Klimaforscher über Doomism: „Kein Ende der Welt in Sicht“

Bedeutet die Klimakrise den Weltuntergang? Nein, sagt der Wissenschaftler Zeke Hausfather. Über den Spagat zwischen Fatalismus und Verharmlosung.

Ein brennender Baum bei Nacht, der Himmel ist von den vielen Waldbränden erleuchtet

Weltuntergang? Großbrand bei Hemet in Kalifornien im September 2022 Foto: Ringo H.W. Chiu/ap

wochentaz: Herr Hausfather, angesichts der Klimakrise befürchten heute viele das Ende der Menschheit. Sie hingegen sagen, Doomismus – also Weltuntergangsglaube – sei eine Krankheit.

Zeke Hausfather: Ich bin in den Klimawissenschaften der 2000er Jahre groß geworden. Damals verbrachten wir einen Großteil unserer Zeit damit, mit Leuten zu streiten, die etwa behaupteten, die Sonne sei für die globale Erwärmung verantwortlich. Diese Skeptiker und Leugner sind ein Jahrzehnt später größtenteils verschwunden. Es gibt die etwas makabere Redewendung, dass die Klimawissenschaft „Tod für Tod“ vorankomme. Da ist etwas Wahres dran. Heute sagt kaum noch jemand, dass der Klimawandel nicht real sei. Stattdessen sagen dauernd Leute: Ihr Klimaforscher untertreibt, wie schlimm es ist. Ihr wisst, dass die Welt bis 2070 unbewohnbar sein wird und Milliarden von Menschen sterben werden.

Er forscht zu Klimamodellen, gehört zu den Autor:innen des UN-Weltklimaberichts und hat an Greta Thunbergs "Klima-Buch" mitgeschrieben, das dieses Jahr erschienen ist. Im Sommer stellte er sich an die Seite der bekannten US-Klimaforscherin Kate Marvel, die gesagt hatte, sie lehne „die Vorstellung, dass die Kinder von heute in der Zukunft zu einem unglücklichen Leben verdammt sind" ab. Daraufhin wurde Hausfather als Klimawandelleugner attackiert.

Diese Befürchtungen sind unberechtigt?

Der Klimawandel ist ein riesiges Problem. Er ist eine der wichtigsten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, und wir sind nicht auf dem richtigen Weg, ihn wirksam anzugehen. Doch er ist kein Problem, bei dem wir das baldige Ende der Welt erwarten. Mein Satz, dass Untergangserwartungen eine Krankheit sind, war vielleicht ein wenig übertrieben. Aber wir haben großen Einfluss darauf, wie schlimm es genau wird.

Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Inwiefern?

Es gibt viele positive Trends: sinkende Preise für saubere Energie, eine Abflachung der globalen Emissionen, verstärkte Zusagen der Länder, den Netto-Nullpunkt zu erreichen. Da zu sagen, wir müssen uns auf den Weltuntergang vorbereiten – das ist entmündigend und birgt die Gefahr, dass die Interessen der fossilen Energieträger gewinnen, weil Menschen sich nicht mehr engagieren. Und das zu einem Zeitpunkt, der vielleicht der entscheidendste dafür ist, die schlimmsten Auswirkungen zu verhindern.

Sie lehnen Doomismus also ab, weil Menschen dadurch gelähmt werden?

Nichts in den IPCC-Berichten oder anderem, das wir verfasst haben, stützt die Erwartung, dass die Menschheit aufgrund des Klimawandels in diesem Jahrhundert aussterben wird. Er kann sicherlich sehr schlimme Auswirkungen haben, insbesondere in den ärmeren Regionen der Welt, denen es an Anpassungsfähigkeit fehlt. Doch das hängt weitgehend von unserem Handeln ab. Die überwiegende Forschung der letzten Jahre deutet darauf hin, dass wir wahrscheinlich auf eine Erwärmung von etwa 3 Grad zusteuern.

Ist das nicht schlimm genug?

3 Grad Erwärmung sind eine Welt, die wirklich schlecht ist. Es ist beim besten Willen keine Welt, die wir künftigen Generationen hinterlassen wollen, und sie ist für Regionen wie Afrika südlich der Sahara, Pakistan oder Bangladesch, die heute eine geringe Anpassungsfähigkeit haben, katas­trophal – insbesondere wenn diese Regionen arm bleiben. Aber es ist eine Welt, in der die Menschheit überleben kann. Allerdings gibt es ja bereits Zusagen von Ländern und es wurden Maßnahmen ergriffen, die weit über das hinausgehen, was noch vor ein paar Jahren die Politik war. Wir beginnen, die Kurve nach unten zu biegen. Es könnte durchaus sein, dass wir das ehrgeizigste Klimaziel von 1,5 Grad nicht erreichen. Aber es gibt eine riesige Bandbreite an Verbesserungen zwischen dem, was wir heute ansteuern – 3 Grad –, und dem, was wir erreichen wollen, nämlich deutlich unter 2 Grad. Letztlich ist der Klimawandel eine Frage von Graden, und nicht von Schwellenwerten. Es gibt keine bestimmte Grenze im Klima, bei der 1,4 Grad okay sind und 1,5 Grad nicht. Oder 1,9 Grad bewohnbar, während bei 2 Grad Rückkopplungen einsetzen und die Welt 5 Grad wärmer wird. So funktioniert das Klima nicht, soweit wir das feststellen konnten.

