geben. Das Trump-nahe American Enterprise Institute (AEI) Marokko empfahl ganz offen, einen „Grünen Marsch“ auf die beiden Exklaven Ceuta und Melilla zu organisieren.

Beim „Grünen Marsch“ zogen 1975 über 350.000 Marokkaner vom Königshaus und den US-amerikanischen Geheimdiensten organisiert in die damalige spanische Kolonie Westsahara südlich Marokkos. Die Armee folgte. Seither ist die Westsahara von Marokko besetzt.

Genau das ist ein weiteres Element im internationalen Puzzle um den Massenansturm auf Ceuta. Bereits in der ersten Amtszeit erreichte Trump, dass sich Marokko Israel annäherte und den sogenannten Abraham-Abkommen beitrat. Im Gegenzug erklärte Trump, dass für die USA Marokko die Souveränität über die Westsahara habe. Eine Position, die der der Vereinten Nationen widerspricht, für die der Landstrich völkerrechtswidrig besetzt ist. Der Kreis schließt sich.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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19 Kommentare

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  • Deep South

    Kann ich mir zwar gut vorstellen und klar ist das im Bereich des Möglichen. Aber als Staat muss man natürlich Beweise vorlegen, wenn man andere Staaten explizit beim Namen nennt und von einer internationalen Kampagne spricht. Und wenn man das nicht kann, isses eben nur eine Verschwörungstheorie. Und da isses auch egal, wie weit die "hergegeholt" ist.

  • *Sabine*

    "Spaniens Regierungschef Sánchez wirft Israel und Russland vor, den Ansturm auf Ceuta befeuert zu haben."

    Ich möchte nochmals versuchen, mit dem Hinweis durchzukommen, bitte auch einen Artikel in CORRECTIV (Max Bernhard, Kimberley Nicolaus, 21.08.26) zu lesen, um eine andere Sichtweise bzw. Einschätzung der Situation in Betracht zu ziehen. CORRECTIV gilt als seriös und wird sogar meist eher als links wahrgenommen.

    Ich verstehe Herrn Sánchez, halte es aber für möglich, dass er nicht alle Informationen vorliegen hat.

  • Astrid Sehnefeld

    "Der Kreis schließt sich."



    Ja bezüglich Ceuta schließen sich gleich mehrere Kreise.



    Der 1. Kreis: Das der Ansturm von außen gesteuert wurde ist hochwahrscheinlich. Russlands Interesse an einem Flächenbrand auf europäischen Boden ist deutlich höher, die USA mögen unter Trump fremdeln, aber ohne die US Basen in Europa und der Türkei wäre der Zugriff auf die Ölrouten und die Mobilität der Luftwaffe arg eingeschränkt, also spricht sehr vieles für Russland als Aggressor.



    Der 2. Kreis: Sánchez erklärte im Interview, dass "Spaniens Regierung und die Regierungen Europas mit einem zersetzenden Thema wie der illegalen Immigration" angegriffen wurden. Sánchez legt hier klipp und klar fest, dass es eine illegale Migration gibt - und das diese zersetzend ist. Hört hört, so spricht also der linke Leuchtturm Europas...



    Der 3. Kreis: eigentlich müssten Linke europaweit die Rückgabeforderung von Melilla und Ceuta gutheißen. Stattdessen wird hier der Aufruf zum Grünen Marsch, um "Ceuta und Melilla „zu befreien“", kritisiert. Da sieht man mal, dass die politische Linke selbst koloniale Eroberungen gutheißt, wenns grad ins Thema passt...🤭

    • Schleicher

      @Astrid Sehnefeld:

      Reichlich kindisch Ihre Häme.

      Da müssten Sie sich ja jetzt im Wahlkampf auch wundern: Warum fordert die Linkspartei nicht Die Öffnung aller Gefängnisse und Abschaffung der Nationalstaaten?



      Wo sie doch angeblich "links" sind?

      Bisschen billig..

