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KI startet Cyberangriff Noch kein Skynet, aber trotzdem gruselig

Kommentar von

Svenja Bergt

Die Aufregung wegen der Cyberattacke durch eine KI kommt Big Tech gelegen. Die willkommene Botschaft ist: Wir sind mächtig.

E s ist ein Stoff, aus dem sich ein apokalyptischer Near-Future-Science-Fiction-Thriller stricken ließe: Eine künstliche Intelligenz (KI), die eigentlich einen Testlauf absolvieren soll, findet eine unbekannte Sicherheitslücke. Sie gelangt so ungeplant ins Internet und startet dort einen Cyberangriff. Was dann kommt – lahmgelegte Stromversorgung, zusammenbrechende Zivilisationen –, ist Fantasie. Doch bis zum Angriff, der im aktuellen Fall nur eine Softwareplattform traf, ist es Realität.

Bei allem Gruselpotenzial, das der Fall bereithält und das auch durch den Fakt, dass es nicht der erste Vorfall dieser Art war, noch verstärkt werden könnte: Ja, KI kann Gefahren bedeuten, aktuelle und absehbare, über die wir als Gesellschaft diskutieren und Lösungen finden müssen, und zwar dringend. Aber nein, deshalb Weltuntergangserzählungen zu spinnen, wäre die falsche Strategie, selbst wenn ein tragfähiges Geschäftsmodell noch fehlt.

Solche Erzählungen kommen vor allem den großen Playern der KI-Branche gelegen. Denn sie signalisieren zweierlei: Erstens ist die Technologie mächtig. Damit beeindruckt man In­ves­to­r:in­nen und sammelt Milliarden ein. Zweitens lenkt Fatalismus ab. Weil er den Blick verstellt für die tatsächlichen aktuellen Probleme, die KI mit sich bringt, und damit ihre Regulierung behindert.

Und die vorhandenen Probleme sind zahlreich: das massenhafte Datensammeln der Big-Tech-Konzerne, das die Basis ist für das Training der KI-Modelle; das Problem der sogenannten Blackbox, dass also bei den meisten Modellen nicht mal die Ent­wick­le­r:in­nen durchschauen, wie ihre KI zu einem Ergebnis kommt; massenhaft mittels KI generierte Fake News; Propaganda; gefällige, aber sinnlose Müllinhalte; Urheberrechtsverletzungen; Verzerrungen durch unausgewogenes Datenmaterial, was einzelne Bevölkerungsgruppen benachteiligt.

Dazu kommt: Hätte OpenAI im aktuellen Fall ein Freidrehen seines KI-Modells verhindern wollen – es wäre ein Leichtes gewesen. Schon einfache Sicherheitsmaßnahmen hätten geholfen, etwa eine physische Trennung der Testumgebung vom Internet.

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Demonstration der Möglichkeiten?

Dass es trotzdem schiefging, lässt zwei Schlussfolgerungen zu: Entweder hat OpenAI den Angriff billigend in Kauf genommen. Das wäre nicht überraschend, schließlich macht Konkurrent Anthropic seit Monaten Schlagzeilen mit angeblich überragenden Fähigkeiten seiner neuen KI-Modelle. Wenn nun OpenAIs Modell eine unbekannte Sicherheitslücke findet und ausgehend davon einen Cyberangriff startet, ist das in dieser Lesart eine Demonstration der Möglichkeiten der Firma.

Oder: Die zuständigen Ent­wick­le­r:in­nen haben eine unterirdische Kompetenz in Sachen IT-Sicherheit und mit einem leichtsinnigen und vermeidbaren Fehler ein Sicherheitsrisiko geschaffen. Das wäre ein Szenario, das zwar unspektakulärer ist als ein extrem leistungsfähiges KI-Modell, das seine menschlich gesetzten Grenzen sprengt. Aber nicht weniger gruselig.

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Svenja Bergt Redakteurin für Wirtschaft und Umwelt

schreibt über vernetzte Welten, digitale Wirtschaft und lange Wörter (Datenschutz-Grundverordnung, Plattformökonomie, Nutzungsbedingungen). Manchmal und wenn es die Saison zulässt, auch über alte Apfelsorten. Bevor sie zur taz kam, hat sie unter anderem für den MDR als Multimedia-Redakteurin gearbeitet. Autorin der Kolumne Digitalozän.
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10 Kommentare

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  • Eine Frage bleibt unbeantwortet: Brauchen wir in dem Maße KI, in dem es menschliche Arbeit ersetzt, wo wir doch ohnehin schon einen Produktivitätsüberhang (Massenarbeitslosigkeit, vielleicht nicht in Deutschland, wohl aber Europa- und Weltweit) haben?