Das heißt, Sie weisen die Vorstellung von Kipppunkten zurück?

Regionale Systeme wie Eisschilde, der Amazonas-Regenwald, boreale Ökosysteme auf der nördlichen Erdhalbkugel oder Korallenriffe können Kippelemente haben. Aber diese Elemente scheinen nicht die Fähigkeit zu haben, die globalen Temperaturen über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten dramatisch zu erhöhen. Unsere Modelle berücksichtigen heute so ziemlich alle wichtigen Rückkopplungen oder Kippelemente, von denen wir wissen. Und sie zeigen im Allgemeinen, dass die Reaktion des Klimas ziemlich linear ist. Für eine bestimmte Menge CO2, die emittiert wird, erhält man ein bestimmtes Maß an Erwärmung. Große Klimaüberraschungen sehen wir in einer Welt mit 2 Grad Erwärmung sicher nicht. Wir könnten das in einer Welt mit 3, 4 oder 5 Grad Erwärmung sehen, wo wir keine so guten historischen Analogien haben. Da würde ich mir mehr Sorgen über unbekannte Prozesse machen, die derzeit nicht in unseren Modellen enthalten sind. Es gibt also gute Gründe, diese Endrisiken im Klimasystem zu vermeiden.

Wenn die Modelle so gut sind – warum läuft Erwärmung dann heute schneller ab, als noch bis vor Kurzem erwartet?

Das stimmt so nicht. Ich kenne keine Veröffentlichungen, die eine klimatisch signifikante Beschleunigung der Erwärmung in den letzten Jahren nahelegen, die über den Bereich der Varia­bi­li­tät hinausgeht, etwa durch Phänomene wie El Niño, eine unregelmäßige Änderung der Meeresströmung. Was sich verändert hat, sind die Annahmen darüber, wie sich eine Erwärmung um 1,5 oder 2 Grad auswirkt. Die sind heute andere, weil wir besser verstehen, was bei diesen Erwärmungsgraden geschieht. Kurz gesagt: Es könnte schlimmer sein, als wir früher dachten, aber es ist nicht wahrscheinlich, dass wir schneller dahin kommen, als wir erwartet haben.

Sie und andere Forscher:innen, die sich gegen Doomism stellen, haben an Greta Thunbergs Klima-Buch mitgeschrieben, das diesen Herbst veröffentlicht wurde. Wie kam es dazu?

Der Verlag hat mich eingeladen, ein Kapitel über Methan und andere kurzlebige Klimaschadstoffe beizusteuern. Es sind an die 100 Wis­sen­schaft­le­r:in­nen an dem Buch beteiligt. Einige meiner Kollegen in Berkeley haben die Beiträge geprüft und die Qualität des Buches sehr gelobt. Bei 100 Au­to­r:in­nen gibt es eine große Bandbreite an Ansichten, auch, was Lösungen der Probleme betrifft.

Wie können Menschen einen Weg zwischen lähmendem Fatalismus und Verharmlosung finden?

Wir als Wis­sen­schaft­le­r:in­nen müssen zeigen, dass das Ausmaß, in dem der Klimawandel katastrophal ist, von uns abhängt. Wir müssen die Regierungen und Unternehmen dazu drängen, viel, viel schneller aktiv zu werden als bisher. Doch auch hier gilt: Es geht nicht um alles oder nichts. Es geht darum, wie weit wir die Auswirkungen abmildern können. Diese Art der Einordnung ist sinnvoller, weil eine Alles-oder-nichts-Einordnung die Vorstellung verstärkt, dass wir entweder gerettet oder dem Untergang geweiht sind. Wir alle werden in der Zukunft unter dem Klimawandel leiden. Wir werden die Emissionen morgen nicht stoppen können, egal was wir tun. Die Frage ist, wie viel Leid dabei entsteht und wie viel wir retten können.

Es heißt, die Fähigkeit der Menschheit zur Anpassung an den Klimawandel werde unterschätzt. Teilen Sie diese Beobachtung?

Anpassung ist kein Freifahrtschein, aber dies wird in den Debatten oft vernachlässigt. Menschen leben in den härtesten Umgebungen der Erde, vom Polarkreis bis zur Sahara. Der Klimawandel wird am Ende nicht zu härteren durchschnittlichen globalen Bedingungen führen als an einem dieser Orte. Allerdings ist Anpassung – Dämme um Städte, öffentliche Kühlzentren, Klimaanlagen, modifizierter Ackerbau – extrem teuer. Wir können uns nicht einfach an Veränderungen anpassen und alles ist in Ordnung. Wir können versuchen, einen Teil des menschlichen Leids zu mildern, aber meist ist es billiger, eine bestimmte Erwärmung von vornherein zu vermeiden. Hinzu kommt: In einer Welt voller regionaler Konflikte, Isolationismus, schwachen Institutionen und einem hohen Maß an Ungleichheit und Armut ist die Menschheit viel anfälliger für Klimaschäden und die politischen Auswirkungen des Klimawandels, die Länder an den Rand des Abgrunds treiben, Kriege auslösen und dergleichen mehr. In einer Welt, in der Menschen gleichberechtigter sind, die stärkere Institutionen und Sicherheitsvorkehrungen hat und im Großen und Ganzen wohlhabender ist, ist das anders. Wir können die Auswirkungen des Klimawandels also nicht von der allgemeinen menschlichen Entwicklung trennen. Unsere Anpassungsfähigkeit hängt davon ab, wie gut wir bei der Lösung der anderen großen Probleme der Menschheit vorankommen.

