Deutschland in der Coronakrise: Allenfalls aus Schaden klug

Wir stecken mitten in einer Coronawelle: Die Betten auf den Intensivstationen sind voll, das Pflegepersonal überlastet. War da nicht was?

Mitarbeiterinnen in einem Krankenhaus in Schutzkleidung.

Hier ist die Krankenhausampel schon auf Rot: Intensivpflegerinnen im bayrischen Schwabmünchen Foto: Daniel Biskup

Und jährlich hustet das Seuchen­tier. Der Radiowecker weckt uns im November 2021 mit dem altbekannten Pandemielied „I Got You Babe“, und wir erleben ein krasses Déjà-vu.

Die Ereignisse des Jahres 2020 wiederholen sich in Dauerschleife: Im Sommer ist alles gut, die Menschen bewegen sich froh im Freien, die Inzidenz ist niedrig, die Leute sterben wieder vermehrt an Drogen, Softeis und Badeunfällen; die Virologen erinnern daran, sich für den Herbst zu wappnen, die Politik macht Urlaub. Im Spätsommer und Frühherbst mahnen die Mediziner verstärkt, die Politik wiegelt ab. Im Spätherbst sagen die Fachleute: „Wir haben es ja gesagt“, die Politik fragt: „Was denn?“. Im Winter resigniert die Wissenschaft und die Politik gerät in Panik. Also „same procedure as last year, Miss Sophie?“. Anlass für eine Bestandsaufnahme: Was ist gleich, was ist ähnlich, was ist anders als vor einem Jahr?

Dank der Impfungen gibt es bislang weniger Tote und Schwer­erkrankte als 2020, doch die Intensivstationen laufen voll. Und die Lage in den Krankenhäusern droht noch weitaus angespannter zu werden, da viele Pflegekräfte mittlerweile frustriert gekündigt haben. So ist es nur eine Frage der Zeit, wann clevere Checker wieder Bilder von leeren Betten in leeren Krankenzimmern posten: Seht her, ihr Bürger, alles Lüge; es ist noch jede Menge Platz auf den Stationen.

Platz ja, aber kein Personal. Und wo kein Personal, da keine Behandlung. Ein Bett ist erst mal einfach nur ein Bett. In einem Bett kann man schlafen, lesen und fernsehen. Man kann darin krümeln, vögeln und vor allem sterben. Um darin gepflegt zu werden, bedarf es zusätzlicher Hilfe.

Die wird zurzeit allerdings oft nur mit Murren in Anspruch genommen. Wo im November ’20 dankbare Patienten um Luft rangen, konzentrieren sich laut Aussagen von Ärzten und Pflegekräften nun statistisch zwangsläufig die schwierigen Charaktere: die Renitenten, die Unkooperativen, die Zweifler, die Ungeimpften.

Die Lernfähigkeit eines toten Meerschweinchens

Einige sterben mit einem Fluch auf den Lippen – das ist so wenig Grund zum Spott, wie wenn sich jemand totgeraucht, totgesoffen oder aus eigenem Verschulden mit dem Auto um den Baum gewickelt hat, sondern tragisch, überflüssig und dumm zugleich. Aber man kann die Leute ja nicht ein Leben lang rund um die Uhr betreuen oder in Heime für schwer erziehbare Erwachsene stecken.

In Spanien, Portugal, Italien – überall da, wo es harte Lockdowns und viele Tote gab – wird sehr konsequent geimpft, was sich vorteilhaft auf die Fallzahlen auswirkt. Nicht so aber in Dummland. Dort hat man die Lernfähigkeit toter Meerschweinchen. Dummland hat im bisherigen Verlauf der Pandemie relativ viel Glück gehabt, das Präventionsparadox in Verbindung mit geringer Frustrationsresilienz gerade auch der weniger Betroffenen (Schauspielerinnen, Großschriftsteller) stellt dieses Glück nun erneut auf eine harte Probe.

Denn in Dummland wird man allenfalls aus Schaden klug (Erster Weltkrieg), und das sehr langsam (Zweiter Weltkrieg) oder leider oftmals überhaupt nicht (AfD, Corona). Die heiße Herdplatte weist bei uns schon abgegriffene Stellen auf, den vorigen Winter hat man schlicht vergessen.

Wie vor einem Jahr bollert der Sensenmann auch heuer besonders laut an die Türen der Pflege- und Seniorenheime und holt sich Ungeboosterte und Vorerkrankte, wo er im Vorjahr unter völlig Ungeschützten mähte. Gevatter Tod trägt bunte Crocs. Gerade in der Altenpflege beträgt die Impfquote unter den Beschäftigten oft nur um die fünfzig Prozent. Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, freut sich dennoch, dass sich die Pflegenden „ihrer Verantwortung für die Patienten absolut im Klaren“ seien. Das ist ja schön, aber warum kommen sie dieser Verantwortung dann nicht nach?

Weil sie auf einmal entdeckt haben, was für wunderbar freie Menschen sie sind. Mit Grundrechten wird in diesem Land zwar traditionell gern nach Gutsherrenart verfahren, ob beim Thema Abtreibung, Staatsbürgerschaft, Asylrecht, Homo-Ehe oder Betäubungsmittel, doch daran hat sich stets nur eine Minderheit gestört. Plötzlich aber pochen alle auf ihr Recht zum Beispiel auf Nicht- und Fehlinformation, doch dahinter steckt lediglich verdruckster Trotz, der schnell dem üblichen Opportunismus Platz macht.

Dieses Jahr on top: die Grippe

Denn kaum gilt in Sachsen 2G, lassen sich die „Impfskeptiker“ in Massen impfen. Diese Busspurraser des Lebens wollen schließlich in die Kneipe. So gefährlich ist der Impfstoff dann wohl auch wieder nicht, oder wiegt ein Bier vom Fass die sagenhaften „Langzeitfolgen“ auf?

Die Uneinigkeit ist schlimmer als vor einem Jahr. Die Gräben sind tief, in ihnen planschen die Krokodile des Starrsinns. Demos gegen Coronamaßnahmen heißen jetzt „Spaziergänge“ und richten sich nun vermehrt gegen Impfungen sowie 2G- und 3G-Regelungen. Nicht geändert hat sich dabei die pauschale Kritik an Maßnahmen jeglicher Art.

Ebenfalls gleich geblieben ist die dumpfe Ahnung, dass wir uns früher oder später unweigerlich infizieren werden. Nur der Grund hat sich geändert, denn vor einem Jahr lag es am fehlenden Impfstoff und nun liegt es am fehlenden Hirn. Neu ist obendrein, dass man im Rahmen eines Impfdurchbruchs eher darauf hoffen kann, einen milden Verlauf zu erwischen: „Nur eine Grippe“ – hier hätten die Ungeimpften einmal recht, zumindest was die Geimpften betrifft.

Apropos Grippe. Im Unterschied zu 2020 wird es eine heftige Influenzawelle geben. Und zwar on top. Das Grippevirus, das voriges Jahr den Hygienemaßnahmen zum Opfer fiel, hat nur ordentlich Anlauf genommen.

Alle Jahre wieder stellt sich auch die Unsicherheit vor den Feiertagen ein: Kann man an Weihnachten die frisch geboosterten Alterchen besuchen, können wir die Freunde treffen, werden wir Silvester feiern und wie soll man unter diesen Umständen den Zug buchen? Vor einem Jahr fiel alles flach – die Ahnung darum kumulierte im Verlauf des Dezembers zur Gewissheit. Damit rechne ich nun auch im kommenden Monat wieder, „same procedure as every year, James!“.

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