Festival-Ausladung von Alphaville : Doch noch Glücksgefühle über Meinungsfreiheit
Das „Glücksgefühle Festival“ lud die Band Alphaville erst ein und dann aus, weil sie auf politische Äußerungen nicht verzichten wollte. Nach Kritik darf sie nun doch auftreten.
Foto: Christoph Hardt/Panama Pictures/imago
B loß nicht die Stimmung verderben und immer fröhlich sein, ist das Motto des Glücksgefühle-Festivals in Hockenheim. Und wer nicht ins frohsinnige Weltbild passt, wird ausgeladen – so wie die Band Alphaville. An der Musik kann es nicht gelegen haben. Und wer Max Giesinger auf sein Festivalgelände lässt, ist von ästhetischen Bedenken generell frei.
Die Begründung des Veranstalters Markus Krampe war politisch und fiel sowohl eindeutig als auch verklemmt aus: Man wolle den Besuchern eine unbeschwerte Zeit ermöglichen. Bei den vergangenen Auftritten von Alphaville hätten Aussagen des Sängers Marian Gold zu „Unmut“ geführt und „die ausgelassene Stimmung getrübt“.
Welche genau das gewesen sein sollen, erfährt man aus dem Statement nicht. Da es um Sätze geht, die auf einer Bühne getätigt worden sind, könnte ein Auftritt im Hamburger Volksparkstadion gemeint sein. Da erklärte Gold, es könne nicht sein, dass mit der AfD „die Nazis uns unser Land wegnehmen“. Außerdem hing beim Alphaville-Song „Carry Your Flag“ eine Regenbogenflagge im Hintergrund.
In Interviews spricht sich die Band immer wieder für Demokratie aus, bezeichnet sich als linksliberal und untersagte zudem der AfD, „Forever Young“ auf Wahlkampfveranstaltungen zu spielen.
Maulkorberlass des Festivals
Alphaville nennt die Auftrittsabsage des Festivals ganz richtig einen „Maulkorberlass“: „Dass eine derartige Einschränkung der Meinungs-, Rede- und Kunstfreiheit nun auf einem der größten Popfestivals Deutschlands angekommen zu sein scheint, empfinden wir als absolut untragbar und erschütternd.“
An dem ganzen peinlichen Vorgang kann man so einiges ablesen. Zum einen ist die Idee, man könne Politik und Musik trennen, schon einmal Quatsch. Eine Band, die sich für Demokratie und gegen eine rechtsextreme Partei ausspricht, unter dem Vorwand auszuladen, man wolle keinen „Unmut“ und keine „Spaltung“ im Publikum, ist selbst ein politischer Akt.
Und wenn es um die völlige Abwesenheit von allem ginge, was den besinnungslosen Frohsinn stören könnte, dürften Alphaville ihren Song „Forever Young“ nicht spielen. In dem geht es nämlich um den Kalten Krieg und Atomtod („Heaven can wait, we’re only watching the skies / Hoping for the best but expecting the worst / Are you gonna drop the bomb or not? / Let us die young or let us live forever“).
Nebenbei bemerkt, ein bei aller Zeitgebundenheit ewig gültiger Popsong. Einer der schönsten, die in Deutschland je fabriziert wurden und den selbst Die Toten Hosen und Die Goldenen Zitronen („Für immer Punk“) bis jetzt nicht kaputtspielen konnten.
Aggressiver Frohsinn statt Demokratieverteidigung
Überhaupt, Politik und Musik: Die Klänge, die der „Volks-Rock-'n'-Roller“ Andreas Gabalier – der im Gegensatz zu Alphaville beim Glücksgefühle-Festival auftritt – von sich gibt, sind vieles, aber bestimmt nicht unpolitisch. Volkstümelei, Heimatkitsch und aggressiver Frohsinn sind der ästhetische Vorschein der wieder hergestellten Volksgemeinschaft. Alphaville wirkt im Vergleich wie eine Band, die an zivilisatorische Mindeststandards erinnert.
„Das Glücksgefühle-Festival ist und bleibt ein Ort, an welchem ausdrücklich jeder seine Sorgen des Alltags vergessen kann“, schreiben die Veranstalter. Da gehöre es auch dazu, „das Thema, das die Menschen in Deutschland aktuell am meisten spaltet, Politik, außen vor zu lassen“. Man wolle eine Zeit jenseits „jeglicher möglicher Konflikte“.
Das heißt in der Konsequenz, dass die Veranstalter davon ausgehen, dass Teile des Festivalpublikums am Wochenende der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt unwirsch werden, wenn sich eine Band für Demokratie und gegen rechts ausspricht. Vielleicht noch eine Regenbogenfahne auf die Bühne hängt. Und dass sich jemand vom völkischen Gehampel von Andreas Gabalier gestört oder gar belastet fühlt, bei einer Massenveranstaltung in Deutschland 2026 eher nicht zu befürchten ist.
Zumindest äußern sich die ersten Künstler*innen und kritisieren das Vorgehen des Festivals. Und es stehen noch einige weitere Künstler*innen, die in den vergangenen Monaten in Songzeilen, Interviews oder eben bei Bühnenansagen etwas gesungen oder gesagt haben, das dem zwanghaften unpolitischen Festivalmotto „Good Vibes Only“ widerspricht, auf dem Line-up.
Da kann man nur hoffen, dass sich viele weitere solidarisch erklären und sich zu schade dafür sind, von einem Veranstalter, der eine Band wegen eines Anti-AfD-Statements auslädt, eine Gage überwiesen zu bekommen. Letzterer wiederum ist dann doch zurückgerudert: „Wie wir gehandelt haben, war in der Tat ein Fehler.“ Die Band ist wieder eingeladen.
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