Energiewende und Erdgas: Eine toxische Beziehung

Die EU will Investitionen in Gaskraft mit einem Öko-Siegel attraktiv machen. Das sorgt für viel Kritik – auch wenn neue Kraftwerke nötig sind.

Luftansicht des Gasturbinen-Kraftwerks Hamm

Eine keineswegs Co2-freie Energieproduktion: Gaskraftwerk im westfälischen Hamm-Uentrop Foto: Hans Blossey/imago

BERLIN taz | Energiewende und Erdgas führen eine toxische Beziehung, die enden muss – obwohl der fossile Energieträger oft als Brückentechnologie bezeichnet wird. Schließlich verursacht er Treibhausgas-Emissionen. Es ist faktisch falsch zu behaupten, dass Gas nachhaltig sei. Trotzdem wird die EU wohl bald genau das offiziell tun. Geld für Gaskraftwerke – und für Atomanlagen – sollen unter Auflagen übergangsweise als grüne Investition gelten. Das sehen die Pläne der EU für die sogenannte Taxonomie vor. Damit soll ein europäisches Ökosiegel für grüne Finanzinvestments geschaffen werden.

In Deutschland sorgt für fast einhellige Empörung, dass Atomkraft als nachhaltig gelten soll. Bei Gas dagegen gehen die Meinungen auseinander. Die einen verweisen auf die schlechte Co2-Bilanz, die anderen darauf, dass ein Land wie Deutschland auch auf dem Weg zur Klimaneutralität neue Gaskraftwerke braucht. Es ist wie oft in toxischen Beziehungen: kompliziert.

Dass Deutschland mehr Gaskraftwerke braucht, ist nicht falsch. Das ergeben alle großen Studien zur Klimaneutralität. Würde das Energiesystem mit einer Postwachstumsstrategie modelliert, was diese Studien nicht tun, sähe die Sache vielleicht anders aus. Aber dass Deutschland sich vom Wirtschaftswachstum abwendet, kann ohnehin niemand behaupten. Deshalb dürfte der Bedarf an Strom stark steigen; auch weil Autos in Zukunft nicht mehr mit Sprit, sondern mit Strom fahren. Gleichzeitig will die Ampel-Regierung nach dem baldigen Atomausstieg laut Koalitionsvertrag „idealerweise“ bis 2030 den Kohleausstieg absolviert haben.

Zum Ausgleich ist vor allem der Ausbau erneuerbarer Energien nötig. Aber Windräder und Solaranlagen, die wichtigsten erneuerbaren, sind wetterabhängig. Mit dem Ausbau von Speichern und Netzen muss dafür gesorgt werden, dass Strom dahin transportiert werden kann, wo er gerade gebraucht wird. Auch erforderlich sind Kraftwerke, die jederzeit hoch- oder heruntergeregelt werden können. Das sollen später Anlagen sein, die mit Wasserstoff betrieben werden, der auf (Öko-)Strombasis hergestellt wurde. Noch sind solche 100-Prozent-Wasserstoffkraftwerke nicht marktreif. Die Lücke füllen sollen Gaskraftwerke, die mit – so die Hoffnung – relativ wenig Aufwand auf Wasserstoff umgestellt werden können.

Uneinigkeit über nötige Kapazitäten

„In der Tat brauchen wir für die Energiewende einen deutlichen Ausbau der Kraftwerkskapazitäten zur Stromerzeugung aus Gas“, sagt der Physiker Gunnar Luderer, Professor für globale Energiesystemanalyse an der Technischen Universität Berlin und Forscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. „Diese werden nur an wenigen Tagen im Jahr benötigt, müssen aber in der Lage sein, Engpässe bei geringem Angebot von Wind- und Sonnenstrom auszugleichen.“

Ex­per­t:in­nen sind uneinig, wie viele neue Gaskraftwerke gebraucht werden. Aktuell gibt es Gaskraftwerke mit einer Leistung von rund 27 Gigawatt, etwa einem Achtel der Gesamtleistung. Der Bundesverband der Deutschen Industrie geht in seiner Studie „Klimapfade 2.0“ von 74 Gigawatt im Jahr 2030 und 88 Gigawatt im Jahr 2045 aus, wenn Deutschland klimaneutral sein soll. In der Studie „Klimaneutrales Deutschland 2045“ sieht das anders aus. Die haben die Stiftung Klimaneutralität und die Thinktanks Agora Energiewende und Agora Verkehrswende beauftragt. Im Jahr 2030 werden demnach Gaskraftwerke mit einer Leistung von 43 Gigawatt benötigt, bis 2045 sind es 71 Gigawatt. In der Leitstudie der staatlichen Deutschen Energieagentur ist die Rede von 47 Gigawatt respektive 59 Gigawatt.

Energiewende aus toxischer Beziehung lösen

In einem Punkt sind sich die Stu­di­en­au­to­r:in­nen aber einig: Deutschland braucht neue Gaskraftwerke. Ob Investitionen in die Anlagen deshalb nun ein europäisches Ökolabel verdienen, steht aber auf einem anderen Blatt. „Die EU-Entscheidungen zur Taxonomie sind falsch und rückwärtsgewandt“, meint die Energieökonomin Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Ihre Sorge ist, dass zu wenig Geld in die erneuerbaren Energien fließt. „Das unnötig lange Konservieren der Vergangenheit führt nur dazu, dass der Umstieg hin zu einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien behindert wird“, sagt sie.

Auch Physiker Gunnar Luderer betont, dass Erdgas nicht nachhaltig ist. „Die Verbrennung von fossilem Erdgas erzeugt erhebliche CO2-Emissionen“, sagt er. „Erschwerend kommt hinzu, dass es bei der Förderung und dem Transport von Erdgas zu erheblicher Methanleckage kommt.“ Manche Untersuchungen kommen deshalb zu dem Ergebnis, dass fossiles Gas nicht klimafreundlicher ist als Kohle.

„Es ist aber wichtig, anzuerkennen, dass der Entwurf der EU-Taxonomie durch ambitionierte Grenzwerte die sukzessive Umstellung auf CO2-arme Gase bereits angelegt hat“, sagt Luderer. Der entscheidende Hebel für die Umstellung auf eine klimafreundliche Energieversorgung sei ohnehin der CO2-Preis. „Ist dieser hoch genug, entsteht ein starker Anreiz, um auf klimaneutralen Wasserstoff umzustellen und so die Gaskraftwerke zu nachhaltigen Investitionen zu machen.“ Und die Energiewende aus ihrer toxischen Beziehung zu lösen.

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