Gendergerechte Sprache: Papa und das Sternchen

Moderatorin Petra Gerster gendert in den „heute“-Nachrichten. Und plötzlich sitzt man beim eigenen Vater und spricht über Feminismus.

Mit einem Stern bedruckter Papierschinpsel.

Für manche Menschen Stern des Anstoßes: Die eifrig gendernde Petra Gerster zählt nicht dazu Foto: imago

Heute möchte ich übers „Gendern“ reden. Das ist recht ungewöhnlich, denn eigentlich will ich nie übers Gendern reden. Ich möchte gendern – darüber reden wollen andere. Sie sagen dann, das sei doch Unsinn: die Idee, dass Sprache die Wirklichkeit so forme, dass die „realen Probleme“ dadurch weggingen.

Sie sagen, dass der Effekt von bewusst veränderten Wörtern so unschätzbar groß nicht sei, dass sich dafür die Mühe lohne. Und sie haben recht. Natürlich ist es nicht so, dass Gleichheit steigt und Sexismus sinkt mit jedem Gendersternchen, das wir in die Welt hinein kehlkopfknacken.

Deshalb bin ich normalerweise absolut dafür, lieber über die „realen Probleme“ zu reden. Aber heute ist es anders. Heute will ich übers Gendern reden. Grund dafür ist mein Vater.

„Gendern“ mit G wie Günter

Der kündigte neulich an, er wolle sich mit mir übers Gendern unterhalten („Gendern“ mit G wie „Günter“). Dass mein Vater darüber reden will, habe nicht etwa ich erreicht – mit all meinen Semestern Gender Studies, sondern Petra Gerster, indem sie einen Abend bei Maischberger gesessen hat.

Petra Gerster kehlkopfknackt in den „heute“-Nachrichten und ist auch bereit, zu erläutern, warum. Und plötzlich sitze ich bei meinem Vater und er berichtet von Dingen, die er früher mal zu Frauen gesagt hat und die er jetzt so nicht mehr sagen wolle.

Er erzählt, dass er sich früher manchmal einen Spaß daraus gemacht habe, Gruppen gemischten Geschlechts mit „Hallo Männer!“ anzusprechen, und dass er heute besser verstehe, warum das die anwesenden Frauen so verärgert habe. Und ich erzähle vom Handballverein, in dem die älteren Jungs uns Neue mit „Mädels“ anredeten, um uns unseren Platz zuzuweisen.

Ich berichte von der Studie der Freien Universität mit sechshundert Grundschulkindern. Die ergab, dass die Kinder sich bestimmte Berufe eher zutrauten, wenn sie zuvor sowohl in der männlichen als auch in der weiblichen Form vorgelesen worden waren. Und mein Vater nickt verstehend.

Über Sprache sprechen

Gendert mein Vater also ab sofort? Wahrscheinlich nicht. Nicht mit G wie „Günter“ und ganz sicher nicht mit G wie „Gina“. Mein Vater ist über 80, zwischen uns passt fast ein ganzes Boomer-Leben. Es geht mir auch nicht darum, ob er gendert. Es geht mir darum, dass wir einen angenehmen Austausch über Feminismus hatten. Und zwar, weil Petra Gerster gendert.

Gerechte Sprache macht nicht automatisch eine gerechte Welt, jedenfalls nicht nach dem Prinzip „Sprich nur ein gegendertes Wort, so wird meine Seele gesund“. Aber unsere Sprache ist uns eins der liebsten, teuersten Dinge. Der launische, verletzliche Teil unseres Selbst, mit dem wir in den Sturm der Menschengesellschaft reinragen. Veränderungen in der Sprache berühren uns, greifen uns an, bringen uns auf. Sie zwingen uns, uns zu verhalten zu den Dingen, über die da gesprochen wird.

Wo also besser anfangen, über etwas zu sprechen, als bei der Sprache selbst?

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