  • Nina Janovich

    Man wünscht sich diese Klarheit im Geist und Wort auch von anderen EU-Regierungen, unabhängig davon ob konservativ, liberal oder eher links. Sogar die postfaschistische Meloni Italiens sollte ein Interesse daran haben, die EU gegen die fortgesetzten Angriffe u.a. von Putin und Trump, Netanjahu und ihren Fanclubs zu verteidigen. Letzendlich eint die genannten Agressoren das Interesse die EU mehrfach zu schwächen: wirtschaftlich und politisch würden die drei genannten Staaten sehr profitieren wenn die EU weiter an Gewicht verliert sowohl in UN-Gremien (Menschenrechtsstandards, humanitäres Völkerrecht) als auch wirtschaftlich. Die Schwächung der EU-Wirtschaftsmacht steht schon lange im internen Programm der US-Regierungen zur Stabilisierung von Dollar und eigener Vorherrschaft. Dabei ist den genannten letzendlich egal wer in der EU regiert, hauptsache Polarisierung und innere Konflikte schüren. Dass die AfD da besonders Putin UND Trump hörig ist (von wegen da nationale deutsche Interessen haha) sollte bei der Aufklärung noch eine viel größere Rolle spielen.

    • Nina Janovich

      @Nina Janovich:

      Klar ist aber auch, dass von außen nur vorhandene Konflikte geschürt werden können. Dass in EU-Staaten Migration vor tatsächlich lebensbedrohlichen Konflikten wie der Klimawandel als Hassthema Gesellschaften spaltet ist ja leider hausgemacht und wird teils von alten Rassismen getragen teils von neuen Sündenbockerzählungen der erodierenden "Mitte" der Gesellschaften gepusht. Gäbe es eine realistischere Einschätzung zu Migration weder dämonisierend noch Probleme leugnend könnte niemand Geflüchtete als "hybride Waffe" einsetzen. (Neusprech konservativer EU-Regierungen als echte Geflüchtete vor Krieg und Gewalt durch Russland und Belarus gezielt an und über die polnische Grenze gebracht wurden. Hätte die EU damals gelassener reagiert, wäre dieser Angriff wirkungslos verpufft und nicht weiter kopiert worden.

  • Thomas Müller

    Spanien gibt mir Hoffnung in die Menschheit - progressiv, standhaft, universell human. Niemand ist perfekt, aber in Zeiten wo der rücksichtslose Egoismus hohe Wellen schlägt, sind derartige Impulse der ethnischen Menschlichkeit ein wahrer Leuchtturm.

    • rero

      @Thomas Müller:

      Standhaft?

      Wo Spanien die Westsahara verkauft hat?

      Sollte das Ironie sein?

      • Schleicher

        @rero:

        Das war nach dem Tod Francos im Jahre 1975, wenn ich mich richtig erinnere.



        Damals war Sanchez drei Jahre alt. Der Gauner hat damals wirklich keine Standhaftigkeit bewiesen.

  • Gothograecus

    Dasselbe Spielchen hat Erdogan schon Anfang 2020 an der türkisch-griechischen Landgrenze gespielt, allerdings ohne Erfolg, und dann kam eh Corona. Unplausibel sind die Vorwürfe also nicht.

    • *Sabine*

      @Gothograecus:

      "Unplausibel sind die Vorwürfe also nicht."

      Ich nehme an, Herr Sánchez wird die Belege noch offenlegen. Ich bin sehr daran interessiert, da ich in einem Artikel von CORRECTIV andere, aus meiner Sicht nachvollziehbare Gründe, gelesen habe.

      Vielleicht ist es einfach "nur" Mathematik und Schneeballeffekt. Wenn es stimmt, dass bereits in der Woche vor dem 30.07. ca. 1.000 bis 2.000 Geflüchtete tröpfchenweise nach Ceuta reisen konnten und diese das ihren Freunden, Kumpels und Bekannten via Social Media mitgeteilt bzw. Fotos gepostet haben, kann auch das, in Verbindung mit u.a. der bekannten Gerichtsentscheidung, der maßgebliche Auslöser gewesen sein.

      Ich hoffe, dass wir bald Belege für die eine oder andere Theorie erhalten werden. Das müsste meiner Einschätzung nach bei dieser Sachlage doch relativ einfach möglich sein. Wer hat was wann gepostet, wer bekam von wem Geld für Falschbehauptungen (?), beginnend ca. zwei Wochen vor dem Grenzsturm. Sind die Postings von "echten Menschen mit einer Geschichte" oder verliert sich die Spur irgendwo.

      Zumindest meine bzw. die CORRECTIV-Sichtweise dürfte leicht zu widerlegen sein, sollte sie nicht zutreffen.

