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Lob nach WM-AusMerz mal milde

Bundeskanzler Merz lobt auf X die Kicker der deutschen Nationalmannschaft. So viel Empathie kennt man von ihm gar nicht. Oder doch?

Klar, etwas dick aufgetragen war es schon, was Friedrich Merz da um 1.53 Uhr auf der Plattform von Elon Musk postete. Nur wenige Minuten also, nachdem die deutsche Mannschaft krachend und chaotisch im Elfmeterschießen an Paraguay und sich selbst gescheitert war. „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel, @DFB_Team!“, schrieb Merz da. Und setzte noch einen drauf: „Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“

Schon eine schöne Geschichte: Nach einem strunzlangweiligen Spiel, das für alle anderen Zu­schaue­r:in­nen eher nach Leistungsverweigerung oder zumindest einem Tag zum Vergessen ausgesehen hatte, stellte sich der Bundeskanzler schützend vor das Team. Wohl wissend, dass ab sofort kübelweise Häme und Kritik über Spieler und Trainer ausgeschüttet werden würden, die Öffentlichkeit harte Urteile fällen, Rücktritte und Schlimmeres fordern würden.

Ist so ein Regierungschef nicht tausendmal besser als der Merz, den sonst alle kennen? Der Mann, der bisher rhetorisch mehr mit einem konfrontativen Ton aufgefallen ist als mit irgendeiner Form von Empathie oder Verstehen? Der im vergangenen Oktober ohne Not eine üble Debatte losgetreten hat, als er die Präsenz von Mi­gran­t:in­nen als „Problem für das Stadtbild“ bezeichnete? Für den Pridefeiern „Zirkuszelte“ sind? Dessen Regierung das Konzept Bürgergeld in eine „Grundsicherung für Arbeitssuchende“ verwandelt hat, die explizit schärfere Mitwirkungspflichten vorsieht – Subtext: Wer keine Arbeit hat, will auch gar nicht arbeiten, sondern auf Staatskosten leben? Der immer wieder betont, Leistung müsse „sich wieder lohnen“, der am Achtstundentag und Überstundenregelungen rüttelt?

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Die taz bei der Fußball-WM

Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.

Dieser Merz spielt Leistungsbereitschaft gegen vermeintliche soziale Bequemlichkeit aus, ist ein Politiker, der den Kontakt zur Lebensrealität vieler Menschen in diesem Land verloren hat. Der Merz von der Nacht auf Dienstag klingt anders, hat – wenn seine Mitarbeiter ihm nicht aus Versehen den vorgefertigten Post für den anderen Spielausgang untergejubelt haben – Verständnis dafür, dass das Schicksal einem auch mal nicht so gut gesonnen sein kann. Fast landesväterlich.

Beinahe hätte man darauf reinfallen können. Beinahe. Denn halt, beim WM-Ausscheiden ging es ja gar nicht um prekäre Minderheiten oder um die Mehrheit der Menschen in diesem Land. Es ging um Top-Fußballspieler, um Multimillionäre – zwar aus einer anderen Sparte, aber quasi seinesgleichen. Also nichts mit Wandlung vom Saulus zum Paulus. Einfach immer noch Friedrich Merz.

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7 Kommentare

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  • Ach was, "mild", "Empathie" gar - der Mann versteht einfach auch vom Fußball nichts ...

  • Ihr meint nicht im Ernst, dass Merz diese "Milde" walten liesse, weil die Nationalspieler alle Geld haben, oder? Die Unterstellung wäre echt zu platt.



    Wohl baut er wahrscheinlich gern Leute auf, die Topleistungen erbringen (bzw. bei denen das Niveau so hoch ist, dass sie selbst bei einem verhauenen "Grottenkick" noch mehr leisten, als die allermeisten Menschen von Talenmt und Motivation her könnten). Das ist nicht sehr links, aber es auch nicht gleich herzlos.

  • "Der Merz von der Nacht auf Dienstag klingt anders, hat – wenn seine Mitarbeiter ihm nicht aus Versehen den vorgefertigten Post für den anderen Spielausgang untergejubelt haben..."



    Doch, genauso ist es gewesen. Ich hätte allerdings auch nie erwartet, dass der Bundeskanzler seinen Twitter-Kanal persönlich bedient. Es wundert mich ein bisschen, dass manche dachten, der Kanzler würde da persönlich tippen. Ich bin immer davon ausgegangen, dass ein Team damit befasst ist.

  • Dieser „Einwurf" bei „X" war vermutlich eine KI-generierte Modifikation des täglichen Morgenappells an Kabinett und Unions-Fraktion. Oder an den VW-Aufsichtsrat: taz.de/static/images/kari.jpg

  • Gerade unter der sogenannten Elite gilt: Verlierer loben Verlierer. Es wäre ja schlimm, wenn die Bevölkerung wirklich mitkriegen würde welche Ansprüche Politiker, Bundestrainer, Wirtschaftskapitäne auch dann noch stellen, wenn sie nicht viel gekonnt oder geleistet haben. Leute wie Merz, Spahn, Winterkorn, Nagelsmann etc. denken doch gar nicht daran Selbstkritik oder Demut zu zeigen. Dann würden doch die schönen Millionen an Zuwendungen in einem ganz anderen Licht erscheinen.

  • Wenn man vom Kanzler Mitgefühl für Low Performance haben will, muss man sie halt auf seiner Augenhöhe praktizieren...



    In der Tat der echte, reine Merz.

  • Nagelsmann - der Maßstab für Merz.