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Die Zukunftsvision von Mark Zuckerberg So nicht, lieber Mark

Johannes Drosdowski

Kommentar von

Johannes Drosdowski

In einem Essay visioniert der Meta-Chef eine Zukunft für uns alle. Herausgekommen ist eine XXL-Werbung, auf die wir nicht hereinfallen sollten.

E s sollte wohl der große philosophische Wurf werden. 40.000 Zeichen lang ist das Essay von Meta-Chef Mark Zuckerberg mit dem Titel „The Future is for Everyone“. Eine Vision für uns alle, wie wir künftig statt im Wettkampf in Gemeinschaft mit der KI leben können. Doch so schön Zuckerbergs Utopie an manchen Stellen klingen mag, so gefährlich wäre es, ihr zu glauben. Dieser Mann will nicht Menschen, sondern den Profiten helfen. Und das wird schon nach wenigen Zeichen in seinem Essay klar – denn auf Kritik geht er an keiner Stelle ein.

Aktuell steht nicht nur KI an sich, sondern auch Meta in der Kritik. 85 Prozent der Bür­ge­r*in­nen denken laut einer Meinungsumfrage, dass von sozialen Medien eine Suchtgefahr für Kinder ausgeht. Jugendlichen ziehen gegen Social-Media-Plattformen vor Gericht mit dem Vorwurf, ihre psychische Gesundheit geschädigt zu haben. Vor wenigen Tagen begann ein Prozess von 29 Bundesstaaten gegen Meta wegen mutmaßlich suchtfördernder Designs bei Facebook und Instagram. Darüber schreibt Zuckerberg im Essay nichts. Jugendliche sind bei „everyone“ scheinbar nicht mitgemeint.

Ein erster Grund, warum es ein Fehler wäre, diesem Menschen in seiner Version der Zukunft zu folgen. Sie ist verlogen und einzig darauf aus, die Stellung Metas und damit Zuckerbergs als einem der mächtigsten Männer der Tech-Industrie zu festigen. Es ist eine Zukunft, in der nur vermeintlich Gleichheit herrscht, tatsächlich aber Geld weiterhin Macht formt und die Industrie dereguliert wird.

Um uns diesen Albtraum näherzubringen, unterzeichnet Zuckerberg ihn ganz nahbar mit „Mark“. Als wäre er Lokalpolitiker im Wahlkampf und müsste darüber hinwegtäuschen, dass er nur wenig Programm hat, das wirklich der Allgemeinheit dient, beschreibt er seinen Alltag. Wie eine KI ihn beim Sport korrigiert und wie er wochenends mit der Tochter Rezepte bäckt, die eine KI sorgfältig für die beiden ausgesucht hat. Es soll also menscheln.

Nur weil er Kuchen backt, ist er kein Philanthrop

Zuckerberg fordert, dass eine Philosophie für den Umgang mit der „Superintelligenz“ gefunden wird. Gemeint sind damit Wesen oder Anwendungen, die klüger sind als der Mensch. Sie kommen in der (oft dystopischen) Science Fiction vor, in der Realität gibt es sie nicht. Zuckerberg will trotzdem schon jetzt bestimmen, wie wir mit ihnen umgehen sollten.

Er entwirft eine Philosophie, die „auf individuellem Empowerment als Quelle von Wohlstand“ und „auf Machtgleichgewicht als Grundlage für Sicherheit“ basiert. Eine „extreme Konzentration von Macht“ sieht er kritisch. Was das für sein Unternehmen bedeutet, lässt er unkommentiert.

Zuckerberg ist kein Philanthrop, auch wenn er mit Töchterchen Kuchen backt. Und auch nicht, wenn er die Superintelligenz angeblich allen zugänglich machen will. Denn wer mehr Rechenleistung will, soll dafür bezahlen. Das solle „sicherstellen, dass die Kapazitäten für das genutzt werden, was die Menschen kollektiv am wertvollsten finden“. Er will Technik als etwas darstellen, das allen offen steht, von dem alle profitieren. Doch das ist eine Lüge. Technik ist immer nur denen zugänglich, die über entsprechende Ressourcen verfügen, die Geld haben, die alt oder jung genug sind, die in einem funktionierenden Staat ohne Repressalien leben.

Es braucht Ex­per­t*in­nen

Zuckerberg weiß das und beschreibt selbst ein Paradebeispiel dafür, wie unfair Geld die Welt formen kann: Meta habe ein neues Data Center in einem Ort in Louisiana gebaut und den Lehrkräften dort einen 50.000-Dollar-Bonus gezahlt. Daraufhin seien viele neue Leh­re­r*in­nen in die Gegend gezogen. Wo die Lehrkräfte nun fehlen, kommentiert er nicht.

Ein Mann, der das als Erfolgsgeschichte begreift, will uns nun also eine Zukunft ausmalen, während Gesellschaften weltweit darunter leiden, dass Plattformen wie die seinen weiterhin unzureichend reguliert werden. Dort werden Hass und Desinformation ebenso verbreitet wie Videos, in denen Menschen, oft Kinder, oft Frauen, gequält werden.

Zuckerberg will keine „kleine Gruppe Expert*innen“, die in Sachen KI „entscheiden, was das Beste für die Menschheit ist“. Das sollen die Menschen selber tun. Klingt erst einmal gut, nach Selbstermächtigung. Doch auch das ist eine Lüge. Das Internet hat großartige Orte der Offenheit und des Wissens hervorgebracht. Aber lange hat es an Regeln gefehlt. Erst jetzt, nachdem bereits Millionen Opfer wurden, entstehen etwa Gesetze gegen digitale Gewalt.

Genau deswegen braucht es Expert*innen, die Regierungen beraten, die dann hoffentlich auch im Sinne der Menschen regieren. Nicht nur das Verhalten von Privatpersonen, sondern vor allem das von Tech-Konzernen. Dass das aktuell nicht ausreichend passiert, weiß Zuckerberg. Er will es uns nur nicht sagen und lenkt uns mit einer bunten Zukunftsvision ab. Darauf sollten wir nicht reinfallen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Johannes Drosdowski

Johannes Drosdowski Redakteur Medien/Digitales

Redakteur für Medien und Digitales. Ansonsten freier Journalist und Teamer zum Thema Verschwörungserzählungen und Fake News. Steht auf Comics, Zombies und das Internet. Mastodon: @drosdowski@social.anoxinon.de
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1 Kommentar

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  • David Lejdar

    Für viele Nutzer, die nur mit Handy online sind, ist es halt schon praktisch, wenn man auf dem Handy nicht zig Seiten durchstöbern muss, und mit einfachem Prompt Vorschläge bekommt, wie z.B. zu Backrezepten (wobei viele Haushalte anscheinend kein solches Buch haben). Neben Thema der Datenzentren, die z.B. Fluss aufwärmen um die Prozessoren abzukühlen, während es als Abwärme für Warmwasser genutzt werden könnte, insb. problematisch finde ich da wenn Info online nur noch über KI erhältlich.

    Und da bin ich Fan von Norm bei Schnittstellen, wie in öff. Hand Server mit Info zu ÖPNV-Fahrzeiten, und in privater Hand App wie Mastodon (aber auch weitere), die sich Info wie bei API ziehen können, wenn es bei sich integrieren möchten. Ähnlich auch z.B., dass man im Prinzip auch direkt Anfrage an Server mit Backrezepten senden könnte, wo es keine KI braucht damit der Server entsprechend was auflistet bzw. verlinkt. Damit etwas dezentralisiert, aber gewisses Streamlining der User Experience.