    • rero

      @Gothograecus:

      Wer hatte denn damals bei Erdogan behauptet, hinter der Aktion stecke Russland, Israel und die USA?

      Gerade Erdogan macht die Vorwürfe einer Verschwörung unwahrscheinlich.

  • vieldenker

    Es gibt also nicht nur rechte, sondern auch linke Verschwörungserzählungen. Na dann warten wir mal auf die „echten Beweise“.

    • Schleicher

      @vieldenker:

      Willkommen auf Planet Erde.



      Es gibt über diese Erzählungen hinaus übrigens auch echte Verschwörungen. Es gibt sogar Geheimdienste, die Ihre vergangenen Aktivitäten offenlegen müssen.



      Bis 2013 war Operation Ajax noch eine Verschwörungstheorie.



      Man soll nicht alles für bare Münze nehmen. Aber man kann auch allzu naiv sein.

  • gyakusou

    "Der Kreis schließt sich."

    Der Artikel liefert keinen einzigen Beweis dafür, dass die Anschuldigungen von Pedro Sánchez stimmen: Dass irgendein koordiniertes Netzwerk den Ansturm durch Falschmeldungen provoziert hat.

    Viel wahrscheinlicher ist es, dass sich Meldungen über politische Entscheidungen wie die Legalisierungsaktion von Migranten oder das Urteil des Spanischen Obersten Gerichtshofs über Rückführungen auf Online-Platformen in in Nordafrika verbreitet haben und den Massenansturm begünstigt haben.

    Ganz ohne böse Mächte, die das gezielt koordiniert haben.

    • MeinerHeiner

      @gyakusou:

      Ich hatte gestern die aktuelle spanische Quelle gesucht und gefunden, auf die sich diese und ähnliche Berichterstattung z. B. in der ZEIT wohl bezieht: cadenaser.com/naci...or-hoy-cadena-ser/



      Dann habe ich mir diesen Nachbericht zum Interview übersetzen und von der KI zusammenfassen lassen:

      "In seinem Interview mit dem Radiosender Cadena SER erklärte Ministerpräsident Pedro Sánchez, dass der Massenandrang in Ceuta durch die Verzerrung eines Gerichtsbeschlusses vom 8. Juli ausgelöst und von kriminellen Schlepperorganisationen ausgenutzt wurde. Zudem warf er Netzwerken in Verbindung mit Russland und Israel vor, die Krise nachträglich durch Desinformation online verstärkt zu haben, um Spanien und Europa anzugreifen, während er jegliche Verwicklung marokkanischer Behörden entschieden bestritt."

      Das heißt: Sanchez beschuldigt gar nicht Israel und Russland, die Krise ausgelöst, sondern nur, sie nachträglich ausgenutzt zu haben. Insofern leider auch in diesem Beitrag in der taz viel Raunen und wenig Tatsachen.

      • rero

        @MeinerHeiner:

        Danke für die nicht ganz unwichtige Klarstellung.

        • MeinerHeiner

          @rero:

          Ich will nicht behaupten, dass die Schlussfolgerung von Rainer Wandler, Pedro Sánchez sei sich sicher, dass hinter der alles auslösenden Falschmeldung „Netze mit Verbindungen zu Russland und Israel“ unzutreffend sei. Ich kann nämlich kein Spanisch und mir daher kein eigenes Bild auf Basis des O-Tons im Interview machen. Aber wenn man das behauptet und dann nachschiebt, "Israel, Russland, Marokko, rechtsextreme Internationale – was wie eine Verschwörungstheorie klingt, ist nicht so weit hergeholt", sollte man das m. E. schon konkret an Interview-Passagen etc. belegen.

    • Hanno Homie

      @gyakusou:

      Naja ... also:

      1. Ich würde jetzt mal Mittwoch abwarten.



      2. Wenn man den Blick größer nimmt: Russlands Engagement via Söldnertruppe in West- und Zentralafrika führt wahrscheinlich schon auch zu mehr Migration nach Spanien. So wie damals 2015 die Bombardierung von Wohngebieten und Ersthelfern durch die russische Luftwaffe im Bürgerkrieg in Syrien zu Migration nach Europa geführt hat.

      Also ich würde jetzt mal abwarten, was Sanchez vorlegt.