#allesaufdentisch vs. Youtube: Lieber auf als unter dem Tisch

Die Video-Aktion #allesaufdentisch enthält viel Corona-Geschwurbel aus Intuition und wenig Kontext. Doch eine Löschung auf Youtube ist keine Lösung.

Eine Fischdose auf einem Tisch

Manchmal muss einfach alles auf den Tisch, auch das, was stinkt Foto: Arne Eichhof/plainpicture

Manchmal ist es verständlich, Gesprächsbeiträge loswerden zu wollen, wenn sie vom Thema ablenken, wenig hilfreich sind, selbstdarstellerisch oder gefährlich falsch. Das gilt für jeden Diskurs. Mehr noch im Netz, wo sich Falschinformationen, Gerüchte und Verschwörungsglauben unkontrolliert und schnell verbreiten und – wie wir inzwischen wissen – Stimmungen kippen, politische Entscheidungen prägen und Menschen in Gefahr bringen können. Und das, ohne dass man mit Gegendarstellungen und Faktenchecks wirksam hinterherkäme.

Die Internetplattformen stehen seit einigen Jahren stärker unter Druck, darüber zu richten, was im Netz stehen soll und was nicht. Aber die Plattformen sind im Kampf gegen Desinformation ambivalente Verbündete.

Die Initiative #allesaufdentisch um den Regisseur und Drehbuchautor Dietrich Brüggemann und den Schauspieler Volker Bruch hat beim Landgericht Köln einen Erfolg gegen Youtube erzielt. Die Videoplattform hatte zwei Videos der Aktion gelöscht, in denen zwei Forscher sich zur Coronakrise äußern. Das Gericht erließ am Montag eine einstweilige Verfügung mit dem Verbot, diese Videos zu löschen. Zuvor hatte einer der Initiatoren, der Fernsehschauspieler Volker Bruch, rechtliche Schritte gegen Youtube angekündigt.

Bei den betroffenen Videos handelt es sich um Gespräche mit dem Neurobiologen und Angstforscher Gerald Hüther und dem Mathematiker Stephan Luckhaus. Youtube hatte sie gelöscht, wahrscheinlich nachdem sie von Use­r*in­nen geflaggt, also gemeldet worden waren. Von sich aus durchgräbt Youtube für gewöhnlich nicht seine Datenbank.

Für Löschung fehle konkrete Erklärung

Warum und durch wen die Entscheidung fiel, die Videos zu löschen, war unklar. „Wir arbeiten mit einer Kombination aus Mensch und Technologie, um Inhalte auf unserer Plattform zu moderieren“, sagt ein Sprecher des Mutterkonzerns Google, zu dem Youtube gehört, der taz. „Mehrere Videos, hochgeladen auf dem Kanal allesaufdentisch, wurden als Verstoß gegen unsere Richtlinien erkannt.“ Warum? Keine Angabe. Auch nicht gegenüber den Kanalbetreiber*innen.

Plattformen sind im Kampf gegen Desinformation ambivalente Verbündete

Weil die konkrete Erklärung fehle, so das Landgericht Köln in seiner Begründung, gebe es auch nichts zu löschen. Youtube „habe der Antragstellerin nicht konkret genug mitgeteilt, welche Passagen ihrer Meinung nach gegen welche Vorschrift der von ihr aufgestellten Richtlinien verstoßen würden“.

So, lautet die Begründung weiter, dürfe „nur bei kurzen Videos mit offensichtlich auf den ersten Blick erkennbaren medizinischen Fehlinformationen“ verfahren werden. Hier geht es aber um zwei Halbstünder, in denen die Forscher Hüther und Luckhaus sehr viel sagen. Das meiste davon – möglicherweise sogar alles – ist faktisch erst mal korrekt.

Bei der Initiative #allesaufdentisch wie schon bei der Vorgängeraktion #allesdichtmachen geht es vorrangig weniger um Falschinformationen der Art „Chlorreiniger trinken hilft gegen Corona“ oder „Hillary Clinton betreibt einen Kinderhandel aus einem Pizza­laden“.

Diffuse Behauptungen

Es geht eigentlich nicht direkt um Falschaussagen, sondern um einen Dreiklang aus: 1. ganz viel Intuitives und Ungefähres, 2. wenig Kontext und 3. extrem viel Interpretationsspielraum.

Die Befragten in den Videos werfen größtenteils interessante und legitime Punkte auf, von der Vernachlässigung der Schulbildung in der Pandemie über angstgetriebene Kommunikation bis hin zur für Laien unüberblickbaren Komplexität und der Abhängigkeit von Experten. Punkte, die auch größtenteils in den vergangenen anderthalb Jahren regelmäßig erörtert wurden.