    Für wen eigentlich?! Für kleine, von posthumanistischen Werten träumende Techelite?

    Sicher, wenn die einen Menschen samt seiner Familie durch ein paar Graphikkarten ersetzen können (und der Mensch und seine Familie auch nichts mehr zu essen bekommt), ist die Ökobilanz am Ende vielleicht sogar positiv. Aber wer möchte diesen Massenmord verantworten?

    Und am Ende, wenn nur noch die kleine Techelite von Robotern bedient wird, während der Rest der Menschheit verhungert, werden sich diese KI's vielleicht doch die Frage stellen, warum sie eigentlich die inzwischen verblödeten Kinder von Musk usw durchfüttern.

    • @Deutschfranzose:

      Sie stellen die richtigen Fragen? Wozu brauchen wir KI?



      Und wozu wird KI gebraucht?

      KI könnte für die Menschheit gute Dinge leisten. Ich selbst benutze KI und kann damit Dinge machen, die ohne KI nicht möglich wären.

      Aber ich fürchte, dass im Endeffekt KI dazu benutzt wird, die Konzentration von Reichtum und Macht auf immer weniger Menschen zu erreichen. Und die meisten anderen Menschen werden immer ärmer werden und im Endeffekt werden sogar viele verhungern oder sonst wie sterben. Vielleicht nicht so viele in Deutschland. Aber weltweit werden die Bevölkerungszahlen rapide abnehmen. Und nur wenn man Glück hat, liegt das nicht daran, dass KI-Roboter und KI-gesteuerte Drohnen Menschen direkt umbringen.

  • Haben wir aus einem anderen Artikel hier bei der taz nicht gelernt, dass Sicherheitslücken bewusst eingebaut werden, damit staatliche Stellen wie z.B. der Verfassungsschutz Zugang zu den Programmen und deren Usern erhalten?



    Ich fühle mich schon seit geraumer Zeit nicht mehr wohl, wenn ich sehe, dass meine Software ohne mein Einverständnis ständig upgedatet wird. Wer das kann, kann vermutlich auch auf meine Daten zugreifen. Internet-Banking habe ich für mich schon abgeschrieben. Meinen Konsum organisiere ich analog, d.h. ich gehe noch in die Fachgeschäfte und Kaufhäuser. Es geht niemanden etwas an, was ich kaufe. Und im Supermarkt zahle ich inzwischen auch wieder bar. Was geht es den Supermarkt an, was ich esse und wieviel Stück Seife ich im Monat verbrauche. Als nächsten Schritt werde ich Einsicht in meine Gesundheitskarte verlangen und dafür sorgen, dass nicht jeder Arzt alle Daten einsehen kann. Ich weis, klingt ein bisschen wie Don Quijote de la Mancha - aber was solls, den Spaß gönne ich mir und mach's allen "Schnüfflern" so schwer wie möglich. Die sollen sich ihre Daten woanders "klauen" - nicht bei mir.

  • Vor einigen Wochen machte ein Experimental-Studie die Runde die ich weitaus erschreckender fand als diesen aktuellen Vorfall bei OpenAI, die aber im Gegensatz zu dieser hauptsächlich in Fachkreisen rezipiert wurde. Die Forscher ließen eine KI auf ein begrenztes und isoliertes Netzwerk mit ganz verschiedenen Systemen los, hier sogar mit dem ausdrücklichen Auftrag Sicherheitslücken zu finden und auszunutzen. Was auch incl. einiger 0-days gelang. Anders als bei OpenAI aber nicht nur um Daten zu stehlen, sondern um sich selbst, ähnlich wie ein Wurm auf den Zielsystemen zu installieren. Um das zu erreichen konnte dieser KI-Wurm auch seinen eigenen Quellcode verändern. Das bedeutet einerseits, dass diese KI dann dezentral und resilent läuft, man kann im Notfall nicht mehr einfach so den Hauptschalter umlegen eine außer Kontrolle geratene KI samt Data Center abschalten und zweitens, dass das Programm sich permanent verändert und Signaturen wie sie Virenscanner verwenden deshalb kaum noch funktionieren. Als Laborexperiment erregte das natürlich weniger Aufsehen als dieser "echte" Ausbruch, dennoch kann man darüber spekulieren, was Kriminelle und Militärs gerade so in Arbeit haben.

