Iranische Aktivistin über Asyl: „Das Bamf interessiert wirklich nur, ob du stirbst“
Nur wenn anderswo der sichere Tod drohe, sagt Sahar Hazrati, darf man hier auf Asyl hoffen. Jetzt wird über ihren Antrag erneut entschieden.
taz: Frau Hazrati, waren Sie schon mal im Gefängnis?
Sahar Hazrati: Im Iran schon drei Mal. Beim ersten Mal war ich 16 und musste elf Tage in einer Zelle verbringen. Ich hatte an einer Demo für Bildungsfreiheit teilgenommen. Ich hatte damals einen Kalligrafiekurs gemacht und der Dozent hatte uns mobilisiert. Einer der Teilnehmer wurde mittlerweile hingerichtet.
taz: Aber nicht wegen der Teilnahme an der Demo, oder?
Hazrati: Nein, nicht nur. Die Behörden fanden auf seinem Handy eine islamkritische Website, die er betrieb. Wir waren damals alle noch unbedarft und hatten unsere Handys dabei. Es waren die Anfänge der Widerstandsbewegung.
Der Mensch
Sahar Hazrati ist 30 Jahre alt und kämpft seit sechs Jahren in Deutschland um Asyl. Im Iran engagierte sie sich gegen das Mullah-Regime, wurde drei Mal verhaftet und floh. In Hamburg lebt sie mit ihrer viereinhalbjährigen Tochter in einer Unterkunft für Geflüchtete im Stadtteil Jenfeld.
Das Asylverfahren
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lehnte ihren Asylantrag schon zwei Mal ab. Den Bescheid, in dem die Behörde auch eine Abschiebung in den Iran androhte, erhielt Hazrati am 16. September 2024, dem zweiten Todestag von Jina Mahsa Amini, deren Tod im iranischen Gefängnis 2022 die „Frau-Leben-Freiheit“-Proteste im Iran ausgelöst hat. Hazrati klagte gegen den Bescheid und erwirkte vor dem Verwaltungsgericht eine aufschiebende Wirkung, bis das Gericht jetzt im April erneut über ihren Fall entscheidet.
taz: Wie kamen Sie dazu, sich gegen das iranische Regime zu engagieren?
Hazrati: Als ich 13 oder 14 war, diskutierte ich über Chatprogramme wie We-Chat über antireligiöse Themen. Feminismus war damals noch nicht so populär, aber antireligiöse Themen zu besprechen, war genauso gefährlich. Später besuchte ich einen Lesekreis in Teheran, wo wir linke Dichter*innen lasen. Da lernte ich interessante junge Leute kennen und schloss mich einer Partei an. Das waren Regimegegner*innen, allerdings keine besonders progressiven. Später entwickelte ich mich weiter, auch über soziale Medien. Ende 2017, Anfang 2018, gingen die „weißen Mittwoche“ los. Wir protestierten mit weißen Schals um die Schultern gegen das Kopftuch.
taz: Wann entschieden Sie sich, das Land zu verlassen?
Hazrati: Als ich zum dritten Mal festgenommen wurde. Das war nach einem weißen Mittwoch, es war ziemlich brutal. Stundenlang fuhren sie mich mit einer Augenbinde durch die Stadt, sodass ich nicht wusste, wo ich war. Meine Familie wusste es auch nicht. Meine Eltern riefen jeden Abend in der Wache an, in der ich tatsächlich auch war, aber man leugnete es ihnen gegenüber. Ich wurde dort auch gefoltert.
taz: Wie lange waren Sie dort?
Hazrati: Nach einer Woche wurde ich rausgelassen. Einen Monat später war ich in Deutschland.
taz: Konnte man die Folterspuren da noch sehen?
Hazrati: Ja, ich habe sie bei meinem Interview im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) gezeigt. Mein Knöchel war noch ganz deformiert und blau. Die Person, die das Interview führte, war schockiert.
taz: Aber trotzdem lehnte sie Ihren Asylantrag ab?