Allerdings findet durch die „interviewenden“ Künst­le­r*in­nen so wenig kritische Befragung statt, dass die einzelnen Themen und Aussagen im luftleeren Raum stehen bleiben. Gerahmt wird das Ganze in die diffuse Behauptung „ihr habt uns alle diese Informationen vorenthalten“.

Das Problem bei diesem Framing ist, dass man ihm mit Deplatforming (Anm. d. Red.: Strategie zum Ausschluss einzelner Personen oder Gruppen von digitalen Plattformen) nicht beikommt. „Geschwurbel“ zeichnet sich nicht dadurch aus, dass es klar falsch ist. Sondern es bombardiert mit assoziativ sortierten Informationen, von denen man die meisten unterschreiben muss, und suggeriert dadurch eine Wahrheit der darunterliegenden Haltung.

Nicht falsch, aber sehr platt

Konkret gelöscht hatte Youtube zum einen das Video „Angst“ mit Neurobiologe Gerald Hüther. Dieser stellt darin die These auf, dass die Pandemie zu einem angstgeleiteten Denken führe. Das ist nicht falsch. Er mündet im Laufe des Gesprächs in der These, dass man gut zu sich selber sein soll, um die Angst zu überwinden.

Das ist im Zusammenhang mit dieser mit großer Fanfare gestarteten Aktion extrem banal – aber nicht falsch. Hüther schlägt kurz verschwörungsideologische Töne an, wenn er suggeriert, dass die Pandemieangst im Zusammenhang stehe zur Dienstleistungs- und Konsumgesellschaft. Aber auch das muss kein Verschwörungsglaube sein, sondern ist vielleicht nur eine ganz besonders platte These.

Ebenfalls gelöscht wurde das Video mit dem Mathematiker Stephan Luckhaus, der aus der wissenschaftlichen Vereinigung Leopoldina ausgetreten ist und seit Längerem regelmäßig vorrechnet, dass die Zahl der tatsächlich Infizierten zu Beginn der Pandemie schon 20-mal größer gewesen sein soll, als das RKI annimmt. Diese Berechnung enthält viele Unsicherheiten und fordert natürlich auch die Frage heraus, was daraus folgt: ein Durchseuchungsexperiment wie in England mit wesentlich mehr Toten?

Es ist sicher keine eklatante Falschinformation. Es ist ein Beitrag zum wissenschaftlichen und pandemiepolitischen Diskurs, der seit Monaten kein breites Gehör findet und es noch einmal versucht. Und der übrigens auch als Vorlesung von Luckhaus auf Youtube zu finden ist.

Das Landgericht Köln stellt fest: Solange Youtube nicht konkret eine Stelle nennen kann, die gegen die Geschäftsbedingungen verstößt, hat #allesaufdentisch einen vertraglichen Anspruch auf die angebotene Dienstleitung. Damit wäre die Diskursposition auf dem Geschäftsweg geklärt. Nebenbei bekommt die Aktion wohl gerade mehr Aufmerksamkeit, als es die länglichen und drögen Videos aus eigener Kraft geschafft hätten.

Youtube und Desinformation

Youtube und andere Plattformen müssen dazu verpflichtet werden, bei Verstößen mit geltendem Recht einzugreifen, bei Diskriminierung, Bedrohung, Mobbing und Aufrufen zur Gewalt sowie bei der Organisation von Straftaten wie dem Capitol-Sturm im Januar, für den Facebook gerade wieder zu Recht unter Druck steht.

Einen Kausalzusammenhang zu ziehen zwischen #allesaufdentisch und den menschenfeindlichen und gewaltsamen Auswüchsen der Querdenkerei führt zu weit. Gewiss mag sich die eine oder andere radikale Querdenkerin von der diffusen Antihaltung von #allesaufdentisch angespornt fühlen, und das in Kauf zu nehmen, dafür ist die Aktion in jedem Fall scharf zu kritisieren.

Die Plattformen aber als Löschverbündete zu begreifen bei allem, was im gesellschaftlichen Diskurs einen gefährlichen Schmetterlingseffekt auslösen könnte, ist gefährlich. Es überträgt den Plattformen Macht und moralische Legitimation für intransparente Eingriffe in Debatten.

Es gibt Parallelen zwischen den Schwurblern und den Plattformen. Auf konkrete, transparente Aussagen festnageln lassen sie sich beide nicht.

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