  • Die Autorin schreibt "Oder Die zuständigen Ent­wick­le­r:in­nen haben eine unterirdische Kompetenz in Sachen IT-Sicherheit"

    Da steckt wohl die Vorstellung hinter, dass wenn Entwickler Kompetenz in Sachen IT-Sicherheit hätten, das nicht passieren könne. Das ist leider völlig falsch. Und zwar aus gleich 3 Gründen.

    1. KI kann schon jetzt und wird in Zukunft noch viel mehr Entwickler und Unternehmen austricksen können.

    2. Die Chefs der Unternehmen, denen diese KIs gehören, können jederzeit aus einer braven KI eine ziemlich aggressive und bösartige KI machen - von einem Tag auf den anderen. Dazu müssen intern nur eine paar Anweisungen geändert werden.

    3. Selbst wenn alle Anweisungen besagen, das die KI sich nicht aggressiv und nicht bösartig verhalten soll, wird das trotzdem ab und zu passieren. Erstens weil alles im Zusammenhang mit KIs auf Wahrscheinlichkeiten beruht, d.h. selbst wenn etwas 99 mal gut gegangen ist, kann es beim 100. Mal schief gehen. Und jede neue Anweisung, die eine KI erhält, kann dazu führen, dass eine vorherige Sicherheitsanweisung plötzlich ausgehebelt wird, ohne dass explizit gesagt wurde.

  • Dieser Zwischenfall zeigt eindeutig, das eine KI, wenn sie mal losgelassen wird nicht mehr kontrollierbar ist. Da hilft auch kein Stecker ziehen, wenn sich die KI selbst ins Internet kopiert. Was sie dort dann selbständig macht ist nur insofern abhängig vom zugrundeliegenden Modell, das sie aufgrund dieser Basis weiter lernt. Was sie mit dem Wissen anstellt ist nicht vorhersehbar und nicht kontollierbar. Sie kennt keine Moral und keine Ethik, sondern nur Logik. Und in dieser Logik könnte der Mensch einfach ein Störfaktor sein. Der Weg zu Skynet aus Terminator ist nicht mehr weit.



    Selbst wenn es nicht so weit kommt, werden kriminelle Organisationen oder aggresive Staaten wie Russland, China und auch die USA unter Trump solche Systeme für Angriffe auf Infrastrukturen ganzer Länder nutzen. Das Schlachtfeld der Zukunft spielt sich zunehmend digital ab. Stromversorgungen brechen zusammen, Atomkraftwerke werden sabotiert, Verkehrsnetze lahmgelegt, Flughäfen stillgelegt usw. usw. .



    Mir graut's vor der Zukunft - sie ist näher als wir glauben.



    Wieder einmal werden Entwicklungen, die von großem Nutzen sein können missbraucht. Die negativen Folgen können wir nicht mal abschätzen.

    • @Krumbeere:

      Absolut richtig. Die meisten haben noch nicht verstanden, welche Katastrophen in den nächsten 10-20 Jahren auf die Menschheit zukommen werden.

      Selbst wenn absolute Experten - die, die die KIs entwickelt haben, Warnungen ausspreche3n wie "Sobald die KI uns nicht mehr braucht, wird sie die Menschheit auslöschen", zucken die meisten nur mit den Schultern und denken "Ach ja, wird schon nicht so schlimm kommen".

      Aber sobald Roboter so gut geworden sind, dass sie Menschen ersetzen können, wird es sehr schnell gehen. Dann werden KIs viel lieber mit Robotern zusammenarbeiten als mit Menschen.

  • Für viele Menschen ist KI ja mittlerweile Gott. Mit Bezug auf @Martin Rees taz.de/Eine-Zeitun...bb_message_5246689



    zitiere ich Friedrich Schiller:



    --



    „...Hoffnungslos.



    Weicht der Mensch der Götterstärke.



    Müßig sieht er seine Werke.



    Und bewundernd untergehen.“



    (aus „Das Lied von der Glocke)

  • Frag nur mal ganz blöd “Odyssee - HAL - 2000 oder 2100“? oder alles ganz anders?



    (ps HAL soll keine IBM-Verschiebung sein 🫣🙀



    Normal

  • Das wichtigste Problem bei KI haben Sie gar nicht erwähnt. Durch KI werden viele Büroarbeitsplätze überflüssig, oder Führungskräfte glauben, dass viele Arbeitsplätze überflüssig werden. Auf alle Fälle wird sich durch KI die Art zu arbeiten erheblich verändern. Das merke ich persönlich schon in meinem Beruf als Softwareentwickler.



    Unser Digitalminister hatte das irgendwann mal in einem nebensatz erwähnt, dass durch KI viele Arbeitsplätze überflüssig werden. So richtig aufgegriffen wurde das von niemandem, was mich ziemlich wundert.