Hazrati: Diese Anträge bestehen aus immer ähnlichen Satzbausteinen. Da wird nicht im Detail geprüft. Ich konnte damals auch noch kein Deutsch. Der Dolmetscher, der von Behördenseite damals dabei war, erklärte mir, ich hätte ja auch im Gefängnis bleiben und trotzdem am Leben bleiben können. Das Bamf interessiert wirklich nur, ob du stirbst, wenn du im Land bleibst. Wenn nicht, kannst du aus ihrer Sicht dort bleiben, auch wenn es zehn Jahre Knast für nichts bedeutet.
taz: Fiel es Ihnen schwer zu gehen?
Hazrati: Ich hätte es sogar hingenommen, weiter im Iran zu leben und die Konsequenzen zu tragen. Aber meine Familie sagte mir damals: Es ist das letzte Mal, dass wir dich aus dem Knast holen. Sie hatten einfach Angst um mich. Aber sie meinten es auch ernst. Wenn man ins Gefängnis geht, um sich nach jemandem zu erkundigen oder jemanden zu besuchen, muss man sich noch stärker verschleiern als ohnehin schon. Meine Mutter sagte, es reiche jetzt damit und sie würde das nicht noch mal machen. Ich hatte Angst, im Gefängnis zu versauern, falls ich nochmal festgenommen würde.
taz: Wo steht Ihre Familie politisch?
Hazrati: Meine Familie ist eigentlich nicht konservativ, wir sind ursprünglich kurdisch. Zu Hause haben unsere Eltern aber nie kurdisch mit uns gesprochen – aus Angst, dass wir draußen mit kurdischem Akzent sprechen und Repressionen bekommen. Sie waren sehr erleichtert, als ich das Land verließ.
taz: 2018 kamen Sie nach Hamburg und beantragten Asyl.
Hazrati: Der Antrag wurde schon zwei Mal abgelehnt. Zwei Mal war ich deswegen schon vor Gericht, im April ist der nächste Termin. Ich hoffe, mein politisches und exilpolitisches Engagement wird endlich als Fluchtgrund anerkannt.
taz: Was sagt das Bamf denn zu Ihrem Engagement?
Hazrati: Es wird gemeckert: Die Kundgebungen seien zu klein gewesen, hätten kaum Strahlkraft gehabt, oder ich sei nicht exponiert gewesen, dabei habe ich zahlreiche Veranstaltungen in Deutschland angemeldet. Einmal war jemand mit einer monarchistischen Flagge dabei, daraufhin meinte das Bundesamt, ich stünde auf Seiten monarchistischer Gruppen und würde mein Engagement falsch darstellen.
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
taz: Und Ihr Engagement im Iran reicht auch nicht?
Hazrati: Im Iran habe ich eine Zeit lang jede Woche online Versammlungen organisiert und zusammen mit anderen Videos für Social Media produziert. Wir haben auch viele feministische Performances gemacht. Ich habe der Behörde und dem Gericht eine Liste mit Links von den Videos und Aktionen zusammengestellt, aber es hat sie nicht interessiert. Ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde sagte mir, er hätte keine Zeit, sich die Links anzugucken.
taz: Ihr Fall wurde also nicht ernst genommen?
Hazrati: Nein. Das war eine sehr frustrierende Erfahrung. Vor Gericht war es auch nicht einfach. Ich war damals anwaltlich nicht so gut beraten. Wenn man neu hierher kommt und die Sprache noch nicht spricht, ist es nicht leicht, eine gute Anwält*in zu finden. Ich habe schon zwei Mal die Anwältin gewechselt. Jetzt habe ich eine tolle Anwältin. Sie möchte aber nicht mit ihrem Namen in der Zeitung stehen, sonst wird sie mit Anfragen überrannt. Und sie möchte ungern Menschen wegschicken, die in Not sind.
taz: Leben sie derzeit noch in einer Geflüchtetenunterkunft?