Sehen Sie momentan Parallelen zu den 1980er Jahren, als es eine ähnliche Angst vor dem Ende der Zivilisation aufgrund eines Atomkriegs und ökologischer Krisen gab?

Es ist wichtig zu betonen, dass nach den 1980ern Dinge in Ordnung kamen, weil wir Probleme gelöst haben. Die Grüne Revolution ermöglichte, massive Hungersnöte zu vermeiden, das Montrealer Protokoll verkleinerte das Ozonloch, indem es Fluorchlorkohlenwasserstoffe verbannte, andere Vorschriften für saubere Luft lösten das Problem des sauren Regens, der die Wälder vernichtete. Es ist nicht so, dass diese Probleme nicht potenziell katastrophal waren. Aber die Menschheit hat sich zusammengetan, Politiker haben sie ernst genommen, wir haben Lösungen für sie gefunden. Das Problem heute ist, dass wir nicht aus unserer Vergangenheit lernen, dass große Probleme lösbar sind.

Damals gab es Menschen, die wegen ihrer Zukunftserwartung keine Kinder wollen, heute gibt es das wieder. Können Sie das nachvollziehen?

Die Dinge sind im Moment nicht einzigartig schrecklich. Jemand, der 1900 geboren wurde, hatte den Ersten Weltkrieg, die Große Depression, die Spanische Grippe und den Zweiten Weltkrieg vor sich, in wenigen Jahrzehnten. In den letzten 30 Jahren hat sich die Menschheit nicht annähernd so katastrophal entwickelt. Wenn man darüber streitet, ob es ethisch vertretbar ist, ein Kind auf die Welt zu bringen, sollte man bedenken, dass nach Maßstäben wie Lebenserwartung, dem Ausmaß absoluter Armut, der Kindersterblichkeit, dem Zugang zu Bildung jetzt so etwas wie die beste Zeit ist, um als Mensch auf diesem Planeten geboren zu werden. Das soll nicht heißen, dass in Zukunft alles gut wird. Aber man sollte im Blick behalten, mit welchen Problemen die Menschheit in der Vergangenheit konfrontiert war.

Haben Untergangserwartungen auch etwas mit der Art zu tun, wie soziale Medien funktionieren?

Soziale Medien neigen dazu, extreme Ansichten zu verstärken, unter anderem, weil Algorithmen Nachrichten, die mehr Interesse wecken, mehr Menschen zeigen, was wiederum den Medienunternehmen mehr Geld einbringt. Hinzu kommt: Vor ein paar Jahrzehnten informierten Menschen sich aus ihrer Lokalzeitung und ein paar großen TV-Sendern. Heute kann man sich Quellen aussuchen, die mit den eigenen ideologischen Vorstellungen übereinstimmen. Wenn Sie der Meinung sind, dass der Klimawandel ein linker Schwindel ist, finden Sie leicht im Internet Bestätigung dafür. Und wenn Sie glauben, dass Klimawandel das baldige Ende der Menschheit bedeutet, können Sie auch dazu viel finden – was Sie als Nichtexperte aber nur schwer beurteilen können.

Welche Folgen hat das für die Klimawissenschaft?

Die sind eher begrenzt. Es gibt auch Klimawissenschaftler:innen, die sagen, dass der Klimawandel keine große Sache ist oder dass die Menschheit in 20 Jahren dem Untergang geweiht ist. Aber sie sind nicht repräsentativ. Die Wissenschaft hat immer noch eine Menge guter Möglichkeiten, um sicherzustellen, dass eher der breite Konsens wahrgenommen wird als die Ränder. Wir verlassen uns auch auf die vielen guten Wissenschaftsjournalist:innen. Zuverlässige Quellen, die man in sozialen Medien verlinken kann, können Irreführungen eindämmen. Zudem können wir auf den breiten Konsens des IPCC verweisen. Das gibt uns eine gewisse Autorität, Fehlinformationen zu widerlegen.

Haben Sie Angst vor der Zukunft?

Ich habe Angst, dass es sehr schlimm enden könnte, wenn wir keine stärkeren Maßnahmen als heute ergreifen. Aber ich bin vorsichtig hoffnungsvoll. Wir werden wahrscheinlich nicht in der Welt leben, die ich mir wünsche. Aber es kann eine Welt sein, in der meine Tochter ein glückliches Leben führen kann. Meine Aufgabe ist es, diese Welt zu erreichen. Dass ich das für möglich halte, ist der Grund, warum ich jeden Tag zur Arbeit gehe.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de