Hazrati: Ja, seit 2018. Ich kam mit meinem Ex-Partner zusammen her, aber mittlerweile sind wir getrennt. Das ist auch nicht einfach. Wir haben zusammen Asyl beantragt, aber jetzt wollen wir natürlich getrennte Wege gehen. Für das Bamf wirkt man dann gleich unglaubwürdig. Wir haben eine viereinhalbjährige Tochter zusammen.
taz: Konnten Sie wenigstens eine räumliche Trennung erwirken? Das ist in einer Geflüchtetenunterkunft wahrscheinlich schwierig.
Hazrati: Wir lebten zusammen vier Jahre in einem Zimmer in einer Gemeinschaftsunterkunft, dann bekamen wir eine Zwei-Zimmer-Wohnung für Familien. Das war schon etwas besser. Als mein Ex-Partner auszog, durften meine Tochter und ich das freie Zimmer allerdings nicht nutzen. Eine fremde Person soll dort einziehen. Seit Monaten steht das Zimmer nun leer, während wir zu zweit mit Hund in einem Zimmer leben. Meine Tochter fragt mich jeden Tag, warum das Zimmer leer steht.
taz: Mittlerweile können Sie immerhin einen Deutschkurs machen, oder?
Hazrati: Ja, ich habe sechs Jahre lang für den Bildungsgutschein gekämpft. Jetzt kann ich endlich den Kurs machen, aber es ist eher eine Belastung. Wenn man mehr als 30 Prozent der Zeiten fehlt, fliegt man raus. Aber wenn meine Tochter krank ist, kann ich nicht hingehen. In Jenfeld sind wir isoliert, haben kein soziales Umfeld, das uns unterstützen kann.
taz: Ihr Ex-Partner kann nicht einspringen?
Hazrati: Das ist alles kompliziert. Er sieht unsere Tochter immer nur samstags, aber auch nicht besonders zuverlässig. Die ganze Care-Arbeit und Verantwortung hängt an mir. Aber so war es auch vor der Trennung.
taz: Was würden Sie gern arbeiten?
Hazrati: Im Iran war ich in einer humanitären Hilfsorganisation tätig. Wir sind in kleinere Städte gefahren und haben versucht, Frauen über ihre Rechte aufzuklären, etwa wenn sie häusliche Gewalt erleben. Damals hatte ich noch Wünsche und Träume. In Deutschland wollte ich Kfz-Mechanikerin werden. Durch den ganzen Stress habe ich meine Zuversicht verloren. Ich bin verzweifelt. Das einzige, was ich noch will, ist, eine starke Mutter für meine Tochter zu sein.
taz: Fühlen Sie sich in Deutschland entrechtet?
Hazrati: Meine Grundrechte werden mir verwehrt. Die Rechte, die mir in Deutschland weggenommen werden, sind andere als im Iran, aber letztlich läuft es auf das Gleiche hinaus.
taz: Wie meinen Sie das?
Hazrati: Im Iran kannst du ohne die Erlaubnis deines Vaters oder Bruders das Haus nicht verlassen. Du musst immer mit männlichen Übergriffen rechnen oder mit einer Verhaftung wegen inadäquater Kleidung. Aber zumindest kannst du selbst eine Wohnung mieten. Hier in Deutschland wird deine sexuelle Integrität nicht angetastet, Frauen werden nicht einfach angefasst. Aber als geflüchtete Person darfst du nicht mal die Stadt verlassen, geschweige denn eine Wohnung mieten!
taz: Sie fühlen Sich Ihrer Autonomie beraubt.
Hazrati: Total. Ich fühle mich wie eine Bürgerin zweiter Klasse. Die Behörden erwarten, dass man wie ein Roboter agiert und nur das tut, was sie einem sagen. So möchte ich nicht leben.
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